Stahl, Strahl und Chemo: Ein geflügeltes Wort in der Krebsmedizin. Ärztinnen und Ärzte konnten Tumoren lange „nur“ per Operation, Bestrahlung und Chemotherapie behandeln. Inzwischen hat sich die Palette deutlich erweitert. Immuntherapien schärfen die Körperabwehr gegen den Krebs, Antikörper erschweren ihm die Neubildung versorgender Blutgefäße, neuere Wirkstoffe packen ihn an der Wurzel. Ein Paradebeispiel dafür: Lungenkrebs.

Zwei Typen des Lungenkrebs

Die Fachwelt teilt Tumore des Atemorgans in zwei Haupttypen auf: den kleinzelligen und den nicht kleinzelligen Lungenkrebs. Beide entstehen aus unterschiedlichen Zellen und sind im mikroskopischen Bild unterschiedlich groß. Der nicht kleinzellige ist mit einem Anteil von 80 Prozent die weitaus häufigere Form. Und jener, der am besten für zielgerichtete Therapien geeignet ist, die ihn also direkt an der Wurzel packen. Doch was bedeutet das konkret?

Krebs entsteht, wenn Zellen sich aufgrund genetischer Änderungen ungebremst vermehren. Manchmal lassen sich diese an bestimmten Stellen der DNA festmachen. Dort werden Bausteine ausgetauscht, ganze Abschnitte umverlagert, fusioniert oder vermehrt. Etwas unscharf spricht man dann von „Treibermutationen“, die der Entartung zugrunde liegen. Bei Ärztinnen und Ärzten laufen sie unter ihren Abkürzungen wie ALK oder KRAS.

Einige zielgerichtete Medikamente bereits zugelassen

Bei der häufigsten Unterform des nicht kleinzelligen Lungenkrebses, dem Adenokarzinom, sind diese DNA-Umformungen für rund zwei Drittel aller Fälle verantwortlich. Steht die Ursache fest, ist auch der Weg zur Therapie nicht mehr weit. Für acht Treibermutationen sind bereits Medikamente zugelassen. Zu etlichen weiteren laufen Studien. Rund 40 Prozent der Adenokarzinome lassen sich bisher mit den ­„-tinib“ behandeln, auf das all diese Mittel enden. Doch fast alle der zielgerichteten Medikamente kommen erst in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium zum Einsatz, wenn klassische Therapien versagen. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich. Aber teils eine Lebensverlängerung.

Am besten untersucht ist dies für EGRF-Mutationen, Ursache für rund 15 Prozent der Adenokarzinome. Osimertinib, der neueste unter mehreren Wirkstoffen gegen diesen Typ, verlängerte die Zeit bis zum Fortschreiten der Krankheit auf 19 Monate; nach 18 Monaten lebten noch 83 Prozent der Patientinnen und Patienten.

Neue Studien: So entstehen sie

„Erst wenn wir im Spätstadium Erfolge verzeichnen, folgen weitere Studien zur Wirksamkeit bei früheren Stadien und zu einem früheren Behandlungszeitpunkt“, sagt Professorin Annalen Bleckmann, Direktorin des Westdeutschen Tumorzentrum Netzwerkpartner Münster. Bei Osimertinib war eine solche Studie bereits erfolgreich. Direkt nach der Operation eingesetzt, waren 90 Prozent der Behandelten nach zwei Jahren noch krankheitsfrei, hingegen nur 44 Prozent in der Placebo-behandelten Vergleichsgruppe. Weitere Wirkstoffe für an­dere Genveränderungen sind auf einem ähnlichen Weg. Ob zuvor trotzdem noch ­eine Chemotherapie nötig ist, untersuchen ebenfalls derzeit noch laufende Studien.

Ohne Nebenwirkungen sind auch die zielgerichteten Medikamente nicht. Fast die Hälfte der Patientinnen und Patienten leidet an Durchfall, jede und jeder vierte bis fünfte unter einem Hautausschlag oder Juckreiz. Ernsteres kommt vor, aber selten: So erlitt in der oben genannten Studie je einer unter 337 Behandelten einen (nicht tödlichen) Herzinfarkt oder eine Thrombose.

Ist auf diese Weise eine Heilung möglich? „Das kann man noch nicht seriös sagen, weil die Patienten ja bisher nur zwei Jahre nach der Therapie beobachtet wurden“, sagt Professor Jürgen Wolf, Sprecher der „Lung Cancer Group“ an der Uniklinik Köln.

Köln als Keimzelle für genetische Testung

Wolf hat mit dazu beigetragen, das Gebiet voranzubringen. Köln war die Keimzelle für ein nationales Netzwerk mit inzwischen mehr als 400 beteiligten Kliniken und niedergelassenen Onkologinnen und Onkologen, die Erkrankte genetisch testen lassen und entsprechend behandeln. Dank eines Kooperationsvertrags mit den meisten Krankenkassen ist das für die Behandelten kostenlos. „50 bis 60 Prozent der Patienten erreichen wir“, sagt Wolf. Dass noch nicht alle genetisch getestet werden, versteht er nicht: „Damit versagen wir ihnen eine große Chance.“


Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie: Lungenkarzinom, nicht-kleinzellig (NSCLC). Leitlinie: 2021. (Abgerufen am 01.08.2022)

  • Yuan M. et al.: The emerging treatment landscape of targeted therapy in nonsmall- cell lung cancer, Review Article. In: Signal Transduction and Targeted Therapy 04.09.2019, 4: 1-14
  • Zentrum für Krebsregisterdaten: Krebs in Deutschland. https://www.krebsdaten.de/... (Abgerufen am 02.08.2022)
  • Medical News Today: Research update: The latest findings on genotype-directed therapies for lung cancer. https://www.medicalnewstoday.com/... (Abgerufen am 02.08.2022)
  • Soria J.-C. et al.: Osimertinib in Untreated EGFR-Mutated Advanced Non–Small-Cell Lung Cancer. In: New England Journal of Medicine 11.01.2018, 378: 113-125
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  • Wu, Y.-L.: Osimertinib in resected EGFR-mutated non–small-cell lung cancer, Appendix. In: New England Journal of Medicine 29.10.2020, 383: 1-27
  • Planchard D.: Adjuvant Osimertinib in EGFR-Mutated Non–Small-Cell Lung Cancer. In: New England Journal of Medicine 29.10.2020, 383: 1780-1782
  • Mok T.S.: Osimertinib in Untreated EGFR-Mutated Advanced Non–Small-Cell Lung Cancer. In: New England Journal of Medicine 16.02.2017, 376: 629-640
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  • Shaw A.T.: First-Line Lorlatinib or Crizotinib in Advanced ALK-Positive Lung Cancer. In: New England Journal of Medicine 19.11.2020, 383: 2018-2029
  • Planchard D.: An open-label phase 2 trial of dabrafenib plus trametinib in patients with previously treated BRAF V600E–mutant metastatic non-small cell lung cancer. In: Lancet Oncology 01.07.2016, 17: 984-993
  • Nationales Netzwerk Genomische Medizin: Bundesweit harmonisierte und qualitätsgesicherte molekulare Diagnostik für Lungenkrebspatienten. https://www.nngm.de (Abgerufen am 29.07.2022)
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