Ohrgeräusche: Tinnitus richtig behandeln

Es rauscht, pfeift, zischt oder rattert im Ohr und im Kopf. Die Töne haben keine äußere Schallquelle und setzen sich hartnäckig fest. Lesen Sie mehr zu Ursachen und Therapien von Tinnitus

aktualisiert am 03.04.2017

Was ist Tinnitus?

Es gibt Aufnahmen von Ohrgeräuschen. Spezialisten haben sie nach den Angaben von Menschen aufgezeichnet, die unter Tinnitus leiden. Denn die Höreindrücke kommen von innen. Es gibt keine äußere Schallquelle dafür. Kein anderer, außer dem Betroffenen selbst, kann sie hören. Häufig sind es hohe Pfeif- und Piepstöne, die entweder ständig im Ohr klingen oder in bestimmten Abständen immer wieder auftreten. Manche Patienten plagt ein Rattern, Zischen, Rauschen oder tiefes Brummen. Andere Tinnitusvarianten gleichen einem vorbeifahrenden Zug oder einer Bohrmaschine. Auch Ohrensausen gehört in die Reihe solch störender Schallempfindungen.

Ohrgeräusche kennt fast jeder. Sie tauchen ganz plötzlich auf, vergehen aber gleich wieder. Bei manchen Menschen nisten sie sich jedoch über Stunden oder Tage in Ohr und Kopf ein und bereiten erhebliches Unbehagen. Aber auch akut aufgetretene Dauertöne verschwinden oft wieder, vor allem dann, wenn eine Ursache festgestellt und entsprechend behandelt werden kann. Allerdings lässt sich nicht immer ein konkreter Auslöser bestimmen.

Tinnitus kann auch chronisch werden. Bei jedem hundertsten Betroffenen ist der Leidensdruck so hoch, dass sich der Tinnitus zu einer Krankheit mit teilweise tiefgehenden Leiden entwickeln kann. Hinzu kommen dann meist noch weitere Begleiterscheinungen wie Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis), Konzentrationsstörungen und Probleme mit den Ein- und Durchschlafen.

Entsprechend unterscheiden die Mediziner unterschiedliche Formen:

  • Akuter Tinnitus: Der Krankheitsbeginn liegt weniger als drei Monate zurück. Häufig tritt der Tinnitus im Zusammenhang mit einer Ohrerkrankung auf. Er kann jedoch in einen länger andauernden Tinnitus übergehen.
  • Chronischer Tinnitus: Die Ohrgeräusche bestehen seit mehr als drei Monaten. Chronisch bedeutet hier nicht, dass der Tinnitus für immer wahrnehmbar bleiben wird, sondern dass er vor über drei Monaten angefangen hat. Chronische Ohrgeräusche können, oft trotz Behandlung, länger als ein Jahr anhalten. Manche Betroffene kommen mit den andauernden oder wechselnden Begleittönen im Alltag zurecht, sie kompensieren sie. Für andere ist die Belastung jedoch so stark, dass sich neben den Ohrgeräuschen noch weitere körperliche und seelische Probleme einstellen.
  • Je nach Belastungsgrad wird der Tinnitus wiederum in vier Grade eingeteilt. Die Grade I und II betreffen den kompensierten Tinnitus, der gar nicht oder nur gelegentlich stört. Die Grade III und IV beziehen sich auf einen dekompensierten Tinnitus, der mit einem erheblichen Leidensdruck und häufig mit Begleiterkrankungen einhergeht (siehe auch Kapitel "Wie Tinnitus entsteht").

Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Deutschland das akute Ohrgeräusch jährlich bei etwa über 250.000 Menschen in eine chronische Form übergeht. Rund drei Millionen Bundesbürger haben einen chronischen Tinnitus. Erfreulich: Selbst nach vielen Jahren mit ununterbrochenem Tinnitus klingen bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen die Ohrgeräusche wieder ab.

Tinnitus ist zunächst keine eigenständige Erkrankung, sondern Symptom für unterschiedliche Störungen. Am Anfang stehen meist Schäden und Erkrankungen im Ohr selbst, etwa durch Entzündungen oder starke Lärmeinwirkung.

Negativ wirken Dauerstress und psychische Belastungen, wenn es darum geht, wie laut ein Betroffener die Ohrgeräusche wahrnimmt. Eine Rolle spielen hier auch ein schwankender oder dauerhaft zu hoher Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Stoffwechselerkrankungen. Schmerzen, insbesondere schmerzhafte Bewegungseinschränkungen an der Halswirbelsäule und Kiefergelenkschmerzen, können dazu beitragen, dass ein Betroffener seinen Tinnitus dadurch subjektiv noch lauter erlebt.

Ohrgeräusche: Wann zum Arzt?

Nehmen Sie erstmals auftretende Ohrgeräusche ernst und fragen Sie sich, was sie Ihnen sagen wollen. Meist hilft es, sich sofort aus dem aktuellen Geschehen zurückzunehmen und sich zu entspannen. Wenn das ständige Pfeifen, Rauschen oder Summen nach ein bis drei Tagen nicht verschwunden ist, sollten Sie einen HNO-Arzt aufsuchen, um mit ihm über die Ursachen und einer daraus abgeleiteten Therapie in der akuten Phase zu sprechen (siehe Kapitel "Akuttherapie").

Treten die Ohrgeräusche danach weiterhin auf, bieten sich mehrere, oft kombinierte Behandlungsmethoden an. Welche Ihnen ganz persönlich helfen, können Sie in Absprache mit Ihren Ärzten nur durch Ausprobieren herausfinden (siehe Kapitel "Langzeittherapie").

Überblick über die wichtigsten Ursachen von akuten und chronischen Ohrgeräuschen

Körperliche Ursachen

(siehe Kapitel "Ohrerkrankungen")

(siehe Kapitel "Herz, Stoffwechsel, Medikamente")

Seelische Ursachen
(mögliche Verstärker von Tinnituslautheit und Tinnitusbelastung)

(siehe Kapitel "Seelische Ursachen")

Da Ohrgeräusche in ganz unterschiedlichen Formen auftreten können, lässt sich meist keine alleinige Ursache finden. Wissenschaftler haben mittlerweile mehr als 90 Erkrankungen im Hörsystem benannt, die einen Tinnitus im Gehirn verursachen können. Bei einem sogenannten idiopathischen Tinnitus sind keine körperlichen Erkrankungen als Auslöser nachzuweisen.

In den folgenden Kapiteln erfahren Sie mehr dazu, wie Ohrgeräusche entstehen, wie sie sich äußern, welche Ursachen mit verantwortlich sein können und welche Rolle die Psyche spielt. Sie erhalten einen Überblick, welche Therapien – abhängig von der Dauer der Ohrgeräusche – sinnvoll sind und was Sie selbst tun können, um den Tinnitus besser in den Griff zu bekommen (siehe Kapitelübersicht oben am Anfang des Textes und Kapitellinks unten).

 

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Hören und Tinnitus: Ein komplexer Vorgang

Wie können Ohrgeräusche entstehen? Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle. Um Höreindrücke zu verarbeiten, wirken Ohr und Gehirn auf komplizierte Weise zusammen. Die von außen kommenden Schallwellen gelangen über den Gehörgang, das Trommelfell und das Mittelohr zum Innenohr. Dort, im Hörorgan, wandeln die Hörsinneszellen diese physikalischen Reize so um, dass der Hörnerv sie in Form elektrischer Signale aufnehmen und zum Hörzentrum im Gehirn weiterleiten kann. Im Zusammenspiel mit anderen Hirnbereichen verarbeiten die zuständigen Nervennetzwerke die Höreindrücke, entschlüsseln sie und ordnen sie ein, so dass sie schließlich "verstanden" werden.

