Chronic Fatigue-Syndrom (CFS / ME): Was ist das?

Es ist eine Krankheit, über die Ärzte noch nicht viel wissen, die Betroffene aber aus dem Leben reißt. Mögliche Ursachen, Symptome und Therapie-Ansätze

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von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 06.03.2019

CFS / ME: Kurz zusammengefasst

  • CFS / ME ist vermutlich eine Multisystemerkrankung, die unter anderem das Nerven- und Immunsystem sowie den Energiestoffwechsel betrifft
  • CFS kann verschiedenste Beschwerden hervorrufen. Charakteristisch sind die rasche Erschöpfbarkeit und die starke, oft zeitverzögert einsetzende Erschöpfung nach Belastung. Gleichzeitig können sich dadurch weitere Symptome verstärken
  • Die Ursachen sind unklar. Möglicherweise lösen Infektionen mit bestimmten Erregern im Zusammenspiel mit anderen Faktoren das Syndrom aus
  • Es ist bislang nicht möglich, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Ein erfahrener Arzt muss andere Ursachen ausschließen und die Symptome richtig deuten
  • Es gibt derzeit keine gezielte Therapie. Besonders wichtig ist wohl, sich nicht zu überlasten. Ansonsten versuchen Patienten die Beschwerden zu lindern. Viele nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein

CFS / ME: Was ist das?

Es ist eine Krankheit, die Menschen plötzlich aus dem Leben reißt. Die ähnlich oder stärker einschränken kann als Multiple Sklerose, Rheuma oder Krebs. Weder die Ursachen sind derzeit bekannt, noch gibt es Möglichkeiten, die Krankheit anhand bestimmter Marker nachzuweisen. Therapien, mit denen sich die Erkrankung gezielt behandeln ließe, stehen aus. Ärzte und Betroffene versuchen, die Beschwerden zu lindern.

Selbst der Name der Krankheit – Chronic Fatigue Snydrom oder Myalgische Enzephalomyelitis, kurz: ME – ist umstritten. Der Begriff CFS reduziert das Leiden auf die chronische Müdigkeit und Erschöpfung, doch es gibt weit mehr Symptome. Betroffene bevorzugen die Bezeichnung ME. Diese impliziert allerdings, dass es sich um eine Entzündung des Gehirns und Rückenmarks handelt, die durch Muskelschmerzen charakterisiert ist. Auch das greift vermutlich zu kurz. Amerikanische Wissenschaftler hatten im Jahr 2015 vorgeschlagen, die Erkrankung "Systemic Exertion Intolerance Syndrome (SEID)" zu nennen, was so viel bedeutet wie: ein, den ganzen Körper betreffendes Syndrom, das nach Belastung auftritt. Die dabei auftretende, zum Teil extreme Erschöpfung nach körperlicher oder geistiger Anstrengung gilt derzeit als eines der Leitsymptome.

Inzwischen sind immer mehr Forscherteams und Patientenorganisationen weltweit auf Spurensuche. "Viele halten CFS derzeit für eine Multisystemerkrankung, die das Immunsystem, das Nervensystem und den Energiestoffwechsel beeinflusst", sagt Professorin Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz an der Charité Berlin. Die Ärztin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Krankheit.

Wie viele Menschen ME haben, ist nicht klar. In  Deutschland könnte es bis zu 300.000 Betroffene geben, weltweit 15 bis 30 Millionen. In erster Linie sind es Frauen, die typischerweise im Alter von 30 bis 40 Jahren erkranken. Aber auch bei Kindern und Älteren tritt das Syndrom auf. Die Dunkelziffer ist mutmaßlich sehr hoch, weil viele Ärzte sich nicht mit der Krankheit auskennen und geeignete Diagnoseverfahren fehlen. Vielleicht verbergen sich auch verschiedene Leiden hinter dem Begriff CFS / ME.

Ursachen: Was könnte CFS / ME auslösen? Was passiert möglicherweise im Körper?

