Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen

Sie helfen bei Katastrophen und leisten langfristige Entwicklungshilfe: Pharmazeuten sind weltweit im Einsatz. Vier Apotheker erzählen von ihren Auslandseinsätzen in Argentinien, Mexiko, Nepal und Tansania

von Barbara Kandler-Schmitt, 11.12.2019

Wenn man krank ist, bekommt man Medizin – zeitnah und sicher: Was für uns selbstverständlich ist, scheint in vielen Regionen der Welt utopisch. Hier hilft Apotheker ohne Grenzen: Im Katastrophenfall beschafft die Hilfsorganisation schnell und unbürokratisch dringend benötigte Medikamente. Mit langfristigen Entwicklungshilfeprojekten verbessert sie die gesundheitliche Versorgung in armen Ländern nachhaltig.

Projektkoordinatorin Stefanie Pügge erklärt: "Wir orientieren uns immer am konkreten Bedarf vor Ort und arbeiten eng mit lokalen Partnern zusammen, damit diese anschließend eigenverantwortlich weiterarbeiten können." Vier Apotheker berichten, was sie bei ihren Auslandseinsätzen erlebt haben:

1. "Ich möchte meinem Land etwas zurückgeben."

Dr. Carina Vetye

Armut, Gewalt und Drogenkriminalität herrschen in den Slums von Buenos Aires in Argentinien. Mitten im Chaos betreibt die Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen seit zehn Jahren eine kleine Apotheke. Sie ist an ein Gesundheitszentrum angeschlossen und versorgt die Bewohner des Elendsviertels mit nötigen Arzneimitteln. Vermeintliche Wohlstandskrankheiten wie Karies, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht treffen nämlich zunehmend auch arme Menschen. Schon Kinder sind zu dick und haben Zahnprobleme.

"Wegen der schlechten Trinkwasserqualität werden in den Slums große Mengen an zuckerhaltigen Softdrinks konsumiert", erklärt die Apothekerin Dr. Carina Vetye, die das Projekt koordiniert und sechs Monate im Jahr vor Ort ist. "Die Ernährung ist insgesamt viel zu fett- und kohlenhydratreich. Das begünstigt die Entstehung von Typ-2-Diabetes." Da sich aber niemand blutzuckersenkende Medikamente wie Metformin leisten kann, entwickeln viele bereits in jungen Jahren Folgeerkrankungen wie Schlaganfälle und Herzinfarkte. Sie müssen Amputationen hinnehmen, werden dauerhaft arbeitsunfähig. 

Eine Chance für die Bewohner

In der Apotheke bekommen die Slumbewohner ihre Medikamente gratis – vorausgesetzt, sie befolgen die ärztlichen Therapieanweisungen. Zudem erhalten sie leicht umsetzbare Tipps, wie man Krankheiten vorbeugt und eine gesunde Lebensweise führt. Die Deutschargentinierin Vetye weiß: "Für die Menschen ist das eine Riesenchance, sodass sie oft disziplinierter sind als die Patienten in Deutschland."

2. "Die Arbeit erfordert großes Fingerspitzengefühl."

Justus Schollmeier

Der Pharmazeut Justus Schollmeier aus Fulda koordiniert seit 2015 ein Projekt in Mexiko, das die Gesundheitsversorgung indigener Gemeinden in abgelegenen Regionen verbessert. "Da es kaum Ärzte gibt, schulen wir medizinische Laien zu pharmazeutischen Themen. Sie sind dann in abgelegenen Dörfern als Gesundheitsberater tätig", erzählt er.

Schulungsinhalte sind etwa die Arzneimittelversorgung in Schwangerschaft und Stillzeit oder die Vorbeugung und Behandlung des Chikungunya-Fiebers, das durch Stechmücken übertragen wird. "Diese Promotores de Salud bekommen von uns eine Grundausstattung an lebenswichtigen Arzneimitteln, mit denen sie die Menschen ihrer Gemeinde bei akuten Erkrankungen versorgen können."

Seine guten Spanischkenntnisse helfen Schollmeier bei der Arbeit in Mexiko nur bedingt: Viele der rund 80 indigenen Volksstämme sprechen noch ihre ursprünglichen Sprachen. "Im Umgang mit fremden Kulturen brauchen wir großes Fingerspitzengefühl", erklärt er. "In manchen Stämmen sind die Frauen zum Beispiel die zentralen Ansprechpartner. In anderen halten sie sich im Hintergrund."

