Das West-Nil-Virus in Deutschland

Vom Nil nach Europa: Ein neues tropisches Virus hat Deutschland ­erreicht. Es kann das West-Nil-Fieber auslösen. Alarmstimmung ist jedoch nicht angebracht

von Dr. Reinhard Door, 13.08.2019

Als Ende Juni 2018 die erste Ansteckung gemeldet wurde, ahnte noch niemand, welch traurige Bilanz Gesundheitsexperten am Jahresende ziehen würden: EU-weit 2083 meist schwer erkrankte Menschen, 181 Todesfälle – verursacht durch das sogenannte West-Nil-Virus. Der Erreger hatte zwar schon seit den 60er-Jahren immer wieder kleine Epidemien ausgelöst, doch nie auch nur ähnlich große wie 2018. Und auch 2019 waren bis zum August in Griechenland 35 Menschen daran erkrankt, wovon vier verstarben.

Menschen, Vögel und Pferde betroffen

Zudem ist eingetroffen, was Fachleute schon lange prognostiziert hatten: Die Viren, 1937 im West-Nil-Bezirk in Uganda entdeckt und heute auf allen Kontinenten verbreitet, erreichten zum ersten Mal Deutschland. Zwar wurde die Infektion hier nur bei einem Menschen nachgewiesen, aber auch bei zwölf ­Vögeln und zwei Pferden.

Das West-Nil-Virus

Eine Infektion bei Menschen macht sich – wenn überhaupt – nach 2 bis 15 Tagen bemerkbar. Meistens bleibt sie jedoch ganz ohne Symptome, weshalb von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist.

Rund 20 Prozent der Infizierten entwickeln grippeartige Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen sowie oft auch einen Hautausschlag. Bei weniger als jedem Hundertsten wächst sich die Infektion zum sogenannten neuro­invasiven Syndrom mit einer Gehirn- oder Hirnhautentzündung aus. Diese kann bleibende Schäden hinterlassen und endet in rund zehn Prozent der Fälle tödlich, vor allem bei älteren und immunschwachen Menschen. Bemerkbar macht sie sich etwa durch hohes Fieber, ­Nackensteife und Verwirrtheit.

Die Behandlung richtet sich überwiegend nach den Symptomen. Einen Impfstoff gibt es nur für Pferde, an einem für Menschen wird geforscht.

Vögel sind der eigentliche Wirt der Viren. Überträger sind Insekten, vor allem der Gattung Culex, zu der auch die hiesige gewöhnliche Stechmücke zählt. Saugt ein Insekt das Blut eines infizierten Vogels, nimmt es den Erreger auf und kann ihn an andere Stechopfer weitergeben. Aber auch an Wirte außerhalb dieses Kreislaufs. Dazu zählen Säugetiere aller Art. Für sie hat eine Infektion meist keine Folgen. Nur Pferde erkranken – und Menschen.

Erstes Opfer in Deutschland war ein Kauz

Deshalb waren Insektenforscher alarmiert, als Ende August 2018 im Zoo von Halle (Saale) ein Bartkauz infolge der Infektion verendete – der erste Nachweis des West-Nil-Virus in Deutschland. Die Wissenschaftler stellten daraufhin Mückenfallen auf – ohne weiteren Befund.

"Das heißt aber nicht, dass es keine infizierten Mücken gibt", betont Professorin Cornelia Silaghi, Leiterin des Instituts für Infektionsmedizin und des Labors für Vektorkapazität am Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald. Denn ohne Überträger hätten sich ­Vögel und Pferde nicht angesteckt.

Ursache: Ungewöhnliches Wetter

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass auch bei uns mehr Menschen erkranken? Und wieso gab es im vergangenen Jahr derart viele Infizierte in Süd- und Südosteuropa und vermehrte Fälle in Österreich oder Tschechien?

Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Ursache eindeutig im ungewöhnlichen Wetter: Sehr früh und sehr lange wurde es im Süden heiß, begleitet von vielen Niederschlägen – ein wahres Brutwetter für die Mücken und die in ihnen wohnenden Viren. Genetische Daten zeigen, dass infizierte Insekten wohl zunächst Tschechien und von dort aus Deutschland erreicht hatten.

Flächendeckende Ausbreitung bleibt unwahrscheinlich

Ein wenig erinnert das Ganze an das, was die USA vor 20 Jahren erlebt haben. Dort wurde das Virus 1999 erstmals in New York in toten Vögeln gefunden. Danach breitete es sich über die gesamten USA aus. In der relativ mild verlaufenen vergangenen Saison verzeichneten die amerikanischen Behörden 2544 schwere Erkrankungsfälle, 137 infizierte Personen starben.

Professor Jonas Schmidt-Chanasit, Experte für Insekten-übertragene Viren am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, mag diese Parallele jedoch nicht ziehen. "Das Virus ist da, weil es in Insekten überwintern kann und über die Eier auf die nächste Generation übertragen wird", sagt er. "Und es wird auch nicht wieder verschwinden. Aber zu ­einem Flächenbrand wie in den USA wird es nicht kommen."

Was ihn da so sicher macht, sind die ökologisch völlig anderen Verhältnisse. "Wir haben andere Vögel und andere Mücken, bei uns kursieren noch andere Viren", erklärt der Experte. All das könne einen Einfluss auf die Infektions­­gefahr haben und noch viele andere, bisher nicht ganz verstandene Faktoren.

Wie sich die Situation in diesem Jahr entwickeln wird, ist noch offen. Einzelne Ausbrüche des West-Nil-Virus, so Schmidt-Chanasit, könne es allerdings künftig auch in Deutschland geben.