IGeL: Osteopathie bei Kreuzschmerzen

Kreuzschmerzen kennt fast jeder. Macht es Sinn, zusätzlich zur herkömmlichen Behandlung einen Osteopathen einzuschalten?

von Wolfram Eberhardt, 26.06.2020

Was wird da gemacht?

1874 entwickelte der US-Amerikaner Andrew Taylor Still die Methode der Osteopathie. Er verstand den Körper als Einheit. Osteopathen behandeln daher nicht nur die Stellen, die schmerzen. Mit ihren Händen ertasten sie Blockaden, die das Zusammenspiel von Bindegewebshüllen, Knochen, Muskeln, Bändern oder Organen behindern sollen, um sie mit sanftem Druck zu lösen. Körperflüssigkeiten könnten dann, so Stills Annahme, wieder ungehindert fließen, was die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Pro

  • Häufig behandeln Osteopathen Rückenschmerzen, die nicht auf organische Ursachen zurückzuführen sind. Eine Studie erbrachte Hinweise, dass die Methode die Schmerzen besser als eine nur vorgetäuschte Osteopathie-Behandlung lindert, es sich also nicht um einen Placebo-Effekt handelt.
  • Auf eine positive Studien-Übersicht, die im British Medical Journal erschien, verweist Dr. Holger Cramer, Forschungsleiter an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Evang. Kliniken Essen-Mitte. Eine Mobilisation oder Manipulation der Wirbelsäule, die Osteopathen ähnlich wie Chiropraktiker häufig vornehmen, erwies sich darin als ähnlich schmerz­­lindernd wie herkömmliche Therapien.

Contra

  • Dr. Michaela Eikermann hat für den deutschen IGeL-Monitor untersucht, ob eine Osteopathie-Behand­lung zusätzlich zur Standardtherapie bei Rückenschmerzen empfehlenswert ist. Ihr Urteil: "Es gab in den Studien nur ganz leichte Hinweise auf einen ­zusätzlichen Nutzen. Aber unterm Strich mussten wir sagen: Das ist uns zu dürftig."
  • Die wissenschaftlichen Studien weisen zudem große Mängel auf. "Die Datenlage ist noch eher mager, wenn es um die Frage geht, ob die Osteopathie als Einzelverfahren funktioniert", urteilt Cramer, der daher nur von "Hinweisen auf eine Wirksamkeit" spricht.
  • Osteopathie birgt Risiken wie andere manuelle Verfahren auch – besonders dann, wenn die Wirbelsäule bearbeitet wird. Da die Ausbildung zum Osteo­­pathen nicht gesetzlich geregelt ist, kann das fach­liche Niveau sehr unterschiedlich sein.

Kosten

Eine Behandlung kostet zwischen 60 und 150 Euro. Einige gesetzliche Kassen bieten eine Beteiligung an.

Fazit

Nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand gibt es nur schwache Hinweise, dass eine osteopathische Behandlung zusätzlich zu einer Standardtherapie bei Kreuzschmerzen einen medizinischen Nutzen hat. Die Nationale Versorgungsleitlinie für Ärzte empfiehlt sie nicht, sondern stattdessen Bewegungstherapien, Entspannungsverfahren und kurzzeitig Schmerzmittel in niedriger Dosis. Vor einer Osteopathie-Behandlung sollten sich Patienten über Risiken aufklären lassen – besonders dann, wenn es um die Wirbelsäule geht.