Aphrodisiaka: Liebeskraft durch Pflanzen?

Bereits in der Antike suchte man nach Potenzmitteln. Dabei wurde oft Pflanzen eine erektions- oder lustfördernde Wirkung nachgesagt. Doch welche Gewächse erfüllen die Erwartungen tatsächlich?

von Sonja Gibis, 11.10.2018

Um Aphrodite, der Göttin der Liebe, zu dienen, waren Menschen schon immer bereit, einiges zu erdulden. Man nehme frische Brennnesseln und binde diese zu einem Strauß, dann peitsche man damit die lahmen Körperglieder. So lautet ein Rezept der Volksmedizin. Zum Einsatz kam es nicht nur bei tauben Händen und Füßen – sondern auch bei andersartiger Erschlaffung. Um die Lust am Sex zu steigern beziehungsweise das körperliche Vermögen dazu, galt das nesselnde Kraut als bewährtes Mittel. "Es sollte sogar Rindern und Pferden auf die Sprünge helfen", erklärt Dr. Johannes Mayer, Leiter der Forschungsgruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.

Bei Stoffen, die auf den Bereich der geschlechtlichen Liebe wirken, denken viele heute nur an Potenzpillen. Aphrodisiaka aber sind viel mehr. Seit alters sollen sie nicht nur eine ermüdete Männlichkeit kurieren. Aufgabe der Rezepturen war es, Begehren zu wecken, beide Geschlechter zum Liebesgenuss zu reizen, diesen zu steigern oder zu verlängern. In allen Kulturen waren es dabei vor allem Pflanzen, die solche Versprechen erfüllen sollten. "Weltweit gibt es sicher mehrere Hundert Gewächse, denen eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird", so Mayer.

Brennnesseln sollten schon in der Antike die Lust auf Sex steigern

Einige davon gedeihen direkt vor unserer Haustür, wie zum Beispiel die Brennnessel. Das Peitschen mit dem Kraut lässt sich seit der Antike nachweisen. "Eine Wirkung hatte es sicher", urteilt Professorin Sabine Glasl-Tazreiter, Expertin für pflanzliche Arzneimittel an der Universität Wien. Schließlich sorgt das Nesselgift der Pflanze für eine starke Durchblutung. Aber ob das tatsächlich auch die Lust auf Sex steigert?

"In der Regel wurde die Brennnessel innerlich angewandt", weiß Medizinhistoriker Mayer. So empfiehlt ein Kräuterbuch aus dem späten 11. Jahrhundert: "Der Samen mit Wein genossen erregt die Liebeskraft, noch mehr sogar, wenn du die Pflanze reibst, mit Honig und Pfeffer vermischst und dann mit Wein trinkst." Belegen lässt sich der Effekt allerdings nicht.

Sellerie und Petersilie: Suppengemüse als Liebesmittel

Eine andere alte Liebespflanze kennt man heute als Suppengemüse: den Sellerie. Gewächse aus der Familie der Apiazeen, zu der neben dem ­Sellerie auch der Fenchel gehört, enthalten laut Glasl-Tazreiter ebenfalls Stoffe, die die Durchblutung im Lendenbereich steigern. "Eine Wirkung ist also zumindest vorstellbar", so die Expertin. Doch muss man dazu wohl größere Mengen der Knollen verzehren. Auch Otto von Bismarck, einem Liebhaber des Selleries, wurde nachgesagt, er habe diesen weniger wegen seines Geschmacks verspeist.

Nachweisen lässt sich eine Wirkung bei der Petersilie. Vor allem die Früchte enthalten den Wirkstoff Apiol, der die Muskeltätigkeit von Blase und Darm anregt – vor allem aber die der Gebärmutter. Für Frauen kann dieser Effekt gefährlich sein. Petersilienöl wurde einst als Abtreibungsmittel eingesetzt, das mitunter auch die Mutter selbst das Leben kostete. Ein alter Spruch lautet daher: "Petersilie hilft den Männern aufs Pferd, den Frauen unter die Erd."

Die Pflanzenform als Hinweis für deren luststeigernde Wirkung

Andere Pflanzen tragen die einst vermutete aphrodisierende Wirkung noch heute im Namen. So ist das Bohnenkraut auch als Saturei bekannt. "Der Name leitet sich von der Figur des Satyrn ab", erklärt Klostermedizin-Experte Mayer. Zu erkennen sind diese Mischwesen aus der griechischen Mythologie neben einem Pferdeschwanz und teils Bocksbeinen vor allem an ihrer allezeit zum Venusdienst bereiten Männlichkeit.

