Traumaforschung: Vererbte Wunden

Ein Krieg hinterlässt Spuren in der Seele – selbst bei Menschen, die ihn nicht miterlebt haben. Denn ­psychische Wunden können vererbt werden

von Sonja Gibis, 03.07.2020

Deutschland in den 1970ern: Im Wirtschaftswunderland geht es noch immer bergauf. Der Farbfernseher hält Einzug in deutsche Wohnzimmer und nimmt die Kinder mit in bunte Abenteuerwelten. Ihr Taschengeld sparen sie für Wassereis und Comic-Hefte. "Du weißt gar nicht, wie gut du es hast." Viele hören das damals von ihren Eltern.

Die Kinder dieser sorglosen Zeit sind heute 50, 60 Jahre alt. Doch wenn sie zurückblicken, erscheint ihnen die heile Welt ihrer jungen Jahre oft brüchig. Manche berichten von einer Lebensangst, die sie noch immer begleitet, als sei alles auf Treibsand gebaut.

Traumatisches Erbe

Die Eltern blieben vielen zeitlebens merkwürdig fremd. "Kriegsenkel" oder auch "Kriegserbe in der Seele" heißen Bücher, in denen Angehörige dieser Generation sich auf die Suche nach den Ursachen dieses Lebensgefühls machen.

Doch wirken die Schrecken der Bombennächte wirklich noch in Menschen nach, die diese nie erlebt, von ihren Eltern kaum je ein Wort darüber gehört haben? Kann ein seelisches Trauma vererbt werden? Die Frage beschäftigt inzwischen die psychologische Forschung.

"Das Interesse ist groß", berichtet Professorin Heide Glaesmer, Traumaforscherin an der Universität Leipzig. Bis man sich mit dem Thema überhaupt befasste, war es allerdings ein weiter Weg – nicht nur für die Wissenschaft.

Das Schweigen der Eltern

Was der Krieg in deutschen Seelen angerichtete hatte, darüber wurde lange geschwiegen. "Es war vermintes Gebiet", so die Psychotherapeutin. Die Deutschen als Opfer zu betrachten, hieß das nicht, den Holocaust zu bagatellisieren? Die eigenen Leiden zu betrauern schien dem Tätervolk nicht gestattet.

Viele Erwachsene richteten nach dem Krieg den Blick stur nach vorne. Und das taten auch die zwischen 1930 und 1945 geborenen Kriegs­kinder, als sie selbst Eltern wurden. "In vielen Familien herrschte ein konspiratives Schweigen", berichtet Glaesmer. Die Eltern verdrängten das Erlebte.

Die Kinder spürten zwar, dass Wichtiges unausgesprochen blieb. Doch auch sie schwiegen, um die Eltern nicht zu belasten. "Es gab keinen Austausch", sagt die Trauma­forscherin. Und somit auch keine Möglichkeit für Verarbeitung und Verständnis.

Belastung für Kinder und Eltern

Dass die Traumata, die ihre Eltern erlitten hatten, in ihnen fortwirkten, wollten die Kriegskinder oft selbst nicht wahrhaben. "Du warst noch zu klein, um das alles mitzukriegen." Viele haben das sehr oft gehört – und am Ende selbst geglaubt. Psychologen wissen heute indes: Das Gegenteil ist der Fall.

Kinderseelen können traumatische Erlebnisse schlecht verarbeiten – vor allem wenn schützender Beistand fehlt. Bombennächte, Vertreibung und Flucht, Hunger und Kälte. Väter, die im Kampf fielen oder seelisch zerrüttet zurückkehrten. Überforderte, auf sich selbst gestellte Mütter.

"Untersuchungen ergaben, dass etwa ein Drittel der Kriegskinder in Deutschland schwere Belastungen ­erlebt hat", sagt Professor Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster, der selbst einen Kongress zu diesem Thema veranstaltet hat.

Transgenerationale Trauma-Weitergabe

Nicht alle leiden deshalb an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Die Erlebnisse können die Persönlichkeit aber prägen, ohne dass den Betroffenen das bewusst ist. Viele Kriegsenkel berichten zum Beispiel von einer merkwürdigen emotionalen Leere in ihrem Elternhaus, einem Mangel an Anteilnahme.

Wurden beim Versuch, den Schmerz zu begraben, auch andere Gefühle verschüttet? Eine emotionale Verflachung gilt bei Traumaopfern zumindest als durchaus typisch.

Wie das alles in den Kriegskindern weiterwirkt, lässt sich nur schwer systematisch erforschen. Zu verschieden sind die Erlebnisse und auch die seelische Widerstandskraft des Einzelnen. Dass unverarbeitete Traumata von Eltern auf den Nachwuchs übertragen werden können, ­davon gehen viele Experten heute allerdings selbstverständlich aus. Sie nennen es trans­­generationale Trauma-Weitergabe.

