Depressionen: Ursachen, Symptome, Hilfe

Depressionen werden zwar immer häufiger diagnostiziert. Dennoch kursieren nach wie vor zahlreiche Missverständnisse über die Erkrankung – zum Schaden der Patienten

von Diana Engelmann, 16.05.2018

Depressionen gelten als Volkskrankheit. Laut Robert-Koch-Institut sind in Deutschland 11,6 Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben davon betroffen. Trotzdem wissen viele Menschen nicht gut über die Erkrankung Bescheid. Wie groß die Informationslücken sind, hat kürzlich eine Umfrage der Deutschen Depressionshilfe gezeigt. 

Demnach meinten knapp ein Fünftel, Depressiven würde es helfen, sich zusammenzureißen. Genauso viele der Befragten waren der Meinung, Schokolade könne das Leiden lindern, und knapp 80 Prozent glaubten, ein Urlaub würde das Problem lösen. Das alles stimmt nicht. Kein Erkrankter könne sich zusammennehmen, betont die Depressionshilfe.

Stress wird überschätzt

"Depressionen sind eine ernsthafte Erkrankung", sagt Professor Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Ein Bündel von Ursachen führt dazu, dass sie ausbricht. Doch auch darüber kursieren viele Fehlinformationen.

So glauben 95 Prozent der Befragten, dass Schicksalsschläge oder Stress im Job Depressionen auslösen. Damit würden belastende Lebensereignisse für die Entstehung der Erkrankung überschätzt, sagt Hegerl. Biologische Ursachen spielen eine mindestens ebenso große Rolle. Doch viele Menschen wissen nicht, dass während einer Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist und dass das Risiko für die Erkrankung vererbt wird. "Man bekommt auch bei viel Stress keine Depression, wenn man keine Veranlagung dazu hat", so Hegerl.

Weil das psychische Leiden immer noch stigmatisiert und tabuisiert wird, erhalten viele Betroffene keine Hilfe. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass über die Hälfte der schweren Depressionen nicht als solche diagnostiziert werden. Fachleute in Deutschland betonen immer wieder, dass die meisten Suizide hierzulande auf eine unbehandelte Depression zurückzuführen sind.

Traurigkeit und innere Leere über mehrere Wochen

Wann also sollte man sich Hilfe holen? Wann sollten Angehörige und Freunde aufhorchen? Zu den Hauptsymptomen der Erkrankung gehört vor allem das Grundgefühl tiefer Traurigkeit und innerer Leere. Wer sich mindestens 14 Tage lang über nichts freuen kann oder sich ständig erschöpft fühlt, könnte an Depressionen leiden.

"Ich persönlich finde zwei Wochen ein bisschen kurz", sagt Professor Tom Bschor, Leiter der Abteilung für Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin. Schließlich könne zum Beispiel eine Trauerphase auch mal länger dauern. "Hält der Zustand aber über vier, sechs oder acht Wochen an, spricht das für etwas Krankhaftes." Dann sollte man den Hausarzt aufsuchen – auch um andere Erkrankungen auszuschließen. Er überweist gegebenenfalls an einen Psychotherapeuten oder Psychiater.

Depressive können unter verschiedenen Symptomen leiden

Depressionen haben sehr viele Gesichter. Manche Betroffene leiden unter Selbstzweifeln, Ängsten oder Schuldgefühlen. Andere können sich nur noch schlecht konzentrieren, werden aggressiv und gereizt. Als ein häufiges Anzeichen gelten mittlerweile Schlafstörungen. Typischerweise finden Menschen mit Depressionen schlecht in den Schlaf, liegen nachts immer wieder wach und stehen sehr früh auf.

Eine gesicherte Diagnose stellen kann letzten Endes nur ein Fachmann. "Ältere Menschen frage ich, ob sie mit guten Gefühlen an ihre Enkel denken", berichtet etwa Bschor. "Die Kleinen sind in der Regel positiv besetzt." Depressive berichten aber oft, dass sie gar nichts mehr spüren, sich abgeschnitten fühlen, wie betäubt, dumpf und taub. 