Wie bei so vielen Krankheiten, gibt es vermutlich auch beim Chronic Fatigue Syndrom nicht nur eine Ursache. Vielmehr spielen eine Reihe von Faktoren eine Rolle. "Viele Patienten berichten, dass die Krankheit bei ihnen nach einem Infekt angefangen hat", so Scheibenbogen. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen bringen CFS mit einer Infektion in Verbindung. Genannt wird häufig das Epstein-Barr-Virus, welches das Pfeiffersche Drüsenfieber hervorrufen kann. Auch andere Herpesviren, Grippe- und Erkältungsviren, Magen-Darm-Keime, Borrelien und Chlamydien kommen unter anderem als Übeltäter in Betracht.

Ob solche Krankheitserreger wirklich das Syndrom auslösen, ist nicht klar. Ebenso, was sie im Körper verändern könnten. Manche Forscher mutmaßen, die Keime lösen eine chronisch aktive Infektion aus oder werden immer wieder reaktiviert. Bei Herpesviren, zu denen auch EBV gehört, ist bekannt, dass sie im Organismus verbleiben und von Zeit zu Zeit wieder aktiv werden können. Bekanntestes Beispiel ist vermutlich Lippenherpes. "Eine aktive Infektion lässt sich aber nur bei wenigen Betroffenen nachweisen", meint die Expertin.

Andere Wissenschaftler vermuten, die Viren oder Bakterien könnten das Zusammenspiel zwischen Nerven, Hormonen, Immunsystem, Herz-Kreislauf-System und Energiestoffwechsel stören. So geben einige Studien Hinweise darauf, dass zumindest bei einem Teil der Menschen mit CFS / ME im Zentralnervensystem entzündliche Vorgänge ablaufen. Auch Veränderungen im körpereigenen Abwehrsystem und den Mitochondrien, den Energiekraftwerken jeder Zelle, lassen sich finden. Vielleicht ist CFS eine neurologische Autoimmunerkrankung.

Neben Infektionen gelten weitere Einflüsse als Risikofaktoren. Da es Fälle gibt, in denen die Kinder von Betroffenen ebenfalls erkranken, liegt eine genetische Veranlagung nahe. Auch Operationen, Traumata wie ein Unfall, Chemikalien, chronischer Stress und anhaltende körperliche Überlastung können das Ausbrechen der Krankheit triggern.

Über Multiple Sklerose sagt man, es sei die Krankheit mit den tausend Gesichtern. Ähnliches könnte für die Myalgische Enzephalomyelitis gelten. Patienten berichten über verschiedenste Beschwerden, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind, die sich von Tag zu Tag und sogar im Laufe eines Tages verändern. CFS kann plötzlich beginnen, aber auch schleichend, es kann sich dauerhaft verschlechtern oder in Schüben verlaufen.

Manche Menschen, die daran erkrankt sind, können Beruf und Privatleben noch einigermaßen stemmen – wenn auch mit deutlichen Einschränkungen. Andere trifft es so schwer, dass sie es nicht mehr alleine schaffen, das Haus zu verlassen, teilweise nicht mal mehr das Bett. Schätzungen zufolge sind circa ein Viertel der Betroffenen haus- oder bettgebunden. Sie verschwinden aus dem Leben, ganz plötzlich.

Ärzte versuchen seit vielen Jahren einheitliche Kriterien festzulegen, anhand derer sie CFS / ME erkennen und die Diagnose stellen können. Dazu zählen unter anderem ältere wie die Kriterien nach Bell oder Fukuda. Neuere sind die Kanadischen Konsensuskriterien, aus denen die Internationalen Konsensuskriterien (ICC) hervorgegangen sind, sowie die des US-amerikanischen Institute of Medicine (IOM). Die von den Patienten beschriebenen Symptome stimmen bei den verschiedenen Richtlinien recht gut überein. Sie weichen aber darin ab, welche Beschwerden als charakteristisch gelten und helfen, CFS von anderen Krankheiten zu unterscheiden.

