Reizende Zusatzstoffe in Arzneimitteln

Nicht immer werden Zusatzstoffe wie Laktose oder Gluten gut vertragen. Wie man die Hilfsstoffe ermitteln und vermeiden kann

von Barbara Kandler-Schmitt, 04.09.2019

Ein veganes Arzneimittel ohne Laktose und Gluten? Seit Jahren beobachtet Maximilian Wilke, wie sich das Bewusstsein der Patienten für die Inhaltsstoffe von Medikamenten verändert: "Immer häufiger fragen sie nach Zusatzstoffen, etwa weil sie keine Laktose vertragen, auf Alkohol verzichten müssen oder Allergien haben", sagt der Berliner Apotheker.

Auch weltanschauliche und religiöse Motive spielen eine Rolle: Veganer und Muslime verlangen zunehmend Arzneimittel ohne tierische Inhaltsstoffe wie Gelatine oder den oft aus Schlachtabfällen gewonnenen Tablettierstoff Magnesiumstearat. "Ich habe mich schon oft geärgert, wie lange es dauert, solche Kundenanfragen zu beantworten, denn in der gängigen Apotheken-Software finden sich dazu kaum Angaben", sagt Wilke.

Suchmaschine für Zusatzstoffe in Arzneimitteln

Zwar werden Zusatzstoffe als "sonstige Bestandteile" im Beipackzettel aufgelistet. "Ihre mengenmäßig exakte Zusammensetzung ist jedoch Firmengeheimnis und je nach Präparat unterschiedlich", betont Wilke. Apotheker mussten ihre Kunden bislang auf den Hersteller verweisen oder umfangreiche Nachschlagewerke wälzen.

Wilke entwickelte deshalb mit einem Software-Entwickler eine geeignete Suchmaschine. Das Ergebnis ist eine einfach zu bedienende kostenpflichtige Handy-App, die Informationen zu Zusatzstoffen wie Laktose, Gluten oder Gelatine liefert. Auch Fruktose-, Histamin- und Sorbit-Intoleranz, Hühner­­eiweiß-, Nuss-, Soja- und Arzneistoffallergien werden berücksichtigt. "Eine solche App kann zur Orientierung dienen, daraus entstehende Fragen müssen aber mit dem Apotheker besprochen werden", betont Wilke.

Seine Suchmaschine Whatsinmymeds ist mit dem Deutschen Apothekenpreis 2019 ausgezeichnet worden. Eine Desktop-Version für Apotheken ermöglicht inzwischen schnelle systematische Suchanfragen.

Ein Wirkstoff macht noch keine Tablette

Jedes Arzneimittel enthält neben dem Wirkstoff verschiedene Hilfsstoffe. Sie geben ihm seine Form, steuern die Freisetzung der Wirkstoffe und sorgen für Stabilität und Haltbarkeit. Hilfsstoffe sind pharmakologisch nicht aktiv, können aber Allergien und Unverträglichkeiten hervorrufen.

Eine aktuelle Studie im Fachblatt Science Translational Medicine bestätigt: 93 Prozent aller in den USA vermarkteten Arzneimittel enthalten mindestens einen potenziell allergieaus­lösenden Zusatzstoff. In 55 Prozent stecken Zucker, die reizdarmähnliche Verdauungsbeschwerden hervorrufen können. Aber was machen solche Substanzen eigentlich in Medikamenten?

Hilfsstoffe haben vielfältige Funktionen

"Damit der Körper Arzneistoffe aufnehmen kann, müssen sie in eine anwendbare Form verpackt werden", erklärt ­Josef Spöckner, Apothekeninhaber aus Miesbach. "Dazu sind Hilfsstoffe erforderlich, die selbst keine pharmakologische Wirkung haben, aber die Wirkstofffreisetzung, Haltbarkeit und Verträglichkeit des Arzneimittels beeinflussen."

Je nach Zusatzstoff könne ein bitterer Geschmack überdeckt, der Zerfall der Tablette beschleunigt, eine längere Wirkungsdauer oder ein Schutz vor Magensäure erzielt werden.
Schon eine Kopfschmerztablette enthält mehrere Zusatzstoffe – darunter Bindemittel, Überzüge, Lösungsvermittler, Konservierungsmittel und Zerfallsbeschleuniger (siehe obere Grafik).

Den größten Anteil machen Füllstoffe wie Laktose oder Stärke aus, mit denen der Wirkstoff zu einer schluckbaren Tablette verpresst wird. "Am häufigsten werden wir in der Apotheke mit Laktoseintoleranz konfrontiert – vor allem bei Patienten, die mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen", sagt Spöckner.

Auch wenn nicht immer eine klinisch manifeste Laktoseintoleranz besteht, nimmt er die Patienten ernst und sucht nach laktosefreien Alternativen. "Allerdings werden die in Tabletten enthaltenen Mengen meist problemlos vertragen."

Pharmazeutische Bedenken  

Wenn ein Patient ein vom Arzt verordnetes Arzneimittel wegen bestimmter Hilfsstoffe nicht verträgt, kann der Apotheker bis auf wenige Ausnahmen  "pharmazeutische Bedenken" anmelden und ein wirkstoffgleiches Präparat ohne den betreffenden Zusatzstoff abgeben.

"Darüber informieren wir dann den behandelnden Arzt, damit er die Unverträglichkeit bei der nächsten Verordnung berücksichtigen kann", sagt Spöckner. "Für die Therapietreue ist das ganz wichtig."

Wenn es keine wirkstoffgleiche Alternative gibt, kann der Arzt gegebenenfalls auf einen anderen Wirkstoff ausweichen. Dass Zusatz­stoffe künftig noch stärker in den Blick ­gerückt werden müssen, meint auch ­­Maximilian Wilke: "Damit ein Medikament optimal wirken kann, muss der Patient überzeugt sein, dass es ihm nicht schadet."