Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung (auch Querschnittslähmung genannt) entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks auf einer bestimmten Höhe. Häufigste Ursache sind Unfälle

Unsere Inhalte sind pharmazeutisch und medizinisch geprüft

von Dr. med. Dagmar Schneck, 08.07.2014

Zu einer Querschnittlähmung (auch als Querschnittslähmung bezeichnet) kommt es, wenn das Rückenmark geschädigt wird, zum Beispiel durch eine Verletzung.

Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal der Wirbelsäule. Es transportiert elektrische Information zwischen dem Gehirn und bestimmten Bereichen des Körpers. Bewegungsnerven (motorische Nerven) leiten elektrische Impulse vom Gehirn zu den Muskeln, Empfindungsnerven (sensible Nerven) übermitteln Information wie Schmerz, Druck oder Temperatur aus dem Körper zum Gehirn. Die sogenannten autonomen Nerven steuern unter anderem das Herz-Kreislauf-System, die Verdauungsorgane und die Ausscheidungsfunktion von Blase und Mastdarm.

Wird das Rückenmark an einer Stelle beschädigt, kann es die elektrischen Impulse nicht mehr weiterleiten. Die Körperregionen, die von Rückenmarksabschnitten unterhalb der beschädigten Stelle kontrolliert werden, können nicht mehr durch das Gehirn beeinflusst werden. Leitsymptom ist eine Lähmung der betroffenen Gliedmaßen.

Querschnitt bedeutet nicht automatisch, dass das Rückenmark unwiderruflich durchtrennt wurde. Symptome eines Querschnitts stellen sich manchmal auch ein, wenn das Rückenmark nicht richtig durchblutet oder gequetscht wird, zum Beispiel durch eine Schwellung oder einen Tumor. Je nach Auslöser und Schadensbild kann sich eine Querschnittlähmung in einigen Fällen auch wieder – zumindest teilweise – zurückbilden. Häufig bleiben Ausfälle jedoch ein Leben lang bestehen.

Häufigkeit und Ursachen einer Querschnittlähmung

In Deutschland erleiden jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Menschen eine Querschnittlähmung.

Die weitaus häufigste für sich genommene Ursache für eine Querschnittlähmung sind Unfälle im Straßenverkehr oder beim Sport (traumatische Querschnittlähmung). Betroffen sind vor allem Männer um die 40.

Etwa die Hälfte der Querschnittlähmungen ist durch andere Erkrankungen bedingt (nicht-traumatische Querschnittlähmung). Dazu gehören zum Beispiel Tumoren (am häufigsten Tochtergeschwülste bei Krebserkrankungen), Infektionen oder Durchblutungsstörungen des Rückenmarks. Betroffen sind vorwiegend ältere Menschen.

Eine weitere mögliche Ursache ist die Multiple Sklerose. Die Diagnostik und Behandlung dieser Erkrankung unterscheidet sich vom Vorgehen bei anderen Formen der Querschnittlähmung. Mehr zum Thema lesen Sie im Ratgeber Multiple Sklerose.

Symptome und Formen einer Querschnittlähmung

Die Schädigung des Rückenmarks führt zu einer Störung der Funktionen, die unterhalb des betroffenen Bereiches gesteuert werden.

Es kommt meistens zu einer Lähmung der betroffenen Gliedmaßen und zu einem Ausfall der Sinnesempfindungen. Zusätzlich tritt bei den meisten Formen einer Querschnittlähmung eine Störung der Blasen- und Mastdarmfunktion auf. Häufig ist keine oder nur ein unvollständige Entleerung von Blase und Darm möglich. Auch eine Inkontinenz oder Mischformen von beidem können auftreten. Der Wegfall der Steuerung von Blutdruck und Puls kann zu teils schwerwiegenden Kreislaufproblemen führen.

Wichtig zu wissen: Wie die Symptome eines Querschnitts im Einzelfall aussehen, hängt sehr davon ab, wo und wie das Rückenmark geschädigt ist. Nicht immer ist das gesamte Rückenmark betroffen.

Kompletter Querschnitt: Bei einem kompletten Querschnitt sind an der betroffenen Stelle des Rückenmarks alle Nerven beschädigt. Es entsteht eine komplette Lähmung der betroffenen Gliedmaßen, zum Beispiel der Beine. Ärzte sprechen dann von einer Plegie. Der Ausdruck Paraplegie beschreibt eine Lähmung beider Beine. Bei einer Tetraplegie sind Arme und Beine betroffen. Der Rückenmarksschaden findet sich dann im Halsbereich (hohe Querschnittlähmung). Je nach Ort der Schädigung kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein.

