Blutdruck Tagesprofil: Was es aussagt

Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen zu können, sollte man seine Blutdruckwerte ­kennen - und wissen, wie sie sich im Lauf von 24 Stunden verändern

von Julia Rudorf, 04.07.2018

Manchmal ist der Blutdruck ein Sensibelchen. Christa Brede, medizinische Fachangestellte in einer kardiologischen Praxis in München, kennt das aus Erfahrung. Etwa dann, wenn Patienten zur Kontrolle in die Praxis kommen: "Bei manchen macht es einen großen Unterschied, ob ich den Blutdruck messe, oder ob es der Herr Doktor macht."

Beim Arzt schießt der Blutdruck nach oben

Schon die Anwesenheit des Arztes und ein bisschen Nervosität können die Werte in die Höhe steigen lassen. Dann ist von der Praxishypertonie oder vom sogenannten Weißkittelsyndrom die Rede. "Manche Menschen sind vielleicht in der Praxis etwas aufgeregt, unsicher oder fürchten eine negative Diagnose vom Arzt. Das kann sich direkt auf den Blutdruckwert niederschlagen", erklärt Professor Wolfram Delius, niedergelassener Kardiologe in München.

Blutdruckwerte sind entscheidende Größen in der Medizin. Sie geben nicht nur Auskunft über die Druckverhältnisse in unseren Gefäßen, sondern liefern Hinweise auf den Zustand des Herz- Kreislauf-Systems. Ist der Mensch gesund, passt sich der Druck an die jeweilige Situation an. Er sinkt im Schlaf, er steigt beim Sport. Ein ständig erhöhter Blutdruck bedeutet für die Gesundheit auf Dauer nichts Gutes: Eine Herzschwäche, ein Infarkt oder Schlaganfall, ein Nierenschaden oder auch Demenz können die Folge sein. Doch dass die Werte zu hoch sind, merkt der Mensch selbst meist nicht.

Die Deutsche Hochdruckliga geht da­von aus, dass etwa jeder dritte Erwachsene zu hohen Blutdruck hat. Dann zeigt das Messgerät Werte von über 140 zu 90 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule). Bis zu sechs Millionen Menschen sind vermutlich betroffen, ohne es zu wissen.

60 Messungen in 24 Stunden

Eine Blutdruckmessung kann der Arzt durchführen, auch viele Apotheken bieten den Service an. "Um zu entscheiden, ob jemand zu hohen Druck hat, der medikamentös behandelt werden muss, reicht eine einmalige Messung jedoch nicht aus", sagt Professor Bernd Sanner, Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruck­liga. Deshalb werden die Werte mehrmals an verschiedenen Tagen ermittelt. Um eine sichere Diagnose zu erhalten, können Ärzte auch eine 24-Stunden-Messung empfehlen.

Für diese Langzeitmessung wird dem Patienten eine Blutdruckmanschette angelegt, meist am linken Oberarm. Ein Gummischlauch führt von der Manschette zu einem Messgerät, das in etwa so groß ist wie ein Federmäppchen. Da sich die Manschette in den folgenden 24 Stunden regelmäßig aufpumpt, sollten die Kleidungsstücke nicht zu eng anliegen. Der Schlauch wird vom Arm um den Hals geführt, das Gerät hängt wie eine kleine Handtasche vor dem Oberkörper und ist unter Pullover oder Jacke kaum sichtbar.

Tagesprofil mit Höhen und Tiefen

In bestimmten Intervallen pumpt sich die Manschette automatisch auf: tagsüber etwa alle 15 Minuten, nachts jede halbe Stunde. Die Werte, die das Gerät dabei ermittelt, werden automatisch gespeichert. Im Lauf von 24 Stunden kommen so etwa 60 Messungen zusammen, die der Computer anschließend als Diagramm mit Spitzen und Tälern ausgibt (siehe Infografik). "Ein Blutdruck-Tagesprofil zeigt wesentlich genauer, wie sich der Druck über den Tag hinweg verändert", sagt Sanner.

Darin wird zum Beispiel sichtbar, ob der Patient nur in der Praxis etwas auf­­geregt, aber sonst gesund ist. In der Langzeitmessung zeigen sich auch andere und problematischere Phänomene: etwa die sogenannte "maskierte Hypertonie". ­"Dabei ist der Blutdruck beim Arzt im normalen Bereich, jedoch bei der Arbeit und im Alltag gefährlich erhöht", erklärt Dr. Ste­phan Lüders, leitender Oberarzt am St.-Josefs-Hospital in Cloppenburg.

Risiken sichtbar machen

Für eine Studie untersuchten er und Kollegen mehr als 1000 Teilnehmer, deren Blutdruck sich bei der Praxismessung im "hochnormalen" Bereich bewegte: Entweder lag der obere (systo­lische) Wert zwischen 130 und 139 oder der untere (diastolische) zwischen 85 und 89 mmHg. Oder auch beide Werte lagen in diesen Bereichen. Bei rund jedem dritten Teilnehmer zeigten sich in der Langzeitmessung jedoch höhere und behandlungsbedürftige Werte, die sonst nicht entdeckt worden wären.