Das Gehirn steuert die vielfältigen ankommenden Informationen und ist auch in der Lage, überflüssige, störende Reize quasi herauszufiltern.

Schon kleinste Störungen im Hörsystem, zum Beispiel an den Hörsinneszellen, können die vielschichtige Hörverarbeitung durcheinander bringen. Dann werden Höreindrücke mitunter fehlerhaft weitergegeben, verselbstständigen sich und setzen sich unabhängig von äußeren Reizen im Gehirn fest. An der Hörverarbeitung beteiligte Nervenzellen reagieren in bestimmten Gehirnbereichen überaktiv, um quasi die durch eine Schädigung entstandene Hörminderung auszugleichen. Die Überaktivität bleibt bei manchen Menschen bestehen, auch wenn ein möglicher Hörschaden behoben ist. Sinnes- und Nervenzellen können jedoch auch spontan aktiv werden und fehlerhafte Geräuschinformationen weitergeben, obwohl das Hörorgan intakt ist. Hier kommen andere Einflüsse zum Tragen.

Die Psyche wirkt ebenfalls beim Hören und Verstehen mit. Denn das, was wir hören, löst Gefühle aus. Umgekehrt beeinflusst unsere jeweilige Stimmung, in welcher Weise wir Töne und Geräusche wahrnehmen und welche Aufmerksamkeit wir ihnen schenken.

Meist liegt dem Tinnitus eine Störung im Ohr und/oder im weiteren Hörsystem zugrunde. Im chronischen Stadium und bei ganz seltenen Erkrankungen des Gehirns liegt die Ursache der Phantomgeräusche nicht im Innenohr, sondern im zentralen Hörsystem selbst.

Ohrgeräusche zeigen sich unterschiedlich

Der Begriff Tinnitus leitet sich vom lateinischen Wort tinnire (= klingeln, klimpern, schellen) ab. Damit bezeichnet man aber nicht nur Geräusche mit hohen Frequenzen wie Pfeifen, Zischen, Zirpen. Vier von zehn Betroffenen hören ein Pfeifen, jeder vierte ein Rauschen und jeder zehnte ein Summen. Seltener sind Zirpen und Klingeln oder Geräusche wie Sausen, Brummen, Zischen, Pulsieren und Hämmern – dabei können die Töne in einem oder in beiden Ohren zu hören sein.

In der akuten Phase, also in den ersten drei Monaten, treten die Ohrgeräusche mitunter zu den unterschiedlichsten Tageszeiten auf und verschwinden danach wieder. Vor allem zu Beginn beobachten sich viele Betroffene sehr aufmerksam und reagieren manchmal besonders sensibel auf ihre Umwelt: Einige empfinden Stille als unangenehm, weil sie dann ihren Tinnitus stärker wahrnehmen. Das erschwert zudem oft das Einschlafen. Aber auch Töne, die den eigenen Ohrgeräuschen sehr ähnlich sind, können störend wirken.

Lautstärke: Manchmal sind die Töne kaum hörbar. Sie können aber bei Stress, körperlicher Anstrengung oder nach Alkoholgenuss anschwellen, bei einigen Menschen werden sie vor allem nachts laut. Zwei Drittel der Betroffenen erleben Dauergeräusche.

Empfindlich gegenüber Geräuschen: Viele Tinnitus-Betroffene berichten, dass sie besonders empfindlich auf Außengeräusche reagieren. Diese sogenannte Hyperakusis kommt bei bis zu 50 Prozent der Betroffenen vor. Sie zucken zusammen, wenn es irgendwo plötzlich quietscht oder scheppert, klingelt oder brummt, und halten sich spontan die Ohren zu.

So verführerisch äußere Stille aber auch sein mag: Die eigenen Ohrgeräusche hören sich dann nach einiger Zeit meist noch lauter an. Dagegen können leise Umgebungsgeräusche wie Musik, Gemurmel oder vorbei fließender Autoverkehr die inneren Töne zurückdrängen.

Tinnitus ist subjektiv

In der Regel nimmt nur der Tinnitus-Betroffene selbst die Geräusche wahr. Daher ist es oft schwierig, die lästigen Töne anderen Menschen gegenüber zu beschreiben. Hilfreich können Vergleiche sein: "Das hört sich an wie die Betriebsgeräusche eines Computers, dessen Lautsprecher auf leise gestellt ist" oder "Es sirrt im Ohr wie eine lästige Mücke" oder "Bei mir rauscht es im Kopf, wie wenn die Waschmaschine ständig laufen würde". Damit Sie Ihre inneren Geräusche beim HNO-Arzt besser beschreiben können, spielt Ihnen eine Arzthelferin Testtöne mit verschiedenen Frequenzen, also unterschiedlicher Höhe und Tiefe, zum Vergleich vor.

Der objektive Tinnitus ist selten

Im Gegensatz zum "subjektiven" Tinnitus kommt die "objektive" Form nur in einem von hundert Fällen vor: Dann kann der Untersucher die Geräusche auch von außen hören, wenn beispielsweise das Blut durch verengte Blutgefäße, die in der Nähe des Ohrs liegen, strömen muss. Wenn solche "Körpergeräusche" in verengten Arterien entstehen, hört sich das wie ein pulsierendes Zischen oder Rauschen an. Bei Venenengpässen kommt es zu einem an- und abschwellenden Rauschen.

Schweregrade des Tinnitus

Wie sehr sich jemand von den Ohrgeräuschen gestört fühlt, hängt vor allem von der Art und Lautstärke des Geräuschs ab, aber auch von der persönlichen Tagesform und der eigenen Einstellung. So berichten viele Betroffene, dass hohe Frequenzen unangenehmer sind als tiefe. Aber auch wer ein ständiges Pfeifen oder Klingeln hört, muss sich nicht unbedingt im Alltag beeinträchtig fühlen. Mediziner teilen den Leidensdruck in vier Schweregrade ein.

Grad 1: Viele Erwachsene mit Tinnitus fühlen sich durch diesen nicht beeinträchtigt.

Grad 2: Die Ohrgeräusche wirken störend – vor allem in stressigen Situationen und bei zusätzlichen psychischen Belastungen.

Grad 3: Der Tinnitus wird als so störend empfunden, dass er den privaten und beruflichen Alltag dauerhaft beeinträchtigt. Die Betroffenen machen sich ständig Sorgen über ihre Ohrgeräusche und berichten über weitere Probleme, die ihrer Meinung nach durch die lästigen Töne entstanden sind.

Grad 4: Es gibt Menschen, die unter dem Tinnitus so stark leiden, dass es durch die Dauerbelastung zu nachhaltigen psychischen und körperlichen Beschwerden kommt. Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, verminderte Leistungsfähigkeit, Angst und Schmerzen können die Folge sein. Einige Menschen neigen zu Depressionen oder entwickeln sogar Suizidgedanken.

Unterschiedlichen internationalen Erhebungen zufolge haben zwischen etwa vier bis 20 Prozent der Erwachsenen einen chronischen Tinnitus. Die Zahlen schwanken erheblich, je nach Tinnitusform sowie Alter und Geschlecht der Befragten. Ältere Menschen zum Beispiel berichten häufiger über Tinnitus. In Deutschland gehen Experten von etwa drei Millionen Betroffenen aus. Von diesen wiederum leidet ungefähr ein Drittel unter einen Tinnitus vom Schweregrad 3 und 4.