Inkompletter Querschnitt: Ist nur ein Teil der Nervenfasern geschädigt, kann eine inkomplette, also eine teilweise Lähmung auftreten. Sie heißt Parese. Sind beide Beine betroffen, sprechen Ärzte von Paraparese. Sind zusätzlich die Arme beteiligt, lautet der Fachausdruck Tetraparese. Eine inkompletter Querschnitt zeigt sich unterschiedlich: Manchmal besteht trotz einer spürbaren Lähmung noch eine Restbeweglichkeit.

Diagnose einer Querschnittlähmung

Der Verdacht auf eine verletzungsbedingte Querschnittlähmung ergibt sich in erster Linie aus der Vorgeschichte mit einem Unfall und der Beobachtung, dass der Betroffene seine Gliedmaßen nicht mehr bewegen kann.

Eine CT-Untersuchung kann Verletzungen der Wirbelsäule anzeigen. Das Rückenmark kann der Arzt am besten in einer MRT-Untersuchung beurteilen. Bei Verletzungen der Halswirbelsäule ist eine Untersuchung der Blutgefäße am Hals wichtig, da die häufig mitverletzt sind. Mit Hilfe neurophysiologischer Untersuchungen kann der Arzt die verbliebene Funktion des verletzten Rückenmarks ermitteln.

Auch bei einer nicht-traumatischen Querschnittlähmung ist ohne Zeitverzögerung ein MRT nötig. Vor allem Quetschungen (eine Kompression) des Rückenmarks, beispielsweise durch einen Bluterguss innerhalb des Wirbelkanals oder einen Bandscheibenvorfall erfordern eine sofortige Diagnose und Behandlung. Denn: Besteht die Quetschung länger als 48 Stunden, sind die Chancen für eine völlige Heilung nur noch sehr gering.

Ist die Ursache einer Querschnittlähmung durch ein MRT nicht zu klären, folgt eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquorpunktion). Eventuell nimmt der Arzt noch Blutuntersuchungen und Spezialuntersuchungen zur Blutversorgung des Rückenmarks vor.

Grundsätzlich müssen alle Menschen mit akutem oder schnell fortschreitendem Querschnitt so schnell wie möglich in einem Krankenhaus versorgt werden, in dem die notwendigen diagnostischen Maßnahmen (insbesondere eine MRT-Untersuchung) möglich sind.

Akutbehandlung einer Querschnittlähmung

Zur Behandlung gehört eine intensivmedizinische Überwachung und Behandlung typischer Komplikationen.

  • Eine akute Querschnittlähmung kann zum Beispiel einen Kreislaufschock auslösen.
  • Bei einer Tetraplegie ist ein (meistens vorübergehendes) Versagen der Atemmuskulatur möglich, das eine maschinelle Beatmung erfordert.
  • Typische Komplikationen sind auch Störungen der Ausscheidung von Urin mit Blasenüberdehnung oder ein Darmverschluss. Wichtig sind daher die Anlage eines Blasenkatheters (also die Ableitung des Urins über einen Kunststoffschlauch) und Maßnahmen, die eine regelmäßige Stuhlentleerung unterstützen.
  • Bei Querschnittgelähmten treten häufig Blutgerinnsel auf. Daher brauchen die Patienten zwingend geeignete Medikamente zur Blutverdünnung.
  • Eine Querschnittlähmung bedeutet nicht, dass die Betroffenen keine Schmerzen mehr haben können. Daher ist von Beginn an eine angemessene Schmerzbehandlung notwendig.

So früh wie möglich: Bestehende Schäden beheben und weitere Schäden vermeiden

Gleichzeitig versuchen Ärzte, mit an die Situation angepassten Maßnahmen den Funktionsausfall des Rückenmarks so weit wie möglich rückgängig zu machen, oder aber zumindest zu verhindern, dass die Schäden weiter fortschreiten.

Wird das Rückenmark durch irgendetwas gequetscht – durch "eine Raumforderung", wie Mediziner sagen – muss diese so früh wie möglich in einer Operation entfernt werden.

