Warum der Gipsverband ausgedient hat

Knochenbrüche werden nur noch selten mit einem Gips versorgt. Mittlerweile fixieren Ärzte die Knochen in einer Operation durch Schrauben oder Platten. Danach erfolgt die Ruhigstellung mit Orthesen

von Diana Engelmann, 05.07.2018

Anhalten, jetzt! Der Radfahrer sieht noch den Hund, wie er von rechts angerannt kommt. Er bremst, aber vor Schreck mit der Vorderradbremse, und schon ist es passiert. Er fliegt über den Lenker, stürzt auf die Straße. Danach geht erst mal nichts mehr. Sein Unterschenkel: seltsam verdreht. Gebrochen, wie sich in der Klinik herausstellt.

Heutzutage folgt auf solche Unfälle meistens nicht mehr, woran sich viele noch aus Kindheitstagen erinnern: ein schwerer Gips, der das Bein sechs bis acht Wochen zur Ruhe zwingt, unter dem es irgendwann furchtbar zu jucken anfängt und der bereits nach ein paar Tagen nicht mehr weiß ist. Die Therapie bei Knochenbrüchen hat sich weiterentwickelt.

Brüche werden mittlerweile durch eine Operation versorgt

"Der Weißgips war früher die Regel, heute ist er die Ausnahme", sagt Professor Reinhard Hoffmann, ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main. Heute versuchen Mediziner in vielen Fällen, Brüche in einer Operation mit Schrauben, Platten oder Nägeln zu fixieren.

Das Ziel ist es, die sogenannte Übungsstabilität zu erreichen, damit Patienten Muskeln und Gelenke, welche die betroffene Stelle umgeben, frühzeitig wieder bewegen können. "Das hat den Vorteil, dass die an den Bruch angrenzenden Gelenke nicht so versteifen und die Muskeln nicht so sehr verkümmern", sagt Dr. Ludwig Seebauer, Chefarzt des Zentrums für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin am Klinikum Bogenhausen in München.

Ein Gips bringt nämlich einige Nachteile mit sich. Neben steif gewordenen Gelenken, abgebauten Muskeln und Sehnen, die verkleben können, leidet die Haut, da kaum Luft an die Stelle gelangt. Auch kann durch fehlende Bewegung eine Thrombose entstehen, gerade bei Beinbrüchen. Zudem wird der Knochen durch langes Ruhigstellen porös und entkalkt. "Er braucht einen mechanischen Reiz, um sich zu erhalten", erklärt Hoffmann.

Nach einer Operation ist der Patient schneller wieder mobil

Überdies kommt es auf den Bruch an. Konnte man ihn mit Schrauben oder einer Platte gut stabilisieren, benötigt der Patient hinterher meistens nicht einmal eine Orthese. So heißen die ­modernen Schienen, die den Gips bei Brüchen oder Bänderrissen abgelöst haben. "Die Patienten beginnen frühzeitig nach dem Eingriff mit Kranken­gymnastik", sagt Hoffmann. Auch können Implantate mittlerweile oft ein Leben lang im Körper bleiben.

Haben Patienten schwache Knochen, etwa ältere Menschen mit Osteoporose, kann es passieren, dass Schrauben im Knochen nicht so gut greifen. In solchen Fällen stützt man die behandelte Stelle zusätzlich mit einer Orthese. ­Darüber hinaus werden manche Knochenbrüche nach wie vor konservativ behandelt – also ausschließlich ruhig gestellt. Welche Methode angewendet wird, hängt vom Bruch ab und vom­ ­Patienten.

"Etwa zwei Drittel der Handgelenkbrüche werden operiert, ein Drittel wird konservativ behandelt", sagt Seebauer. Ein Vorteil der OP: Man kann bereits am Tag nach dem Eingriff die Hand wieder bewegen, etwa eine Tasse Kaffee zum Mund führen oder sich waschen. Beim Oberarmkopfbruch, der häufigsten Fraktur bei älteren Menschen, liegt das Verhältnis etwa bei 50 zu 50, Schenkelhalsbrüche werden zu rund 95 Prozent operiert.

Ruhigstellen mit Kunststoffschienen oder Orthesen

"Bei alten Patienten ist eine Operation nicht immer die beste Wahl", so Unfall­chi­rurg Hoffmann. Häufig muss die Stelle nachher mit einer Orthese geschützt werden. "Senioren stützen sich eher aus Versehen auf den operierten Arm, wenn sie die Schiene oder einen Schlingenverband abgenommen haben." Eine Operation birgt zusätzlich ein Infektionsrisiko. Laut Hoffmann beträgt es aber weniger als ein Prozent bei ­geplanten Eingriffen.

Zum Ruhigstellen wird heutzutage vor allem Kunststoff verwendet. "Er ist leichter als Gips und damit angenehmer zu tragen", sagt Seebauer. Oder ruhig stellende Orthesen. Ein Vorteil: Man kann sie abnehmen, um die Stelle zu waschen. Ärzte versuchen das Hilfsmittel so anzulegen, dass die betroffene Zone immobil ist, aber die angrenzenden Gelenke so beweglich wie möglich bleiben.

Gesunde dürfen bald mit halbem Körpergewicht auftreten

Häufig geht es um das Sprung- oder Kniegelenk, das bei einem Unterschenkelbruch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dort verwendet man Spezialorthesen, die das Ganze so ruhig wie möglich halten und mit denen der Patient aber trotzdem teilweise auftreten kann. Wie sehr, hängt von der Verletzung und dem Zustand des Knochens ab.

"Ein 60-Jähriger ohne Osteoporose kann oft rasch mit dem halben Körpergewicht auftreten", sagt Seebauer. Damit der Patient ein Gefühl dafür bekommt, wie sich das anfühlt, nimmt ­­Seebauer eine Personenwaage zu Hilfe. Gestützt von seinen Krücken, steigt der Patient mit dem betroffenen Fuß so fest auf die Waage, bis sie die Hälfte seines Körpergewichts anzeigt.

Fachleute sind auch wegen der aufwendigeren Nachbehandlung vom Weißgips abgekommen. "Er lockert sich oder verschiebt sich. Dann muss er mit einem Keil stabilisiert oder gewechselt werden", sagt Hoffmann. Alles in allem spricht also nicht mehr viel für den guten alten Gips.