Wenn das ständige Pfeifen, Rauschen oder Summen länger als ein bis drei Tage anhält, sollten Sie einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) aufsuchen. In der Praxis schildern Sie dann, in welcher Situation die Ohrgeräusche erstmals auftraten und wie sich die Töne anhören.

Häufige Untersuchungen bei Ohrgeräuschen

Zunächst stellt der Arzt seinem Patienten eine Reihe von gezielten Fragen, um sich einen ersten Überblick über Art und Intensität des Tinnitus zu verschaffen. Krankengeschichte und Gespräch liefern ihm oft schon Hinweise auf eine mögliche Ursache.

Der HNO-Arzt untersucht Gehörgang und Trommelfell mit dem Ohrmikroskop, um eventuell bestehende sichtbare Erkrankungen erkennen zu können. Auch Nasen- und Rachenraum betrachet er eingehend.

Häufig überprüfen Mitarbeiter des HNO-Arztes anschließend das Hörvermögen des Tinnitus-Patienten. Für das sogenannte Audiogramm setzt sich der Betroffene in einem abgeschirmten Raum Kopfhörer auf und hört sich nacheinander verschiedene Töne an, die erst für das eine, dann für das andere Ohr eingespielt werden. Mit einem Knopfdruck signalisiert er, wann er den Ton gehört hat. Die Lautstärke wird meist in 5-Dezibel-Schritten so lange erhöht, bis sich die Hörschwelle festlegen lässt. Diese zeigt an, bei welcher Tonhöhe (Frequenz in Hertz = Hz) und bei welcher Lautstärke (Schalldruckpegel in Dezibel = dB) der Patient ein akustisches Signal gerade noch hört.

Mit speziellen und sehr komplizierten Messverfahren lässt sich bei Bedarf die Hörschwelle darüber hinaus objektiv – also auch ohne Mitarbeit des Patienten – messen. Dazu gehört etwa die Messung otoakustischer Emissionen, die Aufschluss über die Innenohrfunktion geben kann. Spezielle Mikrofone fangen hier die Töne auf, die die Hörzellen vom Innenohr wieder in den Gehörgang zurücksenden, wenn Schall auf sie trifft.

Um einen (gutartigen) Tumor am Gehörnerv oder entzündliche Hörnerverkrankungen ausschließen zu können, misst der HNO-Arzt zudem die Aktivitäten der am Hörvorgang beteiligten Nerven. Das geschieht mit der Hirnstammaudiometrie (BERA = brainstem evoked response audiometry = Messung der Hörnervenleitgeschwindigkeit).

Lesen Sie mehr zu Hörprüfungen und Untersuchungen im Ratgeber "Schwerhörigkeit", Kapitel Diagnose.

Einen weiteren wichtigen Untersuchungsschritt stellt die Tinnitusanalyse dar. Damit der Arzt Frequenz und Lautstärke des Tinnitus bestimmen kann, vergleicht der Tinnitus-Betroffene verschiedene eingespielte Töne mit seinem eigenen Ohrgeräusch. Ein anderer Test zeigt, ob sich die Töne im Ohr durch andere Geräusche verdecken beziehungsweise "maskieren" lassen. Dabei stellt der Untersucher Lautstärke und Frequenz der überdeckenden Töne fest.

Für einige Tinnitus-Patienten kann der Arzt eventuell noch weitere Diagnoseschritte erwägen. Das hängt jedoch ganz davon ab, was die ersten grundlegenden Untersuchungen und Tests ergeben haben. In Betracht kommen etwa Gleichgewichtsprüfungen, bildgebende Verfahren, zum Beispiel ein Computertomogramm von den Mittel- und Innenohrraum umgebenden Knochen (Felsenbein). Möglicherweise zieht der HNO-Arzt noch andere Spezialisten hinzu, wie einen Orthopäden, der die Halswirbelsäule überprüft, oder einen Neurologen, der Gehirn und Nervenfunktionen untersucht. Blutanalysen, Herz-und-Kreislauf-Tests oder Ultraschallaufnahmen von Ohr und Gehirn versorgenden Arterien können mitunter aufschlussreich sein, ebenso zahnärztliche und kieferorthopädische Kontrollen.

Psychische Belastungen bei Tinnitus ernst nehmen

Wenn Sie einen chronischen Tinnitus haben, kann es sinnvoll sein, nach einer HNO-Untersuchung auch mit einem Psychotherapeuten oder einem Facharzt für Psychosomatische Medizin über Ihre Tinnitus-Problematik zu sprechen – vor allem, wenn Sie die Ohrgeräusche als besonders störend oder gar quälend empfinden.

Das Gespräch dreht sich dann darum, wie belastend die anhaltenden Töne sind, ob Konzentrationsstörungen oder Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen vorliegen, inwieweit Sie sich entspannen können, ob sie sich wegen der Ohrgeräusche um Ihre Gesundheit sorgen oder oftmals niedergeschlagen sind.

Hilfreich dafür ist der standardisierte Tinnitus-Fragebogen von Professor Gerhard Goebel und Professor Wolfgang Hiller, der in einer Kurzform als "Tinnitus-Test" auf der Homepage der Deutschen Tinnitus-Liga Auskunft über Ihren Leidensdruck gibt (siehe Link unten).

Tinnitusursachen im Ohr: Verletzungen, Entzündungen, Schwerhörigkeit

Tritt ein Tinnitus akut auf, sind die Auslöser zuerst direkt im Ohr zu suchen. Hier beeinträchtigen harmlose oder ernsthafte Störungen die Schallweiterleitung unmittelbar.

– Ohrschmalzpfropf, Hindernisse im Gehörgang:

Ein einfacher Ohrschmalzpropf ist häufig der Grund, wenn Sie vorübergehend schlechter hören und Ohrgeräusche bekommen. Manche Menschen neigen verstärkt dazu. Aber auch wenn Sie Ihre Ohren gerne mit Wattestäbchen säubern, schieben Sie oft im Gegenteil das Ohrschmalz nur noch fester zusammen. Den Stöpsel im Ohr löst fachgerecht der HNO-Arzt. Dann legen sich auch die Beschwerden. Wer andererseits mit dem Wattestäbchen zu viel von dem wichtigen, schützenden Ohrschmalz entfernt, erleichtert es Keimen vorzudringen und verletzt möglicherweise die empfindliche Haut. Es kann zu Entzündungen im Gehörgang mit Hörproblemen und Ohrgeräuschen kommen.

Menschen, die viel in kaltem, oft zudem noch gechlortem Wasser schwimmen, haben häufiger mit Gehörgangsentzündungen und sogenannten Exostosen zu tun. Diese Knochenwucherungen stellen sich dem Schall quasi in den Weg und können ebenfalls für Tinnitus verantwortlich sein.

Das ist auch der Fall bei Fremdkörpern im Gehörgang. Sie behindern das Hören und haben oft Tinnitus zur Folge.

– Entzündungen, Verletzungen in Mittel- und Innenohr

Ein gewöhnlicher Schnupfen mit dick verstopfter Nase kann schon Ohrgeräusche auslösen, vor allem wenn auch die Tube, die Mittelohr und Nasenrachenraum verbindet, zu ist. Wird die Nase durch Nasentropfen oder andere abschwellende Maßnahmen wieder frei, geht meist mit der besseren Belüftung auch der Tinnitus zurück. Insbesondere Nasennebenhöhlenentzündungen können auf Mittel- und Innenohr übergreifen.

