Stuhlinkontinenz (anorektale Inkontinenz)

Unter Stuhlinkontinenz versteht man die Unfähigkeit, den Darminhalt sowie auch Darmgase willkürlich im Enddarm zurückzuhalten. Mehr zu Ursachen, Symptomen, Therapien

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aktualisiert am 08.07.2014

Was ist eine Stuhlinkontinenz?

Schätzungsweise fünf Prozent der Deutschen leiden an Stuhlinkontinenz, medizinisch anorektale Inkontinenz genannt. Die Betroffenen können den Vorgang der Defäkation, der Stuhlausscheidung, nicht mehr vollständig bewusst steuern. Aus diesem Grund kommt es zum ungewollten Abgang von Stuhl.

Die Krankheit kann unterschiedliche Ursachen haben. Eine Schwäche von Schließmuskel und Beckenbodenmuskulatur ist besonders bei älteren Menschen ein häufiger Auslöser. Auch Darmträgheit und Verstopfung können eine Stuhlinkontinenz auslösen.

Viele Betroffene schämen sich, den Arzt auf ihr Problem anzusprechen – ein Fehler, denn es gibt wirksame Therapien. Beckenbodentraining und bestimmte Medikamente können die Beschwerden lindern. Reichen diese Methoden nicht aus, kommt unter Umständen eine Operation infrage. Zusätzliche Unterstützung bieten Inkontinenz-Produkte aus der Apotheke wie spezielle Unterlagen für das Bett, Einlagen oder Windeln.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Mit steigendem Alter sinkt die natürliche Fähigkeit, den Schließmuskel ausreichend gespannt zu halten. Die Muskelmasse im Beckenboden- und Analbereich nimmt ab.

Funktionsstörungen des Schließmuskels am Darmausgang (Sphincter ani) können durch Verletzungen entstehen, beispielsweise nach Geburten oder Operationen. Auch eine Enddarmentzündung, Proktitis genannt, oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn können die Funktion des Schließmuskels beeinträchtigen. Auch Tumoren des Enddarms können eine Ursache für eine Inkontinenz sein.

Ist die Nervenwahrnehmung am Darmausgang beeinträchtigt, spüren die Betroffenen den Drang zur Stuhlentleerung verspätet oder gar nicht mehr. Das kommt beispielsweise bei der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) sowie nach Operationen vor. Die zentrale nervliche Steuerung der Darmentleerung kann bei Erkrankungen wie Schlaganfall, multiple Sklerose, Demenz oder einer Querschnittslähmung gestört sein.

Verstopfung kann Stuhlinkontinenz begünstigen

Darmträgheit und Verstopfung führen häufig zur Stuhlinkontinenz: Der Darm produziert mehr Flüssigkeit, die als Überlaufinkontinenz in Erscheinung tritt. Durch den festsitzenden Stuhl entsteht eine Blockade, an der nur wässriger Stuhl passieren kann. Er ist meist schwer zu kontrollieren und tritt in Folge dessen tröpfchenweise aus – was sich in ständigem Stuhlschmieren zeigt, unbemerktem Abgang kleiner Stuhlmengen nach dem Stuhlgang. Zudem pressen Menschen oft, um den Darm zu entleeren. Diese Anstrengung kann unter Umständen zu Verletzungen führen.

Eine Beckenbodenschwäche als Ursache der Inkontinenz entsteht zum Beispiel durch starkes Übergewicht sowie im Alter durch Muskel- und Bindegewebsschwäche. Auch eine Schwangerschaft kann die Beckenbodenmuskulatur belasten und die Entbindung dann zu deren Überdehnung, Schwächung und manchmal zu Rissen sowie zu Nervenschäden führen.

Eine Reihe von Medikamenten kann die Entstehung einer Stuhlinkontinenz begünstigen. Dazu gehören unter anderem Abführmittel, Antidepressiva und Parkinson-Medikamente.

Weitere häufige Ursachen der Stuhlinkontinenz sind ausgeprägte Hämorrhoiden oder ein Vorfall des Mastdarms oder des Enddarms.

Bei einer Dranginkontinenz bemerkt die betroffene Person zwar den Stuhldrang, muss sich aber stets beeilen, um es rechtzeitig bis zur Toilette zu schaffen. Bei einer sensorischen Inkontinenz wird der Stuhldrang nicht bemerkt – der Patient ist sich also nicht bewusst, dass der Mastdarm gefüllt und eine Entleerung nötig ist.