Instabile Brüche der Wirbelsäule werden mit Hilfe von Schrauben und Platten fixiert. Für solche Verletzungen gibt es – im Gegensatz zu den oben genannten Raumforderungen – aber keine genauen Richtlinien für den zeitlichen Rahmen, in dem eine Versorgung erfolgen muss. Ist eine Operation (noch) nicht möglich, gelten strenge Regeln für Lagerungsmaßnahmen.

Für manche Formen einer Querschnittlähmung hat sich eine Behandlung mit Methylprednisolon (eine Art Kortison) als vorteilhaft erwiesen. Bis vor kurzen gehörten dazu auch verletzungsbedingte Schäden des Rückenmarks. Nach der aktuellen Studienlage ist diese Behandlung mittlerweile jedoch vorwiegend bei Querschnittlähmungen durch Tumoren und bestimmte Entzündungen üblich.

Querschnittlähmungen, die weder durch eine Verletzung noch durch eine Raumforderung im Wirbelkanal bedingt sind, behandeln Ärzte angepasst an die auslösende Ursache, beispielsweise mit bestimmten Medikamenten.

Mögliche Folgen einer Querschnittlähmung

Bei vielen Menschen, die eine Schädigung des Rückenmarks erlitten haben, bleibt die komplette oder teilweise Querschnittlähmung dauerhaft bestehen. Ist das der Fall, können sich verschiedene Folgeerscheinungen entwickeln, die einer lebenslangen Beachtung und Behandlung bedürfen.

  • Die gestörte Blasenentleerung kann zu wiederkehrenden und teils komplizierten Harnwegsinfekten führen.
  • Die fehlende Schmerzempfindung in bestimmten Bereichen begünstigt ein Wundliegen.
  • Die Störung des sympathischen Nervensystems kann zu anfallsartig auftretenden Bluthochdruckkrisen führen (Autonome Dysreflexie). Auslöser sind zum Beispiel eine Überdehnung von Blase oder Darm.
  • Es können sich flüssigkeitsgefüllte Höhle im Rückenmark bilden (Syringomyelie). Sie führen zu einer Verschlechterung der neurologischen Ausfälle und zu Schmerzen.
  • Es kann zu schmerzhaften Verknöcherungen von Weichteilen (zum Beispiel Muskel und Bindegewebe) kommen.
  • Mehrere Wochen nach der akuten Querschnittlähmung entwickelt sich bei den Betroffenen eine spastische Lähmung. Die Muskelspannung ist krankhaft erhöht. Die Mehrzahl der Querschnittgelähmten braucht dafür eine Behandlung mit Medikamenten, einige auch in Form einer Medikamentenpumpe.
  • Durch die Lähmung kann es zu einer Verkürzung von Muskeln und Bändern kommen, die zu einer schmerzhaften Versteifung von Gelenken (Kontrakturen) führen.

Ablauf und Planung der langfristigen Behandlung und Rehabilitation

Schon von Beginn an, das heißt schon auf der Intensivstation, sind die ersten Maßnahmen zur Rehabilitation notwendig. Viele davon müssen konsequent und teilweise lebenslang weitergeführt werden, um das Risiko und die Ausprägung möglicher Folgen gering zu halten.

Bestimmte Symptome der Erkrankung (wie die Störungen von Atmung und Kreislauf aber auch der Blasen- und Mastdarmfunktion) können in den ersten Monaten in ihrer Intensität stark schwanken. Teils machen sie auch immer wieder intensivmedizinische Maßnahmen erforderlich.

Gleichzeitig sind schon von Anfang an Maßnahmen zur langfristigen Rehabilitation nötig. Ziel ist eine möglichst große Selbständigkeit und Wiedereingliederung in angepasste Lebensverhältnisse. Diese Anpassung, zum Beispiel für eine berufliche Wiedereingliederung, ist häufig nur mit einem langen zeitlichen Vorlauf zu verwirklichen.

Die umfassende Behandlung und Rehabilitation im Anschluss an die akute Versorgung findet idealerweise in einem spezialisierten Zentrum statt. So ein Zentrum ist am besten auf die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen eingerichtet. Diese Behandlung muss allerdings durch eine rechtzeitige Anmeldung gebahnt werden.

Die Dauer bis zum Abschluss der Rehabilitation liegt auch bei idealem Verlauf bei etwa vier bis sechs Monaten für eine Paraplegie, für eine Tetraplegie bei bis zu acht Monaten.

