Latexallergie (Naturlatexallergie)

Wer eine Latexallergie hat, reagiert auf bestimmte Inhaltsstoffe von Naturlatex. Häufig führt dies zu Quaddeln auf der Haut

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von Dr. Angela Unholzer, aktualisiert am 15.11.2016

Was ist eine Latexallergie?

Unter einer Latexallergie versteht man eine krankmachende Reaktion des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem) auf bestimmte Inhaltsstoffe von Naturlatex.

Bei den meisten Betroffenen kommt es nach Kontakt mit latexhaltigen Gegenständen zu juckenden Quaddeln an der Haut. In besonders schweren Fällen können Atembeschwerden oder Kreislaufstörungen bis hin zum Schock hinzukommen.

Betroffene sollten den Kontakt mit Gebrauchsgegenständen aus Naturlatex konsequent meiden. Dies ist jedoch nicht leicht, da der Gummistoff in zahlreichen Produkten vorkommt – unter anderem in Einmalhandschuhen, Türdichtungen, Gummistiefeln, Schwimmbrillen, Radiergummis und Kondomen. Eine Alternative zu Naturlatex stellen synthetische Gummimaterialien dar, die aus Erdölprodukten hergestellt werden.

Wichtig: Quaddeln an der Haut, allergischer Schnupfen, Asthma bronchiale und Kreislaufreaktionen können zahlreiche Ursachen haben. Nicht immer handelt es sich um eine Latexallergie. Unverträglichkeitsreaktionen und unklare Beschwerden deshalb grundsätzlich vom Arzt abklären lassen!

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich

Naturlatex wird im Wesentlichen aus dem milchigen Pflanzensaft des Kautschukbaums Hevea brasiliensis gewonnen. Wird die Rinde der Pflanze eingeritzt, tritt die Latex-Milch aus. Diese besteht vor allem aus Wasser und so genannten Isopren-Verbindungen. Wenn die Latex-Milch eintrocknet, lagern sich die Isopren-Verbindungen zu größeren Molekülen (Polymeren) zusammen. Dabei entsteht Naturkautschuk, ein Feststoff mit elastischen Eigenschaften. Durch den industriellen Prozess der Vulkanisierung wird aus Naturkautschuk Gummi hergestellt. Das fertige Material trägt die Bezeichnung Latex oder Naturlatex.

Eiweißstoffe aus Latex lösen Allergie aus

Neben Isopren-Verbindungen enthält die Latex-Milch zusätzlich eine kleine Menge wasserlöslicher Eiweißstoffe (Proteine). Diese sind auch im fertigen Latex-Produkt nachweisbar. Kommt das körpereigene Abwehrsystem (Immunsystem) mit Latex-Proteinen in Berührung, bildet es unter Umständen bestimmte Eiweißmoleküle (Antikörper) vom Typ IgE, die spezifisch gegen Bestandteile der Latex-Proteine gerichtet sind. Besonders häufig geschieht dies bei Menschen, die aufgrund ihrer genetischen Veranlagung zu IgE-vermittelten Allergien und zu Neurodermitis neigen.

Die latexspezifischen IgE-Antikörper binden an bestimmte Entzündungszellen, sogenannte Mastzellen. Bei erneutem Kontakt mit Naturlatex erkennen die mastzellgebundenen Antikörper die Latex-Proteine. Dabei aktivieren sie die Mastzellen und bewirken, dass diese Histamin und andere entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzen. Innerhalb weniger Minuten nach dem Kontakt lösen die Botenstoffe allergische Krankheitszeichen aus (siehe Kapitel Symptome). Der Arzt spricht dann von einer IgE-vermittelten Allergie oder einer Allergie vom Soforttyp.

Was begünstigt eine Latexallergie?

Eine Latexallergie tritt vor allem bei Menschen auf, die intensiven Hautkontakt mit Latex-Gegenständen wie beispielsweise Einmalhandschuhen haben. Dies sind in erster Linie Reinigungskräfte sowie Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen, insbesondere in operativen Krankenhausabteilungen. Allerdings kommen neben dem Klinikpersonal auch Patienten mit Operationshandschuhen in Berührung. Daher entwickeln unter anderem Kinder, die sich wegen eines angeborenen Spalts der Wirbelsäule (Spina bifida) zahlreichen Eingriffen unterziehen müssen, häufig eine Latexallergie.

