Erleichtern Toilettenhocker den Stuhlgang?

Ein Schemel vor der Schüssel trägt nicht unbedingt zur Bequemlichkeit bei. Wer die Füße darauf setzt, tut sich auf dem stillen Örtchen aber eventuell leichter

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 09.10.2018

In unseren Breitengraden sind es die Menschen gewohnt, in einer aufrechten Haltung auf der Toilette zu sitzen: Oberkörper ziemlich senkrecht und die Beine um circa 90 Grad abgewinkelt. Die meisten empfinden das als komfortabel und haben damit kein Problem. Allerdings sind in unserer Gesellschaft auch Erkrankungen des Darms keine Seltenheit.

Deshalb raten Hersteller von sogenannten Toilettenhockern, dass generell eine andere Haltung günstiger sei: Man solle die Füße erhöht auf einem ungefähr 20 Zentimeter hohen Schemel aufsetzen und gleichzeitig den Oberkörper etwas nach vorne lehnen, sodass der Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkel nur ungefähr 35 Grad beträgt (siehe Bildergalerie). Das entspreche der evolutionär vorgesehenen Position. Sie könne allen möglichen Krankheiten und Beschwerden vorbeugen, von Hämorriden und Blähungen über Darmentzündungen bis hin zu Divertikeln, Polypen und Darmkrebs – so die Werbeversprechen. Stimmt das?

Schnellerer Stuhlgang durch richtige Sitzhaltung

Experten schätzen die Position grundsätzlich als günstig ein, die sich übrigens auch durch einen normalen Holzschemel oder ein paar untergelegte Bücher erreichen lässt. Tatsächlich dauert einer Studie zufolge der Stuhlgang im Sitzen durchschnittlich 130 Sekunden und in der Hocke nur 50 Sekunden. Dr. Tobias Grundei, Koloproktologe aus München, rät zu einem Blick auf verwandte Säugetiere: "Hunde oder Schweine gehen mit dem Gesäß weit nach unten, sodass sie die Oberschenkel nah an den Körper bringen und sich die Beckenachse aufrichtet." Das sei die archetypisch angemessenere Haltung, die man auch durch das Aufstützen der Füße auf einem erhöhten Vorsprung erreichen kann.

Professor Thomas Frieling vom Vorstand der Gastro-Liga e.V. nennt diese Position die "Thinker-Haltung", weil die berühmte Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin ähnlich kauert. Laut Frieling zeigen Messungen, dass die einzelnen anatomischen Parameter in dieser Position den Stuhlgang erleichtern: "Der anorektale Winkel, die perianale Distanz sowie die Länge des Musculus puborectalis begünstigen in der Thinker-Haltung die vollständige Entleerung des Enddarms", so Frieling. Der Enddarm ist also gerader ausgerichtet und weiter geöffnet.

Bei Entleerungsstörung Teil der Therapie

Zwar sind sich beide Experten einig, dass bei Menschen ohne Probleme die Haltung nicht entscheidend ist. Jeder dritte Erwachsene leidet aber gelegentlich oder sogar anhaltend unter Verstopfung. Davon haben einige einfach einen trägen Darm, andere jedoch eine sogenannte Entleerungsstörung, im Fachjargon obstruktives Defäkationssyndrom (ODS): "Sie merken, der Stuhl ist da, und sie pressen, aber es bewegt sich nichts. Oder es bewegt sich sehr wenig", beschreibt Grundei die Symptomatik. Besonders bei Frauen tritt das Problem häufiger auf. Grund kann eine nach hinten gewölbte Gebärmutter sein, die beim Sitzen den Platz im Becken einschränkt und wie ein Deckel wirkt.

Vor allem bei älteren Menschen kann auch eine Beckenbodensenkung dazu führen, dass die Organe von innen gegen den Enddarm drücken. "Oder es resultiert ein rektoanaler Prolaps: Die Darmschleimhaut fällt beim Pressen von innen gegen den Schließmuskel, sodass die Patienten zwar eine erste Portion des Stuhles entleeren können, aber dem Rest der Weg versperrt ist", sagt Frieling. Bei solchen Entleerungsstörungen sollte jeder Betroffene ausprobieren, ob sich eine geänderte Sitzhaltung positiv auswirkt und den Teufelskreis durchbricht, der durch immer heftigeres Pressen in Gang kommt.

Oft weitere Maßnahmen nötig

"Meist ist das aber nur ein Mosaiksteinchen im gesamten Behandlungskonzept", dämpft der Professor die Erwartungen. Auch die Regulation der Verdauung mit Ballaststoffen und bestimmten Arzneimitteln, viel trinken, mehr Bewegung, eine spezielle Stuhlgangsschulung und Einläufe können nötig sein.

Beugt der Toilettenhocker denn nun Krankheiten vor? Zum Teil: Bei Patienten mit Entleerungsstörungen begünstigt zu starkes Pressen die Bildung von Hämorriden oder kleinsten Einrissen der Haut am Darmausgang. Es verstärkt gegebenenfalls auch die Beckenbodensenkung. Insofern beugt die Kauerhaltung unter Umständen diesen Problemen vor. Auch Blähungen lassen sich reduzieren, wenn der Stuhl komplett entleert wird. Außerdem sollten Bluthochdruckpatienten besonders auf einen gut geregelten Stuhlgang achten. Denn übermäßiges Pressen kann Blutdruckspitzen auslösen, was sogar Schlaganfälle begünstigen kann.

Werbeversprechen nur teilweise wahr

Auf andere Darmerkrankungen hat ein Toilettenhocker laut den Experten keinen Einfluss. Dazu zählen Divertikel, Polypen und Darmkrebs. Die Sitzposition kann auch nicht beeinflussen, ob es bei chronischen Darmentzündungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa akute Krankheitsschübe gibt, höchstens lindert es die Beschwerden beim Stuhlgang.

Wer für sich selbst ausprobieren möchte, ob ihm die "Denker-Position" Erleichterung verschafft, der kann es zunächst mit ein paar dicken Schmökern als Fußstütze ausprobieren.