Arzneien richtig einnehmen: Wichtige Fragen

Damit Medikamente optimal wirken, müssen sie korrekt verabreicht werden. Dazu gehört auch die Wahl der passenden Form. Apotheker beantworten häufige Fragen zur Anwendung

von Barbara Kandler-Schmitt, 18.10.2019

Pillen schlucken kann jeder? Und sprühen, tropfen oder cremen doch sicher auch? Ganz so einfach ist es offenbar nicht: Laut dem Arzneiprüfungsinstitut gaben deutsche Apotheken 2018 rund 190 Millionen Arzneimittel ab, die wegen ihrer Darreichungsform als besonders beratungsintensiv gelten.

"Viele Arzneimittel sind – unabhängig vom Wirkstoff – schwierig anzuwenden", bestätigt Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer. "Patienten sollten sich die richtige Handhabung in ihrer Apotheke zeigen lassen." Wer unsicher ist, wie er mit ­einem Medikament umgehen soll, riskiert, dass das Mittel nicht richtig hilft oder verstärkt unerwünschte Wirkungen auftreten.

Aufgepasst beim Inhalieren und Spritzen

Auf Platz eins der beratungsintensiven Arzneiformen liegen Präparate, die nicht geteilt werden dürfen. Auf sie entfallen 13,6 Prozent der von den gesetz­lichen Krankenversicherungen bezahlten Fertigarzneimittel.

Medikamente zum Inhalieren liegen auf Platz zwei, gefolgt von Präparaten, die gespritzt werden müssen. Auch bei Augentropfen, Nasensprays und Schmelztabletten sind Patienten oft verunsichert.

Laut Kiefer genügt es dann in der ­Regel nicht, ihnen eine schriftliche Anleitung mitzugeben oder auf den Beipackzettel zu verweisen. "Das ersetzt nicht das persönliche, vertrauensvolle Gespräch, bei dem der Patient angstfrei Fragen stellen kann."

Sicherheit aus der Apotheke

Fehlerquellen gibt es grundsätzlich ­viele, bei jeder Arzneiform. Etwa eine unregelmäßige Einnahme oder ein zu frühes Absetzen. Zahlreiche Studien zeigen: Apotheken können hier viel tun, um die Arzneimittelsicherheit zu steigern und den Erfolg der Therapie zu gewährleisten. Auf den folgenden Seiten geben Pharmazeuten Tipps zu den verschiedenen Darreichungsformen und der Anwendung.

1. Feste Arzneiformen: Vom Schlucken, Teilen und Rutschen

Mit welchem Getränk soll ich Tabletten schlucken?

Dagmar Huzenlaub: Am besten mit stillem Wasser. Andere Getränke wie schwarzer Tee oder Milch können mit Medikamenten schwer lösliche Mineralstoffverbindungen bilden, die die Arznei unwirksam machen.

Das Kalzium in der Milch etwa verhindert, dass manche Antibiotika, Schilddrü­­senhormone oder Osteoporosemittel in den Körper aufgenommen werden. Grapefruitsaft dagegen hemmt den Abbau bestimmter Stoffe und verstärkt so Nebenwirkungen.

Schlucken Sie die Tabletten mit aufrechtem Oberkörper, damit sie nicht in der Speiseröhre stecken bleiben. Die Gefahr besteht vor allem bei bettlägerigen Patienten.

Nehme ich die Tablette morgens oder abends ein?

Dagmar Huzenlaub: Der Zeitpunkt beeinflusst die Aufnahme der Arznei ins Blut und somit ihre Wirksamkeit. Deshalb Medikamente immer wie vom Arzt verordnet schlucken. Auch bei unregelmäßiger Einnahme ist die Wirksamkeit beeinträchtigt.

Eisen- und Schilddrüsentabletten oder Säureblocker wie Pantoprazol müssen eine halbe Stunde vor dem Frühstück eingenommen werden. Kortisonpräparate wirken frühmorgens am besten.

Medikamente, die müde machen, besser abends anwenden, zum Beispiel Antiallergika. Hustenlöser und entwässernde Mittel dagegen morgens, weil ihre Effekte den Schlaf stören können.

Die Kapsel will nicht runter. Was tun?

Dagmar Huzenlaub: Schluckprobleme verleiten dazu, Tabletten zu zerkleinern. Aber nicht alle Präparate dürfen geteilt oder zerstoßen werden. Das gilt etwa für Tabletten mit verzögerter Wirkstoff-Freisetzung, sehr geringem Wirkstoffgehalt oder magensaftresistentem Überzug. Fragen Sie deshalb vorher immer in Ihrer Apotheke nach!

