„Etwas nerdig bin ich schon“, sagt Ailsa Dixon lächelnd. Viele ihrer Freundinnen und Freunde schauen die junge Frau entgeistert an, wenn sie von ihrer Leidenschaft berichtet: Geschichten erzählen. Die Studentin schwärmt von Seehunden, die sich in Menschen verwandeln, von Riesen und Moorgeistern. Über Jahrhunderte haben Schottlands weite Landschaften Geschichtenerzähler inspiriert. Seefahrer, Einwanderer und Eroberer aus Irland, Norwegen, England und anderen Teilen der Welt brachten ihre Legenden und Lieder mit. Sie sind zu Schottlands Balladen und Geschichten verschmolzen, die von Generation zu Generation weitererzählt werden.

„Mind-blowing“ nennt Ailsa ihre erste Begegnung mit einem schottischen Geschichtenerzähler, frei übersetzt: „umwerfend“ oder „atemberaubend“. Als 13-Jährige lauschte sie einem älteren Mann, der eine der vielen schottischen Legenden auf die Bühne brachte. Das sonst eher schüchterne Mädchen war fasziniert von der Idee, Menschen nur durch ihre Worte zu verzaubern. Heute hat sie eine dreijährige Ausbildung zur Geschichtenerzählerin hinter sich, studiert schottische Ethnologie an der Uni in Edinburgh und freut sich auf das internationale Geschichtenerzähler- Festival, das in diesem Jahr vom 14. bis 31. Oktober in der schottischen Hauptstadt stattfindet.

Im Scottish Storytelling Centre, in Pubs wie dem gut hundert Jahre alten „Waverly Inn“, in Hinterhöfen oder dem Botanischen Garten ziehen Geschichtenerzählerinnen und -erzähler ihr Publikum in den Bann. 15 bis 20 Minuten haben sie, um völlig frei eine der alten Legenden vorzutragen. Sie tauchen in ihre Erzählung ein und machen die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Teil der Geschichten.

An dunklen schottischen Winterabenden saßen einst die Familien zu Hause am Torffeuer. Man erzählte sich von Fabelwesen – und von der oft traurigen Geschichte der Menschen im Land. Seit dem Mittelalter spielten Englands Adelige und Könige die zerstrittenen schottischen Clans gegeneinander aus und drängten die dünn besiedelte Region schließlich in eine Union. Im 19. Jahrhundert vertrieben englische Siedler und schottische Gutsherren Tausende Kleinbauern, um Platz für die Schafzucht zu schaffen. Viele verhungerten. Dieses Trauma prägt Schottland bis heute.

Die Geschichten entstanden in den weiten Landschaften, in denen die Menschen den Naturgewalten ausgeliefert waren. „Oft geben sie Erklärungen für Dinge, die Menschen nicht verstanden haben“, sagt Bruce, ein anderer Geschichtenerzähler. Heidekraut zum Beispiel blüht normalerweise lila, doch zwischendurch sprießen weiße Büschel aus der Erde. Einer Sage zufolge ist der Grund die Trauer einer jungen Frau: Als ihr ein Bote die Nachricht vom Tod ihres Bräutigams übermittelte, weinte sie wochenlang. Überall, wo eine Träne zu Boden fiel, wusch sie die lila Farbe aus dem Kraut. So sei es bis heute geblieben.

Auf der Royal Mile, zwischen dem in den Fels gehauenen Königsschloss und der North Bridge, buhlen viele Erzählerinnen und Erzähler um die Aufmerksamkeit der Gäste. Darunter junge Leute, die auf den Spuren von Harry Potter durch die Stadt führen. Schon die Geschichte der Autorin dieser bekannten Romanreihe klingt märchenhaft. In Edinburgh lebte Joanne K. Rowling als alleinerziehende Mutter von Sozialhilfe, als sie angeblich auf einer Zugfahrt die zündende Idee hatte. Mehrere Verlage lehnten ihr erstes Werk „Harry Potter und der Stein der Weisen“ ab. Erst nach zwei Jahren nahm einer das Manuskript an. Ihr Verleger riet ihr damals, sich zusätzlich einen Job zu suchen: Mit Kinderbüchern könne man kein Geld verdienen. Den letzten Potter-Band schrieb sie in einer Suite des Luxushotels „The Balmoral“ mit Blick auf die Kulisse der Altstadt.

Robert Fishman


Quellen:

  • Visit Scotland – Schottlands nationale Touristenorganisation: Tourist Info Visit Scotland. https://www.visitscotland.com/... (Abgerufen am 17.05.2022)
  • Scottisch Internatonal Storytelling Festival: Scottisch Internatonal Storytelling Festival. https://www.sisf.org.uk/... (Abgerufen am 17.05.2022)
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