Apothekensterben: Darum schließen Filialen

Immer mehr Apotheken müssen schließen, vor allem in ländlichen Gebieten. Die Gründe für das Apothekensterben und was die Politik dagegen unternehmen sollte

von Barbara Kandler-Schmitt, 09.07.2018

Die Zahl sinkt stetig: Ende 2017 wurde mit 19 748 Apotheken der ­tiefste Stand seit dreißig Jahren in Deutschland erreicht. Zudem werden immer weniger Filialen eröffnet. "Wenn so viele Apotheker keine Perspektive mehr für eine Existenz als Selbstständige sehen, liegt das nicht nur am scharfen Wettbewerb, sondern leider auch an den politischen Rahmen­bedingungen", betont Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

Besonders hart trifft es kleinere Apotheken in strukturschwächeren Gebieten wie Schleswig-Holstein: In keinem anderen Bundesland wurden in den vergangenen acht Jahren so viele Apotheken geschlossen. Dort ist mittlerweile jede zehnte Apotheke verschwunden. Doch warum geben immer mehr Inhaber auf?

Apotheker finden weder Nachfolger noch Fachkräfte

"Die Apotheker der Babyboomer-Generation nähern sich dem Rentenalter und finden oft keine Nachfolger", erklärt Schmidt. Auch qualifizierte Fachkräfte wie pharmazeutisch-technische Assistenten und pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte seien zunehmend schwer zu finden. Daher bleibe vielen älteren Kollegen nichts anderes übrig, als ihre Apotheke nach jahrzehntelangem Engagement für die Menschen vor Ort zu schließen.

Eine Entwicklung, die durch den Ärzteschwund auf dem Land noch verschärft wird. Offenbar halten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen viele junge Pharmazeuten vom Schritt in die Selbstständigkeit ab. "Während in der Öffentlichkeit noch ­immer die Mär von den Apothekenpreisen kursiert, sind wir schon lange von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt", bedauert ABDA-Präsident Schmidt. "Kein Wunder, dass junge Kollegen kein Vertrauen mehr in die Zukunft haben."

Bedrohliche Konkurrenz: Der Versandhandel im Internet

Zudem machen es Politik, Krankenkassen und Medien dem Berufsstand nicht gerade leicht: ausufernde Bürokratie, aufwendige Dokumentationspflichten, hohe bauliche Auflagen und immer wieder die Diskussion, "wozu es denn überhaupt noch Apotheken vor Ort braucht, wo man doch heute alles im Internet bestellen kann", sagt Schmidt. Besonders negativ wirkte sich schließlich ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus: Im Oktober 2016 hatte er beschlossen, dass sich ausländische Versandapotheken nicht mehr wie deutsche Apotheken an die einheitlichen Preise für rezeptpflichtige Medikamente halten müssen.

"Damit wurden extrem unfaire Wettbewerbsbedingungen geschaffen", sagt Erik Modrack, Apo­thekeninhaber aus Schwalbach und Delegierter der Landesapothekerkammer Hessen. ABDA-Präsident Schmidt bestätigt: "Um bei rezeptpflichtigen Medikamenten wieder ein­heitliche Preise herzu­stellen, brau­chen wir ein generelles Versandhandelsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel." 

Apotheken erhalten wenig Geld von den Krankenkassen

Für Modrack stellt der Versandhandel jedoch nicht das Hauptproblem dar: "Der Abwärtstrend begann bereits 2010 und ist auf die chronische Unterfinanzierung des ganzen Systems zurückzuführen." Obwohl die Einnahmen der Krankenkassen seit 2004 um 61 Prozent gestiegen seien, hätten die Apotheken davon kaum profitiert.

Pro abgegebene Packung erhalten sie für verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel nur drei Prozent vom Apothekeneinkaufspreis und einen Fixzuschlag in Höhe von derzeit 8,35 Euro. Das Honorargutachten des Bundeswirtschaftsministeriums erscheint vor diesem Hintergrund wie blanker Hohn: Die Gutachter hatten errechnet, dass sich das Apothekenhonorar jährlich um durchschnittlich 40 000 Euro pro Apotheke senken ließe.

"Sollten diese Empfehlungen jemals umgesetzt werden, würde das für rund 7600 Apotheken das wirtschaftliche Aus bedeuten", sagt Modrack. "Die flächendeckende Versorgung ist dann nicht mehr gewährleistet."

Leidtragende sind Senioren, Familien und chronisch Kranke

Was das für die Patienten bedeutet, lässt sich derzeit noch gar nicht absehen. Leidtragende sind vor allem Senioren mit eingeschränkter Mobilität, chronisch Kranke, die auf intensive pharmazeutische Betreuung angewiesen sind, und junge Familien, die auch nachts schnell mal Hilfe für die Kinder brauchen. "Vor allem in ländlichen Regionen gäbe es keinen Notdienst mehr in erreichbarer Nähe", sagt Modrack. "Auch die Versorgung mit dringend benötigten Arzneimitteln, individuellen Rezepturen und Betäubungsmitteln wäre gefährdet." Von Arzneimittelsicherheit und individueller Beratung durch den Apotheker vor Ort ganz zu schweigen.

Mittelfristig seien zudem viele der rund 160 000 regionalen Arbeitsplätze gefährdet – darunter viele familienfreundliche Teilzeitstellen. Deshalb hofft Schmidt, in Gesundheitsminister Jens Spahn künftig einen kon­struktiven Ansprechpartner zu finden: "Neben der Beschränkung des Versandhandels auf verschreibungsfreie Medikamente brauchen wir neue Modelle, wie sinnvolle zusätz­liche Versorgungsleistungen der Apotheken finanziert werden können. Und wir brauchen mehr Ausbildungs­plätze für den Nachwuchs."

Der Apothekerberuf müsse für junge Leute wieder attraktiver werden. "Ohne Vertrauen in die Zukunft werden wir dem Versandhandel bald nichts mehr entgegensetzen können." Auch Modrack sieht großen Handlungsbedarf: "Der Versandhandel braucht das Apothekensterben, damit dann in unterversorgten Gebieten ein Markt für ihn entsteht", sagt er. "Daher ist jedes vor Ort eingelöste Rezept auch eine Stimme für die Apotheke vor Ort."