Welche Behandlungen sind nötig?

  • Physiotherapie und Ergotherapie: Sie helfen, verbliebene Fähigkeiten zu stärken und gleichzeitig eine Fehlhaltung oder eine Überbeanspruchung zu vermeiden.
  • Management von Störungen der Blasen-, Mastdarm und Sexualfunktion: Im Verlauf der Behandlung können die meisten Betroffenen die dafür notwendigen Maßnahmen (beispielsweise eine Blasenentleerung durch keimfreie Einmalkatheter) gut selbst erlernen. Behandlungsrichtlinien für die urologische Betreuung Querschnittgelähmter haben zu einer deutlichen Verbesserung des Krankheitsverlaufes und der Lebensqualität der Betroffenen geführt.
  • Gezielte Atemtherapie: Sie ist vor allem bei Menschen mit einer hohen Querschnittlähmung (Tetraparese und –plegie) wichtig.
  • Sorgfältige und regelmäßige Umlagerung: Sie kann ein Wundliegen und die Entwicklung von Kontrakturen vermeiden.

Die meisten dieser Maßnahmen müssen auch über die diese erste Phase hinaus lebenslang konsequent weitergeführt werden.

Neben der medizinischen Behandlung der körperlichen Erkrankung sind intensive Maßnahmen zur psychischen Stabilisierung der Betroffenen nötig. Krisenintervention und psychologische oder psychotherapeutische Betreuung helfen, die Krankheit und die bleibende Behinderung zu verarbeiten.

Rat und Hilfe: Fachverbände und Selbsthilfegruppen

Verschiedene Fachverbände und Selbsthilfegruppen im deutschsprachigen Raum bieten weitere Informationen, Hilfestellung und vermitteln Ansprechpartner für Betroffene und ihre Angehörigen. Im Anhang finden Sie einige weiterführende Links.

Beratender Experte: Professor Dr. med. Armin Curt

Professor Armin Curt ist Chefarzt und Direktor des Zentrums für Paraplegie der Uniklinik Balgrist in Zürich. Seine Spezialgebiete sind die Paraplegiologie, Neurologie und Neurophysiologie. Er ist der Gründer der EMSCI (European Multicenter Study about Spinal Cord Injury), in der seit 2001 Behandlungsmaßnahmen und funktionelle Ergebnisse von mittlerweile über 2000 Menschen mit Rückenmarksverletzungen erfasst wurden. Diese Daten sind die Grundlage einer weiteren Verbesserung der Neurorehabilitation.

Quellen:

Leitlinien Querschnittlähmung: Leitlinien in Diagnostik und Therapie in der Neurolgie der deutschen Gesellschaft für Neurologie, Kapitel: Neurotraumatologie und Erkrankungen von Wirbelsäule und Nervenwurzel, AWMF Registriernummer 030/070, Stand September 2012. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-070.html (Abgerufen am 05.03.2014)

Burgdörfer H, Heidler H, Madersbacher H et al., Manual Neuro-Urologie und Querschnittlähmung, Leitlinien zur urologischen Betreuung Querschnittgelähmter 4. Auflage 2007. Online: http://www.farco-pharma.de/uploads/doc_download_leitlinien_4auflage.pdf (Abgerufen am 05.03.2014)

Leitlinien zur umfassenden Behandlung und Rehabilitation Querschnittgelähmter der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie. Online: http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=9&ved=0CGwQFjAI&url=http%3A%2F%2Fwww.dmgp.de%2Findex.php%2Fcomponent%2Fjoomdoc%2Fleitlinien-zur-umfassenden-behandlung-und-rehabilitation-querschnittgelaehmter-pdf%2Fdownload&ei=v_cWU6BRwd20BoDAgLAD&usg=AFQjCNHoSZ73uocshX46-2RUK1cxUCMYBQ&bvm=bv.62286460,d.Yms (Abgerufen am 05.03.2014)

Spinale Traumatologie. Online: http://neurochirurgie.uni-duesseldorf.de/downloads/SpinaleTraumatologie.pdf (Abgerufen am 05.03.2014)

Der Querschnitt.de, Informationsprotal der Manfred-Sauer-Stiftung. Online: http://www.der-querschnitt.de/archive/1820 (Abgerufen 06.03.2014)

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.