Reisen: Unterwegs trotz Handicap

Grenzenlose Reiselust? Mit Behinderung die Welt zu entdecken ist meist kein Problem – wenn die Vorbereitung stimmt

von Bettina Rackow-Freitag, 10.07.2019

Als Viktoria W. sich entschied, Menschen mit einer Behinderung auf Reisen zu begleiten, ging es nicht um Geld. Den Nebenjob zu ihrem Studium wählte sie aus Prinzip. "Menschen mit Handicap wollen genauso neue Orte entdecken wie wir alle", sagt die angehende Lehrerin.

Steht im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen B, haben die Betroffenen das Anrecht auf eine Begleitperson, die sie im Urlaub, auf Ausflügen oder bei Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln unterstützt. "Auf diese Weise soll ihnen Teilhabe am gesellschaft­lichen Leben ermöglicht werden", sagt Viktoria, die sich auf ihre Aufgabe intensiv vorbereitet hat. Sie besuchte eine Schulung des Vereins "Freizeit ohne Barrieren", lernte, wie man mit Rollstuhl eine Treppe leichter bewältigt, Windeln wechselt oder welche rechtlichen Fragen im Urlaub auftauchen können.

Barrierefrei reisen

Begleiterinnen wie Viktoria W. sind sehr gefragt, zunehmend mehr Menschen mit Behinderungen wollen verreisen. Mehr als 80 Prozent sind mit Begleitperson unterwegs.

Laut einer aktuellen Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub geht ein Drittel der 3,5 Millionen Menschen mit Mobilitäts- und mehr als die Hälfte der 1,9 Millionen Menschen mit Sinnes­einschränkung mindestens fünf Tage im Jahr auf Reisen. Im Hinblick auf den demografischen Wandel dürften die Zahlen weiter steigen.

Deshalb beginnt die Branche langsam umzudenken. Große Reiseveranstalter und auch viele deutsche Tourismusregionen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf diese Klientel eingestellt.

Das offenbart sich unter anderem in ­Kooperationsprojekten wie "Reisen für alle". Dabei prüft das Deutsche Seminar für Tourismus (DSFT) mit Betroffenen- und Tourismusverbänden Angebote auf Barrierefreiheit. Mehr als 2000 Restaurants und Hotels, Wanderwege, Kultur- und Freizeiteinrichtungen wurden bereits mit entsprechenden Labels gekennzeichnet.

Irreführende Angebote

Neben Spezialanbietern, zum Beispiel von Reisen für Blinde, die mit entsprechend ausgebildeten Reiseleitern die Welt mit Worten und anderen Sinneseindrücken erlebbar machen, wollen auch Pauschalreiseveranstalter auf dem Markt Fuß fassen. Doch bevor man dort etwas bucht, ­lieber zweimal hinschauen: Viele Angebote werden zwar als barrierefrei oder rollstuhl­­gerecht angepriesen, sind es aber nicht.

"Die Begriffe sind nicht genormt und führen teilweise auch in die Irre. Besser ist es, Detailfragen schriftlich zu klären. Dann hat man etwas in der Hand, falls es hinterher zu einer Reklamation kommen sollte", erklärt Hanna Ursin, Geschäftsführerin von BSK-Reisen, ­einer Tochtergesellschaft des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter.

Insgesamt stellt Ursin eine positive Entwicklung fest: "Die Barrierefreiheit ist inzwischen in den meisten EU-Ländern gesetzlich verankert. Wenn jetzt neue Hotels gebaut werden, sind sie meist barrierefrei."

Vorbereitet sein

Doch auch wenn sich die Bedingungen verbessern – Unsicherheit reist oft trotzdem mit. Menschen mit einer Einschränkung sorgen sich zum Beispiel, ob die medizinische Versorgung am Urlaubsort gut ist. "Egal welche Beeinträchtigung ein Mensch hat, er sollte für sich im Vorfeld klären, wo seine körperlichen Grenzen liegen", empfiehlt Ursin. Dabei könne man nicht auto­matisch davon ausgehen, am Reiseziel die gleiche Ausstattung und Versorgung wie zu Hause vorzufinden.

Die Expertin rät, vor der Buchung ­eine Merk- und Frageliste zu erstellen. So denken Menschen mit großen Rollstühlen darüber nach, wie viel Platz sie in einem Hotelzimmer benötigen, um alleine zurechtzukommen. Noch eine Empfehlung: Medikamente mit Beipackzettel, Rezepten und Schreiben vom Arzt mit ins Handgepäck nehmen. "Falls der Koffer verloren geht, ist man auf der sicheren Seite."

Viktoria W. hat sich entschlossen: Auch wenn sie als Lehrerin arbeitet, will sie weiterhin behinderte Menschen auf Reisen begleiten. "Die Erlebnisse und Begegnungen motivieren mich jedes Mal."

Zum Beispiel erinnert sie sich an eine Reise nach Ameland. Im Hotelrestaurant habe sich ein Pärchen durch geistig behinderte Gäste gestört gefühlt. Viktoria W. fasste sich ein Herz und redete offen mit den beiden. "Schließlich setzten sie sich mit an unseren Tisch." Barrierefreiheit bedeutet mehr als Hotels ohne Treppen, sie ist auch eine Haltung.

Richtig planen

Die Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn (Telefon 01 80/651 25 12) gibt Auskunft über ausgefallene Aufzüge oder Änderungen. Gehörlose und hörgeschädigte Reisende finden Infos  unter www.bahn.de/gehoerlos.

Menschen mit Handicap können je nach Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis mit Bus und Bahn in Deutschland kostenlos fahren. Das gilt auch für Begleiter.

Bei Bustouren sollten Rollstuhlfahrer nach Türbreite und Rampe fragen. Es gibt Spezialreisebusse, die entstuhlt werden können. Faltrollstühle werden nicht als Ersatz für einen Sitz akzeptiert.

Fluggesellschaften haben meist spezielle Service-Hotlines. Ebenso lässt sich bei der Online-Buchung angeben, ob man mit einem Rollstuhl zum Flieger gebracht werden muss oder Hilfe beim Einsteigen benötigt. Elektrische Rollstühle müssen angemeldet werden.

Die "Reisen-für-Alle"-Label ­kennzeichnen Hotels, Restaurants, Wege und Kulturangebote, die auf Menschen mit Handicap eingestellt sind. Mehr Infos unter: www.deutschland-barrierefrei-erleben.de.