Was hinter Schulterschmerzen steckt

Probleme in der Schulter können viele Ursachen haben. Wie der Arzt den Auslösern auf die Spur kommt
von Simone Scheufler, aktualisiert am 01.12.2016

Schulterschmerzen: Dr. Matthias Lahner überprüft ein mögliches Engpass-Syndrom

W&B/Dominik Asbach

Herauszufinden, warum die Schulter Probleme macht, gleicht einem Puzzlespiel mit vielen Teilen: Unterschiedlichste Ursachen müssen in Betracht gezogen, zahlreiche Möglichkeiten getestet, viele Vermutungen wieder verworfen werden – um am Ende alle Ergebnisse zu einem stimmigen Gesamtbild zusammensetzen zu können.

Was die Diagnose so schwierig macht? Der komplexe Mechanismus der Schulter. Dieses Ineinandergreifen von Muskeln, Sehnen und Bändern ermöglicht uns einerseits große Bewegungsfreiheit. Andererseits merken wir es sofort, wenn an dieser sensiblen Stelle etwas nicht mehr rundläuft.

Schulterschmerzen haben ganz individuelle Ursachen

Dann spielt die körperliche Untersuchung des Patienten eine zentrale Rolle. "Für die Schulter gibt es hier sehr viele Untersuchungstechniken. Sie sind richtungsweisend für das weitere Vorgehen", betont Dr. Matthias Lahner, Leiter der Schultersprechstunde an der orthopädischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum.

Der Patient macht dafür den Oberkörper frei, sodass der Arzt sichtbare Auffälligkeiten sofort erkennen kann. Anschließend betastet der Mediziner die Schulter und überprüft dabei den Spannungszustand der Muskulatur, ob bestimmte Stellen schmerzempfindlich sind und wie beweglich das Gelenk noch ist. Verschiedene Funktionstests, die der Arzt durchführt, geben zudem Hinweise, welche Sehnen verletzt oder gerissen sein könnten oder ob das Gelenk sonstige Instabilitäten aufweist. "Das kommt beispielsweise öfter bei jüngeren Sportlern vor", erklärt Lahner.

Den schmerzhaften Bogen testen

Zu den häufigsten Beschwerden zählt der sogenannte "painful arc", also der schmerzhafte Bogen: Das heißt, es tut weh, wenn man den Arm in einem Winkel von 60 bis 120 Grad vom Körper abspreizt oder senkt. "Ein typisches Symptom für das Engpass-Syndrom und die Schleimbeutelentzündung", sagt Orthopäde Lahner. Ebenso deuten Probleme, sich an die Halswirbelsäule zu fassen oder beide Hände hinter dem Körper zusammenzubringen (als würde man eine Schürze binden), auf Engstellen in der Schulter hin, die Schmerzen verursachen können.

In den meisten Fällen tritt ein solcher Engpass zwischen Schulterdach und Oberarmkopf auf (Impingement-Syndrom). Eigentlich können in diesem Raum der Schleimbeutel und die Sehnen der Rotatorenmanschette ungehindert gleiten. "Ist es dort zu eng, beginnen die Beschwerden mit leichten Reizungen. Unbehandelt kann das bis zur Einklemmung von Kapsel- und Sehnenmaterial führen", erläutert Orthopäde Lahner. Es ist sogar möglich, dass Sehnen in der Folge reißen.

Ultraschall, Röntgen oder MRT

Für die genauere Diagnostik gehört ein Ultraschall der Schulter zum Standardprogramm. "So kann ich den Zustand der Sehnen gut beurteilen, beispielsweise ob sie kleine Risse haben oder ob eine Entzündung vorliegt", sagt Lahner. Das Röntgenbild hingegen gibt Aufschluss über Verkalkungen; es zeigt, ob der Oberarmkopf zu weit nach oben ragt oder ob eine Arthrose vorliegt. Ist es notwendig, Sehnen und Knorpel noch detaillierter darzustellen, wird zudem eine Magnetresonanztomografie (MRT) gemacht. "Woher genau der Schmerz kommt, kann keine Untersuchungsmethode alleine aussagen", resümiert Lahner. "Es ist immer eine Kombination aus allem – klinischer Untersuchung und bildgebender Diagnostik."

