Neurodermitis: Hilfe durch Antikörper

In schweren Fällen von Neurodermitis sollen neue Antikörper gezielter und schonender wirken als Kortison

von Nina Himmer/Dr. Reinhard Door, 15.02.2018

Wenn Dr. Ralph von Kiedrowski über ein neues Mittel gegen Neurodermitis spricht, dann benutzt er ein großes Wort: Revolution. Dupilumab heißt der Antikörper-Wirkstoff, der den Sprecher des Berufsverbands der Derma­to­logen ins Schwärmen bringt. Seit Kurzem ist das Medikament zugelassen. 

Von Kiedrowski war mit seiner Auftragsfirma an der herstellerfinanzierten Studie beteiligt, die zur Zulassung von Dupilumab führte. Deren Autoren schreiben, es seien noch weitere Untersuchungen nötig, um die langfristige Wirksamkeit und die Nebenwirkungen der Therapie zu beurteilen. Dennoch fällt das Urteil so positiv aus, dass es die US-amerikanische und die europäische Zulassungsbehörde überzeugte: Dupilumab linderte im Vergleich zu einem Placebo die Symptome der Neuroder­mitis deutlich, dämpfte Hautausschlag und Juckreiz ebenso wie Ängstlichkeit und Depressionen. Von Kiedrowski betont: "Bei schweren Krankheitsverläufen ist das ein echter Durchbruch."

Dupilumab: Gute Wirkung bei einem Drittel der Patienten

Neue Therapien des Hautleidens sind tatsächlich gefragt. Die Forschung hat jahrelang wenig Neues gebracht, die Standardtherapie keine Anpassung erfahren. Sie besteht neben spezieller Hautpflege vor allem aus Kortison und gelegentlich anderen Medikamenten – allesamt Mittel, deren Nebenwirkungen besonders bei dauerhafter Anwendung nicht zu unterschätzen sind. 

Nun ruhen die Hoffnungen der Hautärzte auf Dupilumab. Ein ähnlicher Wirkstoff könnte bald hinzukommen. Er hat gerade die zweite von drei Studienphasen durchlaufen und muss sich nun endgültig beweisen. Beide Substanzen sollen besser verträglich sein als Kortison und trotzdem effektiv.

Auch Professor Andreas Wollenberg von der Universitätsklinik München ist von Dupilumab überzeugt. "Es verbessert die Lebensqualität der Patienten erheblich", sagt er. Wollenberg berät die Herstellerfirma und hält gegen Honorar Vorträge für sie. Auch er war an der Zulassungsstudie beteiligt. Dabei hatten die Ärzte den Wirkstoff über vier Monate hinweg regelmäßig in den Bauch der Patienten gespritzt. Bei gut einem Drittel verschwanden in dieser Zeit Ekzeme und Juckreiz vollständig oder fast vollständig. Bei den meisten restlichen Patienten gingen die Symptome zumindest deutlicher zurück als durch eine Place­bo-Behandlung.

Monoklonale Antikörper stürzen sich nur auf bestimmte Antigene

Wie gelingt das? Dupilumab ist ein sogenannter monoklonaler Antikörper. Antikörper sind Proteine, die unser Immunsystem als Antwort auf fremde Substanzen wie Erreger oder Fremdkörper produziert. Sie sollen solche Antigene unschädlich machen. Nach demselben Prinzip arbeiten im Labor her­gestellte Antikörper; monoklonal heißen sie, wenn sie extrem spezialisiert sind, sich also nur auf bestimmte Antigene stürzen. Somit wirken sie gezielter als andere Mittel.  

Dupilumab hemme ausschließlich einen Teil des Immunsystems, der bei Neurodermitikern überaktiv ist, sagt Wollenberg, und dort vor allem den Botenstoff Interleukin 4. So dämpfe es die Ent­zün­dungs­reaktion. Das Medikament hat allerdings seinen Preis. Wie hoch dieser in Europa ausfallen wird, verrät der Hersteller noch nicht. In den USA summieren sich die jährlichen Behandlungskosten pro Patient auf 37 000 US-Dollar. Deshalb bleiben die neuen Mittel wohl schweren Fällen vorbehalten.

Hoffnung auf Besserung bei schwerer Neurodermitis

Bei milderen Formen von Neurodermitis kommt es vor allem auf eine gute Hautpflege an, die konsequent angewendet werden muss. Dann sind oft lange beschwerdefreie Phasen möglich. Auch Dupilumab ist nicht frei von unerwünschten Begleiteffekten. Nach Angaben des Herstellers kam es bei mindestens einem Prozent der Pa­tienten zu Hautreaktionen an der Einstichstelle, Entzündungen der Augen und Augen­lider, Schwellungen oder Herpesbläschen

Von Neurodermitis sind vor allem Kinder betroffen, aber auch drei Prozent der Erwach­senen. Bei ihnen verläuft die Krankheit oft besonders schwer und verursacht erheblichen Leidensdruck. "Diese Patienten können sich nun berechtigte Hoffnung auf Besserung machen", sagt von Kiedrowski.