Multiple Sklerose (MS): Ursachen, Symptome, Verlauf, Behandlung

Multiple Sklerose (MS) tritt vor allem bei jungen Erwachsenen auf und betrifft das zentrale Nervensystem. Die Symptome sind vielfältig, der Verlauf oft schubförmig

aktualisiert am 18.09.2017

Multiple Sklerose – kurz zusammengefasst

  • Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft
  • Weltweit sind circa 2,5 Millionen Menschen an einer MS erkrankt, davon rund 200.000 in Deutschland. 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen
  • Das Risiko an einer MS zu erkranken liegt in der Gesamtbevölkerung (Deutschland) bei 0,1 bis 0,2 Prozent
  • Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen 20 und 40 Jahren
  • Die Ursache ist nach wie vor ungeklärt. Es gibt jedoch überzeugende Argumente, dass eine Auto-Immunreaktion vorliegt: Das Immunsystem greift fälschlicherweise körpereigene Strukturen an, in diesem Fall die Hüllschicht der Nervenfasern
  • Umweltfaktoren und Erbanlagen spielen eine Rolle. So erhöhen zum Beispiel ein Vitamin D-Mangel im Kindesalter, Rauchen und bestimmte Viren das MS-Risiko
  • MS ist "die Krankheit mit den vielen Gesichtern", da die Symptome so vielfältig sind
  • Multiple Sklerose kann sehr unterschiedlich verlaufen. Meistens beginnt sie schubförmig, mit zeitweilig beschwerdefreien Phasen, und geht später in einen sekundär fortschreitenden Verlauf über. 10 bis 15 Prozent der Patienten haben von Anfang an einen fortschreitenden Verlauf
  • MS lässt sich bislang nicht heilen, aber gut behandeln. Wichtigste Therapieziele: Schübe verhindern, den Eintritt einer möglichen Behinderung verzögern und deren Fortschreiten verlangsamen oder stoppen
  • MS und Familie schließt sich nicht aus: Der Gründung einer Familie steht grundsätzlich nichts im Wege

Was ist Multiple Sklerose?

Fallbeispiel: Eine 28-jährige Studentin bemerkt seit drei Tagen eine zunehmende Sehstörung auf einem Auge. Sie hat das Gefühl durch eine Milchglasscheibe zu blicken. Bald kann sie mit dem Auge nahezu nichts mehr erkennen. Zunächst sucht sie einen Augenarzt auf, der sie schon bald zum Neurologen weiterschickt. Dieser äußert nach einigen Untersuchungen den Verdacht auf eine Multiple Sklerose.

So oder ähnlich beginnt manchmal die Krankheitsgeschichte bei Multipler Sklerose. Sie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter.

Bei der Multiplen Sklerose (MS, lateinisch multiplex = vielfach; griechisch skleros = hart) handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie kann das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen.

Was Multiple Sklerose ist, erklärt auch unser Video:

Welche Ursachen hat Multiple Sklerose?

Als Ursache dieser Erkrankung wird eine Autoimmunreaktion, das heißt, eine Fehlregulierung des Immunsystems angenommen: Entzündungs- und Abwehrzellen des Körpers greifen fälschlicherweise körpereigene Strukturen an. Dabei spielen sogenannte T- und B-Zellen sowie bestimmte Botenstoffe eine entscheidende Rolle. Dies führt zu einem Abbau der Hüllschicht von Nervenfasern (Myelinscheiden) und schädigt die Nervenfasern. In den betroffenen Fasern werden Nervenreize schlechter oder gar nicht mehr weitergeleitet. Denn die Schutzhüllen umgeben die Nervenfortsätze wie eine Isolierschicht ein elektrisches Kabel. Sie sind unerlässlich dafür, dass die Nervenimpulse mit einer adäquaten Geschwindigkeit an den gewünschten Ort gelangen.

Wie Multiple Sklerose genau entsteht, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Ärzte vermuten, dass viele Faktoren zusammentreffen. Am häufigsten kommt MS in den kühlen Klimazonen vor (Mittel- und Nordeuropa, USA, Südkanada, Südaustralien, Neuseeland), sodass Umweltbedingungen an der Entstehung einer MS beteiligt zu sein scheinen. In Deutschland leiden nach Schätzungen etwa 200.000 Menschen an einer Multiplen Sklerose. Mehr zu möglichen Auslösern lesen Sie im Kapitel Ursachen.

