Hilfe bei Mangelernährung

Endlich wieder Appetit: Ausreichend und richtig essen ist für Kranke immens wichtig. Einige Kliniken berücksichtigen das bereits

von Diana Faust, 28.11.2019

Menschen, die mangelernährt sind? Hier in Deutschland? In dieser reichen Industrie­nation? Man sieht sie in der Regel nicht im Café oder auf der Straße, aber es gibt sie zuhauf. Die Gesellschaft für Ernährungsmedizin nennt alarmierende Zahlen: Demnach sind 1,5 Millionen Personen in Deutschland mangelernährt. Das heißt: Ihr Körper wird nicht ausreichend mit Energie, Proteinen oder anderen Nährstoffen versorgt.

Da es zumeist Alte und Kranke angeht, wird das Problem in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Jeder Vierte, der in eine Klinik eingeliefert wird, ist bereits betroffen. "Mangelernährte sind meistens alt, sitzen oft zu Hause, in Pflegeheimen oder sind Krebspatienten", sagt Professor Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik der DRK-Kliniken in Kassel.

Ein Viertel aller Krebskranken mangelernährt

Vor allem in Krankenhäusern ist das Thema allgegenwärtig. Manche Krankheiten bringen Appetitlosigkeit mit sich. "Das kommt häufig bei Krebs vor oder bei chronischen Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Leber oder des Darms", sagt Ernährungswissenschaftlerin Nicole Erickson, die am Klinikum der Universität München das Ernährungsteam wissenschaftlich koordiniert.

So ist laut der Deutschen Krebsgesellschaft jeder zweite Krebspatient in einem späteren Stadium mangelernährt. Jeder vierte stirbt Experten zufolge nicht am Tumor, sondern an den Folgen der Mangelernährung.

Teamarbeit beim Speiseplan

Das Münchner Universitätsklinikum ist beim Thema Ernährungs­medizin Vorreiter. Dort gibt es eine ­eigene Abteilung, die sich darum kümmert, dass Patienten ausreichend und richtig ernährt werden. Und das sehr erfolgreich.

Als Nicole Erickson ihre Arbeit 2017 begann, betreute sie 15 Patienten mit Ernährungsproblemen, heute sind es mehr als 250. "Und es werden jeden Monat mehr." Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Pflegerinnen, Diätassistentinnen erfasst und versorgt die Patienten.

So etwas entspricht aber bisher in den wenigsten deutschen Kliniken der Norm. Eine Stichprobe des Wirtschaftsmagazins plusminus hat gezeigt, dass von 34 befragten Häusern lediglich acht standardisiert den Ernährungszustand erfassen und sechs mit Ernährungsteams arbeiten.

Wer ist mangelernährt?

Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Zum Energie- und Nährstoffdefizit kommt ein Gewichtsverlust: mehr als fünf Prozent in drei Monaten. Aber auch Übergewichtige können mangelernährt sein.
Weitere mögliche Anzeichen sind zum Beispiel:

  • Schwäche, Müdigkeit, Teilnahms- und Antriebslosigkeit
  • Schwere, müde Beine, schwindende Muskelkraft
  • Auslassen und Ablehnen von Mahlzeiten und Getränken
  • Eingefallene, fahle Haut, brüchige Nägel, stumpfes Haar
  • Kau- und Schluckprobleme
  • Mund- und Schleimhautentzündungen, schlechte Wundheilung

Nicht nur in Krankenhäusern kämpfen Patienten mit Mangelernährung, auch Menschen in Pflegeheimen sind gefährdet. "Sie kommen dann häufig in einem sehr schlechten Gesundheitszustand ins Krankenhaus", sagt Sonja Brinkhege, Diätassistentin in Bielefeld.

Eine "versteckte Krankheit"

Sie hat 19 Jahre lang in der Klinik gearbeitet. Auch spielen Armut und soziale Isolation bei alten Menschen eine Rolle. "Soziale Verwahr­losung begünstigt Mangelernährung", sagt Chefarzt Löser. Hinzu kommen schlechte Zähne, locker sitzender Zahn­ersatz oder Schluckstörungen, die das Essen erschweren.

Fachleute sprechen von Mangel­ernährung als "versteckter Krankheit", die massive Folgen hat. Wer schlecht ernährt ist, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, vorzeitig zu sterben. Bei Patienten im Krankenhaus treten häufiger größere Komplikationen auf, ihre Wunden heilen nach OPs langsamer, sie müssen tendenziell länger in der Klinik bleiben, haben eine schwächere Immunabwehr und eine deutlich schlechtere ­Lebensqualität.