Eine akute Mittelohrentzündung geht mit starken Ohrenschmerzen und oft mit Tinnitus einher. Versteifte Gehörknöchelchen im Mittelohr (Otosklerose) können neben Ohrgeräuschen auch eine Mittelohrschwerhörigkeit (Schallleitungsschwerhörigkeit) nach sich ziehen. Das gilt ebenso für eine chronische Mittelohrentzündung.

Das Innenohr entzündet sich manchmal infolge einer Mittelohrentzündung. Aber auch über Verletzungen oder Tumore dringen, wenn auch seltener, bisweilen Krankheitserreger in den geschützten Innenohrraum vor. Ohrenschmerzen, akuter Tinnitus, Schwerhörigkeit, Schwindelgefühle sowie ein starkes Krankheitsgefühl mit Fieber und Übelkeit sind häufige kennzeichnende Symptome einer Innenohrentzündung (Labyrinthitis). Es handelt sich dabei um eine sehr ernste Erkrankung, die unverzüglich behandelt werden muss.

Kopfverletzungen, die das Mittel- und Innenohr erfassen, rufen ebenfalls des öfteren Tinnitus hervor. Auch Verletzungen des Trommelfells gehen häufig mit Ohrgeräuschen einher.

– Schwerhörigkeit

Eine Altersschwerhörigkeit oder eine Lärmschwerhörigkeit ist sehr häufig chronisch mit Tinnitus verbunden (mehr dazu im Ratgeber "Schwerhörigkeit").

Lärmschäden: Häufige Tinnitusursache bei jungen Menschen

Schwerhörigkeit und Tinnitus entwickeln sich gerade auch bei jungen Leuten oft durch übermäßige und/oder dauerhafte Lärmeinwirkung, etwa durch sehr laute Musik. Extreme Lautstärken rufen meist akute, zunächst noch vorübergehende Ohrgeräusche hervor. Mit der Zeit kann der Lärm aber Hörorgan und Hörsinneszellen dauerhaft schädigen.

Zu bleibenden Hörstörungen führen nicht selten auch Knall- und Explosionstraumata, die sofort behandelt werden müssen.

Hörsturz: Akute Schwerhörigkeit, Druck im Ohr, Tinnitus

Eine heftig erlebte, plötzliche Hörminderung meist auf einem Ohr, dazu oft Töne in Ohr und Kopf, ein Druckgefühl im Ohr und auch Schwindel sind kennzeichnend für einen Hörsturz. Bei diesen Anzeichen ist es ratsam, einen Hals-Nasen-Ohrenarzt oder eine Klinik aufzusuchen, auch um eine krankhafte Ursache auszuschließen.

Bisweilen heilen Hörstürze von selbst wieder aus, allerdings seltener als bisher angenommen. Sie können aber auch dauerhafte Schäden hinterlassen, die dazu führen, dass der Tinnitus weiterhin im Hörsystem erzeugt wird.

Stress spielt eventuell eine auslösende Rolle für diese akute Innenohrstörung, die Ursachen sind jedoch vielfältig und noch nicht eindeutig geklärt. Ein Hörsturz tritt möglicherweise auch im Zusammenhang mit Entzündungsvorgängen oder Autoimmunreaktionen auf. Wiederholte Beschwerden, die einem Hörsturz vergleichbar sind, können bei chronischen Erkrankungen wie der Menière-Krankheit oder einer Multiplen Sklerose vorkommen. Außerdem sind solche Hörsturzsymptome im Rahmen genetisch bedingter Innenohrerkrankungen möglich, bei denen sich die Hörschwelle in Schüben fortschreitend verschlechtert.

Menière-Krankheit: Schwindelattacken, Ohrgeräusche, Hörprobleme

Ohrgeräusche gehören zu den Leitsymptomen der Menière-Krankheit, einer relativ seltenen Innenohrerkrankung. Sie ist gekennzeichnet durch schubweise auftretende Anfälle von Drehschwindel, oft verbunden mit Übelkeit und Erbrechen, Hörminderung und Tinnitus.

Die Ärzte behandeln zunächst akute Phasen mit Medikamenten, unter anderem gegen Schwindel und Erbrechen, gegebenenfalls auch mit Kortison. Schwerhörigkeit und Ohrgeräusche können aber chronisch bestehen bleiben. Die weitere Therapie richtet sich nach dem individuellen Krankheitsverlauf. Lesen Sie mehr dazu im Ratgeber "Morbus Menière (Menière-Krankheit)".

Akustikusneurinom: Seltene Ursache für Tinnitus

Ein gutartiger Tumor am Hörnerv (Akustikusneurinom) verursacht Hörverlust in einem Ohr und Tinnitus, auch als Ohrensausen. Die Geschwulst entsteht zwar am Gleichgewichtsnerv, drückt aber oft auf den Hörnerv und breitet sich im inneren Gehörgang aus. Sie kann Symptome auslösen, die denen eines Hörsturzes ähneln.

Weitere Tinnitusauslöser im Ohrbereich

Veränderte Druckverhältnisse im Ohr, zum Beispiel beim Fliegen oder Tauchen, bewirken häufig auch Tinnitus, entweder durch Unterdruck im Mittelohr (Baro-Krankheit) oder Überdruck im Innenohr (Druckluftkrankheit oder Caisson-Krankheit). Ausführliche Informationen dazu finden Sie im Ratgeber "Tauchunfall (Dekompressionskrankheit)".

Erkrankungen innerer Organe als Tinnitusauslöser

Nicht immer geht ein Tinnitus von Schäden unmittelbar im Ohrbereich aus. Um gut funktionieren zu können, müssen Hörorgan und Nervenbahnen im Gehirn über das Blut ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Auch ein ausgeglichener Stoffwechsel ist wichtig.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen deshalb als Tinnitusverursacher mit eine Rolle. Ohrgeräusche treten manchmal im Rahmen etwa von Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und Herzrhythmusstörungen auf. Ebenso spielt ein zu niedriger oder zu hoher Blutdruck eine Rolle. Hier äußern sich die Geräusche oft als Ohrensausen.

Bei einem Blutdruckabfall im Stehen (orthostatische Hypotonie) kommen zum Ohrensausen häufig Schwindel, gegebenenfalls ein beschleunigter Pulsschlag. Manchmal werden die Betroffenen sogar ohnmächtig.

Blutarmut (Anämie) kann zu Sauerstoffmangel im Gehirn führen, der neben Schwindel mitunter auch Ohrgeräusche auslöst.

Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Fettstoffwechselprobleme wirken sich ebenfalls auf die Durchblutung des Gehirns aus.

Tinnitus bei Problemen an der Halswirbelsäule und im Kopf

Verändern sich die Ohrgeräusche bei Kopfbewegungen, ist auch an Störungen im Bereich der Halswirbelsäule zu denken. Tinnitus kann zum Beispiel infolge eines Schleudertraumas entstehen. Verletzungen oder Abnutzungserscheinungen an der Halswirbelsäule gelten ebenfalls als mögliche Auslöser. Wer verspannte Nackenmuskeln hat, nimmt bisweilen auch unangenehme Töne in Ohr und Kopf wahr. Es bestehen Verbindungen zwischen den Nerven im Bereich der Halswirbelsäule und den Hörarealen im Gehirn.

Nehmen die Ohrgeräusche zu beziehungsweise ab, wenn Mund oder Kiefergelenk bewegt werden, können Zahn- oder Kieferbeschwerden verantwortlich sein. Infrage kommen hier zum Beispiel Gebissfehlstellungen, Abnutzungserscheinungen im Kiefergelenk oder verspannte Kaumuskeln. Denn die Kiefergelenke sind eng mit den Ohrräumen verknüpft. Nächtliches Knirschen (Bruxismus) etwa als Ausdruck erhöhter seelischer Belastungen verstärkt mitunter den Tinnitus.