Erschöpfung und Verschlimmerung der Symptome nach Belastung

Ein gesunder Mensch ist tagsüber körperlich und geistig aktiv, arbeitet, macht Erledigungen, geht seinen Hobbys nach. Abends ist er müde, auch ein Mittagstief ist normal. Jeder Mensch hat mal gute und schlechte Tage. Wer einen anstrengenden Tag hinter sich hat, fühlt sich erschöpft, ruht sich aus und ist bald wieder fit.

Für jemanden, der am Chronic Fatigue Syndrom erkrankt ist, können im Vergleich zu früher einfachste Tätigkeiten in eine ausgeprägte Erschöpfung und Schwäche münden. Dazu reicht es, einen kleinen Spaziergang zu machen, eine Treppe hochzugehen, zu telefonieren, zu lesen, die Spülmaschine auszuräumen. Die Schwelle, ab der ein Betroffener erschöpft ist, kann sehr weit unten liegen. Ruhe verbessert diesen Zustand nicht wesentlich. Erschöpfung ist bei vielen Erkrankten ein Dauerthema, das über Jahre anhalten kann.

Hinzukommt, dass sich nach der teilweise kleinsten geistigen, psychischen oder körperlichen Anstrengung zeitverzögert – oft erst am nächsten Tag – die Erschöpfung verschlimmert. "Das ist charakteristisch für die Erkrankung", erklärt Scheibenbogen. Das Gefühl, der Akku ist leer und lässt sich nicht mehr aufladen, hält bisweilen über Tage oder Wochen an. Zudem berichten viele, sie fühlen sich, als hätten sie eine Erkältung mit Kopf- und Gliederschmerzen, leicht erhöhter Temperatur und geschwollenen Lymphknoten. Praktisch alle weiteren Symptome eines Patienten können sich nach einer Belastung verstärken.

Schlafprobleme trotz extremer Müdigkeit

Obwohl Menschen mit CFS oft sehr, sehr müde sind, leiden sie an Schlafstörungen. Sie schlafen schlecht ein, wachen nachts oder sehr früh morgens auf. Sie schlafen lange und viel, fühlen sich tagsüber aber dennoch wie gerädert.

Schlechtes Gedächtnis, fehlende Konzentration

"Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme treten fast immer auf, sie können sehr ausgeprägt sein", erläutert die Berliner CFS-Expertin. Manche Erkrankten können sich schlecht konzentrieren, fühlen sich geistig wie benebelt, als würde das Gehirn von Reizen überflutet werden. Sie finden keine Worte, verlieren den Faden mitten im Satz, wirken geistig abwesend.

Kreislaufprobleme, Verdauungsbeschwerden, Gefühlsstörungen

Wenn sie aufstehen, rast das Herz oder stolpert. Ihnen wird schwindlig, sie fühlen sich benommen, schnappen nach Luft, sind unsicher auf den Beinen. So skizzieren Patienten oft die Kreislaufprobleme, die sie haben. Ein Teil von ihnen kämpft mit Verdauungsstörungen wie Reizmagen oder Reizdarm, andere haben eine Reizblase. Erkrankte reagieren nicht selten überempfindlich auf Licht, Gerüche, Geräusche und Berührungen. Sie bekommen Schweißausbrüche und haben trotzdem kalte Hände und Füße. Sie spüren ein Brennen und Kribbeln, die Muskeln zucken.

Schmerzen

Kopfschmerzen, Migräne, schmerzende Muskeln und Gelenke, Bauchweh, ein Druck hinter den Augen: Schmerzen sind ein Phänomen, das vielen Betroffenen vertraut ist.

Geschwächtes Immunsystem

"Viele Patienten leiden häufig an Infekten", so Scheibenbogen. Diese verlaufen oft schwerer und länger als bei gesunden Menschen.

Diagnose: Wie können Ärzte ein Chronic Fatigue Syndrom feststellen?

