Absetzen: Medikamente gezielt ausschleichen

Schleichender Prozess: Nach längerer Einnahme sollten viele Arzneimittel nicht plötzlich abgesetzt werden. Dazu zählen zum Beispiel Kortison, Antidepressiva und Schlafmittel. Hilfe gibt es in der Apotheke

von Barbara Kandler-Schmitt, 21.01.2020

Kortisonpräparate

Kortison ist ein Hormon, das in der Nebenniere gebildet wird. Unter anderem wirkt es stark entzündungshemmend und wird deshalb bei Erkrankungen wie Rheuma in therapeutischen Dosierungen eingesetzt.

Da der Körper den Hormonspiegel selbst reguliert, drosselt er als Reaktion auf die externe Zufuhr seine Produk­tion. Ein plötzliches Absetzen der Therapie kann deshalb zu lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisungen führen.

Damit die Nebennierenrinde ihre Produktion wieder hochfahren kann, muss die Dosis nach ärztlicher Anweisung langsam und schrittweise reduziert werden. Friederike Müller, Apothekeninhaberin aus Fürth, rät außerdem: "In der Regel nimmt man Kortison frühmorgens ein, am besten gleich nach dem Aufwachen." Dann seien die negativen Auswirkungen einer Corticoidtherapie am geringsten.

Blutdrucksenker

Gut eingestellte Hochdruckpatienten haben meist normale Werte. Da Medikamente die Ursache der Krankheit aber nicht beheben, steigen ohne sie die Werte wieder. "Vor allem bei Betablockern kann beim plötzlichen Absetzen der Blutdruck stark steigen – und damit die ­Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden", warnt Apothekerin Müller.

"Die Dosis muss deshalb unter Begleitung des Arztes langsam über Wochen reduziert werden." Da es sich um ein chronisches Leiden handelt, müssen Blutdrucksenker aber meist lebenslang eingenommen werden – es sei denn, der Patient bekommt das Problem durch Gewichtsreduk­tion und Bewegung in den Griff.

Antidepressiva

Medikamente gegen Depressionen und Angsterkrankungen müssen meist über Monate oder Jahre hinweg eingenommen werden. "Auch wenn sich manche Patienten schon nach einigen Wochen besser fühlen, ist das kein Zeichen dafür, dass die Depression geheilt ist, sondern zeigt nur, dass das Medikament gut wirkt", erklärt Friederike Müller.

Das Absetzen des Anti­depressivums werde individuell auf den Patienten abgestimmt und erfolge stufenweise über einen längeren Zeitraum. "Damit die Krankheit nicht schlimmer wird, ist die Begleitung durch einen erfahrenen Arzt nötig." Zumal beim Absetzen mit Effekten zu rechnen ist, die auf einer Anpassung des Körpers an die Wirkstoffe beruhen.

"Das Gehirn muss ohne die Medikamente ein neues chemisches Gleichgewicht finden, und das braucht seine Zeit", sagt die Apothekerin. Spürbar ist das unter anderem in Form von Schlafstörungen, Schwindel und Reizbarkeit bis zu stromschlagartigen Miss­empfindungen.

Schlaf- und Beruhigungsmittel

Bei manchen Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine kann es bereits nach wenigen Tagen oder Wochen zu einer Abhängigkeit kommen. Bricht der Patient die Einnahme dann ab, drohen Entzugssymptome wie Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit, Schwindel und Kreislaufstörungen.

"Sie ähneln den Beschwerden, gegen die der Patient das Mittel ursprünglich eingenommen hat", erläutert Friederike Müller. "Die Dosis sollte deshalb schrittweise verringert werden."

Wie lange das dauert, hängt von der Art der Erkrankung, dem Wirkstoff und der Dosis ab. Die Apothekerin rät: "Zur Unterstützung eignen sich Entspannungsmethoden oder milde pflanzliche Beruhigungsmittel."

Abschwellende Nasensprays

Nasensprays mit gefäßverengenden Stoffen ­führen innerhalb weniger Tage zu einer Gewöhnung. Beim Absetzen droht dann der so­genannte Rebound-Effekt: Die Gefäße in der ­Nasenschleimhaut weiten sich, um die voran­­gegangene Minderdurchblutung auszugleichen – die Atmung fällt noch schwerer.

"Bei einer Entwöhnung dürfen keine anatomischen Probleme wie Polypen vorliegen", sagt Müller. "Das muss zunächst ein HNO-Arzt abklären." Danach könne der Patient das Spray stufenweise mit Meersalzlösung verdünnen oder abwechselnd immer nur in ein Nasenloch sprühen.

Protonenpumpenblocker

Auch Medikamente, die die Magensäure reduzieren, können zu einem Rebound-Effekt führen. "Beim plötzlichen Absetzen kommt es zu einer überschießenden Säureproduktion", weiß Müller. "Patienten, die vom Arzt einen Säure­blocker verschrieben bekommen haben, sollten diesen nie ohne Rücksprache ab­setzen."

Bei ­einer Reflux-Ösophagitis etwa greift aufsteigende Magen­säure die Schleimhaut der Speiseröhre an. Das kann auf Dauer ernste Komplikationen verursachen. Die Apothekerin betont: "Einfach weglassen und alles ist gut, das geht auch in diesem Fall im eigenen Interesse nicht."

Hilfe beim Ausschleichen

Ob und wie eine Arzneitherapie ­beendet werden soll, entscheidet immer der Arzt. Ihre Apotheke kann Sie aber beim sogenannten Ausschleichen der Medikamente unterstützen und gegebenenfalls rezeptfreie Mittel gegen unangenehme Begleiterscheinungen empfehlen.