Liebe in Zeiten von Corona: Zwischen Nähe und Distanz

Homeoffice, soziale Isolation, kaum Auszeiten: Die Corona-Krise ist für manche Paare eine Belastungsprobe. Was macht das mit der Liebe? Und wie schafft man es, nicht daran zu zerbrechen?

von Bernadette Winter, dpa, 15.05.2020

Das Coronavirus bestimmt seit Wochen das Leben - und den Beziehungsalltag. Viele Paare haben mehr Zeit miteinander verbracht als sonst. Das läuft nicht immer reibungslos. Jeder Vierte (27 Prozent), der in einer Partnerschaft lebt, ist unsicher, ob seine Beziehung die Corona-Krise unbeschadet übersteht. Das hat eine Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship unter rund 1000 Bundesbürgern ergeben.

Nachsichtigkeit und Verständnis zeigen

Es sei wichtig zu verstehen, warum es uns gerade so geht, meint Ann-Marlene Henning. "Körper und Gehirn sind auf Gefahr eingerichtet, also Kampf oder Flucht", sagt die Sexualtherapeutin aus Hamburg. Flucht war die vergangenen Wochen allerdings nicht möglich. Stattdessen heißt es für viele 24/7 Homeoffice, neben sich die bessere Hälfte und eventuell Kinder. "Da wird der Partner auch mal zum Feind."

Paartherapeut Clemens von Saldern aus Berlin plädiert deshalb für Nachsichtigkeit. Sein Tipp: Mühe geben, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, wie es dem Partner geht - und einem selbst. "So trösten wir dann sowohl den anderen als auch uns selbst, weil wir den unangenehmen Zustand damit anerkennen."

Barbara Lubisch empfiehlt, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. "Haben Sie Verständnis für Ihren Partner und für missmutige Gefühle", rät die stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

Die Situation so annehmen, wie sie ist

Henning rät, in sich hinein zu spüren, eine Bestandsaufnahme zu machen. Schritt eins: begreifen, wie es einem selbst geht. Schritt zwei: erkennen, dass es dem Partner genauso geht. Schritt drei: annehmen, was ist. "Es ist wichtig zu realisieren, dass man eine Phase annimmt, das ist nicht für immer", erklärt Henning.

Gegen die Langeweile und das Gedankenkarussell regt von Saldern an, sich Projekte zu suchen, Dinge für die bisher keine Zeit war - gerne gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin. Allerdings gilt: sich Freiraum zu schaffen und diesen zu schützen, halten die Experten für extrem wichtig. Wenn möglich, auch räumlich.

Struktur und Freiheit

"Wir brauchen eine gute Balance aus Autonomie und Bindung", sagt von Saldern. Dazu gehöre auch die Frage: Wie viel Freiheit brauche ich oder bin ich gewohnt? Gerade jetzt, wenn man schon viel Zeit zusammen verbracht hat, werden Unterschiede in den Vorlieben und Bedürfnissen erst richtig sichtbar, die nun auch möglichst respektiert werden sollten.

Der eine erholt sich vielleicht besser bei einem Workout im Wohnzimmer, während der andere lieber spazieren geht. "Es ist wichtig, nach Möglichkeiten zu suchen, wie jeder etwas Freiraum auch ohne Partner pflegen kann", meint Psychotherapeutin Lubisch.

Für besonders entscheidend halten die Therapeuten eine feste Tagesstruktur. "Trennen Sie Arbeit und Freizeit, Wochentag und Wochenende", so Lubisch. Auch Kindern können Eltern klare Zeiten auferlegen, in denen sie sich selbst beschäftigen sollen, soweit das je nach Alter möglich ist.

Zeit für Beziehungsarbeit

Vielleicht können Paare diese gemeinsame Zeit auch für Positives nutzen? Fragen Sie sich: Kann ich etwas angehen, was ich schon lange ändern wollte? Das kann auch die Partnerschaft betreffen. Spiele mit Frage-Kärtchen oder Aufgaben können in der Beziehungsarbeit helfen und sie ungezwungener werden lassen.

Die Therapeuten warnen allerdings davor, in der momentanen Situation gravierende endgültige Entscheidungen zu treffen. "Ich kann mir auch Klarheit verschaffen und zum Beispiel feststellen: Wir haben uns tatsächlich nichts mehr zu sagen", erklärt von Saldern. Eine Entscheidung, etwa die Beziehung zu beenden, sei besser erst nach der Krise zu treffen, meint Henning.

Es kann hilfreich sein, bewusst Zeit auf schöne Weise miteinander zu gestalten und beispielsweise an frühere Gemeinsamkeiten wieder anzuknüpfen: "Das könnten lange Wanderungen mit Picknick sein, gemeinsames Musik-Hören oder Filme-Ansehen oder Fotobücher von gemeinsamen Urlauben gestalten", zählt Lubisch auf.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Was aber, wenn das alles nicht hilft, der Ton rauer wird, die Aggression steigt? Die lange Zeit der Kontaktsperren hat in vielen Partnerschaften für erhöhtes Streitpotenzial gesorgt. Statistiken zeigen eine Zunahme häuslicher Gewalt.

Wer selbst aggressiv wird, dem rät Lubisch: "Unterbrechen Sie die Situation!" Man sollte sich stoppen, aus dem Zimmer gehen oder eine Runde um den Block, Freunde anrufen oder die Telefonseelsorge. Auch einige Paartherapeuten und Beratungsstellen wie Pro Familie bieten Online-Sprechstunden oder telefonische Beratung an.

Wer von Gewalt in der Beziehung betroffen ist, kann selbst vielleicht keine Hilfe holen. "Man wird ja mitunter ständig beobachtet", erklärt Henning. Sie appelliert daher an Freunde oder auch Nachbarn, wachsam zu sein und im Notfall die Polizei zu rufen.