Leben nach dem Herzinfarkt

Mit einem Schlag ist alles anders. Viele trifft ein Infarkt im Gefühl völliger Gesundheit. Doch die Krankheit kann eine Chance sein

von Sonja Gibis, 22.10.2019

Das Herz muss wieder Flügel bekommen. Wenn Jutta N., 56, ihre Walking-Stöcke lachend in den Waldweg stemmt, klingen ihr aufmunternde Sätze wie dieser im Ohr. Von ihrem Sporttherapeuten hat sie nicht nur gelernt, dass Bewegung Medizin ist – sondern vor allem, wie viel Spaß sie macht.

Täglich marschiert sie derzeit die Pfade an den bayerischen Osterseen entlang. "Manchmal braucht es einen Weckruf", sagt sie. Ein Sporttermin wird in Zukunft einen festen Platz in ihrem Kalender haben. Genauso wie mehr Zeit für sich selbst.

Krank aus heiterem Himmel

Ein bewegtes Leben führte Jutta N. schon immer. Als Inhaberin einer Modeboutique in München gehörten Zwölfstundentage zum Alltag. Zwischendurch gönnte sie sich schon mal eine ­Zigarette – bis am Ende des Tages die Packung leer war. "Das Gewicht war mir auch nie so wichtig", erzählt sie. Dennoch zeigte der letzte Check-up beim Arzt nichts Auffälliges. "Ich fühlte mich fit." Bis zu jenem Weckruf kurz nach Pfingsten.

Als Jutta N. morgens aufsteht, zieht ein stechender Schmerz durch ihre Brust. Sie geht duschen. Da schmerzt plötzlich der linke Arm, kalter Schweiß bricht aus. "Ich glaube, mit mir stimmt etwas nicht", sagt sie zu ihrem Mann. Der weiß: Wenn seine Frau das sagt, ist es ernst, und ruft sofort den Notarzt. In wenigen Minuten ist der zur Stelle. Im EKG zeigen sich typische Veränderungen. Wahrscheinlich ein Hinterwandinfarkt, lautet die erste Vermutung.

"Vor allem Jüngere trifft ein Infarkt im Gefühl völliger Gesundheit", berichtet Professor Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik I des Klinikums der Universität München. Wie aus heiterem Himmel, heißt es oft. Dass längst Wolken aufgezogen sind, bemerken die Patienten nicht.

Verstopft, entzündet und schließlich eingerissen

Die Ursache eines Infarkts sind in der Regel Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen, Plaques genannt. Bei älteren Patienten findet sich darin häufig Kalk. "Bei jüngeren bestehen sie vorwiegend aus Fetten", so Massberg. Ein hoher Cholesterinspiegel kann das Risiko erhöhen, ebenso wie Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Veranlagung sowie das Alter.

Ist das Blutgefäß noch nicht stark verengt, spürt der Patient selbst unter Belastung nichts davon. Die Ablagerungen führen zu einer Entzündung in der Gefäßwand. Lange Zeit passiert trotzdem nichts – bis ein winziger Riss ­­ein fatales Ereignis auslöst: Die Blutplättchen verkleben, als müssten sie eine Wunde schließen. Ein Gerinnsel entsteht.

"Das passiert innerhalb von Sekunden", sagt Massberg. Das Gefäß macht dicht, ein Teil des Herzmuskels wird nicht mehr mit Blut versorgt. Hält der Zustand zu lange an, beginnt der Muskel abzusterben. Zudem droht lebensgefährliches Kammerflimmern.

Der Elefant auf der Brust

"Ich hatte wahnsinniges Glück", sagt Jutta N. Vor allem bei Frauen macht sich ein Herzinfarkt mitunter nicht durch die typischen Beschwerden bemerkbar. Wie ein Elefant, der sich auf die Brust setzt – so ähnlich wird der Schmerz meist beschrieben. Bei weiblichen Patienten sowie in ­höherem Alter bleiben solche Symptome öfter aus.

Betroffene fühlen sich schwach, ihnen wird übel, oder sie bekommen schwer Luft. Es schmerzt in Rücken oder Oberbauch – alles Zeichen, die man als Laie nicht unbedingt mit einem Infarkt verbindet. Noch immer dauert es bei älteren Frauen länger als bei Männern, bis sie nach den ersten Beschwerden in der Notaufnahme ankommen. "Auch bei Diabetikern treten teils keine Schmerzen auf", ergänzt Massberg.

Hilfe in letzter Sekunde

Bei Jutta N. ging alles sehr schnell. Vom Rettungswagen wird sie sofort ins Katheterlabor im Klinikum der Uni München geschoben. Dort sieht sie live, was die Schmerzen in ihrer Brust verursacht. Sie erhält eine örtliche Betäubung und kann auf einem Bildschirm beobachten, wie die Ärzte einen Katheter über die Arterie im Arm bis in ihr Herz schieben.

Dort, in einem der großen Gefäße, die das Pumporgan mit sauerstoffreichem Blut versorgen, sitzt die Engstelle. Über den Katheter führt der Operateur einen Stent ein, eine Gefäßstütze aus Metall. Diese dehnt sich auf und drückt das Gerinnsel beiseite.