Aus der Forschung:

Neben dem Versuch, die Ursache und den exakten Verlauf der Multiplen Sklerose zu verstehen und eine Prognose über den wahrscheinlichen Erkrankungsverlauf zu erhalten, ist die Entwicklung einer optimalen, auf jeden Patienten individuell zugeschnittenen MS-Therapie vorrangiges Forschungsziel. Dieses Ziel beinhaltet mehrere Schritte:

  • Sichere Unterscheidung der verschiedenen Typen der Multiplen Sklerose
  • Genaue Beurteilung der aktuellen Krankheitsaktivität
  • Prognostische Biomarker etablieren, um festzustellen, wie Patienten auf die verschiedenen Therapien individuell ansprechen
  • Marker finden, die den individuellen Krankheitsverlauf vorhersagen können
  • Erforschung der Wirkmechanismen bestehender Therapien als Grundlage für die Entwicklung neuer, noch wirksamerer Behandlungsformen

Welche Symptome sind typisch für MS?

Multiple Sklerose kann fast jedes neurologische Symptom auslösen, sodass die Krankheitsgeschichte bei verschiedenen Menschen oft sehr unterschiedlich aussieht. Das gilt für den zeitlichen Verlauf sowie die Schwere und Ausprägung der Beschwerden. Man nennt die MS daher "die Krankheit mit den vielen Gesichtern". Sie kann zum Beispiel Muskelschwäche oder Lähmungen, eine Minderung der Sehschärfe bei Beteiligung der Sehnerven (Optikusneuritis), eine krampfhafte Erhöhung der Muskelspannung (Spastik) sowie Gefühlsstörungen oder Missempfindungen hervorrufen. Genaueres zu möglichen Anzeichen lesen Sie im Kapitel Symptome.

Verlauf und Therapie

Wie eine MS verläuft, ist im Einzelfall nicht vorhersehbar. Am häufigsten beginnt die Krankheit zunächst in Schüben (schubförmig remittierender Verlauf). Das heißt, es entwickeln sich episodisch Krankheitssymptome, die sich nach einem gewissen Zeitraum spontan oder unter einer Schub-Therapie zurückbilden – ganz oder zumindest teilweise. Bei etwa 40 Prozent der Patienten geht der schubförmige Verlauf nach circa zehn Jahren in einen fortschreitenden Verlauf (SPMS) über. Seltener ist die von Anfang an chronisch fortschreitende (progrediente) Form. Dabei nehmen die Funktionsstörungen stetig zu (siehe auch Kapitel Verlaufsformen).

MS betrifft zu 70 Prozent Frauen. Bei den meisten zeigt sich die Krankheit erstmals im Erwachsenenalter zwischen 20 und 40 Jahren (Gipfel bei 30 Jahren). Selten tritt Multiple Sklerose schon im Kindesalter oder erst im späten Erwachsenenalter auf.

MS ist nicht heilbar, aber durch moderne medikamentöse Therapieansätze gut zu behandeln. Die wichtigsten Therapieziele sind, Schübe zu verhindern, den Eintritt einer Behinderung zu verzögern und ihr Fortschreiten zu verlangsamen oder zu stoppen. Das soll die Selbstständigkeit und Lebensqualität des Betroffenen erhalten. Genauere Informationen finden Sie im Kapitel Therapie.

Beratender Experte

Dr. med. Joachim Havla ist Facharzt für Neurologie am Institut für Klinische Neuroimmunologie (Direktoren: Professor Dr. R. Hohlfeld, Prof. Dr. M. Kerschensteiner) der Ludwig Maximilians Universität München. Der klinische Schwerpunkt des Instituts liegt in der Beratung und medizinischen Betreuung von MS-Betroffenen, der Anwendung und Entwicklung moderner Therapiekonzepte, der Durchführung klinischer Studien sowie der Erforschung der MS-Ursachen in Zusammenarbeit mit dem Biomedizinischen Centrum (BMC) der Ludwig Maximilians Universität München. Das Institut ist aktives Mitglied im Kompetenznetz Multiple Sklerose.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Quellen:

