Phenylketonurie: Medikament kann helfen

Gegen die Stoffwechselstörung Phenylketonurie gibt es ein Medikament, das einigen Patienten einen entspannteren Umgang mit Essen erlaubt

von Dr. Luitgard Marschall, aktualisiert am 08.11.2016

Die Liste der verbotenen Nahrungsmittel ist lang: kein Fleisch, kein Fisch, kein Ei und keine Milchprodukte! Gewöhnliches Brot und herkömmliche Nudeln sind ebenfalls tabu. Stattdessen stehen Obst und Gemüse sowie industriell gefertigte Spezialnahrungsmittel und Aminosäure-Mischungen auf dem Speiseplan. Die Kost von Menschen, die unter der Stoffwechselstörung Phenylketonurie (PKU) leiden, ist eintönig und karg. Sie verlangt ihnen schwere Opfer ab. "Viele der betroffenen Kinder und Eltern werden psychologisch begleitet, um das unbeschadet durchzustehen", berichtet Professorin Ania Muntau vom Haunerschen Kinderspital in München.

Doch die Patienten haben keine Wahl. Aufgrund eines erblichen Enzymdefekts können sie den Eiweißbaustein Phenylalanin nur begrenzt oder gar nicht verstoffwechseln. Folglich reichert er sich im Organismus an und schädigt vor allem das Gehirn. Bei Erwachsenen kann das Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit bewirken. Bei Säuglingen und Kleinkindern behindert ein Übermaß an der Aminosäure das Reifen des Gehirns, was zu geistiger Behinderung und Verhaltensstörungen führt.

Diät erfordert viel Disziplin

Bis vor Kurzem war eine rigorose Diät die einzige Möglichkeit, die dramatischen Folgen zu verhindern. "Für Kinder ist die eiweißarme Kost unverzichtbar, ebenso für Schwangere mit PKU", sagt Ania Muntau. Grundsätzlich raten Experten, die Diät lebenslang einzuhalten. Das Problem dabei: Je älter die Patienten werden, desto mehr fehlt ihnen oft die dafür notwendige Disziplin.

Zumindest einem Teil von ihnen könnte ein seit 2009 auf dem deutschen Markt zugelassener Wirkstoff das Leben erleichtern: Sapropterin oder BH4 reaktiviert den blockierten Stoffwechselweg so weit, dass die Diät deutlich gelockert werden, manchmal sogar ganz unterbleiben kann. Den Wirkmechanismus (siehe Grafik) erklärt Professor Peter Freisinger, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum am Steinenberg in Reutlingen, so: "BH4 korrigiert die räumliche Struktur des Enzyms Phenylalanin- Hydroxylase (PAH), das bei PKU-Patienten falsch gefaltet ist." Als Faltungshelfer, fachlich Chaperon genannt, verbessert BH4 den Zugang zum aktiven Zentrum des Enzyms und steigert dessen Aktivität. Damit das Molekül wirken kann, muss bei dem Patienten eine gewisse Restaktivität des Enzyms vorliegen. Das ist laut Freisinger bei etwa 30 Prozent der Betroffenen der Fall.

Neuer Therapie-Ansatz

BH4 steht für einen neuen Ansatz: die Behandlung von Krankheiten, die auf fehlerhaft gefalteten Eiweißen beruhen, mit Chaperonen. Es ist der erste medizinisch wirksame Faltungshelfer auf dem Markt. "Bald werden weitere folgen", prophezeit Muntau. "Viele Stoffwechselerkrankungen, darunter die erbliche Hypercholesterinämie, beruhen auf der fehlerhaften Faltung von Eiweißstoffen.

Doch obwohl Patienten, die auf BH4 ansprechen, durch den Wirkstoff mehr Lebensqualität gewinnen könnten und die Substanz in der Regel auch gut vertragen wird, hat sich der Wirkstoff in Deutschland bislang kaum durchgesetzt. Einer der Gründe ist der hohe Preis: Die Behandlungskosten für einen PKU-Patienten mit 70 Kilogramm Körpergewicht liegen bei annähernd 70.000 Euro im Jahr. "Deswegen muss sich ein Arzt die Verschreibung sehr genau überlegen und zunächst durch Tests ermitteln, inwieweit dem einzelnen Patienten mit dem Medikament tatsächlich geholfen werden kann", sagt Freisinger.

Doch selbst für Patienten, die nicht von BH4 profitieren, besteht Anlass zur Hoffnung. In den USA wird derzeit in klinischen Studien ein anderer neuer Wirkstoff erprobt, der das feh- lerhafte Enzym PAH ganz ersetzen und deswegen bei allen Patienten wirken soll. Darüber hinaus arbeiten Wissenschaftler weltweit an einem gentherapeutischen Verfahren. Über kurz oder lang könnte damit vielen PKU-Patienten geholfen werden.