Aufgrund ihrer Erkrankung können die Betroffenen im Analbereich nichts spüren und die Darmentleerung nicht bewusst steuern. Sie erfolgt daher unkontrolliert und unwillkürlich. Etwa die Hälfte aller Betroffenen kann dabei flüssigen bis breiigen Stuhl nicht mehr bewusst halten. Etwa ein Drittel der Erkrankten kann auch festen Stuhl nicht halten. Manche haben zudem einen starken Abgang von Winden, ohne es zu merken.

Unterschieden werden drei Schweregrade:

1. Grad: Unkontrollierter Abgang von Luft und gelegentliches Stuhlschmieren bei Belastung.

2. Grad: Darmgase und dünnen Stuhl zu halten, ist nicht möglich.

3. Grad: Es kommt zu einem totalen Kontrollverlust über die Darmentleerung, der mit ständigem Stuhlschmieren verbunden ist. Den Darminhalt willentlich oder reflektorisch zurückzuhalten, ist unmöglich. Auch fester Stuhl wird verloren.

Zu Beginn führt der Arzt ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, er erkundigt sich zum Beispiel nach früheren Operationen und – bei Frauen – nach Entbindungen. 

Wichtige Diagnosekriterien sind:

  • Häufigkeit des Stuhlgangs
  • Konsistenz und Form des Stuhls
  • Fähigkeit, den Stuhlgang zu verzögern
  • Fähigkeit, zu unterscheiden, ob der Mastdarm mit Stuhl oder nur mit Luft gefüllt ist
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung
  • Notwendigkeit mehrerer, kurz aufeinander folgender Stuhlgänge

Basisdiagnostik

Der Arzt wird den Bauch sowohl abtasten als auch abhören. Darmgeräusche können Hinweise auf Transportstörungen des Darmes geben. Beim Austasten des Enddarms kann der Arzt die Eigenspannung des Schließmuskels in Ruhe und beim willkürlichen Zukneifen untersuchen und etwaige Polypen oder Tumore im Analbereich nachweisen oder ausschließen.

Die Spiegelung des gesamten Dickdarms (Koloskopie) und des Enddarms (Rektoskopie) gehören ebenso wie die Spiegelung des Analkanals (Proktoskopie) zur Basisdiagnostik der Stuhlinkontinenz. Bei der Koloskopie wird ein dünner Schlauch in den After eingeführt und bis zum Kolon vorgeschoben. Integriert in dieses Koloskop ist eine Optik, über die der Arzt das Darminnere beurteilen kann. Auf diese Weise können Tumore, Polypen und Darmentzündungen festgestellt werden.

Als Vorbereitung für die Untersuchung muss eine gründliche Reinigung des Darmes erfolgen – anders als bei der Rektoskopie: Hier muss nur der Enddarm entleert werden. Die Untersuchung ist weniger aufwendig und erfolgt mit dem Rektoskop, einem starren Rohr. Ähnlich läuft auch die Proktoskopie ab: Hier können etwaige Hämorrhoiden nachgewiesen und gegebenenfalls gleich durch einen ambulanten Eingriff entfernt werden. Eine spezielle Vorbereitung ist meistens nicht notwendig.

Spezielle Diagnostik

Bei der Endosonografie wird der Schließmuskel mittels Ultraschall untersucht. Das ist schmerzlos und belastet den Patienten nicht. Während der Untersuchung wird eine kleine Sonde, die mit Wasser gefüllt ist und um 360 Grad rotiert, in den Analkanal eingeführt. Verletzungen des Schließmuskels, wie sie beispielsweise nach Entbindungen oder Operationen auftreten können, lassen sich so gut nachweisen.

Bei der ebenfalls schmerzlosen Analsphinktermanometrie wird die Funktion des Schließmuskels geprüft. Durch Einführen einer kleinen Sonde in den Analkanal wird zunächst der unwillkürliche Ruhedruck und dann der willkürliche Kneifdruck bestimmt. Dazu muss der Patient den Schließmuskel anspannen.

Bei der analen Manometrie wird mit Hilfe eines kleinen ballonartigen Instruments der Druck bei Anspannung und Entspannung der Muskeln gemessen. Der Ballon wird in luftleerem Zustand in den After eingeführt und dann befüllt. So können auch Reflexe und das Empfindungsvermögen getestet werden.

