Wie Altenpfleger ihren Beruf erleben

Rebecca H. arbeitet seit einem Jahr als Altenpflegerin in einem Seniorenhaus. Hier erzählt sie, warum Lachen manchmal Wunder wirkt und wie sie eine neue Oma bekommen hat

von Julia Rudorf, 11.03.2019

Wenn ich auf einer Party jemandem erzähle, was ich beruflich mache, sagen die meisten: "Hut ab! Super, dass es Leute wie dich gibt. Ich könnte das nicht." Dann frage ich schon nach. Häufige Antwort: Sie können sich nicht vorstellen, jemandem, ich sage mal, das Gesäß zu putzen. Als wäre das das Einzige, was man in der Pflege macht! Andere finden es befremdlich, einem alten Menschen körperlich so nahe ­zu kommen, da sind vielleicht Berührungsängste da. So richtig erklären kann es aber eigentlich keiner, was genau das Problem wäre.

Ein ganz normaler Beruf

Für mich war Pflege nie was Außergewöhnliches. Meine Mutter ist Krankenschwester und hat Oma und Opa zu Hause gepflegt, bis zum Schluss. Da war ich noch in der Grundschule und habe nie darüber nachgedacht. Es war eben so, einfach ganz normal.

Nach der Schule, mit 15, habe ich erst Malerin gelernt. Fünf Jahre lang Wände streichen und Geländer lackieren. Aber in einem Männerberuf kriegt man als Frau blöde Sprüche zu hören. Nicht immer und nicht von allen, aber schön war’s nicht. Ich hab es trotzdem durchgezogen.

Irgendwann musste ich in einem Mietshaus einen Treppenaufgang streichen. Da kam eine ältere Dame. Ich hab ihr die Einkäufe in die Wohnung getragen, sie war total dankbar. Da merkte ich zum ersten Mal, was einem die Arbeit mit Menschen gibt. Ich habe dann in Haiming im Altenheim ein Praktikum gemacht. Wollte schauen, wie das so ist. Direkt danach hab ich mich um einen Ausbildungsplatz beworben – und es keine Sekunde bereut.

Gefühlvolle Arbeit

Jeder Tag ist anders und jeder Bewohner unterschiedlich. Ich muss mich also auf die Menschen einlassen. Das mache ich auch, meine Gefühle verstecken musste ich hier noch nie. Und das mögen die Leute. Wenn man hier stur seiner Arbeit nachgeht, dann ist es wie im Sprichwort: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Gerade die dementen Bewohner sind oft nur über die Gefühlsebene erreichbar. Und dement sind hier ziemlich viele.

Wir haben 76 Bewohner, da kennt man die meisten gut. Auch ihre Vorlieben –wer zum Beispiel morgens unbedingt als Erstes im Speisesaal sein möchte. Da gehe ich dann zuerst hin. Einige waschen sich selber, Gesicht und Oberkörper. Manche Damen schminken sich auch. Wer Hilfe braucht, klingelt nach mir.

Ich helfe beim Anziehen, Rückenwaschen, Eincremen, Haarebürsten. Aber nur, wenn es nicht mehr selber geht. Alles, was die Bewohner können, sollen sie weiter selbst machen. Das ist ganz wichtig, wir fördern das. Manche jammern trotzdem. Ich sage dann: Los, auf geht’s! Ihr schafft das, ich weiß es! Je älter die Menschen, desto wichtiger ist das mit der Motivation. Wenn ich sage: Jetzt gibt’s gleich einen guten Kaffee und ein leckeres Frühstück, geht das Aufstehen bei vielen leichter.

Motivation Mann

Manchmal wirkt es Wunder, wenn ein Mann dabei ist. Wir haben zum Beispiel einen Pflegehelfer. Wenn sie ihn nur sehen, sind manche Damen gleich top motiviert. Schon deshalb fände ich es toll, wenn mehr Männer in der Pflege arbeiten würden.