Entzündungen im Gehirn beeinflussen bisweilen auch die Hörverarbeitung. Hirntumore oder multiple Sklerose können unter anderem Tinnitus auslösen.

Medikamente, die Ohrgeräusche verursachen können

Eine Reihe von Medikamenten haben Nebenwirkungen, die sich auf das Hörsystem auswirken und manchmal Tinnitus hervorrufen. Hier seien nur einige Beispiele genannt:

  • Bestimmte Schmerz- und Rheumamedikamente führen in seltenen Fällen zu vorübergehenden Ohrgeräuschen. Das ist auch bei Acetylsalicylsäure möglich, allerdings nur in sehr hohen Dosierungen ab 2000 Milligramm. Sprechen sie darüber immer mit Ihrem Arzt.
  • Mittel gegen Malaria (zum Beispiel Chloroquin) kommen ebenfalls als Auslöser infrage.
  • Tinnitus ist möglich bei Medikamenten zur Behandlung von Depressionen, insbesondere bei trizyklischen Antidepressiva.
  • Eine seltene Nebenwirkung bestimmter wassertreibender Mittel (Diuretika) sind meist wieder heilbare Hörstörungen und Ohrgeräusche. Auch einige Bluthochdruckmedikamente, darunter ACE-Hemmer oder Betablocker, bewirken mitunter Ohrgeräusche.
  • Medikamente zur Chemotherapie sowie seltener verschriebene Antibiotika (Aminoglykoside) können unter Umständen das Innenohr angreifen und bleibende Beschwerden verursachen. Hier wird der Arzt jedoch in der Regel engmaschige Kontrollen durchführen.

Wenn Sie die Vermutung haben, Ihre Ohrgeräusche könnten mit einem Medikament zusammenhängen, das Sie einnehmen, fragen Sie Ihren Arzt um Rat. Setzen Sie kein Mittel, das er Ihnen verschrieben hat, ohne Rücksprache einfach ab.

Ursachen für einen objektiven Tinnitus

Nur in ganz wenigen Fällen kann der Arzt die Ohrgeräusche objektiv feststellen, sie also mit einem Stethoskop hören (siehe auch Kapitel "Diagnose"). So können zum Beispiel Gefäßfehlbildungen oder -neubildungen (Aneurysma, Angiom) im Ohrbereich pochende Geräusche (pulsatiler Tinnitus) erzeugen. Verengungen der Gefäße in der Nähe des Mittel- oder Innenohrs infolge einer Arteriosklerose oder der Halsgefäße aufgrund anderer Ursachen führen manchmal zu hörbaren Turbulenzen im Strömungsbereich. Ein gutartiger Tumor am Mittelohr (Glomustumor) löst ein im Rhythmus des Herzschlags pulsierendes Rauschen im Ohr und zunehmende Schwerhörigkeit aus.

In der Regel ist ein Tinnitus jedoch immer subjektiv, also für andere nicht wahrnehmbar.

Stress und Tinnitus

Stress, körperlicher oder seelischer, löst zwar unmittelbar keinen Tinnitus im Gehirn aus. 26 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus berichten jedoch, dass sie viel Stress hatten oder haben. Die Ohrgeräusche sind demnach ein "innerer Seismograph" der aktuellen Befindlichkeit.

Offenbar begünstigen unter anderem häufig psychische Faktoren die Entwicklung eines Tinnitus. Sie haben aber vor allem einen wichtigen Einfluss darauf, wie jemand die Dauertöne erlebt und wie er mit ihnen umgehen kann. Schon im Akutstadium spielt möglicherweise die seelische Verfassung eine Rolle, etwa bei einem Hörsturz. Hier können Dauerstress und einschneidende Lebensereignisse auch das Hörsystem "unter Druck setzen". Deshalb ist psychotherapeutische Beratung neben der medizinischen Behandlung meist schon im Anfangsstadium hilfreich.

Chronischer Tinnitus: Oft leidet die Seele

Ein besonderes Gewicht erhält die Verflechtung zwischen Psyche und Hören beim chronischen Tinnitus. Wer darunter leidet, kann Gefühle gleichsam hören: Chronisch Betroffene nehmen emotionale Eindrücke auch mit Gehirnarealen wahr, die mit der Hörbahn vernetzt sind. Das ergaben Studien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Das Gehirn ist bei bleibenden Ohrgeräuschen dauerhaft sensibilisiert. Auf den amerikanischen Forscher Pawel Jastreboff geht ein neurophysiologisches Modell zurück, das zeigt, welche Rolle Wahrnehmung und Bewertung bei der Entstehung eines chronischen Tinnitus spielen: Zuerst sind die Geräusche mit gewissen Assoziationen wie Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit zeitlich eng verknüpft. Später verstärken die Assoziationen selbst den Tinnitus, ähnlich wie bei einem konditionierten Reflex. Aus seinem Erkenntnissen entwickelte Jastreboff mit dem Briten Jonathan Hazell die Tinnitus-Retraining-Therapie. Ihr Ziel ist es, die Filterfunktion des Gehirns zu beeinflussen und die Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen abzulenken (siehe Kapitel "Langzeittherapie"). Mit Hilfe von sogenannten funktionellen bildgebenden Verfahren konnten Wissenschaftler der Universität Konstanz zeigen, dass bei Menschen mit chronischem Tinnitus tatsächlich die für das Hören verantwortlichen Gehirnbereiche überaktiv sind.

Dauerhafte Ohrgeräusche betreffen den gesamten Menschen. Manche Betroffene können die störenden Töne dennoch gut in ihr Leben integrieren und nehmen sie häufig kaum mehr wahr (kompensierter Tinnitus).

Andere erkranken umfassend daran (dekompensierter Tinnitus, siehe Kapitel "Übersicht"). Die Geräusche werden für sie unerträglich und beeinträchtigen den Alltag. Dabei spielt es keine Rolle, wie laut der Tinnitus erlebt wird. Die Betroffenen leiden zusätzlich unter Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen. Manche entwickeln ernste seelische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen.

Es kommt ebenso vor, dass Menschen, die mit starken Ohrgeräuschen zu tun haben, schon vorher eine Depression oder Angsterkrankung hatten. Das seelische und das körperliche Leiden verstärken sich dann oft gegenseitig.

Schieben Sie die Untersuchungen nicht lange vor sich her. Gehen Sie in jedem Fall zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wenn die Ohrgeräusche länger als 24 Stunden anhalten. Der Arzt wird die Ohren eingehend untersuchen und das Gehör überprüfen. Gegebenenfalls folgen weitere apparative Untersuchungen (siehe Kapitel "Diagnose").

Für die Therapie eines akuten Tinnitus ohne erkennbare Ursache setzen die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte oft Medikamente in Form von Infusionen oder Tabletten ein. Liegen bestimmte Ursachen vor, kommt eventuell auch eine hyperbare Sauerstofftherapie infrage. Gleichzeitig ist es schon im akuten Stadium sinnvoll, gezielt zu entspannen und Stress abzubauen.

