Alkohol und Glücksspiel: Corona als Risiko oder Chance?

Isolation, finanzielle Sorgen und Langeweile könnten den Griff zu Alkohol oder das Zocken im Online-Casino befördern. Experten sehen aber auch eine Chance in der Krise

von dpa, 27.04.2020

Die Corona-Pandemie erhöht Experten zufolge das Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie für das Zocken im Online-Casino. Zugleich könnten sich geschlossene Kneipen und Spielhallen aber möglicherweise auch positiv auf das Suchtverhalten auswirken, hieß es beim Fachverband Glücksspielsucht und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Drogenkonsum darf nicht zur Gewohnheit werden

Vielen Menschen fehle eine feste Tagesstruktur, sie seien isoliert und in Sorge um ihre Zukunft, schilderte DHS-Expertin Christina Rummel. "Die Leute wollen Druck rausnehmen und sich - vermeintlich - mit Alkohol entspannen." Dabei sei vielen nicht bewusst, dass das Trinken schnell zur Gewohnheit werden könne, die Dosis dann steige, um "besser drauf zu sein" - und so eine Alkohol-Abhängigkeit drohe.

Mit Blick auf illegale Drogen sagte Rummel, die Gefahr für Suchtkranke, in alte Muster zu verfallen, sei in Stresslagen besonders groß. Umso wichtiger sei es, auch gemeinsam mit Fachkräften der Suchtberatung und Suchthilfe vor Rückfällen zu schützen und abstinentes Verhalten zu festigen. Beratungsstellen seien aber in großer Sorge, dass ihnen bei einem längeren Andauern der Corona-Krise die Förderungen gekürzt oder entzogen würden.

Zocken kann auch daheim süchtig machen

Auch die Spielsucht ist zuhause nicht gebannt. Es sei anzunehmen, dass manche Spieler angesichts der geschlossenen Kneipen mit aufgestellten Spielautomaten nun das Medium wechselten und online um Geld zockten, meinte Rummel. Das könne man aber keineswegs pauschal sagen und für Schätzzahlen sei es auch hier noch zu früh.

Nach Angaben des Fachverbands Glücksspielsucht spielen deutschlandweit knapp 500 000 Menschen in problematischen Ausmaßen um Geld. Spielsucht sei gegeben, wenn man immer wieder versuche, Verluste mit erneuten Einsätzen auszugleichen, das Spielen fester Bestandteil des Alltag sei und im Extremfall das Leben bestimme, erläuterte Selbsthilfereferent Hartmut Görgen.

Suchtrisiko bleibt

"Die Einschränkung der sozialen Kontakte und damit oft einhergehende Monotonie, soziale Isolation, das Empfinden von Einsamkeit, Perspektivlosigkeit oder auch depressiver Verstimmung können das Risiko erhöhen, mehr alkoholische Getränke zu konsumieren, stärker zu rauchen oder sich im Übermaß mit Online-Spielen die Zeit zu vertreiben", sagte Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), der dpa.

"In diesen Fällen ist auch das Suchtrisiko - und insbesondere das Rückfallrisiko für ehemals von einer Suchterkrankung Betroffene - erhöht." Hinzu komme, dass laufende ambulante Therapien unterbrochen sein können, was den Behandlungserfolg gefährden könne.

Allerdings können geschlossene Spielhallen auch positiv auf das Suchtverhalten wirken. "Jeder spielfreie Tag hilft, um in Richtung Abstinenz zu kommen", betont Görgen. Mehrere Spieler hätten berichtet, dass die Schließungen gut für sie seien, schildert er. Da ihnen klar sei, dass sie aktuell in den Spielstätten keine Gelegenheit zum Zocken hätten, kreisten ihre Gedanken weniger um das Thema, das Verlangen nehme ab.