Ich habe hier zwar einen Plan mit Schichten, aber nicht alles ist so planbar, wie man vielleicht denkt. Zum Beispiel, wenn Notfälle passieren. Da müssen wir dann schnell reagieren und häufig Erste Hilfe leisten, so wie wir es in der Ausbildung gelernt haben. Manchmal müssen Bewohner aber auch ins Krankenhaus. Das ist nicht immer einfach.
Wenn dort die Krankenschwestern vielleicht, ohne darüber nachzudenken, zu dementen Bewohnern sagen: "Sie kommen ja morgen wieder nach Hause!" Das weckt falsche Vorstellungen. Wenn die Bewohner dann zu uns zurückkommen, sind sie enttäuscht oder aufgebracht oder wollen weg. Denn was mal ihr Zuhause war, das haben sie natürlich nicht vergessen.

Lachen ist gesund

Was mich aufregt, ist, wenn Politiker es so darstellen, als hätten alte Menschen in Pflegeheimen praktisch keine Rechte mehr. Am liebsten würde ich Frau Merkel oder den Gesundheitsminister einladen, mal eine Woche Praktikum bei uns zu machen! Dann würden sie sehen, dass das nicht stimmt. Wir haben zum Beispiel einen Bewohner, der früher Musiklehrer war und immer noch sehr gern und gut Klavier spielt. Das darf er bei uns auch mitten in der Nacht. Wir nehmen es mit Humor.

Lachen ist so wichtig, gerade auch, wenn mal was schiefgeht. Neulich bin ich dabei, eine Bewohnerin anzuziehen. Obenrum war schon alles fertig. Dann ziehe ich ihr die Hose hoch und merke: Ich hab die Unterhose vergessen! Da sagte ich: Entschuldigen Sie bitte, da müssen wir wohl noch mal von vorne anfangen … Und wir mussten beide laut lachen, weil es so komisch war.

Beschimpfungen kommen aber auch vor. Von den Bewohnern, weil ihnen etwas nicht passt oder sie mich nicht erkennen. Viel schlimmer sind Beschimpfungen von den Angehörigen. Ich glaube, da ist oft viel schlechtes Gewissen dabei. Die Leute haben ein Problem damit, wenn sie Opa oder die Oma ins Heim bringen. Denen sage ich zwar: Bei uns geht es den Bewohnern doch gut! Trotzdem kriegt die Pflege den Ärger ab. Da muss man aufpassen, dass man einen Ausgleich hat zum Job. Ich gehe zum Beispiel Reiten, zu meinem Pferd. Da schalte ich am besten ab, wenn mich etwas belastet.

Persönliche Begegnungen

Doch die schönen Momente überwiegen. Definitiv. Eigentlich sind wir angehalten, die Bewohner mit "Sie" anzureden. Das wollen viele aber nicht. Sie lassen in die Akten eintragen, dass sie mit dem Vornamen angesprochen werden wollen. Viele Menschen mit Demenz reagieren sowieso nur auf "Du", da wird es manchmal ein Mischmasch: "Du, Herr Müller." Eine Frau hat sich speziell von mir gewünscht, dass ich sie mit "Oma" anrede. Das musste ich dokumentieren. Jetzt hab ich hier halt meine Oma. Und ich, ich bin für sie die ­Rebecca. Es ist wirklich wie eine Familie. Ich weiß nicht, in welchem Job man das sonst so hat.

Altenpflege im Job-Profil

  • Beschäftigte: Laut Pflege­statistik arbeiten in Deutschland rund 250 000 examinierte Altenpfleger. Sie betreuen rund 1,5 Millionen Pflegebedürftige, davon etwa 800 000 in stationären Einrichtungen.
  • Ausbildung: Ein mittlerer Schulabschluss oder ein Berufsabschluss ist Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger. 2100 Stunden dauert die theoretische, 2500 Stunden die praktische Ausbildung.
  • Arbeitsplatz: Altenpfleger arbeiten bei Pflegediensten oder in statio­nären Einrichtungen. Das monatliche Gehalt liegt zwischen rund 2600 und 3200 Euro brutto im Monat.