Tabletten oder Infusionen bei aktuem Tinnitus

Nur noch in besonderen Fällen setzt der HNO-Arzt in der akuten Phase durchblutungsfördernde Mittel ein – diese Medikamente waren früher die erste Wahl. Meist verabreicht er ein chemisch "nachgebautes" körpereigenes Hormon (Prednisolon, ein Kortisonpräparat), das den Zellstoffwechsel in den Hörsinneszellen und die elektrische Leitfähigkeit der Hörbahnen verbessern soll. Es hat sich im Akutfall oft als wirksam erwiesen. Der Tinnitus-Patient erhält das Mittel in Form von Tabletten oder Infusionen. Gegebenenfalls spritzt der Arzt das Kortison auch direkt ins Mittelohr (intratympanal), wenn die Behandlung mit Tabletten oder Infusionen nicht erfolgreich war. Eine Kortisontherapie gilt aber nur bei unbekannter Ursache oder dann, wenn eine Erkrankung des Innenohrs, etwa ein Hörsturz oder die Menière-Krankheit, den Tinnitus ausgelöst hat. War der Auslöser eine Mittelohrentzündung, kommen andere Therapien infrage, zum Beispiel Antibiotika.

Ein akuter Tinnitus, der im Zusammenhang mit einer Ohrerkrankung aufgetreten ist, legt sich meistens mit der Behandlung der Grunderkrankung, wie eben einer Mittelohrentzündung.

Bei einem Hörsturz behandelt der Arzt häufig zuerst mit Infusionen, um die akuten Beschwerden zu lindern. Das geschieht vor allem, wenn die Symptome sehr belastend und mit Tinnitus und Schwindel verbunden sind. Dabei setzt der Arzt manchmal durchblutungsfördernde Medikamente, häufiger jedoch Kortisonpräparate ein. Anschließend untersucht er den Betroffenen eingehend, um mögliche zugrunde liegende Erkrankungen aufzudecken. Das können zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder eine Menière-Krankheit sein. Entsprechend leitet der Arzt eine Therapie ein, die sich möglichst gezielt auf die Ursache bezieht.

Ein Knall- oder Explosionstrauma und eine akute Lärmschädigung gelten als Notfälle, die umgehend behandelt werden müssen – häufig mit Infusionen und gegebenenfalls operativen Eingriffen, um Schäden am Trommelfell und im Innenohr zu beheben. Häufig vergehen Tinnitus und Schwerhörigkeit mit der Therapie auch wieder. Eventuell ist auch eine hyperbare Sauerstofftherapie angezeigt, wenn Medikamente keine Besserung bringen (siehe unten). Bleiben die Beeinträchtigungen bestehen, gibt es geeignete Behandlungen mit Hörgeräten und gezielten Tinnitustherapien (siehe Kapitel "Langzeittherapie").

Hyperbare Sauerstofftherapie: Nur bei speziellen Tinnitusursachen

Wenn die Ohrgeräusche durch einen Hörsturz, durch Lärmeinwirkung oder eine Knallschädigung des Innenohrs entstanden sind und nach zwei bis drei Wochen weder spontan noch durch Medikamenteneinnahme verschwinden, bietet sich eine Sauerstoffüberdrucktherapie an. Mediziner sprechen von einer hyperbaren Oxygenation (HBO). Sie ist aber nur in der akuten Phase sinnvoll, das heißt beispielsweise, ein Lärmschaden sollte nicht länger als drei Monate zurückliegen.

Das Verfahren ahmt eine Art Tauchgang nach: Die Betroffenen setzen sich an zehn bis 15 aufeinander folgenden Tagen in eine Druckkammer, in der beim "Abtauchen" ein Überdruck von 1,4 bis 1,8 bar erzeugt wird, wie er in 14 bis 18 Metern Wassertiefe herrschen würde. Die Patienten setzen schließlich Masken auf und atmen reinen Sauerstoff ein. So sollen sich die geschädigten Zellen des Innenohrs wieder erholen. Die Kosten für die HBO übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nur noch in Einzelfällen, die ärztlich begründet werden müssen.

Entspannungsmethoden: Gelassen dem Tinnitus begegnen

Viele Menschen mit Ohrgeräuschen berichten, dass der Tinnitus lauter und störender wird, wenn sie unter Stress stehen. Um etwas souveräner mit unterschiedlichen Belastungen umgehen zu können, hilft es, Entspannungsmethoden wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Qigong oder Tai Chi zu lernen (siehe auch Kapitel "Selbsthilfe").

Beratung und Aufklärung über Tinnitus (Tinnitus-Counseling)

Wenn die Ohrgeräusche den Betroffenen schon im akuten Stadium sehr stark beeinträchtigen, etwa weil er sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, ist es sinnvoll, sich umfassend über die Bedeutung des Tinnitus aufklären zu lassen. Diese Form der Beratung nennen Mediziner Tinnitus-Counseling. Der Arzt bespricht dabei mit seinem Patienten von Anfang an Möglichkeiten, wie dieser am besten mit den Ohrgeräuschen im Alltag umgeht und was ihn ablenken kann. Es geht insbesondere darum, belastende Situationen besser zu bewältigen, damit sich die störenden Töne nicht in den Vordergrund drängen und eventuell dauerhaft festsetzen. Auch spezielle Hörgeräte wie Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Noiser sind mitunter schon in der akuten Phase erfolgreich (siehe Kapitel "Langzeittherapie").

Chronischer Tinnitus: Therapiewege wirkungsvoll kombinieren

Lassen Sie sich auch bei einem dauerhaften Tinnitus nicht entmutigen. Hier kommen umfassende Behandlungsstrategien zum Einsatz. Sie zielen darauf ab, zum einen den störenden Höreindruck zu verdrängen. Das geschieht zum Beispiel mit speziellen Hörgeräten oder "Rauschern", die die Wahrnehmung so umlenken, dass das Ohrgeräusch immer mehr in den Hintergrund tritt. Als sinnvoll hat sich dazu ein sogenanntes Tinnitus-Counseling mit Bewältigungstraining erwiesen.

Entspannungstechniken, Biofeedback sowie psychotherapeutische Beratung helfen zum anderen, Stress zu verringern und Lebensprobleme aufzuarbeiten. Besonders positive Ergebnisse konnte vielfach eine speziell auf die Tinnitus-Problematik ausgerichtete kognitive Verhaltenstherapie erzielen.

Viele HNO-Ärzte und Kliniken bieten Tinnitus-Sprechstunden an. Manchen Betroffenen, vor allem wenn sie unter schweren Tinnitus-Formen leiden, hilft der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik (Tinnitus-Klinik). Unterstützung und Informationen finden Menschen mit Tinnitus auch bei Selbsthilfegruppen.

Tinnitus-Counseling, Bewältigungstraining

Wer unter chronischen Ohrgeräuschen leidet, profitiert zunächst davon, wenn er mehr über sein Leiden weiß. Es ist hilfreich, wenn sein Arzt ihn eingehend darüber aufklärt, wie Tinnitus entstehen und welche Bedeutung er für Körper und Seele einnehmen kann. Dabei ist es wichtig, dass der Betroffene seinen Leidensdruck offen schildert und sich ernst genommen fühlt. Schließlich geht es darum, genauer zu analysieren, wann die Töne besonders stören, wann sie eher zurückgehen oder eventuell gar nicht mehr zu hören sind. Diese Form der Beratung und Aufklärung heißt Tinnitus-Counseling. Sie stellt einen wesentlichen Schritt dar, um den Tinnitus individuell zu bewältigen und geeignete Maßnahmen dafür zu finden.