Viele Mediziner kennen sich mit dem Krankheitsbild nur wenig aus und neigen dazu, die Beschwerden als psychisch bedingt zu deuten. Für Patienten ist es zum Teil schwierig, den "richtigen" Arzt zu finden. Sie haben lange Arzt-Odysseen hinter sich, bis endlich die Diagnose CFS / ME gestellt wird. "Das Problem ist, dass es bislang keinen diagnostischen Marker gibt, der spezifisch für die Krankheit ist", sagt Scheibenbogen.

Zwar gibt es durchaus Auffälligkeiten, die auf CFS hindeuten. Zum Beispiel finden sich bei einem Teil der Patienten Hinweise auf einen Immundefekt, einen gestörten Energiestoffwechsel und eine Neigung zu Autoimmunkrankheiten. Die Daten stammen jedoch aus Studien, die erst durch weitere, größere bestätigt werden müssen. Zu unterschiedlich sind bislang die Ergebnisse solcher Analysen. Standardtests, wie sie beim Arzt üblich sind, verlaufen oft unauffällig.

Letztendlich muss sich ein erfahrener Arzt die Krankheitsgeschichte des Patienten anhören, die typischen Symptome von CFS kennen und Krankheiten ausschließen, die mit ähnlichen Beschwerden einhergehen können. Wie zum Beispiel Depression, Rheuma, Schilddrüsenunterfunktion oder Schlafstörungen. Doch auch hier gilt Vorsicht. Wie Studien zeigen, tritt ME möglicherweise zusammen mit anderen Krankheiten auf, unter anderem Fibromyalgie, Reizdarm, Zöliakie, DepressionAllergien und Kreislaufsstörungen. Hier ist es für Ärzte und Ärztinnen manchmal schwer, die Erkrankung richtig einzuordnen.

CFS, Burnout oder Depression?

Erschöpfung, Müdigkeit, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Lärmempfindlichkeit, Konzentrationsprobleme: Solche Beschwerden treten gleichermaßen beim Chronic Fatigue Syndrom, bei einer Depression und einem Burnout auf. Woran soll man die Krankheitsbilder also unterscheiden? Das kann eine wirklich knifflige Aufgabe werden.

Ärzte wurden jahrelang dafür gegängelt, dass sie potenziellen psychischen Problemen ihrer Patienten zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Das hat sich inzwischen vielfach geändert, was auch wichtig ist. Allerdings passiert es, dass Ärzte Menschen mit komplexen Beschwerden, für die sich mit den klassischen Methoden keine Ursache finden lässt, manchmal zu schnell für psychisch krank halten. Sie sagen dann, ein seelisches Problem würde sich körperlich äußern – das gibt natürlich es auch, und zwar gar nicht so selten. Erschwerend kommt hinzu, "dass ein Teil der Betroffenen infolge der sehr belastenden Krankheit eine depressive Reaktion entwickelt", meint Scheibenbogen.

Patienten hingegen fühlen sich vom Arzt nicht ernst genommen, missverstanden, als psychisch krank abgetan. Dabei sind sie sich sicher, ein körperliches Problem zu haben und kein seelisches. Für Betroffene stellt in ihrer eigenen Wahrnehmung vor allem der Antrieb den entscheidenden Unterschied dar. Ein depressiver Mensch fühlt sich häufig antriebslos, wertlos, niedergeschlagen, kann sich an nichts mehr erfreuen. Wer an CFS leidet, hat den Antrieb, wird aber von seinem Körper daran gehindert, wieder aktiver zu werden. Er will, kann aber nicht.

Da sich nur wenige Ärzte mit der Krankheit auskennen und es bislang keine spezifische Therapie gibt, sind Patienten oft mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Bei Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen können sich Betroffene zumindest mit anderen austauschen und sich gegenseitig Tipps geben. Dies ersetzt allerdings nicht das Gespräch mit einem Arzt. Vor allem, wenn es darum geht, potenzielle Behandlungsmöglichkeiten auszutesten.

