Durch Kosmetik gereizte Haut? Tipps!

Reagiert die Haut gereizt auf Pflegeprodukte, vermuten viele eine Allergie. Zu Recht? So helfen Apotheker und Ärzte weiter

von Angelika Brodde, 29.08.2019

Kaum ein Tag in Sabine Faklers Apotheke, an dem nicht wenigstens ein Kunde wegen seiner geröteten, juckenden oder schuppenden Haut um Rat fragt. Früher kam das seltener vor, berichtet die Pharmazeutin aus dem brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd. "Hautprobleme sind heute weiter verbreitet." Das bestätigt auch Professor Johannes Ring, Dermatologe aus München: "Empfindliche Haut hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen."

Hautbeschwerden wegen Schmuck und Kosmetik

Häufig werden die Probleme durch Kontaktallergene ausgelöst, auf die sensibilisierte Haut an der entsprechenden Stelle mit Rötungen, Bläschen und teils heftigem Juckreiz reagiert. Angeführt wird die "Allergen-Hitliste" von Nickel, das etwa in Modeschmuck oder in Knöpfen steckt. An zweiter Stelle folgen kosmetische Substanzen wie die Duftstoffe Benzylalkohol, Eugenol oder Citral sowie Konservierungsmittel. 15 Prozent der Deutschen sind betroffen.

"Ein lästiges, aber gut zu umgehendes Problem", findet Apothekerin Fakler - sofern man die individuellen Auslöser zweifelsfrei kennt. Das setzt eine sachgerechte Diagnostik beim Arzt voraus, zum Beispiel einen sogenannten Epikutantest. Dabei werden kleine Pflästerchen mit Allergenen auf dem Rücken aufgebracht. Je nach Hautreaktion ergeben sich daraus wichtige Hinweise, was der Patient nicht verträgt.

Diese Stoffe werden anschließend in einem Allergiepass gelistet – der unter anderem die Suche nach geeigneter Kosmetik erleichtert. Apotheker können über eine Datenbank die Bestandteile aller verfügbaren Hautpflegeprodukte genau prüfen und Präparate ohne die jeweiligen Problemstoffe anbieten. Das schützt Patienten vor unerfreulichen Überraschungen.

Allergie oder Unverträglichkeit?

Allergische Reaktionen der Haut werden oft mit Unverträglichkeit gleichgesetzt. Aus medizinischer Sicht ist das falsch: Bei einer Allergie bildet das Immunsystem unabhängig vom Hautzustand Antikörper gegen einen eigentlich harmlosen Umweltstoff. Dieser Stoff, zum Beispiel Nickel oder Wollwachs, wird von Nichtallergikern problemlos vertragen.

Eine Unverträglichkeit ist ebenfalls eine Antwort des Immunsystems auf eine bestimmte Substanz. Dabei werden aber keine Antikörper gebildet, die Unverträglichkeit kann auch nur vorübergehend auftreten. Wer eine geschwächte Hautbarriere hat, ist anfälliger für Unverträglichkeiten.

Neben Kontaktallergien kann auch Sonnenlicht entzündliche Prozesse in der Haut begünstigen – lange bevor ein Sonnenbrand entstanden ist. Dazu kommen laut Mediziner Ring Reizungen durch Schadstoffe, Lösungs- und Reinigungsmittel. Auch die Nerven stünden mit Hautproblemen in Verbindung, das sei mittlerweile unumstritten.

"Die Forschung auf dem Gebiet der Psychoneuro-Allergologie ist ungeheuer aufregend. Mittlerweile belegen viele Studien, wie bedeutsam der Einfluss des Nervensystems auf Entzündungen ist", so der Experte.

Die richtige Behandlung

Schlägt unsere Hülle Alarm, fragen viele Betrof­fene in der Apotheke nach rezeptfreien Präpara­ten, zum Beispiel Salben mit hautberuhigenden Stoffen wie Panthenol. Vor allem Mittel mit Kor­tison unterbinden entzündliche Prozesse in der Regel schnell – unabhängig von der Ursache. Ein Nachteil: Patienten sollten damit ihre Haut nicht großflächig behandeln.

Ist die Tube leer und die Beschwerden beste­hen dennoch weiter, kann der Arzt helfen. Dermatologen können in einer großen Bandbreite verschreibungspflichtiger Kortisonpräparate die Lösung finden, die ohne große Nebenwirkungen bestmöglich hilft.

Heller und sensibler?

