Pseudogicht (Chondrokalzinose)

Bei der Pseudogicht lagern sich Kalziumkristalle im Gelenkknorpel ab. Das kann zu schmerzhaften Gelenkentzündungen führen. Oft ist das Kniegelenk betroffen
aktualisiert am 11.11.2014

Schmerzanfall im Kniegelenk – manchmal steckt eine Pseudogicht dahinter

PhotoDisc/ RYF

Was ist eine Pseudogicht?

Bei der Pseudogicht kommt es zu Kalziumkristall-Ablagerungen im Gelenkknorpel sowie im Meniskus. Genauer gesagt handelt es sich bei den Kristallen um Kalziumpyrophosphat-Dihydrat – kurz CPPD.

Oft sind einzelne große Gelenke betroffen, zum Beispiel das Kniegelenk, das Schultergelenk, das Hand-, Fuß- oder das Hüftgelenk.

Welche Ursachen hat die Pseudogicht?

In den meisten Fällen sind die genauen Auslöser sind nicht geklärt. Ärzte unterscheiden verschiedene Formen:

Primäre Pseudogicht

Diese Form der Erkrankung heißt auch idiopathische Pseudogicht. Die Ursache ist unbekannt. Das Risiko steigt mit zunehmendem Lebensalter.

Sekundäre Pseudogicht

In manchen Fällen hängt die Pseudogicht mit einer gleichzeitig vorliegenden Grunderkrankung zusammen:

Hereditäre Pseudogicht

Hier liegt die Ursache für die Gelenkbeschwerden im Erbgut der Erkrankten. Die Pseudogicht tritt in der Familie gehäuft auf. Die Krankheit wird jedoch nicht direkt "weitervererbt". Lediglich das Erkrankungsrisiko steigt an.

Übergewicht belastet generell die Gelenke und gilt auch bei Pseudogicht als Risikofaktor.

Besonders oft ist bei der Pseudogicht (Chondrokalzinose) das Kniegelenk betroffen

Thinkstock/Hemera

Pseudogicht: Welche Symptome sind typisch?

Eine Chondrokalzinose kann sich unterschiedlich bemerkbar machen:

Pseudogicht-Anfall

Bei vielen Betroffenen konzentrieren sich die Symptome zuerst auf das Kniegelenk. Die Kristallablagerungen im Knorpel können eine akute Reizung und Entzündung der Gelenkinnenhaut verursachen. Es kommt zu einem akuten Entzündungsschub mit anfallsartigen Schmerzen im Gelenk. Oft sammelt sich dabei auch Flüssigkeit im Gelenkinneren an. Dieser Gelenkerguss wird oft als Schwellung sichtbar und schränkt die Beweglichkeit des Gelenks ein. Neben Schmerzen und Schwellung zeigen sich eventuell weitere typische Zeichen einer Entzündung: Die Haut im Bereich des Knies ist gerötet und überwärmt.

Solche Symptome können auch an anderen Gelenken wie Schulter-, Hand-oder Fußgelenk auftreten. Im Krankheitsverlauf sind nicht selten mehrere Gelenke von der Pseudogicht betroffen.

Ein Pseudogicht-Anfall dauert ohne Behandlung mehrere Tage oder sogar Wochen. Klingt der Anfall ab, gehen auch die Symptome wieder zurück. Eher selten und eher bei Älteren sind Pseudogicht-Anfälle von Fieber und eventuell auch Verwirrtheit begleitet.

Dauerhafte Beschwerden

Zwischen den Schmerzepisoden sind die Betroffenen meistens beschwerdefrei. Kommt es allerdings durch die Krankheit zu bleibenden Schäden am Gelenk oder einer chronischen Entzündung, können Schmerzen und Bewegungseinschränkung auch dauerhaft (chronisch) vorhanden sein. Sie ähneln dann den Symptomen bei einem Gelenkverschleiß (Arthrose) oder einer rheumatoiden Arthritis.