Bei manchen Gewächsen glaubten Kräuterkundige indessen aus der Gestalt der Pflanze oder Blüte auf eine luststeigernde Wirkung schließen zu können, wie etwa bei der Stinkmorchel oder den Aronstabgewächsen. Dahinter steckt eine Idee, die großen Einfluss auf die Volksmedizin hatte: die Lehre von den Signaturen. Nach dieser hat der Schöpfergott den Pflanzen ihre Eigenschaften gleichsam eingeschrieben. Der Kundige weiß sie zu lesen und kann ihre Wirkungen nützen. Spargel, Karotte und Meerrettich schienen daher allein durch ihre Wurzelform für den erotischen Bereich geschaffen.

Nachtschattengewäche wirken vor allem auf das Bewusstsein

In Rezepturen von Liebesmitteln stößt man zudem auf Gewächse, die auch in Hexensalben oder Zaubertränke gemischt wurden. Neben aus Mohn gewonnenem Opium handelt es sich bei den magischen Kräutern vor allem um Vertreter aus der Familie der Nachtschattengewächse wie Tollkirsche, Stechapfel und Bilsenkraut. Vermischt wurden diese – wie andere Aphrodisiaka – oft mit Wein. Schließlich wusste man schon in der Antike: Ohne Bacchus, den Gott des Weines, friert Venus.

Aber auch äußerliche Anwendungen sind bekannt. "Man strich sich eine Salbe aus Bilsenkraut auf die Innenseiten der Oberschenkel", schildert Mayer. Da die enthaltenen Gifte, sogenannte Tropan-Alkaloide, die Haut durchdringen können, dürften sich durchaus Effekte gezeigt haben – allerdings solche auf das Bewusstsein. Bis heute nutzt die moderne Pharmakologie die entspannende Wirkweise der Pflanzenstoffe. Von Selbstversuchen, etwa mit Tollkirschen, ist allerdings strikt abzuraten. Alkaloide haben heftige Nebenwirkungen und können in höherer Dosis sogar tödlich sein.

Ginseng und Safran halten wissenschaftlichen Studien stand

Gibt es wirkungsvolle Aphrodisiaka, die zudem unbedenklich sind? Vor allem milde Effekte sind nur schwer nachzuweisen. Findet man keine Inhaltsstoffe, die auf einen Effekt schließen lassen, bleibt nur der Praxistest. Doch zeigt sich hier die Macht der Psyche. "Der Placebo-Effekt ist im erotischen Bereich besonders stark", sagt Expertin Glasl-Tazreiter. Allein der Glaube an die Macht der Venusmittel kann Wirkung zeigen, vor allem wenn seelische Blockaden den Liebesgenuss hemmen. Dennoch gibt es einige Gewächse, die wissenschaftlicher Prüfung standhalten. Kanadische Forscher haben die Untersuchungen zu angeblichen Aphrodisiaka einer kritischen Analyse unterworfen.

Gut schnitten dabei Asiatischer Ginseng und Safran ab. So zeigte sich bei Personen, die zehn Tage lang Tabletten mit 200 Milligramm Safran schluckten, eine verbesserte Manneskraft. Ginseng entfaltete seine erotisierenden Effekte in Studien bei Mäusen wie Menschen und bei beiden Geschlechtern. Wirkungsnachweise fanden die Forscher auch bei einem weiteren Klassiker unter den Venusdrogen: Yohimbin. Der Extrakt aus der Rinde eines westafrikanischen Yohimbe-Baums fördert die Durchblutung in der Leistengegend sowie die sexuelle Erregung – führt aber auch zu Schwindel, Herzrasen und Schlafstörungen

Vorsicht bei "natürlichen" Potenzmitteln aus dem Internet

Wer das Geschenk der Aphrodite herbeizwingen will, muss offenbar mit Nebenwirkungen rechnen. Vor allem dann, wenn er auf angebliche Wunderrezepturen setzt. Amerikanische Urologen der Wake Forest School of Medicine in Winston-Salem machten den Test. Sie bestellten im Internet viel verkaufte, als natürlich angepriesene Potenzmittel. Das Ergebnis: 80 Prozent enthielten synthetisch hergestellte PDE-5-Hemmer wie Sildenafil, die hierzulande rezeptpflichtig sind.

Bei 20 Prozent der Präparate wurde bei der empfohlenen Menge die therapeutische Maximaldosis überschritten. "Das ist grob fahrlässig", sagt Glasl-Tazreiter. Vor allem in Kombination mit bestimmten anderen Medikamenten schadet es nicht nur dem Liebesleben – die Einnahme kann sogar tödlich sein.