"Diese Zahlen decken sich in etwa mit denen aus anderen Studien zum Bluthochdruck", sagt Lüders. Betroffen seien häufig jüngere Menschen, die im Berufsleben stehen und dort womöglich großen Stress empfinden. "Das sind nicht immer nur Manager, sondern können auch Paketboten oder Fabrikarbeiter sein."

Wichtig: Selbstmessung

Viele Ärzte berücksichtigen bei der Behandlung von Bluthochdruck auch die Werte, die Patienten selbst er­mitteln – sie gelten als besonders zuverlässig. Wie wichtig die sogenannte Selbstmessung für den Therapie­erfolg ist, zeigte auch eine aktuelle Studie im Fachmagazin Lancet: Pa­tienten, bei denen die Therapie per Selbstmessung kontrolliert wurde, hatten nach einem Jahr deutlich bessere Blutdruckwerte. Das sollten Sie bei der Selbstmessung beachten:

  • Beim Kauf genau hinschauen. Die Deutsche Hochdruckliga vergibt für besonders zuverlässige Geräte ein Prüfsiegel. Eine Übersicht finden Sie unter www.hochdruckliga.de 
  • Lassen Sie sich die Benutzung des Geräts vor der Benutzung erklären.
  • Beim ersten Mal an beiden Armen messen und vergleichen. Ist der Wert auf einer Seite höher, sollte danach dort gemessen werden.
  • Richtige Manschettengröße: Die Breite sollte etwa dem halben Oberarmumfang entsprechen.
  • Achten Sie auf die Position: Die Manschette sollte auf Herzhöhe ­liegen, den Arm nicht durchstrecken.
  • Sitzen Sie entspannt, Beine nicht überkreuzen, und reden Sie nicht währenddessen – auch das kann den Blutdruck erhöhen.
  • Messen Sie einmal täglich, vor der Einnahme der Tabletten. Allzu häufiges Messen bringt nichts.
  • Werte dokumentieren: Organisationen wie die Deutsche Hochdruckliga bieten eigene Formulare dafür an.
  • Zu Selbstmessungen rät die Hoch- druckliga Bluthochdruck-Patienten und Menschen über 50 Jahre. Als normal gilt der Druck, wenn er unter dem Grenzwert von 135/85 mmHg liegt.

Wichtig: Den Alltag erfassen

Langzeitmessungen sollten an einem möglichst normalen Tag durchgeführt werden. Für ein realistisches Bild sind sie im gewohnten Alltag wichtig, auch in belastenden Momenten. "Autofahren etwa gehört für viele zu klassischen Stress-Situa­tionen – den Weg zur Arbeit erkennt man im Tagesverlauf oft sehr deutlich", sagt Sanner.

Auch im Büro kann der Blutdruck in die Höhe schnellen. Etwa wenn es zu Konflikten kommt oder etwas besonders schnell gehen muss. Am Wochenende fehlen solche Momente im Protokoll. Der Blutdruck sieht dann mitunter besser aus, als er es eigentlich ist.

Augen auf die Nachtstunden

Die Nachtstunden sind bei der Langzeitmessung für Mediziner besonders interessant. "Im Schlaf sind viele andere Einflussfaktoren auf den Blutdruck ausgeschaltet", erklärt Sanner. Wenn die Anspannung des Tages weicht und sich der Mensch im Schlaf erholt, sinkt auch der Blutdruck.

Bei Gesunden liegen die Werte in der Nacht um etwa 10 bis 20 Prozent niedriger. Diesen Effekt nennen Mediziner "Dipping", was so viel wie Absenkung bedeutet. Bei der Langzeitmessung ist dann ein deutliches Abfallen der Kurve zu erkennen. Wenn das Dipping jedoch kaum sichtbar ist oder die Werte so hoch sind wie am Tag, gilt das meist als Warnsignal. Zum Beispiel ist das Risiko für einen Schlaganfall deutlich erhöht. Manchmal sind auch sogenannte Schlaf­apnoen, bei denen die Atmung im Schlaf zeitweise aussetzt, die Ursache für hohen Blutdruck.

Schlafen trotz Pumpgeräusch

So wichtig die Langzeitmessung sein mag, manche Patienten empfinden sie als unangenehm. Anfangs stören sie sich an den Pumpgeräuschen oder dem Engegefühl am Arm. Doch verlässliche Alternativen gibt es bisher nicht – neue Messmethoden, die ohne die Manschette auskommen, wurden noch nicht ausreichend getestet.

Auch bei der Messung zu Hause oder in der Praxis ist die Gewöhnung mitunter entscheidend. Wenn Patienten in die Praxis kommen, lässt ihnen die Sprechstundenhilfe Christa Brede vor dem Anlegen der Manschette genug Zeit, mindestens zehn Minuten. Und wenn die Werte dann trotzdem ungewöhnlich hoch sind, etwa weil der Herr Doktor misst? Dann wird die Messung wiederholt. Oder der Arzt verlässt den Raum: "Das kann den Blutdruckwert manchmal auch spontan senken."