Symptomloser Verlauf

Etliche Patienten, bei denen eine Chondrokalzinose vorliegt, spüren gar keine Symptome. Mediziner sprechen in solchen Fällen von einem asymptomatischen Verlauf. Die verkalkten Gelenkknorpel fallen dann zufällig auf – zum Beispiel in Röntgen-Aufnahmen, die aufgrund einer anderen Fragestellung angefertigt wurden.

Beschwerden durch begleitende Krankheiten

Pseudogicht tritt gelegentlich (vor allem bei Patienten unter 65 Jahre) in Begleitung von anderen Krankheiten auf. Diese Erkrankungen verursachen meist ihrerseits Symptome: Bei der Nebenschilddrüsenüberfunktion (Hyperparathyreoidismus) kommen zum Beispiel zusätzlich Nierenkoliken, Knochen- oder Magenbeschwerden vor. Typisch für eine Schilddrüsenunterfunktion sind unter anderem Müdigkeit und Kälteempfindlichkeit.

Röntgenaufnahme des Kniegelenks: Im Gelenkspalt zwischen Oberschenkel- und Unterschenkelknochen sind Knorpelverkalkungen als helle Stellen sichtbar. Für die Vergrößerung bitte auf die Lupe klicken

privat/Universität Erlangen-Nürnberg

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Der Arzt erkundigt sich zunächst genau nach den aktuellen Beschwerden des Patienten. Bei der Pseudogicht schmerzen oft einzelne, größere Gelenke, häufig das Kniegelenk. Anfallsartige Schmerzen am Großzehen-Gelenk sprechen dagegen eher für eine Gicht.

Von Interesse ist auch die Krankengeschichte des Patienten. Gab es in der Familie bereits Fälle von Pseudogicht, könnte das auf eine familiäre Veranlagung hindeuten. Ebenso wichtig ist die Frage nach zusätzlichen Symptomen, die neben den Gelenkbeschwerden vorliegen. Dadurch kann der Arzt oft auf eine zugrunde liegende Erkrankung schließen, die sich dann durch gezielte Untersuchungen feststellen lässt.

Körperliche Untersuchung

Der Arzt untersucht die betroffenen Gelenke genau, überprüft ihr Aussehen und ihre Funktion. Außerdem achtet er auf mögliche weitere Krankheitszeichen.

Röntgen-, Ultraschall-Untersuchung

Bildgebende Verfahren wie eine Ultraschall-Untersuchung (Gelenk-Ultraschall) oder Röntgen-Untersuchung liefern unter Umständen wichtige Hinweise für die Diagnose der Pseudogicht (Chondrokalzinose). Im Röntgenbild ist Gelenkknorpel normalerweise nicht erkennbar. Kommt es im Verlauf einer Pseudogicht zu Verkalkungen im Knorpel, so kann der Arzt diese auf den Aufnahmen als zarte Streifen sehen, die den Gelenkspalt durchziehen (siehe Aufnahme des Kniegelenks).

Untersuchung der Gelenkflüssigkeit

Hat sich ein Gelenkerguss gebildet, kann der Arzt die Flüssigkeit mit einer feinen Hohlnadel abziehen (Gelenkpunktion). Die Gelenkflüssigkeit wird im Labor untersucht. Dort lässt sich unter dem Mikroskop feststellen, welche Kristalle genau zu der Gelenkentzündung geführt haben. Werden Kalziumkristalle identifiziert, spricht das für eine Pseudogicht.

Die Kristall-Bestimmung ist wichtig, um die Krankheit von der Gicht zu unterscheiden. Denn auch bei letzterer Krankheit führen Kristalle zu Gelenkbeschwerden. Bei der Gicht finden sich jedoch keine Kalziumkristalle, sondern Uratkristalle.

