Krankheit verarbeiten: Helfen Biografien?

Sich sein Leid von der Seele schreiben: Viele Patienten veröffentlichen Bücher über ihre Erkrankung und deren Therapie, besonders bei schweren Krankheiten wie Krebs. Was bringt ihnen das – und was dem Leser?

von Konstanze Faßbinder, 12.02.2020

Der Termin beim Onkologen war eine Initialzündung für Susanne Reinker. Seit Tagen wusste sie nicht weiter, verzweifelte schier, welche Chemotherapie sie wählen solle. Auch ihr Arzt, von dem sie dazu eine Zweitmeinung wollte, konnte sich nicht entscheiden – ob er abends lieber italienisch oder japanisch essen wollte. Das diskutierte er am Telefon, bevor er sich seiner Patientin widmete und mit ihr "englisch-deutsches Onkologen-Kauderwelsch" sprach.

Durch Krankheit zur Schriftstellerin

Die Situation veranlasste Reinker, vor zwölf Jahren an Brustkrebs erkrankt, seit zehn Jahren krebsfrei, von Beruf Schriftstellerin, über ihr Schicksal zu schreiben. Darüber, welche Täler sie durchschritt, was der Krebs und seine Behandlung mit ihrer Psyche anstellten. Und was sie mit ­ihrem Umfeld und ihren Therapeuten erlebte. Kopf hoch, Brust raus! Was wir im Umgang mit Krebs alles richtig machen können heißt ihr Buch.

"Längst nicht alle Ärzte verhalten sich so wie mein Onkologe damals", sagt Reinker. Aber es gebe sie eben, die unsensiblen Mediziner, die Angst machen statt Hoffnung, obwohl das kranke Ich schon ausgelastet sei mit der Frage: Werde ich das überstehen?

Literarischer Umgang mit Erkrankungen

"Über tragische Erkrankungen wie Krebs und die Schicksale der Betroffenen erscheinen seit Jahren Bücher", sagt Maren Ziegler, Programmleiterin beim Verlag Edition Michael Fischer. Darunter Werke bekannter Autoren wie Wolfgang Herrendorf oder Christoph Schlingensief, beide inzwischen verstorben.

Seit etwa 2013 habe sich der Trend auch auf speziellere, nicht lebensgefährliche Leiden wie Hashimoto ausgeweitet. Und auf psychische Erkrankungen wie Depressionen. "Sie wurden lange Zeit gesellschaftlich wie literarisch eher am Rande behandelt."

Vermächtnis unter Patienten

Bei Krebs geht es Autoren laut Ziegler oft um eine Art Vermächtnis, wenn ­­etwa klar sei, sie werden nicht über­leben. "Oft hören wir aber auch den Satz: Ich hätte mir damals gewünscht, dass es dieses Buch schon gegeben hätte." Dann soll anderen Patienten das Gefühl vermittelt werden: Du bist nicht allein mit deinem Schicksal.

Wie ging der Autor mit seinem Schicksalsschlag um? Und kann ich daraus etwas lernen? Das wollen die Leser erfahren, sagt Ziegler. Schriftstellerin Reinker will mit ihrem Buch unter anderem Krebspatienten ansprechen, die sich ebenfalls schwertun, ihre Ärzte zu verstehen, Diagnosen und Therapien einzuordnen.

Oft veraltet durch die Fortschritte der Medizin

Die Leser sollten dabei bedenken, dass medizinische Behandlungen sich oft schnell weiterentwickeln. Ältere Bücher können deshalb ein Zerrbild vermitteln. Bei Brustkrebs etwa über­leben heute 80 Prozent die ersten fünf Jahre nach der Diagnose, Tendenz steigend. Die Therapie wird zudem immer verträglicher.

Vielleicht noch wichtiger: Auf keinen Fall sollten laut Buchexpertin Ziegler unseriöse Heilungsversprechen gemacht werden. Damit die Einzelfallgeschichten medizinischer Laien keine falschen Informationen vermitteln, werde ein "gewisser Rechercheaufwand" betrieben. Klar ist laut Ziegler: "Nicht alle Tipps sind für jeden zielführend" – zumal bei Krebs, wo die Therapie praktisch immer individualisiert ist.

Darin sieht Dr. Monika Weber das größte Problem. Die Radiologin hat an der Uniklinik Heidelberg Brustkrebs­patientinnen bestrahlt. Mit ehemals Betroffenen gründete sie den Beratungsverein Patienten helfen Patienten. Lieber keine Chemo und nicht die Haare verlieren?

Aufklärung muss sein

"Manche picken sich in Büchern Meinungen heraus, die sie sowieso für sich gefasst hatten, und fühlen sich bestätigt." Jede Information sei grundsätzlich gut. Wenn Patientinnen sich nach einer Lektüre jedoch nur noch naturheilkundlich behandeln lassen und auf wichtige Therapien verzichten, sei das fatal.

Ebenfalls schwierig: "Wenn ­­Betroffene denken, eine beschriebene Therapie müssten sie exakt so erhalten." In Webers Verein werden deshalb die Krankenakten der Patienten studiert und Therapien beurteilt. "Wer verstanden hat, warum eine Maßnahme wichtig ist, erträgt sie leichter." Im gewinnorientierten Klinikalltag fehle für solche Gespräche oft die Zeit.

Schreiben hilft bei der Verarbeitung

Konkrete medizinische Tipps will Susanne Reinker nicht geben. Doch Betroffenen möchte sie sagen: Lasst euch nicht verunsichern, ihr müsst euch nicht rechtfertigen. Außerdem soll das Buch den indirekt Betroffenen wie Freunden oder Kollegen beim ­Umgang mit den Erkrankten helfen. "Diese Erfahrungen sind übertragbar", glaubt Reinker.

Ihr selbst half das Schreiben beim Verarbeiten. "Ich war nicht mehr die passiv Erleidende." Reinker schrieb sich die traumatische Erfahrung von der Seele. Auf diese Weise, beobachtet auch Radiologin Weber, können Patienten ihre Geschichte erzählen. Und in ein Büchlein gebunden auch loswerden.