Manche Menschen erholen sich mithilfe verschiedener Maßnahmen langfristig wieder von CFS / ME – oder ihr Zustand bessert sich wenigstens. Bis dahin können aber Jahre vergehen und es kann immer wieder zu Rückschlägen kommen.

"Derzeit zielt die Therapie darauf ab, die Beschwerden zu lindern, Stress zu vermeiden und sich nicht zu überlasten", sagt Immunologin Scheibenbogen. Inwieweit bestimmte Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel helfen, ist noch unklar.

Beschwerden lindern

Gegen Kopf- und Gliederschmerzen sowie Fieber helfen Schmerzmittel wie Ibuprofen, Naproxen oder Paracetamol. Wichtig: Immer vorher mit einem Arzt oder Apotheker klären, ob etwas gegen die Einnahme spricht. Nur bei Bedarf anwenden. Wer die Mittel wegen dauerhafter Beschwerden unter Umständen längerfristig nimmt, sollte dies auf jeden Fall mit einem Arzt besprechen.

Häufig leiden Menschen mit CFS trotz extremer Müdigkeit unter Schlafproblemen, schlafen schlecht ein, liegen nachts wach. Bei ihnen kommen schlaffördernde Medikamente infrage – in Absprache mit einem Arzt, denn manche Medikamente können auch tagsüber zu vermehrter Schläfrigkeit führen und weitere Nebenwirkungen haben. Hier gilt es, gründlich Vor- und Nachteile abzuwägen. Das gleiche gilt für Antidepressiva. Infolge der teilweise wirklich belastenden und einschränkenden Krankheit kann sich eine depressive Reaktion entwickeln. Ob dann aber Antidepressiva das geeignete Mittel sind, muss man je nach Einzelfall entscheiden.

Medikamente, die gezielt gegen die myalgische Enzephalomyelitis helfen, gibt es bislang nicht. Zu wenig ist über die Krankheit bekannt. Allerdings hat vor einigen Jahren das Krebsmittel Rituximab für Aufsehen gesorgt. Norwegische Ärzte hatten das Medikament einer Patientin gegeben, die an Lymphdrüsenkrebs und CFS litt. Ihre Beschwerden ließen deutlich nach. Rituximab ist ein Antikörper, also ein spezielles Eiweiß, welches das Immunsystem beeinflusst. Ob die Arznei einmal als Therapie infrage kommt, bleibt offen. Dafür bedarf es weiterer Studien an mehr Patienten.

Bei manchen Betroffenen konnten Ärzte einen Mangel an Immunglobulinen nachweisen, weshalb sich möglicherweise die Gabe von körpereigenen Antikörpern anbietet. Aber auch das muss erst weiter erforscht werden. Ebenso könnte es helfen, herpesvirushemmende Mittel einzunehmen, wenn ein Arzt sicher festgestellt hat, dass Herpesviren wie Epstein-Barr chronisch aktiv sind oder oft reaktiviert werden.

Pacing: Alles in der richtigen Dosierung machen

Menschen mit CFS wissen, wie schnell die Grenze überschritten sein kann, ab derer sie wieder einen regelrechten Zusammenbruch erleben. Wieder total erschlagen sind, sich erkältet fühlen, gefühlt ewig brauchen, bis sie sich wieder einigermaßen erholt haben. Sie wissen, dass es gute und schlechte Tage gibt. Und dass sie sich an guten Tagen gerne übernehmen, und es dann wieder bereuen, die Quittung bekommen.

Deshalb versuchen Menschen, die das chronische Fatiguesyndrom haben, durch Austesten eine Art Komfortzone zu finden, innerhalb derer sie so viel wie möglich machen können – sozial, geistig, körperlich –, ohne sich zu überfordern. Eine Methode dafür ist das sogenannte Pacing. "Es zielt darauf ab, alle Aktivitäten so anzupassen, dass sich Überlastung und verlängerte Erholungsphasen vermeiden lassen", erklärt Scheibenbogen.