Speziell ausgebildete HNO-Ärzte sowie Psychotherapeuten bieten Verfahren an, die geeignet sind, besser mit chronischen Ohrgeräuschen umzugehen. Die Betroffenen lernen in Einzel- oder Gruppentherapien, wie sie sich gezielt ablenken können. Sie erfahren, dass sie das Rauschen, Pfeifen oder Summen mit angenehmer Musik oder Hörbüchern übertönen können. Auch unterschiedliche Phantasiereisen eignen sich dazu, die Dauergeräusche mit angenehmen Empfindungen zu verknüpfen.

An der Uni Trier entwickelten Forscher zum Beispiel ein Trainingsprogramm, das Tinnitus-Betroffene am heimischen Computer benutzen können: Die Übungen zur Entspannung und Ablenkung dauern jeweils 25 bis 40 Minuten. Neben gesprochenen Anleitungen wirken zusätzlich Licht- und Wärmereize auf die Übenden ein. Das soll dazu beitragen, dass die Betroffenen sich noch intensiver entspannen und ablenken können. Tinnitus-Patienten erhalten eine Einführung und trainieren anschließend in der Regel vier Wochen lang täglich mit dem Programm.

Biofeedback: Den Ohrgeräuschen entspannter begegnen

Einige von Tinnitus Betroffene neigen zu Fehlhaltungen oder spannen in stressigen Situationen die Schulter-, Stirn- und Kiefermuskulatur übermäßig an. Mit Hilfe eines Biofeedback-Geräts lassen sich diese Muskelanspannungen auf einem Bildschirm sichtbar und hörbar machen. Der Betroffene erfährt so in mehreren Sitzungen, wie der eigene Körper auf psychische Überforderungen reagiert, und er trainiert, sich gezielt wieder zu entspannen. Eine Studie an der Uni Marburg zeigte, dass sich das Biofeedback bei 80 Prozent der Teilnehmer positiv auswirkte.

Eine Weiterentwicklung des Biofeedbacks ist das Neurofeedback. Hier lässt sich bei laufendem EEG (Elektroenzephalogramm, Messung der Hirnstromwellen) die Hirnaktivität überprüfen und sofort erkennen, wie sie sich etwa bei bestimmten Entspannungsübungen verändert. Auf diese Weise kann der Tinnitus aus der bewussten Aufmerksamkeit verschwinden.

Kognitive Verhaltenstherapie: Wieder aktiv – trotz Tinnitus

Wenn der Leidensdruck durch die ständigen Ohrgeräusche groß ist, erweist sich sehr häufig eine kognitive Verhaltenstherapie mit fünf bis 15 Sitzungen als sinnvoll. In Einzel- oder Gruppengesprächen lernen die Betroffenen, wie sie mit dem Tinnitus so umgehen, dass er den Alltag nicht mehr dauerhaft beeinträchtigt. Der positive Effekt ist unter anderem laut einer strengen Untersuchung des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Uniklinik Freiburg eindeutig belegt. Viele Tinnitus-Spezialisten beziehen verhaltenstherapeutische Programme von Anfang an in die Therapie mit ein, oft schon wenn Ohrgeräusche akut auftreten. Besonders wirksam können kognitive Verhaltenstherapien auch in Kombination mit anderen Behandlungsprogrammen sein, etwa im Rahmen der Tinnitus-Retraining-Therapie.

Hörgeräte: Hilfreich bei Tinnitus und Schwerhörigkeit

Wenn sich ein Hörverlust und damit verbundene Ohrgeräusche mit oben genannten Methoden nicht erfolgreich behandeln lassen und die Schwerhörigkeit ein bestimmtes Ausmaß überschritten hat, sollten sich die Betroffenen frühzeitig ein Hörgerät anpassen lassen. Mit einem sorgfältig ausgewählten Gerät hören und verstehen sie besser, und bestimmte Ohrgeräusche stehen dann auch nicht mehr so stark im Vordergrund. Hörimplantate im Innenohr (Cochlea-Implantate) können vereinzelt für Menschen mit ausgeprägter Schwerhörigkeit als Behandlungsmöglichkeit infrage kommen.

Rauschgeräte: Tinnitus-Masker, Tinnitus-Noiser

Ausgehend von der Theorie, dass sich Höreindrücke über bestimmte Assoziationen beeinflussen lassen (Pawel Jastreboff, siehe dazu Kapitel "Psychische Ursachen"), entwickelten Fachleute spezielle Töne zur Tinnitusbehandlung. Diese sollen helfen, die Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen wegzulenken und sie so mehr und mehr in den Hintergrund zu drängen. Die Tinnitus-Betroffenen hören ein Rauschen über ein entsprechendes Hörgerät.

Bei einem Tinnitus-Masker übertönt, "maskiert" das Geräusch den Tinnitus und soll ihn schließlich auslöschen. Einige Menschen erleben einen Trainingseffekt schon nach zwei Monaten. Klinische Studien zeigten jedoch, dass solche Masker oder Noiser (siehe unten) nicht garantieren, dass die Ohrgeräusche ganz verschwinden. Es gibt auch CDs mit entsprechenden Verdeckungsgeräuschen, die Tinnitus-Betroffene dann zum Beispiel über Kopfhörer beliebig lange anhören können.

Ein Tinnitus-Noiser erzeugt dagegen Geräusche, die den Tinnitus nicht überdecken, sondern als Hintergrundrauschen von ihm ablenken. Das Gehirn lässt sich so mit der Zeit möglicherweise auf andere Wahrnehmungen umtrainieren, der Tinnitus steht dann nicht mehr so im Vordergrund und wird erträglicher. Tinnitus-Betroffene tragen das Gerät wie ein Hörgerät mindestens sechs Stunden am Tag. Es ist mitunter bis zu zwei Jahre und mehr im Einsatz, idealerweise im Rahmen einer Tinnitus-Retraining-Therapie. Eventuell können auch CDs oder andere Geräuschquellen einen gewünschten Geräuschpegel im Hintergrund erzeugen.

Tinnitus-Retraining-Therapie

Viele Tinnitus-Therapeuten empfehlen, Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Noiser mit einem Bewältigungstraining, verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und Entspannungstechniken zu kombinieren. Bei einer solchen umfassenenden Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT, von engl. retrain = zurücktrainieren) lernen Tinnitus-Geplagte schrittweise, die Ohrgeräusche nicht mehr als störend wahrzunehmen. Ziel ist es, dass die inneren Töne keine belastende Rolle mehr spielen oder ganz aus dem Bewusstsein weichen.

Musiktherapien: Musizieren mit den Dauertönen

Verschiedene Forschungszentren in Deutschland haben Modelle entwickelt, die in unterschiedlicher Form Musik als Mittel einsetzen, um quälenden Ohrgeräuschen aktiv auf der Ebene des Hörens zu begegnen.

Macht sich zum Beispiel der chronische Tinnitus als ein ständiges Pfeifen bemerkbar, bietet sich unter anderem eine spezielle musiktherapeutische Vorgehensweise an. Dabei singt der Betroffene seinen eigenen Ton zunächst so genau wie möglich nach. Wenn der Sinusgenerator die Frequenz ermittelt hat, wird die Zahl der Schwingungen halbiert und dieser "ähnliche" Ton aufgezeichnet. Der Tinnitus-Patient singt diesen neu gefundenen Ton nach, unterstützt oft durch von ihm gewählte Instrumente. Das Lernprogramm mit solchen Resonanzübungen dauert 50 Minuten und erstreckt sich über etwa zehn Sitzungen.

Der Effekt: Die Gesichtsnerven reagieren auf den "ähnlichen" Ton und regen die Hörnerven und das Hörzentrum im Gehirn an. Die Symptome verbessern sich auf diese Weise bei fast 80 Prozent der Testpersonen, die Erfolge halten mindestens drei Monate an – das ergaben Studien an der Fachhochschule Heidelberg.