Die auslösenden Faktoren für die Beschwerden sind individuell sehr unterschiedlich. Überlastung kann ebenso ein Grund sein wie falsche Bewegungen. Sportler, die ihre Arme häufig über dem Kopf einsetzen, sind gefährdet – sofern sie nicht ausgewogen trainieren. Also etwa Tennisspieler, Basketballer oder auch Schwimmer. Dasselbe gilt für Menschen, die körperlich schwer arbeiten und ihre Arme oft weit anheben müssen, beispielsweise Maler, Stuckateure oder Maurer.

Wer von Berufs wegen vor allem am Computer zu tun hat, ist vor Schulterproblemen natürlich auch nicht gefeit. "Wenn wir ständig in der typischen Schreibtischhaltung mit nach vorne und nach oben gezogener Schulter vor dem PC sitzen, dann läuft die Schulter irgendwann nicht mehr sauber im Gelenk", sagt Thomas Horstmann, Chefarzt der Orthopädie der Medical Park Klinik in Bad Wiessee. "Die schulterblattführenden Muskeln werden nach und nach immer schwächer, vor allem der Trapezius, der hinten zwischen den Schulterblättern sitzt und sie zusammenzieht.

Gezielter Muskelaufbau beugt Schmerzen vor

W&B/ Limberger

Wieder in Balance kommen

Dann hilft nur, die Muskulatur gezielt aufzubauen und einen Ausgleich zu schaffen zwischen der eher verkürzten Vorder- und der relativ schwachen und überdehnten Rückseite. "Die Schulter wird nicht von alleine gut", sagt Sportmediziner Horstmann und rät seinen Patienten möglichst zeitnah zu fachlichem Rat und regelmäßigen Übungen.
Anfängliche Schmerzen lassen sich vorübergehend durch Medikamente lindern. "Training ist wirklich sehr wichtig, weil die Schulter das Gelenk in unserem Körper ist, das am meisten von Muskeln geführt wird", sagt Horstmann. Stimmt mit den Muskeln etwas nicht, macht es sich hier also schneller bemerkbar als an anderen Gelenken.

Trainingsfehler vermeiden

"Vor jeder Übung ist es wichtig, den Oberarmkopf herunterzuholen. Trainiert man mit hochgezogenen Schultern, macht man die Beschwerden unter Umständen schlimmer", erläutert Horstmann. Sein Tipp: Stellen Sie sich vor, Sie versuchen Ihre Ellenbogen in die hinteren Hosentaschen zu stecken.

Konkret bedeutet das: aufrecht stehen, die Arme in einem 90-Grad-Winkel seitlich am Körper halten und die Schulter zunächst aktiv nach unten ziehen, sodass sich das Brustbein hebt. Anschließend die Ellbogen noch etwas mehr nach unten und leicht nach hinten ziehen. "Damit holt man den Oberarmkopf aus der Kompression heraus. Das ist die optimale Ausgangsposition für jede Schulterübung", so Horstmann. Weil man selbst anfangs oft nicht konsequent daran denkt, empfiehlt es sich, zunächst unter Anleitung zu trainieren, zum Beispiel bei einem Physiotherapeuten oder einem speziell ausgebildeten Trainer.

Aber lassen sich Schulterbeschwerden tatsächlich gewissermaßen wegtrainieren? "Man kann Probleme an dieser Stelle vermeiden, indem man frühzeitig Fehlhaltungen ausgleicht. Verschleiß verhindern kann man natürlich nicht", sagt Matthias Lahner, Spezialist für minimal-invasive Schulteroperationen. "Übungen lohnen sich auf jeden Fall – nicht zu viel, nicht zu wenig und vor allem regelmäßig." Eine Operation sollte immer nur die letzte Möglichkeit sein.


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