Kapseln lassen sich leichter schlucken, wenn man den Kopf dabei nach vorne beugt. Zudem gibt es in der Apotheke spezielle Gel-Überzüge. Sie machen Tabletten gleitfähiger, sodass sie mit Wasser besser rutschen. Bei krankheitsbedingten Schluckstörungen kann der Arzt dem Patienten eventuell eine flüssige Arzneiform verordnen.

Tabletten schlucken: So geht's leichter

Gut zu wissen

Wegen der Rabattverträge der Krankenkassen bekommen Patienten statt ihrer gewohnten Tabletten oft Präparate von anderen Herstellern, die auch anders aussehen können. Wirkstoff und Dosis sind aber gleich.

2. Halbfeste Arzneiformen: Vom Einführen, Auftragen und Aufbewahren

Warum bleibt das Zäpfchen nicht drin?

Heike Zweydinger: Um zu vermeiden, dass die Darmmuskulatur den Fremdkörper wieder herauspresst, das Zäpfchen mit dem stumpfen Ende voraus einführen – am besten so tief wie möglich. Ein Gummifingerling kann dabei hilfreich sein.

Bei Säuglingen und Kleinkindern empfiehlt es sich, anschließend kurz die Pobacken zusammenzudrücken. Das Zäpfchen nach dem Stuhlgang anwenden. Wird es zu früh wieder ausgeschieden, wirkt es nicht richtig.

Eine Ausnahme bilden Hämorridenzäpfchen. Sie müssen im Bereich der Hämorridalpolster in der Nähe des Darmausgangs platziert werden, wo sie ja auch wirken sollen. Manche Präparate lassen sich mit einer Mulleinlage an Ort und Stelle fixieren.

Wie dick muss ich meine Salbe auftragen?

Heike Zweydinger: Die richtige Menge hängt vom Verwendungszweck ab. Die Wärmewirkung durchblutungsfördernder Salben wird zum Beispiel individuell sehr unterschiedlich empfunden, sodass man sie erst an einer kleinen Stelle testen sollte. Werden sie zu dick aufgetragen, kann die Haut unangenehm brennen.

Entzündungshemmende Schmerzgele kühlen dagegen, trocknen die Haut aber bei längerer Anwendung aus. Wer zu trockener Haut neigt, sollte lieber eine fetthaltige Creme mit dem gleichen Wirkstoff nutzen.

Kortisonhaltige Präparate werden in der Regel sehr dünn aufgetragen, wirkstofffreie Präparate zur Hautpflege, die über Nacht einziehen sollen, eher großzügig. Um Kleidung oder Bettwäsche vor Flecken zu schützen, ist es ratsam, die betroffenen Stellen über Nacht mit etwas Baumwollgaze abzudecken.

Wie lange sind Cremes nach Anbruch haltbar?

Heike Zweydinger: Halbfeste Arzneiformen sind nach Anbruch nur begrenzt haltbar. Das gilt vor allem für wasserhaltige Zubereitungen ohne Konservierungsmittel, da sie schnell verkeimen. Sie sollten je nach Zusammensetzung nicht länger als ein bis zwei Wochen genutzt werden.

Bei Fertigarzneimitteln das Anbruch­datum auf der Packung notieren und die Mittel nur so lange verwenden wie im Beipackzettel angegeben.

Wenn ein Präparat seltsam riecht oder sich wässrige und ölige Bestandteile voneinander getrennt haben, sollten Sie es gleich entsorgen. Wie alle Arzneimittel müssen Cremes und Salben vor Hitze und Feuchtigkeit geschützt aufbewahrt werden, Schmerz­gele am besten im Kühlschrank.

Gut zu wissen

Kann jemand Fertigpräparate aufgrund einer Allergie auf bestimmte Inhaltsstoffe nicht nutzen, sind individuell angefertigte Rezepturen eine Alternative.

3. Flüssige Arzneiformen: Vom Tropfen, Sprühen und Schütteln

Warum läuft mir mein Nasenspray in den Rachen?  

Thomas von Künsberg Sarre: Nasensprays wirken lokal auf der Schleimhaut und sollten möglichst dort bleiben. Am besten klappt das, wenn der Patient den Sprühaufsatz in einem Winkel von etwa 45 Grad in die Nasenöffnung einführt.

Läuft die Flüssigkeit aus der Nase in den Rachen, schmeckt das bitter, und das Arzneimittel wirkt nicht richtig. Die Gefahr besteht vor allem bei Tropfen oder Quetschflaschen, wenn sie zu fest gedrückt werden. Einfacher zu hand­haben sind Zerstäubersprays: Sie setzen die Lösung als feinen Nebel frei.