Finanziell gegen Mangelernährung vorgehen

Darüber hinaus produziert Mangel­ernährung erhebliche Kosten. In Europa belaufen sie sich nach einer Erhebung von Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, auf 170 Milliarden Euro pro Jahr. "In Deutschland sind es im Jahr rund neun Milliarden", sagt Löser.

Dass Essen für kranke Menschen eine zentrale Bedeutung hat, ist erst seit ­­einigen Jahren ins Bewusstsein von Verwaltungsdirektoren, Ärzten und Pflegepersonal vorgedrungen. "Man spart daran", kritisiert Brinkhege.

Dabei haben Menschen im Krankenhaus laut Löser zwei Hauptthemen: "den Fernseher und das Essen". Der Chefarzt legte bereits vor 15 Jahren in seiner Klinik den Fokus auf die Ernährung. "Pickt man sich die problematischen Fälle gleich zu Anfang der Behandlung heraus, ist das für die ­Genesung der Patienten medizinisch hochrelevant. Und es spart Kosten."

Fragen, was den Patienten schmeckt

Für Löser besitzt das Fach Ernährungsmedizin heute einen ganz neuen Stellenwert. Inzwischen gelte: "Moderne Ernährungstherapie ist genauso wirksam, wie wenn ich einen Betablocker verordne."

Gleich bei Aufnahme in eine Klinik sollte der Ernährungsstatus der Patienten abgefragt werden. "Es gibt standardisierte Fragebogen, mit denen man Mangelernährung erkennt", sagt Brinkhege. Patienten müssen unter anderem angeben, ob sie in der letzten Zeit viel Gewicht verloren haben und welche Lebensmittel Probleme bereiten.

Wichtig ist auch die Frage, was den Patienten schmeckt, um so die Kost anzupassen. Brinkhege: "Oft sind das einfache Dinge wie Milchreis, Pfannkuchen oder Kaiserschmarren."

Viele kleine Portionen

In Kassel gibt es neben extra hochkalorischen Menü-Linien ein spezielles Shake-Konzept. "Wir bieten frische Shakes in verschiedenen Geschmacksrichtungen an. Da kann man bis zu 400 Kilokalorien geschmackvoll unterbringen, ohne dass die Menge überfordert", sagt Löser.

Oder es gibt kleine, herzhafte Muffins als Zwischenmahlzeit. Denn Menschen, denen der Appetit vergangen ist, kommen mit großen Portionen kaum zurecht. "Häufige, kleine und appetitlich angerichtete Mahlzeiten sind besser", so Brinkhege.

Gewohnheiten einfach mal außer Acht lassen

Zusätzlich sollte man gerade bei krankheits­bedingter Mangelernährung auf herkömmliche Gepflogenheiten beim Essen verzichten. Wer morgens Lust auf einen Teller Spaghetti hat statt auf Müsli, sollte ihn sich gönnen.

Wenn Gewichtsverlust über die normale Nahrung nicht aufgehalten werden kann oder Patienten zu schwach zum Essen sind, gibt es im Krankenhaus Eiweißpulver, energiereiches Maltodextrin, das zugesetzt wird, oder Trinknahrung.

Essen ist weit mehr als nur ein menschliches Grundbedürfnis, findet Löser. In Kassel scheint die Strategie aufzugehen, die Patienten würden sehr positiv auf das kulinarische Angebot der Klinik reagieren. Löser: "Das Essen für Personen mit Risiko für Mangelernährung ist seit einigen Jahren unser Leuchtturm."

Tipps für Angehörige

  • Entspannt bleiben Beim Essen keinen Druck aufbauen. "Wir alle haben ein trotziges Kind in uns, das sich dann meldet und Appetitlosigkeit eher verstärkt", sagt Erickson.
  • Mahlzeiten anreichern Gemüse- und Fleischgerichte mit Sahne- oder Käsesoße verfeinern, Reis oder Nudeln mit Öl kochen, Kartoffelpüree mit Butter und Sahne abschmecken. Zum Nachtisch kleine Stücke Kuchen, Kekse oder auch Eis anbieten.
  • Gewicht kontrollieren Zum Beispiel indem man regelmäßig den Umfang des Oberarms des Betroffenen misst.   
  • Hilfe holen Unter gewissen Voraussetzungen gewährt das örtliche Sozialamt Zuschüsse für Essen auf Rädern. Den Service, bei dem fertige Menüs nach Hause geliefert werden, bieten Wohlfahrtsorganisationen und soziale Einrichtungen an.