Bei der Defäkografie wird der Enddarm mit einem zähflüssigen Röntgen-Kontrastmittel gefüllt und während des Stuhlganges ein Video-Röntgenfilm aufgenommen. Damit lassen sich die funktionellen Abläufe während der Darmentleerung analysieren und auch Aus- oder Einstülpungen sowie innere Vorfälle der Darmwand nachweisen.

Mit einem Elektromyogramm kann geprüft werden, ob die Nervensignale alle wichtigen Muskeln – zum Beispiel den Schließmuskel – erreichen und korrekt steuern. Die Untersuchungsmethode ist zugunsten der Sonografie und der analen Manometrie in den Hintergrund getreten und bleibt sehr speziellen Fragestellungen vorbehalten.

Zunächst werden in der Regel nicht-operative Methoden eingesetzt wie Beckenbodentraining oder Medikamente. Erweisen sich diese als nicht ausreichend wirksam oder bestehen krankhafte Veränderungen des Enddarmes oder des Schließmuskels, kann eine Operation helfen. Welche Therapie oder welche Medikamente im Einzelfall am besten helfen, sollte individuell mit dem Arzt besprochen werden.

Der Markt bietet zudem eine Vielzahl von Produkten zur Inkontinenz-Versorgung. Diese haben sich in den letzten Jahren in ihrem Aussehen, den Materialien und der Leistungsfähigkeit deutlich verbessert. Erhältlich sind beispielsweise Inkontinenz-Einlagen und Analtampons. Es gibt zudem Hilfsmittel zur Unterstützung des Beckenbodens (Pessare).

Nicht-operative Behandlung

In vielen Fällen kann die Stuhlinkontinenz durch eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten gebessert werden. So lässt sich unter anderem durch die Aufnahme ballaststoffreicher Nahrungsmittel das Stuhlvolumen erhöhen und die Stuhlkonsistenz normalisieren. Darüber hinaus sollte weitgehend auf blähende Speisen, Kaffee und Alkohol verzichtet werden.

Beckenbodengymnastik

Beckenboden-Gymnastik stärkt gezielt die Muskeln im Anal- und Beckenbereich. Das Beckenbodentraining ist vor allem bei Patienten mit Bindegewebsschwäche und bei Frauen, die mehrere Geburten hatten, sehr wirksam. Um die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren kann man Vaginalkonen verwenden.

Spezialisten können dem Patienten helfen, seine Toilettengewohnheiten mit Hilfe von Verhaltenstherapie-Techniken zu erkennen und zu steuern. Das "Toilettentraining" beinhaltet beispielsweise das Einführen regelmäßiger Zeiten für den Toilettengang.

Biofeedback

Beim Biofeedback lernt der Patient, seine Schließmuskelspannung bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Nach Platzieren eines kleinen Ballons im Analkanal spannt der Patient den Schließmuskel an. Über ein Signal wird angezeigt, wenn ein bestimmter Kneifdruck erreicht ist. Das Biofeedback-Training folgt einem individuell festgelegten Übungsplan und bewährt sich bei vielen Patienten.

Elektrostimulation

Die Elektrostimulation soll die Schließmuskelfunktion verbessern: Durch einen schwachen Stromfluss, Reizstrom genannt, wird der Schließmuskel passiv angespannt. Spürbare Effekte sind allerdings erst in Wochen zu erzielen – die Patienten benötigen also Geduld und Durchhaltevermögen.

Medikamente

Laxanzien: Abführmittel, medizinisch Laxanzien genannt, dienen der Stimulierung des Dickdarms, Stuhl auszuscheiden. Sie unterscheiden sich in ihrem Wirkprinzip. Stuhlaufweichende Abführmittel bringen beispielsweise mehr Flüssigkeit in den Stuhl. Präparate auf Kochsalzbasis ziehen aus dem umgebenden Gewebe Flüssigkeit in den Darm, um so den Stuhl aufzuweichen. Einige Laxanzien lösen Kontraktionen des Darmes aus, indem sie den Stuhl voluminöser und wässriger machen. Andere, wie Glycerin-Zäpfchen, hinterlassen auf der Innenseite des Afters eine Beschichtung, um damit die Stuhlausscheidung zu erleichtern.