J Havla et al: Interdisziplinäres Risikomanagement in der Therapie der multiplen Sklerose, Deutsches Ärzteblatt, 51-52, 2016

J Havla et al: Immuntherapie der multiplen Sklerose: Überblick und Update, Internist, 432, 2015

S2-Leitlinie Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: https://www.dgn.org/leitlinien/2333-ll-31-2012-diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose (Stand: September 2017)

Trotz intensiver weltweiter Forschung ist die Ursache der MS bislang nicht eindeutig verstanden. Vieles spricht für eine Kombination aus begünstigenden Erbanlagen sowie Umwelteinflüssen, die zu einer Fehlreaktion des körpereigenen Immunsystems führt. Möglicherweise müssen mehrere Faktoren gleichzeitig vorliegen, damit die Erkrankung auftritt.

Ist Multiple Sklerose vererbbar?

MS ist keine "klassische Erbkrankheit", die von den Eltern an das Kind weitergegeben wird. Das Risiko für Kinder eines MS-erkrankten Elternteils auch eine MS zu bekommen ist im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung gering erhöht (circa 2 Prozent vs. 0,1 Prozent). Damit gibt es Hinweise, dass erbliche Faktoren die Entstehung einer MS begünstigen. So verteilt sich die Krankheit nicht gleichmäßig über alle Bevölkerungsgruppen und Länder, sondern kommt regional und in verschiedenen ethnischen Gruppen unterschiedlich häufig vor. In der medizinischen Praxis berichtet ungefähr jeder fünfte MS-Betroffene von blutsverwandten Angehörigen, die ebenfalls an Multipler Sklerose erkrankt waren oder sind. Die genetischen Ursachen dafür sind unklar. Erblich bedingte Merkmale weißer Blutkörperchen könnten zum Beispiel eine Rolle spielen.

Multiple Sklerose und Sonneneinstrahlung

Das Interesse am Thema Sonneneinstrahlung und MS entwickelte sich aus der Erkenntnis, dass das MS-Risiko mit höheren Breitengraden zunimmt. In Ländern mit hoher Sonneneinstrahlung wie Afrika und großen Teilen Asiens sind weniger Patienten betroffen als in weiter nördlich und südlich gelegenen Gebieten. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto besser kann der Körper normalerweise Vitamin D bilden. Je weniger Tageslicht die Menschen abbekommen, desto weniger Vitamin D stellt der Organismus tendenziell her.

Forscher nehmen an, dass die Weichen für eine spätere MS bereits in der Kindheit gestellt werden. Untersuchungen an Auswanderern aus Gebieten mit hohem MS-Risiko in Gebiete mit niedrigem MS-Risiko zeigten: Die Gefahr an einer MS zu erkranken, korreliert mit dem Alter bei der Auswanderung. Emigriert ein Mensch erst im Erwachsenenalter, behält er das Erkrankungsrisiko des verlassenen Landes. Wandert er schon als Kind aus, übernimmt er das Erkrankungsrisiko des neuen Ziellandes. 

Für Vitamin D konnten experimentell zahlreiche immunmodulatorische und entzündungshemmende Effekte gezeigt werden. Die meisten MS-Patienten haben einen Vitamin D-Mangel, in einigen Fällen lag dieser bereits bei Geburt vor. Zusätzlich wurde gezeigt, dass höhere Vitamin-D-Spiegel mit einem niedrigeren Risiko, an einer MS zu erkranken, assoziiert sind. Auch könnten höhere Vitamin-D-Spiegel mit einer geringeren Krankheitsaktivität einhergehen. Dennoch ist es heute noch nicht klar, ob der veränderte Vitamin-D-Spiegel bei MS-Patienten Folge oder Ursache der Erkrankung ist. Auch sollte man mit der Sonneneinstrahlung vorsichtig umgehen: mit zunehmender Sonnenexposition steigt das Hautkrebsrisiko.

Multiple Sklerose und Lebensstil

Raucher erkranken 1,5mal häufiger an Multipler Sklerose als Nichtraucher. Zunehmend mehr rückt auch ein möglicher Zusammenhang zwischen Ernährung, Darmflora und Multipler Sklerose in den Fokus. In Laborversuchen stellten Wissenschaftler fest, dass die Darmflora an der Entstehung einer MS beteiligt sein könnte.

