Ersthelfer-Apps: Smarte Lebensretter

Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute. Mithilfe spezieller Apps können Rettungsleitstellen künftig Ersthelfer zum Leblosen lotsen. So können diese den Patienten reanimieren, bis der Rettungwagen eintrifft

von Dr. Achim G. Schneider, 12.07.2018

Wenn der Rettungswagen vorfährt, sind seit einem Notruf oft mehr als acht Minuten verstrichen. Zu lange für einen Menschen mit Herzstillstand. Bereits nach drei bis fünf Minuten beginnen Gehirnzellen abzusterben. Selbst wenn die professionellen Retter es schaffen, den Leblosen später zu reanimieren, hat dieser häufig schwere Schäden erlitten.

Nach dem Notruf muss also sofort die Herzdruckmassage beginnen – wenn jemand leblos daliegt, auf nichts reagiert und nicht atmet. Das schnelle und kräftige Drücken auf den Brustkorb erzeugt genug Blutfluss, um das Gehirn mit dem nötigsten Sauerstoff zu versorgen. Die Reserven im Körper genügen meist, um einige Minuten zu überbrücken. Wer es kann, sollte den Leblosen zusätzlich beatmen.

Apps lotsen hilfswillige Laien zum Betroffenen

Doch leider passiert nach dem Notruf zu oft erst mal nichts. Nur bei jedem dritten Herzstillstand haben Ersthelfer mit dem Wiederbeleben begonnen, wenn professionelle Retter eintreffen. So die Daten des Deutschen Reanimationsregisters. Immerhin ein Fortschritt gegenüber 2010, als nur bei jedem Achten sofort die Reanimation versucht wurde. In Schweden indes liegt die Quote bei 70 Prozent. Dort hat fast jeder Erwachsene die Herzdruckmassage in Kursen geübt.

Viele Akteure und Initiativen arbeiten darauf hin, Ähnliches auch hierzulande zu erreichen. Doch es gibt weitere Ansätze, um mehr Menschen als bislang erfolgreich wiederzubeleben. Einer nutzt dazu die technischen Möglichkeiten moderner Mobiltelefone. Firmen haben in den letzten Jahren Software (Apps) entwickelt, die Hilfswillige im Notfall schnell ortet.

So funktionieren Ersthelfer-Apps: Eine Software alarmiert freiwillige Helfer, die sich zufällig in der Nähe des Leblosen befinden. Sie werden per Handy benachrichtigt und von der App zur Notfallstelle gelotst (bitte per Klick auf den Pfeil einzelne Schritte abrufen)

 

 

"So erfährt die Rettungsleitstelle, wer gerade in der Nähe ist, und schickt zwei bis drei Ersthelfer zum Patienten. In etwa 50 Prozent der Fälle treffen sie vor dem Rettungsdienst ein", erklärt Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung. Er beruft sich auf Analysen in Schweden.

Freiwillige Helfer sind schneller vor Ort als der Rettungsdienst

Mittlerweile liegen auch erste Erfahrungen in Deutschland vor. Beispielsweise aus Lübeck und Elmshorn mit der Ersthelfer-App "Meine-Stadt-rettet". Über 600 Freiwillige konnte man dort für die Teilnahme gewinnen. "Darunter befinden sich viele Polizisten und Feuerwehrleute, die beruflich mit Notfällen zu tun haben. Doch rund jeder Dritte ist ein Laie", sagt Dr. Christian Elsner, Direktor des Campus Lübeck an der Univer­­sitätsklinik Schleswig-Holstein, der die Aktivitäten ­koordiniert. Für Laien besteht die Anforderung, vorher zumindest einen zweieinhalbstündigen Reanimationskurs zu absolvieren und diesen alle zwei Jahre zu wieder­holen.

Erste Ergebnisse wurden im vergangenen Juni veröffentlicht: Nach durchschnittlich vier Minuten war in Lübeck ein Freiwilliger am Notfallort. Und gut jeder Dritte schaffte es mindestens drei Minuten vor dem Rettungswagen. Jetzt wird das System auch in anderen Gebieten getestet. "Ende des Jahres wollen wir zuverlässige Daten für ganz Schleswig-Holstein vor­legen", sagt Elsner. Dann wird man wissen, wo das Warnsystem am besten funktioniert und was noch zu verbessern ist.

Rasante Entwicklung: Einheitliche Standards fehlen

"Meine-Stadt-rettet" wurde von der Europäischen Gesellschaft für Herzrhythmusstörungen entwickelt. Doch es gibt noch weitere Ersthelfer-Apps von anderen Anbietern. Sie heißen "Mobile Retter", "FirstAED" und "corhelp3r" und werden in anderen Bundes­ländern erprobt. Nähere Informationen sind auf den jeweiligen Internetseiten der Projekte zusammen­­gefasst. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung be­für­wortet den flächendeckenden Aufbau solcher Systeme.

"Wir haben im Moment eine rasante Entwicklung", sagt Bernd Böttiger, "leider in der Art eines Flickenteppichs. Jedes System hat seinen eigenen Standard. Keines ist mit den anderen kompatibel." Intensivmediziner Böttiger fordert klare Vorgaben aus der Politik, um eine Vereinheitlichung zu erzielen. So könnte ein Ersthelfer aus Schleswig-Holstein künftig auch dann Leben retten, wenn er sich gerade in einem anderen Bundesland aufhält.