Verändertes Ebgut

"Einen belastbaren wissenschaftlichen Nachweis, dass die zweite Generation häufiger psychisch krank ist, gibt es nicht", sagt Glaesmer. Einige Studien zeigen aber: Kommen weitere Belastungen hinzu, steigt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Die Seele ist verwundbarer.

Hinweise, dass psychische Wunden vererbt werden, gibt es inzwischen auch aus der Biologie. So können starke Belastungen Veränderungen im Erbgut hervorrufen. Die nächste Generation ist dann anfälliger für Ängste und stressbedingte Erkrankungen. Spuren davon finden sich sogar noch in den Genen der dritten Generation, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gezeigt haben.

Geschichte widerholt sich

Auf eine Weitergabe deuten auch viele Fall­geschichten aus der Psychoanalyse. "Wird ein Trauma nicht verarbeitet, neigt die nächste  Generation dazu, die Geschichte der Eltern zu reinszenieren", sagt Professorin Angela Moré, Sozialpsychologin an der Leibniz Universität Hannover.

Der eine findet nirgends Ruhe, als wäre er auf der Flucht. Ein anderer will unbedingt Wiedergutmachungsarbeit leisten, getrieben von einem tiefen Schuldgefühl. Unbewusst wiederholt sich die Geschichte – die eines Menschen, manchmal auch die einer Nation. "Man muss die traumatischen Erlebnisse verarbeiten", erläutert die Gruppenanalytikern. Auch die geerbten. Nur dann entkommt man der Wieder­holungsschleife.

Kinder sind stark für emtionale Botschaften empfänglich

Doch wie wird ein Trauma überhaupt weitergegeben? "Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten", sagt Moré. Sondern auch mit Gesten, Blicken, dem Klang der Stimme, ihrem Verhalten. Etwa wenn im Fernsehen Kriegsbilder zu sehen sind und der Vater schaltet sofort ab.

"Ein Kind erfasst diese emotionalen Botschaften sehr stark", sagt die Sozialpsychologin. Je mehr es spüre, dass etwas verborgen und unausgesprochen bleibt, desto stärker nehme es das auf. Das erzeuge innere Bilder, die in Fantasien und Träumen auftauchen und unbewusst das Verhalten steuern können.

Um das zu entschlüsseln, hilft es, ins Gespräch zu kommen – mit Therapeuten, aber auch mit den Eltern. Selbst wenn diese bereits die 80 überschritten haben, ist es dafür keineswegs zu spät. Gerade im Alter wird für viele die leid­volle Vergangenheit wieder gegenwärtig, wie Heuft in seinen Arbeiten belegt hat.

Traumata kommen im Alter wieder hoch

Das aktive Berufsleben ist beendet, die Kinder sind aus dem Haus. Was bleibt, ist Zeit nachzudenken, auch über die eigenen Wurzeln. Das Bedürfnis, zurückzublicken und das Leben zu ordnen, wird größer. Hinzu kommen Verluste: Der Partner, Freunde, Verwandte sterben. Teils genügt es, dass das Alter körperliche Kraft und Gesundheit raubt. "Man fühlt sich hilflos, ausgeliefert", sagt Heuft. Wie damals im Krieg.

Die Wissenschaft hat gezeigt: In den späten Lebensjahren steigt das Risiko, dass ein frühes Trauma wieder an die Oberfläche der Seele steigt. Nicht immer ist den Betroffenen der Zusammenhang bewusst. "Wenn in Träumen wieder die Bomben fallen, ist dieser klar", sagt Psychotherapeut Heuft.

Oft leiden die Menschen aber auch unter Depressionen, Ängsten oder Schmerzen, für die sich keine Ursache findet. Die Frage nach Kriegserlebnissen ist daher in der Behandlung älterer Patienten in jedem Fall wichtig, betont Heuft.

Gespräche können helfen

Für die Nachkommen können die erwachten ­Erinnerungen indessen eine Chance sein, um ins Gespräch zu kommen. "Das Schweigen zu brechen halte ich für etwas absolut Wichtiges", sagt Trauma-Expertin Glaesmer.

Sie rät, nicht direkt nach schrecklichen Erlebnissen zu fragen, sondern sich einfach aus der Vergangenheit erzählen zu lassen. "Wird der Krieg zu oberflächlich abgehandelt, kann man nachfragen." Manchmal ergebe sich so noch einmal ein neuer Blick auf die Eltern, ihr Werden und Sein – und damit auch auf das eigene Leben.

"Wenn ich gewusst hätte, dass meine Mutter nach einem Bombenangriff verschüttet war, ich hätte sicher einiges anders gesehen." Sätze wie diesen hört die Psychotherapeutin öfter. "Gespräche können zu einem besseren Verstehen, einer größeren Nähe führen", sagt sie. Und sie können eine wichtige Erkenntnis verstärken: Wie groß der Wert von Frieden ist.

Selbst wenn die Schrecken lange zurückliegen: Gerade im Alter können traumatisierende Bilder des Zweiten Weltkriegs zurückkehren. Informationen finden Sie auch online unter: www.alterundtrauma.de