Multiple Sklerose und Infektionen

Ein eindeutiger "MS-Erreger" ließ sich bislang nicht identifizieren. Verschiedene Krankheitserreger (zum Beispiel Epstein-Barr-Virus, Herpes-Viren) stehen aber in Verdacht, eine Multiple Sklerose auslösen zu können. Womöglich "verwechselt" das Immunsystem fatalerweise körpereigenes Gewebe wie die Hüllschicht der Nervenfasern mit den Keimen – und attackiert es. Aber, wichtig zu wissen: MS ist keinesfalls eine ansteckende Erkrankung!

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern. Die Entzündungen und der Abbau der Myelinscheiden können die verschiedensten Stellen des zentralen Nervensystems betreffen. Dabei gibt es weder ein typisches Symptom noch einen typischen Verlauf.

Statistisch am häufigsten kommt es als Erstsymptom der Multiplen Sklerose zu Empfindungsstörungen an Armen oder Beinen (30 bis 50 Prozent der Betroffenen).

Sehstörungen sind das zweithäufigste Symptom, welches insbesondere bei jungen Patienten auftritt, wenn sich die Krankheit erstmals zeigt (etwa 20 Prozent der Betroffenen).

Am Dritthäufigsten kommt es zu Beginn der Erkrankung zu Störungen der Muskelfunktion, welche sich als Kraftlosigkeit, Lähmungen oder erhöhte Muskelsteifigkeit zeigen können. Gleichzeitig kommen auch Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen vor.

Zusätzlich können folgende Symptome auftreten:

  • undeutliche, verwaschene Sprache und andere Sprechstörungen
  • Gangstörung unterschiedlichen Schweregrades aufgrund einer krampfhaften Erhöhung der Muskelspannung (Spastik)
  • Kraftlosigkeit, Gefühlsstörungen insbesondere der Beine, Unsicherheiten beim Gehen und Stehen
  • Sexuelle Störungen
  • Darmentleerungsstörungen
  • Unsicherheiten bei gezielten Bewegungen
  • Psychische Störungen

Grundsätzlich gibt es bei Multipler Sklerose zwei Verlaufstypen: einen schubförmigen und einen chronisch-voranschreitenden (progredienten). Häufig geht ein anfangs schubweiser Verlauf später in einen chronisch-voranschreitenden Verlauf über (sekundär progredienter Verlauf). Es gibt aber auch den eher seltenen anfangs schon chronisch-voranschreitenden Verlauf (primär progredienter Verlauf) ohne Auftreten von erkennbaren Erkrankungsschüben.

Schubförmiger Verlauf

Bei über 80 Prozent der Patienten beginnt die MS mit einem schubförmigen Verlauf. Ein Schub ist folgendermaßen definiert: Es bestehen neue Symptome über die Dauer von mindestens 24 Stunden, die nicht anderweitig erklärbar sind (zum Beispiel durch Fieber). Und seit dem Beginn des letzten Schubes sind mehr als 30 Tage vergangen.

Meistens finden sich keine eindeutig auslösenden Faktoren für einen Erkrankungsschub. Allerdings können seelische und körperliche Belastungen einen Schub begünstigen. Dazu zählen insbesondere Infektionen, psychischer Stress oder seelische Belastungssituationen.

Ein Schub kann einige Tage bis mehrere Wochen anhalten. Die Abstände zwischen zwei Schüben betragen Wochen oder auch viele Monate bis Jahre. Bei einem Schub mit kompletter Remission bilden sich die Symptome anschließend wieder ganz zurück. Im Gegensatz dazu verbleiben bei einem Schub mit unvollständiger Rückbildung (inkomplette Remission) Restsymptome – mit der Folge einer bleibenden Funktionsstörung. Dies ist häufig in späteren Krankheitsstadien der Fall.

Chronisch-voranschreitender (chronisch-progredienter) Verlauf

Man unterscheidet den seltenen von Beginn an voranschreitenden Verlauf (primär progredient) ohne Erkrankungsschübe. Daneben gibt es den häufigen sekundär progredienten Verlauf. Hier treten zunächst Erkrankungsschübe auf. Nach einer variablen Zeit kommt es zu einem langsamen, kontinuierlichen Fortschreiten der MS mit oder ohne zusätzlichen Schüben. Symptome und Beschwerden nehmen dabei allmählich zu.