Verwende ich das Asthmaspray richtig?  

Thomas von Künsberg Sarre: Bei der Anwendung können Patienten viel falsch machen – vor allem, wenn ­ihnen der Arzt ein Präparat neu verordnet hat. Deshalb sollten sie sich die richtige Anwendung immer in der Apotheke zeigen lassen. Auch bei längerem Gebrauch schleichen sich oft unbemerkt Fehler ein.

Die Inhalationstechnik hängt vom verwendeten Präparat ab. Ein treibgasgefülltes Dosier-Aerosol sollte vor der Inhalation kräftig geschüttelt, der Sprühstoß langsam einge­atmet und der Atem einige Sekunden angehalten werden. Bei Pulverinhalatoren müssen die Patienten schnell und kräftig einatmen. Nach der Inha­lation von Kortisonsprays den Mund ausspülen oder etwas trinken.

Wie lassen sich Arzneisäfte genau dosieren?  

Thomas von Künsberg Sarre: Den meisten Säften sind genormte Messlöffel, Messbecher oder Dosierspritzen beigelegt, auf die sich die Dosierungsanleitung in der Packungsbei­lage bezieht. Damit die Öffnung nicht verklebt, Dosierspritzen gleich nach der Anwendung mit warmem Wasser reinigen.

Haushaltslöffel können sich im Volumen um bis zu 50 Prozent unterscheiden und sind deshalb als Dosierhilfe ungeeignet. Vor allem bei Antibiotika- und Schmerzmittelsäften ist das viel zu ungenau. Damit sich der Wirkstoff gleichmäßig verteilt, müssen alle trüben Säfte vor jeder Einnahme gut geschüttelt werden.

Gut zu wissen

Als Lösungs- oder Konservierungsmittel enthalten flüssige Arzneien oft Alkohol. Die Mengen sind für gesunde Erwachsene und Kinder oft unbedenklich. Abstinente Alkoholiker und Leberkranke sollten andere Mittel nutzen.

Weshalb wird mir von den Ohrentropfen schwindlig?

Thomas von Künsberg Sarre: Ohrentropfen sollten bei Körpertemperatur angewendet werden. Sonst reizen sie das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, was bei empfindlichen Personen heftigen Schwindel hervorrufen kann.

Wenn auch körperwarme Ohrentropfen Schwindel verursachen, ist womöglich das Trommelfell verletzt. In diesem Fall sollte der Patient unbedingt zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen. Damit die Ohrentropfen nicht herauslaufen, am besten in Seiten­lage einträufeln und ein paar Minuten so liegen bleiben.

Wie entsorge ich flüssige Arzneireste?

Thomas von Künsberg Sarre: Säfte und Tropfen sind nach Anbruch nur begrenzt haltbar. Schreiben Sie daher stets das Anbruch­datum auf die Packung, und bewahren Sie angebrochene Präparate vor Licht und Wärme geschützt auf.

Augentropfen sind wegen der Gefahr der Ver­keimung nach Anbruch nur wenige Wochen haltbar, Nasensprays in der Regel sechs Monate. Antibiotika­-Trockensäfte müssen nach der Zu­bereitung oft im Kühlschrank aufbewahrt werden und halten dann meist nur zwei Wochen.

Danach sind die Reste zu entsorgen. Sie dürfen aber auf keinen Fall in den Ausguss oder die Toilette gekippt werden, denn so würden sie das Grundwasser belasten. Fragen Sie in Ihrer Apotheke nach, wie Sie Medikamentenreste am besten entsorgen. Meist geht das über den Hausmüll.

Die Tropfen laufen aus dem Auge. Was hilft?

Thomas von Künsberg Sarre: Augentropfen sind nicht ganz einfach anzuwenden. Im Idealfall werden sie im Spalt zwischen Augapfel und dem ­­etwas heruntergezogenen Augenlid platziert – ohne das Auge mit der Tropfpipette zu berühren. Am besten gelingt das vor dem Spiegel. Dabei möglichst nicht blinzeln, weil die Flüssigkeit sonst gleich wieder aus dem Auge gepresst wird.

Video: Augentropfen richtig anwenden

Wenn Augentropfen im Kühlschrank aufbewahrt werden, müssen sie vor jeder Anwendung in der Hand auf Körpertemperatur erwärmt werden. Wenn sie zu kalt sind, regen sie nämlich den Tränenfluss an, und der Wirkstoff wird gleich wieder ausgeschwemmt. Wer sich bei der Anwendung schwertut, kann sich in der Apotheke zu Tropfhilfen beraten lassen, die das Einträufeln erleichtern.