Die Gefahr einer Allergieentwicklung steigt weiterhin, wenn das Immunsystem nicht nur über die Haut, sondern auch über die Schleimhäute der Atemwege mit dem Auslöser in Berührung kommt. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn beim An- oder Ausziehen von Latexhandschuhen winzige Abriebteilchen durch die Luft gewirbelt werden. Da bei Verwendung gepuderter Latexhandschuhe die Allergenkonzentration in der Luft besonders hoch ist, wurden diese inzwischen verboten.

Wo wir im Alltag beispielsweise mit Naturlatex in Kontakt kommen können, erfahren Sie im Kapitel Symptome.

Grundsätzlich kann das Immunsystem im Bereich von Haut, Schleimhäuten oder Operationsgebieten sowie über Infusionen mit Latex-Proteinen in Berührung kommen. Entsprechend entwickeln Menschen mit einer Latexallergie vor allem während medizinischer Eingriffe wie Operationen, zahnärztlicher Behandlungen, Entbindungen sowie radiologischer oder endoskopischer Untersuchungen Krankheitszeichen.

Eine allergische Reaktion nach direktem Latex-Kontakt äußert sich zumeist binnen weniger Minuten in Form von stark juckenden Quaddeln an der Haut. Der Arzt spricht dann von einem Latex-Kontakturtikaria-Syndrom – ein Hautausschlag mit Quaddeln wird ganz allgemein als Urtikaria bezeichnet. Je nach Schweregrad der Symptome wird das Latex-Kontakturtikaria-Syndrom in vier Stadien eingeteilt:

  • Stadium I: Lokalisierte Kontakturtikaria: Quaddeln nur an den Stellen des unmittelbaren Hautkontakts bzw. Schwellung und Pelzigkeitsgefühl nur an den Stellen des unmittelbaren Schleimhautkontakts
  • Stadium II: Generalisierte Urtikaria: Quaddeln über die ganze Haut verteilt, eventuell zusätzlich Schwellung der Augenlider
  • Stadium III: Neben Quaddeln an der Haut auch Juckreiz, Schwellung und Sekretion an den Schleimhäuten von Augen und Nase (allergische Rhinokonjunktivitis, allergischer Schnupfen), Brennen im Rachen, Engegefühl im Hals, Magen-Darm-Beschwerden, Husten und/oder Atemnot im Sinne eines allergischen Asthma bronchiale. Dabei kann es noch Stunden nach dem Kontakt mit dem Auslöser zum Asthma-Anfall kommen
  • Stadium IV: Allergischer (anaphylaktischer) Kreislaufschock: Vor allem bei stark ausgeprägter allergischer Reaktionslage gegenüber Latex und / oder bei besonders intensivem Kontakt, zum Beispiel im Rahmen einer Operation oder einer zahnärztlichen Behandlung

Neben dem unmittelbaren Kontakt mit latexhaltigen Gegenständen kann auch die Verbreitung winziger Latex-Abriebpartikel durch die Luft zu Beschwerden führen.  Dann erleiden die Patienten zumeist eine Lidschwellung, eine allergische Rhinokonjunktivitis und / oder einen Asthma-Anfall. Betroffene mit sehr stark ausgeprägter allergischer Reaktion können bereits Krankheitszeichen bis hin zum Schock entwickeln, wenn sie sich nur in einem Raum aufhalten, in dem zuvor latexhaltige Gegenstände verwendet wurden.

In welchen Lebensbereichen kommen wir zum Beispiel mit Naturlatex in Kontakt?

  • Medizinischer Bereich

- Untersuchungshandschuhe, Operationshandschuhe
- Blasenkatheter, Urinbeutel, Darmrohre
- Kompressionsbinden, -strümpfe
- Manschetten von Blutdruckmessgeräten
- Gummibänder an Zahnspangen
- Abdrucklöffel zur Anfertigung von Zahnprothesen

  • Haushalt

- Haushaltshandschuhe
- Dichtungsringe für Einmachgläser, gummiertes Verpackungspapier
- Dichtungen an Türen und Fenstern, Ummantelung von Elektrokabeln
- Teppichkleber, Beschichtung an der Unterseite von Teppichböden
- Latexmatratzen, Gummiunterlagen, Windeln, Wärmflaschen
- Sauger von Babyflaschen, Schnuller
- Puppen, Luftballons  
- Kaugummi

  • Bekleidung

- Gummibänder an Unterwäsche und Badekleidung
- Schuhsohlen, Gummistiefel
- Gummierte Stoffe an wasserfesten Jacken