Schwere Depression: Auch Wahnvorstellungen sind möglich

Eine besondere Ausprägung einer schweren Depression ist der depressive Wahn. Betroffene halten an einer unverrückbaren Überzeugung fest, die nicht stimmt. Typische Themen: Ich werde verarmen, unter der Brücke landen. Ich habe Schuld auf mich geladen. Ich leide an einer schlimmen Krankheit, Aids oder Krebs. "Selbst wenn alle medizinischen Untersuchungen das Gegenteil belegen", sagt Bschor.

Eine seiner Patientinnen ließ der Gedanke nicht mehr los, sie würde demnächst nackt und beschämt dastehen, hätte nicht genügend Kleider. "Da hilft es auch nicht, den gefüllten Kleiderschrank zu zeigen", so Bschor. Weitere Maximalformen sind der depressive Stupor, bei dem Patienten wie erstarrt daliegen. Oder starke und drängende Selbstmordgedanken.

"Die meisten Depressionen sind leicht bis mittelschwer", sagt Experte Bschor. Doch auch diese Ausprägungen können großen Leidensdruck verursachen. Viele Betroffene müssen sich zu jeder alltäglichen Aufgabe aufraffen, regelrecht zwingen. Aufstehen, anziehen, Haare frisieren – alles macht Mühe. "Man ist nicht mehr in der Lage, über den Tellerrand des Negativen hinwegzusehen", sagt Dr. Gabriele Schleuning, Psychiaterin und Chefärztin der Kliniken des Bezirks Oberbayern, unter anderem des Münchner Atriumhauses, einer psychia­trischen Notfallambulanz für Krisen.

Depressionen können verschwinden, aber Rückfälle sind möglich

Wie aber kommt man da wieder heraus? Die gute Nachricht: Depressionen können verschwinden, mitunter auch ohne Therapie. Allerdings braucht das seine Zeit. "Im Schnitt vergeht eine unbehandelte Depression nach wenigen Wochen bis mehreren Monaten", so Schleuning. Bei rund 40 Prozent der Menschen, die es einmal erwischt hat, bleibt es bei diesem einen Mal – zumindest in einem Zeitraum von fünf Jahren nach der Erkrankung, wie eine große Schweizer Beobachtungsstudie aus den 80er-Jahren gezeigt hat. 

Umgekehrt bedeutet dies aber auch: Bei den meisten Patienten kommt es irgendwann zu einem Rückfall. Depressionen verlaufen in Schüben. Auf eine Phase ohne Symptome kann wieder eine Krankheitsphase folgen. Experten raten jedem, bei dem einmal eine Depression diagnostiziert worden ist, auf mögliche Anzeichen eines erneuten Schubes zu achten – und gegebenenfalls einen Arzt aufzusuchen.

Verhaltenstherapie und Antidepressiva

Depressionen sollten immer behandelt werden, je früher desto besser. "Wegen des hohen Leidensdrucks und der ständigen Hoffnungslosigkeit ist die Gefahr eines Suizids ein häufiger Begleiter der Depression", warnt Experte Hegerl vom Uniklinikum Leipzig. Die besten Wirksamkeitsnachweise gibt es für die kognitive Verhaltenstherapie. Sie soll die Widerstandsfähigkeit trainieren und Strategien vermitteln, um schwierige Situationen besser zu meistern und sich mehr zu entspannen. Hilfsmittel können Yoga, Qigong, Achtsamkeitsübungen und Sport sein. 

Generell steht die Behandlung auf zwei Säulen: Psychotherapie und Medikamente, sogenannte Antidepressiva. Die Mittel greifen in den Hirnstoffwechsel ein und beeinflussen die Konzentration bestimmter Botenstoffe. Entgegen weitverbreiteter Vorurteile verändern die Medikamente nicht die Persönlichkeit. Doch es kann zu Nebenwirkungen wie Schlafstörungen oder verringerter Libido kommen.