Wie finden Betroffene das richtige Maß an Aktivität? Das ist eine höchst individuelle Angelegenheit, die jeder für sich erarbeiten muss. Berichte und Tipps von anderen Erkrankten können dabei sehr hilfreich sein. So zum Beispiel jene von Dr. Ellen Goudsmit, Psychologin und an CFS Erkrankte aus England:

Aufhören und eine Pause einlegen, sobald man bemerkt, dass man sich unwohl fühlt oder erschöpft. Pause heißt: Nichts machen, am besten kurz hinlegen und dösen. Die täglichen Aktivitäten begrenzen. Fragen wie "was ist heute am wichtigsten?" und Merkzettel können helfen. Immer auf die Signale des Körpers hören und dementsprechend den Tagesablauf anpassen.

Nach anstrengenden Tagen mindestens einen Tag Erholung einplanen. Sich überlegen, wo man Energie sparen kann. Zum Beispiel sitzen statt stehen. Ein Tagebuch führen, um herauszufinden, was die Beschwerden verschlechtert. Stressauslöser erkennen. Alles langsam machen. Nicht zu lange telefonieren. Aktivitäten abwechseln, um verschiedene Bereiche des Körpers nicht zu lange zu fordern. Ein Gleichgewicht zwischen geistiger und körperlicher Aktivität und Ruhe finden.

Streitpunkt Bewegungstherapie

Für Patienten, die so schwach sind, dass sie nicht mehr das Haus oder gar das Bett verlassen können, ist an Bewegungstherapie im Sinne von Ausdauertraining nicht zu denken. Außerdem besteht immer die Gefahr, sich zu überfordern und zeitverzögert wieder in ein tiefes Energieloch zu fallen, welches mit Verschlimmerung der anderen Beschwerden einhergeht – die berüchtigte Fatigue nach Belastung. Aus diesem Grund stehen viele Patienten und Patientinnen einer Bewegungstherapie kritisch gegenüber.

Für große Diskussionen sorgte vor einigen Jahren die sogenannte PACE-Studie: Britische Wissenschaftler verordneten CFS-Patienten eine Bewegungstherapie, unter anderem mit Ausdauertraining und Gymnastik, deren Intensität und Dauer in kurzen Zeitabständen stufenweise zunahm. Diese Strategie würde bei Vielen die Beschwerden verbessern. Als ähnlich wirksam wurde eine kognitive Verhaltenstherapie eingestuft. Patientenorganisationen liefen Sturm. Ihr Argument: Zu viel körperliche Aktivität verschlimmere die Krankheit und sei auch nicht Folge von mangelnder Fitness. Außerdem wies die Studie methodische Schwächen auf. Bis heute kommen Studien, die sich dem Thema Bewegung bei CFS / ME widmen, zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Wie es schon Ellen Goudsmit geschildert hat, sollten Menschen, die diese Krankheit haben, so aktiv wie möglich sein – auch körperlich –, aber innerhalb ihrer Möglichkeiten. Wer einen Spaziergang schafft, ohne dass ihm die Beine zusammensacken und der sich auch am nächsten Tag nicht schlechter fühlt, bewegt sich vermutlich innerhalb seiner Energiegrenzen. Wen aber schon das Ausräumen der Spülmaschine oder Haare kämmen erschöpft, wird kaum spazieren gehen. Auch beim Pacing ist es das Wunschziel, mit viel Zeit die Belastungsgrenze nach oben zu schrauben und wieder aktiver am Leben teilnehmen zu können.

Manchen Patienten hilft es möglicherweise auch, die Muskelbereiche zu identifizieren, die sie im Alltag am meisten einschränken, etwa zu schwache oder verkrampfte Beinmuskeln. Durch eine – dem individuellen Zustand – angepasste manuelle Therapie bei einem Physiotherapeuten, zum Beispiel leichtes Dehnen, lassen sich diese Bereiche auf lange Sicht vielleicht wieder etwas mobilisieren.

Kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll sein?

Das Chronic Fatigue Syndrom ist eine Krankheit, die Menschen unheimlich belasten und einschränken kann, die sie oft im besten Alter aus dem Leben reißt. Über die, wie bereits erwähnt, wenig bekannt ist und die sich derzeit nicht wirklich behandeln lässt. Um besser mit diesem Zustand umgehen zu können und trotzdessen so viel Lebensqualität wie möglich zu erreichen, kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll sein. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie lässt sich beispielsweise erlernen, wie man die Signale des Körpers besser wahrnimmt und Pausen einlegt, wenn sie angebracht sind, also nicht zu spät. Auch der Umgang mit Stress lässt sich steuern und welches Entspannungsverfahren vielleicht hilft. Besonders Menschen, die infolge des CFS eine depressive Reaktion oder Angststörung entwickelt haben, kann eine individuell angepasste Psychotherapie helfen.

Hilft eine spezielle Ernährungsweise? Was ist von Nahrungsergänzungsmitteln zu halten?

Wer CFS hat, hat vermutlich schon viel im Bereich Ernährung und Vitaminpillen ausprobiert. So versuchen manche zu fasten, eine ketogene Diät durchzuhalten, sich vegan zu ernähren oder zahlreiche Kapseln und Drinks mit Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Substanzen zu schlucken. Aussagekräftige und große wissenschaftliche Untersuchungen, ob das etwas bringt, fehlen aber bislang. Es gibt nur einzelne Studien, die teilweise positive Effekte bescheinigen. Andere können das wiederum nicht bestätigen. Außerdem nehmen Patienten in den Analysen oft verschiedene Präparate in unterschiedlicher Dosierung und Dauer ein.

"Betroffene sagen dennoch häufig, dass Nahrungsergänzungsmittel ihre Beschwerden verbessern", so Scheibenbogen. Besonders, wenn ein Mangel an bestimmten Mikronährstoffen festgestellt wurde – was bei Menschen mit CFS / ME wohl gar nicht so selten vorkommt – kann eine zeitlich begrenzte Einnahme überlegt werden. Den Energiestoffwechsel beeinflussen unter anderem Stoffe wie Ribose, Coenzym Q 10, NADH, B-Vitamine, Carnitin und Arginin. Auch Magnesium, Eisen, Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien wie Vitamin C und E spielen dabei eine Rolle.

Wichtig: Nahrungsergänzungsmittel nicht ohne Absprache mit einem Arzt über längere Zeit in hoher Dosierung einnehmen. Obwohl es sich um "Vitaminpillen" handelt, können die Inhaltsstoffe auch schaden.

Parallel zum chronischen Fatiguesyndrom können Betroffene an Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Lebensmitteln leiden – dies äußert sich dann typischerweise mit Verdauungsproblemen. Eine Intoleranz gegenüber Milchzucker, Fruchtzucker, Gluten, Histamin oder sogenannten FODMAPs ist häufig. Auch Allergien auf Nahrungsmittel, zum Beispiel Weizen oder Milch, sind bekannt. In diesen Fällen hilft es, die entsprechenden Lebensmittel zu meiden beziehungsweise die individuelle Verträglichkeit herauszufinden. Es ist wichtig, beim Verdacht auf eine Intoleranz diese beim Arzt feststellen zu lassen und dann am besten eine Ernährungsberatung wahrzunehmen.

Neuere Studien beschäftigen sich damit, ob die Darmflora Einfluss auf die Krankheit haben kann – positiv wie negativ. Deshalb ist es im Moment vermutlich nicht sinnvoll, Probiotika einzunehmen. Es ist einfach viel zu wenig über deren Effekte bekannt.

Naturheilverfahren austesten?

Manche Patienten berichten, dass sie von alternativen Heilmethoden wie der chinesischen Medizin oder dem indischen Ayurveda profitieren. Auch wenn es bislang zu wenige wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt, kann es im Einzelfall einen Versuch Wert sein.

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