Arzneispenden sind keine Hilfe

Arzneimittelspenden aus Deutschland sind den Apothekern bei ihrer Arbeit keine Hilfe. Im Gegenteil: "Sie gehen völlig am Bedarf vorbei und müssen dann wieder kostenpflichtig transportiert, aussortiert und sachgerecht entsorgt werden", sagt Schollmeier. "Deshalb ermitteln wir vor Ort, welche Arzneimittel tatsächlich gebraucht werden, und besorgen sie dann mithilfe von Spendengeldern im Land selbst."

3. "Fast überall fehlt es an wichtigen Arzneimitteln."

Dr. Ralph Bültmann

Als Dr. Ralph Bültmann 2015 zum ersten Mal für Apotheker ohne Grenzen nach Nepal flog, wollte er nur ein schon lange bestehendes Entwicklungshilfeprojekt besuchen. Doch dann landete er mitten im Katastrophengebiet. Ein schweres Erdbeben hatte Teile Nepals vollkommen zerstört und Tausenden Menschen das Leben gekostet. "Es herrschte Chaos", erinnert sich der Apothekeninhaber aus Radevormwald. "Bis sich die Hilfsorganisationen vor Ort koordiniert hatten, vergingen Tage."

Schnell und unbürokratisch

Bei einem Nothilfeeinsatz müssen schnell und unbürokratisch lebensnotwendige Medikamente beschafft werden. "Dabei greifen wir auf international standardisierte Arzneimittelpakete für Noteinsätze zurück." Seit seinem ersten Einsatz war Bültmann vier weitere Male in Nepal. Mittlerweile koordiniert er ein langfristiges Entwicklungshilfeprojekt: in Basa 6, einem Dorf im Himalaja, weit östlich von Kathmandu. Bis vor einem Jahr war der Ort nur zu Fuß erreichbar. Der nächste Gesundheitsposten ist eine halbe Tagesreise entfernt: "Für kranke Menschen ist die Strecke kaum zu bewältigen", sagt Bültmann. Die medizinische Versorgung und der Zugang zu lebensnotwendigen Arzneien sollen verbessert werden.

Die Organisation sorgt für Gebäude, Inventar, Arzneimittel und bezahlt eine einheimische Fachkraft, die die Bewohner medizinisch berät, einfache Untersuchungen durchführt, Medikamente ausgibt und sich um die Verwaltung kümmert. "Unser Ziel ist es, dass die Menschen bald auch ohne unsere Hilfe ausreichend versorgt sind."

4. "Wir stärken das einheimische Fachpersonal."

Stefanie Pügge

Bereits seit zehn Jahren unterstützt Apotheker ohne Grenzen ein Gesundheitszentrum in Hanga im Südosten Tansanias (Afrika). Das Zentrum betreibt die dortige Benediktinerabtei. Hier werden Menschen medizinisch behandelt, auch Kaiserschnitte und kleinere Operationen werden durchgeführt.

Strukturen und Perspektiven

"Wir helfen beim Einkauf der benötigten Medikamente und schulen das einheimische Apothekenpersonal in der Arzneimittelabgabe und im Lagermanagement", erzählt Projektkoordinatorin Stefanie Pügge. "Das schafft Strukturen und Perspektiven."

Ein ähnliches Ziel verfolgt das neueste Projekt. In Burundi unterstützen die Apotheker eine Schule für pharmazeutisch-technische Assistenten: "Durch Patenschaften für junge Menschen, denen eine solche Ausbildung sonst nicht möglich wäre, stärken wir das Fachpersonal vor Ort", erklärt die Pharmazeutin. Den Unterricht erteilen einheimische Apotheker auf Französisch. Der Stoff ist vergleichbar mit dem, was an deutschen PTA-Schulen gelehrt wird.

Apothekerin Pügge ist zuversichtlich, dass das Konzept aufgeht: "Durch nachhaltigen Wissenstransfer leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe."

Weitere Informationen im Netz finden Sie unter: www.apotheker-ohne-grenzen.de