Unter Umständen ist in den ersten Wochen der Einnahme auch die Suizidgefahr erhöht. Deshalb ist gerade in der Anfangsphase eine engmaschige Betreuung notwendig.  "Manchmal muss man auch umstellen, wenn ein Patient ein Mittel nicht verträgt oder es nicht wirkt", sagt Psychiater Hegerl. Bei manchen Betroffenen schlagen Antidepressiva gut und schnell an, bei anderen dauert es mehrere Wochen, bis sich ein Effekt zeigt. Und bei wieder anderen helfen die Medikamente überhaupt nicht.

Eine Depression hat nichts mit Schuld oder Schwäche zu tun

Vor allem bei schweren Depressionen sind die Mittel ein fester Therapie­­bestandteil. Bei leichten Formen werden Anti­depressiva laut Nationaler Versorgungsleitlinie, einem Leitfaden für Ärzte, nicht unbedingt empfohlen. Bei mittelschweren Formen sollen sie neben Psychotherapie angeboten werden. Hier ist auch Johanniskraut eine Möglichkeit. "Bei mittelschweren Graden kommt es auch auf den Patienten an", erklärt Expertin Schleuning. Manche Menschen setzten große Hoffnung in Medikamente, andere würden eher Misstrauen hegen.

Egal, ob man sich mit Antidepressiva behandeln lässt oder ohne – eines ist ­­sicher: Eine Depression hat nichts mit Schwäche, Schuld oder gar mit persönlichem Versagen zu tun. Und Schokolade hilft hier nicht weiter.

Vielleicht depressiv? Das können Angehörige tun:

Wer eine Partnerin, einen Partner, Geschwister oder Eltern hat, die an Depressionen leiden, muss viel Fingerspitzengefühl an den Tag legen. Und geduldig sein. Gleichzeitig ist es für Angehörige schwierig, mit der Krankheit der nahestehenden Person zu leben und sich immer wieder klarzumachen, dass es sich um ­eine Krankheit handelt. Dass es eben nichts bringt, sich zusammenzureißen oder zu verreisen. 

Mittlerweile gibt es viele Angebote für Angehörige, wo sie Hilfe und Beratung finden oder sich mit anderen ­austauschen können. Informationen finden sich etwa auf www.deutsche-depressionshilfe.de. Man kann sich auch an den Sozialpsychiatrischen Dienst oder an den Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen wenden.  

Suchen Sie auch das Gespräch mit dem Patienten – gerade, wenn der Erkrankte selbst noch nicht erkannt hat, was mit ihm los ist. "Stellen Sie Fragen", sagt Experte Bschor. Etwa: Ist dir aufgefallen, dass es dir seit einiger Zeit schlecht geht? Möchtest du reden? Hast du Veränderungen bei dir bemerkt? Hast du schon mal an eine Depres­sion gedacht?   

Werten Sie den anderen nicht ab, versuchen Sie, den Kontakt zu halten. "Sagen Sie nicht, ich halte dich nicht mehr aus, unternimm etwas, sonst lass ich dich fallen", sagt Expertin Schleuning. Besser wäre es, das Hilfsangebot in den Vordergrund zu stellen. Etwa zu sagen: Du hast vielleicht ­eine Depression. Die kann man behandeln. Du solltest Dich untersuchen lassen. 

Scheuen Sie sich nicht, auf eigene Faust Kontakt zum Arzt herzustellen, und informieren Sie den Erkrankten darüber. Gerade, wenn depressive Menschen die Schuld für ihren Zustand bei sich suchen, werden sie nicht unbedingt von sich aus eine Praxis aufsuchen. Kümmern Sie sich um den Patienten, vor allem in Krisensituationen. Fahren Sie ihn etwa in die Klinik oder zum Arzt. 

Aber grenzen Sie sich auch ab. Versuchen Sie, die Schwelle Ihrer eigenen Belastbarkeit nicht zu überschreiten. Tun Sie auch etwas für sich.

Sie haben das Gefühl, es gibt keinen Ausweg aus Ihrer Situation? 

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