"Der Arzt hat mich sofort beruhigt", erzählt Jutta N. Durch die rasche Behandlung werde der Herzmuskel keinen Schaden nehmen. Weitere Gefäßverengungen seien nicht zu erkennen.

Der Lebensstil muss sich ändern

Später macht ihr ein Mediziner in der Klinik klar: "Sie hätten tot sein können. Sie müssen ihr Leben ändern – und das wird nicht einfach." Es sind harte Worte.

"Viele Patienten verdrängen das Geschehene", weiß Kardiologe Dr. Jo­achim Kotzur, der Jutta N. in der privaten Reha-Klinik Lauterbacher Mühle behandelt. Durch die großen Fortschritte in der Therapie über­leben heute viele einen Herzinfarkt fast ohne bleibende Schäden. Nach wenigen Tagen können sie die Klinik verlassen.

Doch was dann? Die Auslöser bleiben bestehen. Und allzu oft auch der ungesunde Lebensstil, der diese gefördert hat.

Bei einem Reha-Aufenthalt, der allen Patienten mit akuten oder chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen wird, erhält man Unterstützung bei den ersten Schritten in ein herzgesundes Leben. "Zu wenige nützen das", sagt Kotzur.

Bewegung statt rauchen

Eine der größten Gefahren für das Herz ist noch immer das Rauchen. "Ohne das hätten wir drei Viertel Patienten weniger", schätzt Dr. Stephan Böhmen, Leiter der kardiologischen Abteilung des Reha-Zentrums Oldenburg. Ein Verzicht ist notwendig, doch müsse er aus eigenem Antrieb erfolgen. In der Reha gibt es Hilfe bei der Nikotinentwöhnung.

Dort haben die Ärzte außerdem Zeit zu erklären, warum Medikamente für die Genesung so wichtig sind. Gerinnungshemmer verhindern, dass sich der Stent wieder verschließt. Blutdruck- und Cholesterinsenker sind entscheidend, um das Risiko für einen erneuten Infarkt zu verringern. Häufig leiden Patienten schon länger unter Bluthochdruck oder Diabetes, was mitunter erst durch den Infarkt entdeckt wird. Auch das macht Arzneimittel erforderlich.

Wer körperlich aktiv ist und Übergewicht abbaut, kann die Medikamente irgendwann teils reduzieren. Wichtig ist auch eine herzgesunde Ernährung. "Dazu gehört vor allem wenig Fleisch, dafür reichlich Öle und Nüsse", betont Böhmen.

Sporttherapie für ein gesundes Körpergefühl

Doch nicht nur der Körper ist Thema in der Reha. Aufgefangen werden zudem die Ängste, unter denen viele leiden: Was darf ich noch? Belasten  schon die Treppen zu meiner Wohnung das Herz? "Viele sind völlig verunsichert", sagt Böhmen. Die Sporttherapie hilft, wieder ein gesundes Körpergefühl zu bekommen.

Beim EKG-überwachten Ergometertraining etwa findet man die richtige Belastung. "Die Patienten werden nicht gesundgeredet, sondern merken selbst: Das geht wirklich", erzählt der Reha- Mediziner.

Jutta N. hatte nach dem Infarkt das Gefühl, ein Panzer würde ihr Herz abschirmen, ehern und schwer. Eine Therapeutin in der Reha-Klinik half ihr, ihn zu sprengen. Eine Atemtherapie löste weitere Blockaden.

Der Aufruf zum Leben

Danach spürte Jutta N. eine starke Kraft in sich, die nach Veränderung ruft. Seit dem Infarkt hat sie keine ­Zigarette mehr angerührt. "Auch das Gewicht muss runter", sagt sie. Fünf Kilo weniger sind es schon. Vor allem durch Bewegung.

Im Bett bleiben, sich schonen – das sind Rezepte von vorgestern. "Gerade für Herzpatienten ist körperliche Aktivität besonders wichtig", sagt Sporttherapeut Klaus Wanger. Kommt der Kreislauf regelmäßig in Schwung, stärkt dies das zentrale Organ. "Krankheit ist immer auch ein Aufruf zum Leben", sagt er. Für seine Patienten hat er vor allem ein Mittel parat: Motivation.

Jutta N. sieht den Infarkt inzwischen fast als ein Geschenk. Er hat ihr geholfen, endlich anzupacken, was sie schon lange wollte. Zum Beispiel eine gefühlte Berufung zu leben. Ein bis zwei Tage pro Woche will sie in Zukunft als systemische Therapeutin und hawaiianische Masseurin arbeiten. Jahrelange Erfahrung hat sie bereits.

Ihre Mitarbeiter, ihre beiden Söhne, ihr Mann – alle haben ihre Unterstützung zugesagt. "Angeboten haben sie das auch schon früher", sagt Jutta N. Doch brauchte es einen Weckruf, bis sie bereit war, diese Hilfe  anzunehmen.