Motilitätshemmer: Diese Arzneimittel verringern die Häufigkeit des Stuhlgangs, indem sie die Geschwindigkeit der so genannten Darmpassage – den Transport des Nahrungsbreies durch den Darm – reduzieren. Seit Neuerem gibt es Substanzen, die den Wassereinstrom in den Darm vermindern. Sie verfestigen den Darminhalt, ohne die Darmmuskulatur zu hemmen.

Zusätzlich gibt es Analtampons unterschiedlicher Form und Größe, die vom Betroffenen selbst in den Afterkanal eingeführt werden und so eine vorübergehende Dichtigkeit erreichen.

Operationen

Je nach Ursache der Stuhlinkontinenz kommen verschiedene chirurgische Verfahren zum Einsatz:

Operationen am Schließmuskel: Kleine Verletzungen und Einrisse des Schließmuskels können genäht werden, um so wieder einen sicheren Verschluss des Afters zu gewährleisten. Wenn der Schließmuskel nicht mehr funktioniert und zerstört ist, versucht man, den Schließmuskel zu rekonstruieren. Dabei wird der Muskel durch körpereigene Implantate ersetzt, in der Regel einem Muskel vom Oberschenkel – die sogenannte Gracilis-Plastik. Eine andere Möglichkeit ist die Implantation eines körperfremden, künstlichen Schließmuskels. Beide Operationsmethoden sind allerdings sehr aufwändig und können zu Komplikationen führen.

Sakrale Nervenstimulation: Bei Nervenschäden im Beckenbereich ist die sakrale Nervenstimulation hilfreich: Sie kann bei intakter Nervenendstrecke die Schließmuskelfunktion verbessern. Die noch intakten Nervenenden des Schließmuskels werden dabei mit einem kleinen Schrittmacher stimuliert, der chirurgisch in das Gesäß implantiert ist. Er reizt die jeweiligen Nerven durch leichte elektrische Impulse. Das soll die Koordination zwischen Gehirn, Beckenboden, Darm und Schließmuskeln verbessern. Um Stuhl zu entleeren, wird der Schrittmacher abgeschaltet. Möchte der Patient die Therapie beenden, kann der Schrittmacher operativ wieder entfernt werden.

Kolostomie: Dabei handelt es sich um eine Operation, bei der ein Teil des Dickdarms mit der Bauchdecke verbunden wird. Dadurch entsteht eine künstliche Darmöffnung, Stoma genannt, an der ein Beutel angebracht ist. Ein solches Kolostoma kann nur vorübergehend oder aber dauerhaft eingerichtet sein.

Prolaps-Operation: Bei einem Vorfall des Enddarms, einem Prolaps, kann eine Operation vom After aus durchgeführt werden, um den vorgefallenen Darmabschnitt zu entfernen. Um einen erneuten Vorfall zu verhindern, wird nach Entfernen des betroffenen Darmsegmentes der Dickdarm durch ein Kunststoffnetz am Kreuzbein fixiert – die sogenannte Resektionsrektopexie. Prolaps-Operationen erfolgen üblicherweise in der "Schlüsselloch-Technik", also mittels Endoskop.

Beim Beckenbodentraining stärken spezielle Übungen vor allem den Analschließmuskel, wie dessen gezieltes Anspannen und Entspannen. Physiotherapeuten mit einer Spezialausbildung vermitteln die korrekte Durchführung der Übungen und überwachen den Fortschritt.

Um die Beckenbodenmuskeln zu stärken, eignet sich auch die elektrische Stimulation. Dabei werden Elektroden in Vagina oder After platziert. Sie sorgen mit Hilfe schwacher elektrischer Impulse für eine leichte Stimulation der Muskeln. Dadurch werden die Muskeln zusammengezogen und wieder entspannt. So erhöht sich die Muskelspannung.

Keine Tabus: Betroffene sollten sich nicht scheuen, ihren Arzt auf ihre Beschwerden anzusprechen. Inkontinenz ist ein Gesundheitsproblem wie viele andere auch. Es gibt keinen Grund, das Leiden zu verschweigen oder sich gar dafür zu schämen. Nur wer Hilfe sucht, dem kann geholfen werden – oft sogar sehr gut.

Dr. med. Franz Raulf ist Arzt für Chirurgie/Proktologie. Von 1990 bis 2008 war er Chefarzt der Klinik für Chirurgie II/Koloproktologie der Raphaelsklinik Münster. Seit 2008 ist er tätig im End- und Dickdarmzentrum Münster. Dr. Raulf ist Schatzmeister der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V.