  • Auto, Fahrrad

- Griffe an Fahrradlenkern
- Dichtungen an Autotüren und -fenstern
- Autoreifen, Fußmatten

  • Freizeit, Sport

- Gymnastikmatten, Squash-Bälle, Turnschuhe
- Bademützen, Schwimmbrillen, Tauchausrüstung
- Luftmatratzen, Schlauchboote
- Skibrillen

  • Büro

- Radiergummi, selbstklebende Briefumschläge
- Gummiwalze der Schreibmaschine

  • Sonstiges

- Handläufe von Rolltreppen
- Kondome

Kreuzallergien: Reaktionen des Immunsystems auf ähnliche Stoffe

Menschen mit einer Allergie auf Latex-Proteine können zusätzlich auf chemisch ähnlich aufgebaute Eiweißstoffe anderer Pflanzen reagieren (Kreuzallergie). Am häufigsten handelt es sich dabei um Schwellungen der Augenlider sowie Beschwerden an Augenbindehäuten und / oder Nasenschleimhaut beim Aufenthalt in Räumen, in denen sich eine bestimmte Zimmerpflanze befindet – die Birkenfeige (Ficus benjamina). Außerdem kommen Kreuzallergien mit größeren Ficus-Arten (Gummibaum), Kakteen, Wolfsmilch-Gewächsen und Weihnachtsstern vor.

Viele Latex-Allergiker leiden gleichzeitig an einer Nahrungsmittelallergie. Im typischen Fall bezieht sich diese auf tropische Früchte wie Avocado, Banane, Feige, Kiwi, Mango, Papaya oder Passionsfrucht (Maracuja). Der Arzt spricht dann von einem Latex-Frucht-Syndrom. Sehr selten besteht auch eine Allergie gegenüber Esskastanie, Kartoffel, Schwarzwurzel, Spargel oder verschiedenen Salat-Sorten.

Wenn der Arzt eine Latexallergie vermutet, befragt er den Patienten detailliert nach der Art seiner Beschwerden und nach den Umständen, unter denen die Reaktion aufgetreten ist. Außerdem erkundigt er sich, ob bereits Allergien bekannt sind. Anschließend lässt er im Blut des Patienten nach spezifischen IgE-Antikörpern gegen Naturlatex fahnden und führt einen Allergietest (Prick-Test) durch, zumeist an der Haut der Unterarm-Innenseiten.

Hierzu verwendet der Arzt standardisierte Extrakte aus Naturkautschuk und Naturlatexmilch. Bei Patienten, die von schweren allergischen Reaktionen berichten, verdünnt der Arzt die Extrakte stark. Erst wenn sich hierauf keine Reaktion am Unterarm zeigt, verwendet er den konzentrierten Extrakt. Vermutet der Arzt eine Kreuzallergie mit der Birkenfeige Ficus benjamina oder mit bestimmten Nahrungsmitteln, ergänzt er die Diagnostik durch entsprechende Prick-Tests und Blutuntersuchungen.

Manche Menschen entwickeln bei Kontakt mit Naturlatex regelmäßig typische Allergie-Symptome, zeigen aber weder eine Reaktion im Hauttest noch latexspezifische IgE-Antikörper im Blut. In solchen Fällen gibt in der Regel die Krankengeschichte den Ausschlag. Dann diagnostiziert der Arzt eine Latexallergie und empfiehlt dem Betroffenen, den Kontakt mit Naturlatex zu meiden.

In ganz besonderen Situationen führt der Arzt zusätzlich Provokationstests durch, um die Diagnose zu sichern. Dies ist vor allem der Fall, wenn eine Latexallergie für die berufliche Zukunft des Betroffenen von Bedeutung sein könnte. Dann bittet der Arzt den Patienten, für 20 Minuten einen Fingerling aus Naturlatex anzulegen. Wenn dieser Test negativ ausfällt, führt der Arzt einen Tragetest mit einem Latexhandschuh für 20 Minuten durch. Berichtet der Patient über Schleimhaut-Beschwerden nach Kontakt mit Latex, kommt auch ein Test mit einem Naturlatex-Extrakt an der Augenbindehaut in Betracht. Alle genannten Provokationstests werden unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen (Notfallbereitschaft) durchgeführt.