Weitere Untersuchungen

Besteht der Verdacht, dass eine bestimmte Krankheit mit der Pseudogicht einhergeht, kommen eventuell weitere Untersuchungsmethoden zum Einsatz. Blutuntersuchungen liefern oft Hinweise auf eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen (Kalzium- , Magnesium- und Phosphatspiegel, Parathormon-Wert), eine Schilddrüsenunterfunktion (TSH-Wert) oder eine Eisenspeicherkrankheit (Eisenwert, Ferritin, Transferrinsättigung).

Welche Therapien gibt es?

Bei einem Pseudogicht-Anfall geht es zunächst darum, die schmerzhafte Gelenkentzündung so schnell wie möglich zu lindern und die Bewegungseinschränkung zu beheben. Üblicherweise verschreibt der Arzt zu diesem Zweck entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente, sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR). Eine Alternative stellt der Wirkstoff Colchicin dar, der auch beim Gichtanfall zum Einsatz kommt.

Falls erforderlich, kann der Arzt das angesammelte Gelenkwasser, den Gelenkerguss, mit einer Hohlnadel abziehen (Gelenkpunktion). Das dient nicht nur der Diagnose der Krankheit, sondern lindert auch die Beschwerden. Eventuell spritzt er ein kortisonhaltiges Präparat direkt in die Gelenkhöhle. Es bringt die Entzündung meistens rasch zum Abklingen.

Der Patient sollte das betroffene Gelenk während eines Pseudogicht-Anfalls kurzfristig entlasten und schonen. Auch physikalische Behandlungsmethoden wie die Kältetherapie (Kryotherapie) können die Beschwerden lindern.

Je nach Ausmaß der Pseudogicht können langfristig auch operative Maßnahmen notwendig werden: Ist ein Gelenk durch die Kristallablagerungen und die wiederholten Entzündungen stark geschädigt, kann der Chirurg eventuell die chronisch entzündete Gelenkinnenhaut entfernen (Synoviektomie). In seltenen Fällen wird ein Gelenkersatz durch ein künstliches Gelenk erforderlich.

Pseudogicht-Patienten sollten Übergewicht vermeiden beziehungsweise langsam reduzieren – durch eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ein individuell geeignetes Maß an körperlicher Bewegung.

Häufig entsteht eine Pseudogicht im Gefolge anderer Krankheiten. Liegt eine solche Erkrankung vor, muss sie entsprechend behandelt werden.

Pseudogicht – hat das mit Gicht zu tun?

Die Pseudogicht (auch Chondrokalzinose genannt) und die Stoffwechselkrankheit Gicht sind verschiedene Krankheiten. Ihre Symptome ähneln sich jedoch – daher die Namensähnlichkeit. Außerdem sind beide Erkrankungen gekennzeichnet durch Kristallablagerungen in den Gelenken, sie zählen beide zu den sogenannten Kristallarthropathien.

Bei der Gicht lagern sich jedoch keine Kalzium-, sondern Harnsäurekristalle ab. Beide Krankheiten – sowohl die Gicht als auch die Pseudogicht – können heftige Gelenkbeschwerden verursachen. Sie möchten mehr über die Gicht erfahren? Hier können Sie nachlesen: Weiter zum Ratgeber Gicht.

Der medizinisch korrekte Name der Pseudogicht lautet Kalziumpyrophosphat-Erkrankung. Andere Namen sind Pyrophosphat-Gicht, Kalziumpyrophosphatkristall-Ablagerungskrankheit oder Kalziumpyrophosphat-Arthropathie.

Professor Dr. med. Bernhard Manger

Prof. Manger, Universität Erlangen

Beratender Experte

Professor Dr. med. Bernhard Manger ist Facharzt für Innere Medizin mit den Teilgebieten Rheumatologie und Hämatologie. Seit 1988 arbeitet er als Oberarzt an der Medizinischen Klinik III mit Schwerpunkten Rheumatologie, Klinische Immunologie und Allergologie der Universität Erlangen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Entstehung, Diagnose und Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF, Prof. Manger, Universität Erlangen, Thinkstock/Hemera, privat/Universität Erlangen-Nürnberg
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