Wie eine Wurzelbehandlung abläuft

Ist das Innere eines Zahns entzündet, wird eine Wurzelkanalbehandlung nötig. Auch wenn viele Patienten den Besuch beim Zahnarzt scheuen: Die Therapie kann den angeschlagenen Zahn noch jahrelang im Gebiss erhalten

von Ute Essig, 08.10.2018

Schon der Gedanke an eine Wurzelkanalbehandlung (Endontologie) bereitet vielen Menschen Zahnschmerzen. Dabei zahlt sie sich in vielen Fällen aus. "Die moderne endodontische Behandlung ist heute eine zuverlässige Methode, Zähne über einen längeren Zeitraum schmerz- und entzündungsfrei in der Mundhöhle zu erhalten", sagt Professor Christian Gernhardt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie. Endodontologie bedeutet Behandlung des Zahninneren. Wissenschaftliche Studien belegen die guten Langzeitergebnisse.

So zeigt zum Beispiel eine Analyse amerikanischer Versichertendaten, dass bei 86 Prozent der unkomplizierten Wurzelkanalbehandlungen der betroffene Zahn zehn Jahre und länger im Gebiss verbleiben kann. Speziell fortgebildete Zahnärzte erzielten sogar eine noch etwas höhere Erfolgsquote, vor allem bei Backenzähnen. Das Zahninnere besteht aus weichem Gewebe, aus Nerven, Bindegewebe, Blut- und Lymphgefäßen. Umgangssprachlich bezeichnet man es als Nerv, Zahnmediziner sprechen von Pulpa.

Wurzelbehandlung: Aufwendig und unbeliebt, aber effektiv

Eine Behandlung des Wurzelkanals schlägt der Experte immer dann vor, wenn die Pulpa entzündet ist und starke akute oder auch eher unterschwellige chronische Schmerzen auslöst. "Hauptursache dafür sind ­eine tiefe Karies, Traumata zum Beispiel nach Sportverletzungen oder Risse und kleine Frakturen im Zahn", erklärt Gernhardt. Auch infolge zahnärztlicher Behandlungen und der ­damit verbundenen Manipulation könnte eine Wurzelkanalbehandlung notwendig werden.

Doch trotz guter Erfolgsaussichten genießt die letzte Möglichkeit, einen kranken Zahn mit entzündetem Innenleben zu retten, nach wie vor einen schlechten Ruf. "Dafür müssen Techniken und Geräte eingesetzt werden, die der Patient mitunter als Belastung wahrnimmt, vor allem auch in zeitlicher Hinsicht. So kann eine Sitzung unter einem Mikroskop bis zu zwei Stunden dauern", sagt Professor Hans-Peter Jöhren von der Zahnklinik Bochum.

Der Experte beschäftigt sich auch mit der Furcht vor dem Zahnarzt und weiß, was Patienten bei endodontischen Behandlungen Angst macht. Ein Beispiel: der Kofferdam. Das ist ein Gummituch, das über den entzündeten Zahn gestülpt und mit Klammern befestigt wird. Das Tuch legt ihn trocken und schützt ihn vor Bakterien aus dem Speichel. "Der Fremdkörper im Mund führt jedoch dazu, dass manche Patienten schlechter atmen und schlucken können", sagt Jöhren. Auch die verwendeten OP-Mikroskope oder die Motoren­geräusche von Behandlungsinstrumenten lösen bei vielen Menschen großes Unwohlsein aus. 

Ziel der Notfallbehandlung ist Schmerzfreiheit

Jöhren hat die Erfahrung gemacht, dass sich Patienten deutlich beruhigen und ihre Motivation für eine aufwendige Wurzelbehandlung steigt, wenn ihre Schmerzen schnell verschwinden. Nicht zuletzt deshalb versuchen Zahnmediziner in der ersten Sitzung, die in der Regel ohnehin eine ungeplante Notfallbehandlung unter Zeitdruck ist, zunächst die Symptome zu lindern. Nach örtlicher Betäubung eröffnen sie den Zahn, damit entzündetes Gewebe abfließen kann, und legen ein keimreduzierendes und schmerzstillendes Medikament ein. Zusätzlich kommen antibakterielle Spülungen zum Einsatz. Dann wird der Zahn pro­visorisch verschlossen.

"Erst wenn die Entzündung eingedämmt ist, bereiten wir die Kanäle auf", so Jöhren. Dafür bestimmt der Arzt als Erstes die Tiefe der Hohlräume. Anschließend wird das Kanalsystem, das man sich wie eine verzweigte Baumwurzel vorstellen kann, mit feinsten Instrumenten und Spülungen gereinigt, Keime und entzündetes Gewebe sollen auch aus unzugänglichen Nischen und Kanalanteilen verbannt werden. "Wir desin­fizieren das Wurzelkanalsystem sorgfältig und effizient. Allerdings können wir es nicht sterilisieren", schränkt Gernhardt ein. Mit den verbleibenden ­Erregern müsse das Immunsystem selbst fertigwerden – wie bei jeder Wundheilung. Zum Schluss werden Kanäle und auch die Zahnkrone mit geeigneten Materialien gefüllt.

Trotz Zuzahlung: Wurzelbehandlung ist billiger als ein Implantat

Komplikationen und Schmerzen während oder nach einer Wurzel­behandlung deuten laut dem Endontologen Gernhardt darauf hin, dass die Entzündung noch nicht aus­gemerzt ist. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Zahnarzt nicht alle Kanäle entdeckt oder sie nicht in ihrer kompletten Länge aufbereitet und gefüllt hat. Doch nicht nur die Behandlung des Zahninneren, sondern auch die Versorgung danach entscheidet über die Lebensdauer des Zahns. Reicht eine Füllung? Oder eine Teilkrone? Oder muss der Zahn mit einer Vollkrone stabilisiert werden?

Steht eine Wurzelkanalbehandlung an, sollten Patienten mit dem Arzt über die anfallenden Kosten sprechen. In der Regel sind private Zuzahlungen fällig, vor allem wenn Hilfsmittel wie zum Beispiel ein Operationsmi­kroskop zum Einsatz kommen. Manche privaten (Zusatz-)Versicherungen erstatten die Kosten für zahnerhaltende Maßnahmen. Unter dem Strich sind die Extra-Kosten meist geringer als die Ausgaben, die entstehen würden, wenn der Zahn gezogen und etwa durch ein Implantat ersetzt werden müsste. Im günstigsten Fall erhält eine Wurzel­kanalbehandlung also nicht nur den Zahn, sondern hilft auch noch Geld sparen.

Antibiotika-Prophylaxe bei künstlichen Herzklappen

Patienten mit künstlichen Herzklappen sollten ihren Zahnarzt informieren. Vor einer Wurzelbehandlung müssen sie Antibiotika nehmen. Diese verhindern, dass sich Keime aus der Mundhöhle an den Herzklappen festsetzen und eine Entzündung hervorrufen.