Ärztlicher Behandlungsfehler: Was tun?

Ist bei der Versorgung nachweislich etwas falsch gelaufen, können Sie Schadensersatz verlangen. So bekommen Sie kostenfreie Hilfe

von Konstanze Faßbinder, aktualisiert am 06.06.2019

Ein vergessener Tupfer in der Bauchhöhle? Dann ist die Sache klar: Bei diesem Eingriff lief eindeutig etwas schief. Meist ist der Vorwurf eines Behandlungsfehlers jedoch schwieriger nachzuvollziehen. Etwa wenn ein Patient durch ein falsch verschriebenes Medikament, eine Fehl­diagnose, eine unterlassene Behandlung, lückenhafte Aufklärung oder auch einen Organisationsfehler im Krankenhaus zu Schaden kommt.

"Grundsätzlich gibt es in der Medizin keine Garantie auf Heilung oder Erfolg", sagt Dr. Max Skorning vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Aber jeder Patient hat das Recht darauf, von seinem Arzt, im Krankenhaus oder in der Pflegeeinrichtung nach den aktuell gültigen Standards behandelt zu werden. In mehreren Tausend Fällen jährlich passiert genau dies jedoch nicht.

Verdacht aufklären

Wird ein Patient aufgrund eines Behandlungsfehlers geschädigt, steht ihm Schadensersatz zu, zum Beispiel für Verdienstausfall durch einen längeren Krankenhausaufenthalt oder in Form von Schmerzensgeld. Es gibt verschiedene kostenfreie Wege, wie er zu seinem Recht kommen kann. Dafür muss er in der Regel aber dreierlei beweisen: Es wurde ein Fehler gemacht. Er hat einen Schaden erlitten. Der Fehler hat diesen Schaden verursacht.

In jedem Fall sollte der Patient zuerst mit seinem behandelnden Arzt sprechen. "Idealerweise klärt sich der Verdacht auf", sagt Skorning. Dann bleibe auch das Vertrauensverhältnis bestehen. Lehnt der Mediziner ein Gespräch ab oder kann er nicht erklären, wie es zum Schaden kam, sollte sich der Patient Hilfe von Dritten holen.

Die Unabhängige Patientenberatung informiert kostenfrei über die Möglichkeiten, zum Beispiel unter der gebührenfreien Hotline 0800/0117722. ­"Viele Patienten brauchen erst einmal grundlegende Informationen, um entscheiden zu können, welcher Weg der richtige für sie ist", sagt Pressesprecher Jann Ohlendorf.

Krankenkassen in der Pflicht

Max Skorning empfiehlt den Weg über die gesetzliche Krankenkasse. "Das Gesetz sieht sie als Ansprechpartner vor." Tatsächlich sind die Kassen verpflichtet, einem vom Patienten gemeldeten Fall unentgeltlich nachzugehen. Halten sie den Fehlerverdacht und dadurch entstandenen Schaden für plausibel, leiten sie den Fall üblicherweise an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) weiter, der bundesweit 15 Einrichtungen betreibt. Bei der zuständigen Stelle prüfen neutrale Experten alle Unterlagen und fertigen ein Gutachten an.

Um die notwendigen Informationen zu liefern, sollte der Betroffene in einem Gedächtnisprotokoll schildern können, was genau vorgefallen ist. Besitzt er nicht alle Dokumente der geleisteten Therapie, muss er gegebenenfalls seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden.

13 500 Fälle haben die MDK 2017 begutachtet. Bei 20 Prozent stellten die Experten einen Behandlungsfehler fest, den sie auch als ursächlich für den Schaden ansahen. Alle Begutachtungsergebnisse werden beim MDS zusammengeführt und landen damit letztlich bei Skorning, der dort den Stabsbereich Qualität und Patientensicherheit leitet.

Gutachten ohne rechtliche Verbindlichkeit

Steht dem Patienten gemäß Gutachten Schadensersatz zu, kann er sich mit dem Haftpflichtversicherer von Arzt oder Krankenhaus über die Höhe einigen. Jedoch verpflichtet ein positives Gutachten nicht zur Zahlung. Ein ne­gatives wiederum bekommt nur der ­Patient selbst, nicht die Gegenseite zu sehen. Das kann vorteilhaft sein, will er sich anschließend einen Anwalt nehmen und vor Gericht gehen.

Anders verhält es sich beim zweiten kostenfreien Weg zum Schadensersatz, der auch Privatpatienten offensteht: über die Landesärztekammern. Sie haben Gutachterkommissionen beziehungsweise Schlichtungsstellen eingerichtet, in denen Mediziner den Fall untersuchen: "frei und unabhängig in ihrer Entscheidung", betont Erik Bodendiek, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Vermutete Fehler werden an die Stelle gemeldet; diese fertigt das Gutachten an und schickt eine Empfehlung an die Haftpflichtversicherung.

11 100 Fälle wurden 2017 an Ärztekammern herangetragen. Von insgesamt 7307 Entscheidungen wurde in 1783 Fällen (also 24 Prozent) ein Behandlungsfehler anerkannt und der Anspruch des Patienten als begründet angesehen. Auch diese Gutachten besitzen jedoch keine rechtliche Verbindlichkeit. Der betroffene Arzt muss in das Verfahren einwilligen, das seine Kammer und sein Haftpflichtversicherer gemeinsam finanzieren. Zudem darf nicht bereits ­eine Klage vorliegen.

Klage immer möglich

Schon bevor sie sich an ihre gesetzliche Kasse wenden, können Patienten sich einen idealerweise auf dieses Fachgebiet spezialisierten Anwalt nehmen. Auch während eines ­Begutachtungs- oder Schlichtungsverfahrens oder danach ist ­eine Klage immer möglich. Die Kosten muss der Patient selbst tragen, egal ob er sich außergerichtlich einigt oder vor Gericht verliert.

Ein Prozess kann sich zudem über Jahre hinziehen. "Ein MDK-Gutachten dauert im Schnitt drei Monate", sagt Skorning. Auch über die Ärztekammern geht es laut Bodendieck deutlich schneller. Überhaupt stelle viele Patienten selbst ein negatives Gutachten zufrieden, hat Skorning beobachtet. "Es erleichtert sie, Gewissheit zu haben: Bei mir ist ­alles korrekt abgelaufen."

Der kostenfreie Weg zum Ersatz des Schadens

Wer einen ärztlichen Behandungsfehler vermutet, kann den Fall von Dritten begutachten lassen – ohne gleich vor Gericht zu gehen.