Je heller die Haut, desto geringer ihr Eigenschutz gegen Sonnenlicht – und desto schneller und stärker reagiert sie darauf. Das ist ein Grund, wieso helle Haut oft als sensibel wahrgenommen wird.

Gesicherte Zusammenhänge zwischen Hautkolorit und Allergie oder Sensibilisierung fehlen aber ansonsten, betont der Münchner Dermatologe Professor Johannes Ring: "Bei anderen Umweltbelastungen außer UV-Strahlen ist die Studienlage dünn."

Allergien und Neurodermitis gebe es zudem auf der ganzen Welt: bei Patienten mit hellblauen und mit braunen Augen, in Europa ebenso wie in Afrika.

Einen wichtigen Beitrag zur Hautgesundheit kann aber jeder selbst leisten – schon bevor es zu Reaktionen kommt. "Wer etwa zu oft und zu lange heiß duscht, kann empfindliche Haut bekommen", sagt Ring. Denn dadurch würden hauteigene Lipide herausgewaschen.

Pflege ohne Schaum

Im Ideal­fall garantieren diese Lipide im Zusammenspiel mit anderen körpereigenen Stoffen eine intakte Barriereschicht, die weder Schadstoffe noch Al­lergene in die Haut lässt. Vor allem sogenannte waschaktive Substanzen, die in vielen Sham­poos und Duschgelen enthalten sind, können diese Barriere schwächen. Je stärker sie beschä­digt ist, desto sensibler reagiert die Haut.

Verzichtet man auf schäumende Pflegepro­dukte und verwendet stattdessen nur punktuell – zum Beispiel unter den Achseln – feste Seife, sinkt der Stresslevel für die Haut deutlich. Beim Haarewaschen hilft es, das Shampoo kopfüber auszuwaschen. So läuft der Schaum nicht den Körper hinab und kann die Haut nicht reizen.

Weiterer Tipp: Zu Trockenheit neigende Haut nicht trocken rubbeln, denn das wirkt wie ein grobes Peeling. Stattdessen behutsam trocken tupfen und sofort eincremen.

Allergien durch Kosmetik

Duftstoffe sind die häufigsten Auslöser einer Kontaktallergie, gefolgt von Konservierungsmitteln wie Methylisothiazolinon. Solche Stoffe komplett zu verbieten bringt wenig, erklärt Mediziner Johannes Ring an einem viel diskutierten Beispiel:

Parabene werden von den meisten Menschen gut vertragen. Würde man sie verdammen und durch neue Substanzen ersetzen, sei es eventuell nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Stoffe Allergien auslösen.

Sein Rat: Produkten, die man gut verträgt, treu bleiben. Je mehr verschiedene Stoffe auf die Haut gelangen, desto größer wird das Risiko einer allergischen Reaktion.

Auch im Kleiderschrank lassen sich Problem­quellen ausschließen: "Mechanischer Stress, etwa durch Wolle, ist Gift für empfindliche Haut", sagt Dermatologe Ring. Seide sei in Ordnung, Baumwolle noch besser. Außerdem: Auf duften­de Weichspüler verzichten, das senkt das Risiko für allergische Reaktionen.

Man muss nicht verzichten

Für den Aufbau einer gesunden Hautbarriere empfiehlt Apothekerin Sabine Fakler Kosmetika, die nur wenige, dafür aber sinnvolle Inhalts­stoffe enthalten – zum Beispiel Feuchtigkeit speichernde Substanzen wie Glycerin oder Harnstoff (Urea) sowie hochwertige Fette, die unsere Haut gut verarbeiten kann. Zusammen mit Sonnenschutzmitteln und sanften Reini­gungsprodukten können solche Cremes helfen, sensible Haut zu stärken.

Auf keinen Fall sollte man aus Furcht vor Re­aktionen komplett auf Kosmetika verzichten, be­tont Fakler. "Man kann mit der richtigen Pflege viel erreichen. Und es gibt heute sehr gute Pro­dukte, die sowohl von Allergikern als auch Neu­rodermitikern gut vertragen werden."

Welche Produkte individuell am besten helfen, könne man in einem Halbseitenversuch heraus­ finden, sagt Ring. "Tragen Sie zum Beispiel auf der einen Seite Ihres Gesichts eine etwas fetti­gere Lipolotion auf. Die andere Seite cremen Sie mit einer leichteren Hydrolotion ein. Sie werden schnell sehen, was Ihnen besser bekommt."