Eine allergische Reaktion auf Latex behandelt der Arzt mit antiallergischen Mitteln (Antihistaminika) und Kortisonpräparaten (Glukokortikoiden). Diese verabreicht er in der Regel als Spritze in die Vene (intravenöse Injektion) und / oder als Infusion. Patienten mit allergischem Asthma bronchiale lässt er außerdem Substanzen wie Salbutamol inhalieren, die die Bronchien erweitern. Im Falle einer schweren Kreislaufreaktion verabreicht der Arzt Adrenalin als Spritze in eine Vene oder in die Muskulatur des Oberschenkels.

Damit es nicht zu weiteren allergischen Reaktionen auf Naturlatex kommt, sollten die Betroffenen den Kontakt mit dem Auslöser lebenslang konsequent meiden. Eine Alternative stellen verschiedene synthetische Gummimaterialien dar, die aus Erdölprodukten hergestellt werden. Beispiele hierfür sind Schutzhandschuhe aus Nitrilkautschuk, Gummibänder und Textilfasern aus Elasthan = Lycra sowie naturlatexfreie Kondome aus Polyurethan. Falls zusätzlich eine Kreuzallergie gegenüber Nahrungsmitteln besteht, sollte der Patient auch diese meiden.

Zusätzlich sollten Betroffene immer einen Allergiepass bei sich tragen und vor geplanten Untersuchungen oder Eingriffen ihren Arzt oder Zahnarzt nochmals an ihre Allergie erinnern. Um sicherzustellen, dass die medizinische Versorgung auch in Notfällen ohne Verwendung von Latexprodukten durchgeführt wird, weisen viele Patienten mit Hilfe eines Kettenanhängers, eines speziellen Armbands oder eines Nylon-Buttons am Uhrenarmband – zum Beispiel mit einem Stoppschild "No Latex" – auf ihre Allergie hin.

Da zahlreiche alltägliche Gebrauchsgegenstände Naturlatex enthalten (siehe Liste im Kapitel Symptome), ist es nicht immer möglich, den Kontakt mit dem Auslöser vollständig zu meiden. Daher sollten die Betroffenen immer ein Notfallset mit sich tragen. Dieses besteht in der Regel aus einem Antihistaminikum und einem Glukokortikoid zum Einnehmen sowie einer Adrenalin-Fertigspritze zur Injektion in die Muskulatur des Oberschenkels. Falls der Patient bei Latex-Kontakt vor allem Asthma-Anfälle entwickelt, verordnet der Arzt zusätzlich ein Asthma-Spray mit einem Wirkstoff, der die Bronchien erweitert. Sobald es zu einer allergischen Reaktion kommt, sollte der Patient sofort sein Notfallset anwenden und anschließend einen Arzt rufen.

Kommt ein Betroffener im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit mit Naturlatex in Berührung, erstattet der Arzt einen Bericht an die zuständige Berufsgenossenschaft. Diese klärt, ob der Versicherte durch besondere Maßnahmen vor dem Kontakt mit dem Auslöser geschützt werden kann. Ist dies nicht möglich, kann es gerade im Falle besonders schwerer allergischer Reaktionen erforderlich werden, dass der Betroffene seine bisherige Tätigkeit aufgibt. Bei der Suche nach beruflichen Alternativen ist die Berufsgenossenschaft behilflich.

Dr. med. Angela Unholzer ist Hautfachärztin mit den Zusatzbezeichnungen Allergologie und Dermatohistologie. Ihre Facharztweiterbildung absolvierte sie an der Dermatologischen Universitätsklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie an der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum Augsburg. An der letztgenannten Klinik leitete sie von 2006 bis 2012 als Funktionsoberärztin die Lichtabteilung, die dermatologische Tagesklinik und die allgemeindermatologische Ambulanz. Anschließend war sie in einer Praxis in der Nähe von Augsburg tätig. Seit 2014 ist sie in eigener Praxis in Donauwörth niedergelassen.

Quellen:

Ruëff F, Vieluf I: Naturlatexallergie. In: Przybilla B, Bergmann KC, Ring J (Hrsg): Praktische allergologische Diagnostik, Darmstadt Steinkopff Verlag, 2000

Drexler H, Nowak D: Prävention in der Arbeitsmedizin. Was ist gesichert – was ist Mythos? In: Bayerisches Ärzteblatt 2013, 68: 88-93

Altmeyer P: Therapielexikon Dermatologie und Allergologie, Berlin Springer Verlag 2005

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.