Tinnitus-Counseling (siehe oben), verhaltenstherapeutische Programme und Entspannungsübungen gehören oft zu einer umfassenden Musiktherapie dazu.

– Klassische Musik

Forscher an der Uni Münster versuchen, die für den Tinnitus verantwortlichen Nervenzellen in der Hörrinde des Gehirns daran zu hindern, "Amok" zu laufen. Der Trick: Die Wissenschaftler wählen Musikstücke mit einem großen Frequenzspektrum aus, wie sie vor allem die klassische Musik zu bieten hat, und bearbeiten die Klänge nach gewissen Kriterien. Die Tinnitus-Patienten hören sich eine von ihnen ausgesuchte und entsprechend veränderte Musik ein bis zwei Stunden pro Tag an.

Psychosomatische Tinnitus-Kliniken

Menschen, die ständige und vor allem besonders laute Ohrgeräusche haben, fühlen sich zeitweilig so stark psychisch und körperlich belastet, dass ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ratsam ist. In Deutschland gibt es eine Reihe von Kliniken, die umfassende Behandlungen speziell für Tinnitus-Patienten anbieten. Die Betroffenen können dort im Rahmen von Einzel- und Gruppentherapien ihre privaten und beruflichen Probleme einschließlich der Tinnitusproblematik besser als zu Hause bearbeiten.

Gelegentliche Ohrgeräusche: Was tun?

Wenn Sie manchmal Ohrgeräusche haben, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden, sollten Sie das Symptom als Warnsignal Ihres Körpers und Ihrer Seele ernst nehmen. Fragen Sie sich, was Ihnen das Pfeifen, Rauschen oder Summen sagen will, und überlegen Sie, wie Sie mit Stress und Überforderungen besser umgehen könnten. Gönnen Sie sich zwischendurch immer wieder mal eine kurze Pause und meiden Sie übermäßigen Lärm und allzu laute Musik.

Setzt der Tinnitus sich fest, zeigt er sich in immer kürzeren Abständen oder tritt er plötzlich heftig auf, sollten Sie innerhalb von 24 Stunden zu einem Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten gehen.

Wenn die Ohrgeräusche chronisch geworden sind

Wenn die ungebetenen Dauertöne sich dauerhaft einnisten, versuchen Sie zuerst, sie anzunehmen und mehr über sie zu erfahren. Lassen Sie sich eingehend von Ärzten und Psychologen, die auf Tinnitus spezialisiert sind, beraten. In einem weiteren Schritt gilt es, wenn nötig mit fachlicher Unterstützung, die ständigen inneren Geräusche in Ihr Alltagsleben mit einzubinden. Denn je mehr Aufmerksamkeit Sie dem Tinnitus schenken, desto mehr kann er Sie plagen. Familienmitglieder, Arbeitskollegen und Bekannte fühlen sich durch häufige Berichte über Ihre gesundheitlichen Sorgen oftmals überfordert. Sprechen Sie deshalb hauptsächlich mit ausgewählten Vertrauten, mit Fachleuten und mit anderen Betroffenen darüber, was Sie in Bezug auf den Tinnitus bedrückt.

Was im Umgang mit Tinnitus helfen kann

  • Lenken Sie sich mit angenehmen Aktivitäten von den inneren Tönen ab und versuchen Sie, auch unangenehme Dinge gelassen zu nehmen.
  • In Selbsthilfegruppen können sich die Teilnehmer gegenseitig unterstützen. Die Deutsche Tinnitus-Liga in Wuppertal bietet umfangreiche Informationen und persönliche Beratungen an (siehe Link unten).
  • Eine gesunde Lebensweise trägt dazu bei, besser mit bestehenden Ohrgeräuschen umzugehen beziehungsweise ihnen vorzubeugen. Dazu gehört, sich viel körperlich zu bewegen, sich ausgewogen zu ernähren. Vermeiden Sie Alkohol und geben Sie das Rauchen auf.
  • Stärken Sie Ihre Psyche und Ihr inneres Gleichgewicht. Das gelingt oft mit Entspannungsmethoden und Stressmanagement, zum Beispiel unter Anleitung in speziellen Kursen.
  • Verhaltenstherapeutische Programme bieten bei chronischen Ohrgeräuschen, aber auch schon in der Anfangsphase eines Tinnitus wertvolle Unterstützung und verhindern, dass die Tinnitusbelastung überhandnimmt. Einige Forschungsinstitute haben computergestützte Selbsthilfeverfahren auf Grundlage kognitiver Verhaltenstherapien entwickelt. Mit diesen können Betroffene auch zu Hause üben. 
  • Vielfach hilft eine psychotherapeutische Beratung zudem, den inneren Knoten und tiefergehende Probleme zu lösen.
  • Nehmen Sie bestehende gesundheitliche Störungen, die auch Ihre Hörempfindungen beeinflussen, ernst. Lassen Sie die vom Arzt verordneten und empfohlenen Behandlungsmaßnahmen, etwa für Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Stoffwechselerkrankungen, nicht schleifen.
  • Halten Sie aber vor allem Faktoren, die das Gehör zusätzlich belasten oder nachhaltig schädigen können, gering. Das ist in erster Linie Lärm.
  • Lärmschutz ist für bestimmte Berufsgruppen unerlässlich. Zunehmend leiden auch junge Menschen unter bleibender Schwerhörigkeit, oft verbunden mit Ohrgeräuschen. Der Grund ist überlaute Musik, sei es über Kopfhörer oder in der Diskothek. Der beste Schutz für ihr Gehör heißt deshalb: Runter mit der Lautstärke.

Professor Dr. med. Dr. med. habil. Kerstin Lamm ist Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Professorin für HNO-Heilkunde an der TU München und führt seit 2005 eine eigene Praxis in München mit den Schwerpunkten Tinnitus, Hörstörungen und Schwindel. Sie promovierte an der Medizinischen Hochschule Hannover und leitete dort die Abteilung für Experimentelle Innenohr-Forschung. 1992 war Kerstin Lamm am Institute for Biochemistry and Cell Biology, Kresge Research Hearing Institute, der University of Michigan / USA. Von 1993 bis 2005 arbeitete sie als Oberärztin der HNO-Klinik im Klinikum rechts der Isar und als wissenschaftliche Leiterin der HNO-Forschungs-Laboratorien der TU München. Dort wurde sie auch habilitiert und zur Professorin für HNO-Heilkunde berufen.

Professor Dr. med. Dr. med. habil. Gerhard Goebel ist Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin (Psychosomatik) und außerplanmäßiger Professor für HNO-Heilkunde an der TU München. Er leitet die Station für Patienten mit chronischem Tinnitus an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Dort behandelt ein Therapeuten-Team etwa 500 Tinnitus-Patienten pro Jahr. Um die Belastung durch die Ohrgeräusche und die oft zusätzlich bestehende Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis), Schwindel sowie Depressionen, Angst- und Schmerzstörungen zu reduzieren, setzt Professor Goebel Methoden der kognitiven Verhaltentherapie ein. Er ist Autor mehrerer Fachbücher und seit 2002 als Vizepräsident im Vorstand der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL). Zusammen mit Professor Dr. Wolfgang Hiller hat er einen allgemein anerkannten Tinnitus-Fragebogen entwickelt.

 

Fachliteratur für diesen Ratgeber

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Fachredaktion: Dr. med. Claudia Osthoff