Folgeerkrankungen und Lebenserwartung

Den Krankheitsverlauf individuell vorherzusagen, ist derzeit noch sehr schwierig. Allerdings konnten Ärzte Faktoren identifizieren, die mit einem eher günstigen Verlauf einhergehen:
1)    Erstsymptom Sehnerventzündung oder Sensibilitätsstörungen
2)    Beginn unter 40 Jahre
3)    Schubförmige Verlaufsform
4)    Wenige Schübe mit kompletter Rückbildung der Beschwerden
5)    Weibliches Geschlecht

Als Faustregel gilt: Circa ein Drittel der MS-Patienten lebt ohne größere Behinderungen im Verlauf. Ein weiteres Drittel hat neurologische Beschwerden, die für Alltagstätigkeiten relevant sind, die sich aber zum Beispiel mit dem Beruf oft noch vereinen lassen. Bei einem weiteren Drittel führt die MS zu behindernden neurologischen Symptomen, die mit Berufsunfähigkeit und oft auch Pflegebedürftigkeit einhergehen können.

Um die Verlaufsformen besser zu charakterisieren, läuft unter anderem in Deutschland eine Langzeitstudie des krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (nähere Informationen unter www.kompetenznetz-multiplesklerose.de). Zwischenauswertungen der umfangreich gesammelten Daten stehen noch aus.

Ob sich Folgeerkrankungen einstellen oder nicht, hängt unter anderem von der ärztlichen Versorgung, dem Ansprechen auf die Behandlung, der Pflege, den Rehabilitationsmaßnahmen und der sozialmedizinischen Betreuung ab.

Die Lebenserwartung bei Multipler Sklerose ist heutzutage kaum noch verkürzt – insbesondere wenn keine höhergradigen Behinderungen vorliegen. Sollten schwerwiegende Komplikationen auftreten, liegt die Lebenserwartung statistisch betrachtet etwa sechs bis zehn Jahre unter der allgemeinen Lebenserwartung.

Erster Ansprechpartner ist oft der Hausarzt. Er wird bei Bedarf zum Spezialisten, üblicherweise zum Nervenfacharzt (Neurologen) überweisen.

Um die Beschwerden einordnen zu können, erfragt der Arzt zunächst ausführlich die Krankengeschichte (Anamnese). Er erfasst aktuelle und frühere Beschwerden, dokumentiert Vorerkrankungen und verschafft sich einen Überblick über eingenommene Medikamente, Allergien und Erkrankungen in der Familie.

Danach folgt eine eingehende neurologische Untersuchung. Der Arzt überprüft Beweglichkeit, Koordination, Gleichgewicht und Sinnesorgane.

Aus weiteren Untersuchungen wie Hirnaufnahmen und Nervenwasseruntersuchung (Genaueres dazu weiter unten) erhält der Arzt oft entscheidende Hinweise. Ganz wichtig ist der Ausschluss anderer möglicher Ursachen für die Beschwerden.

Blutuntersuchung

Bei Verdacht auf eine Multiple Sklerose ist der Nachweis bestimmter Laborwerte vor allem nötig, um andere Krankheiten als mögliche Ursache auszuschließen. Derzeit gibt es noch keinen Bluttest, der eine MS beweisen könnte. Übliche Blutparameter wie Blutbild, Leber- und Nierenwerte sowie Entzündungsmarker verändern sich durch eine Multiple Sklerose nicht.

Liquordiagnostik: Untersuchung des Nervenwassers

Um Nervenwasser zu gewinnen, führt der Arzt zwischen dem zweiten und fünften Lendenwirbel eine dünne Hohlnadel ein (Lumbalpunktion). Er entnimmt etwas Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis), das im Labor analysiert wird. Typischerweise finden sich vermehrt bestimmte Eiweißkörper darin (nervenwasserspezifische oligoklonale Banden). Die Anzahl der Entzündungszellen ist oft leicht erhöht.

Bildgebende Untersuchungen: MRT

Mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie) kann der Arzt Bilder des Gehirns anfertigen. Die MRT verwendet keine Röntgenstrahlen, sondern arbeitet mit starken Magnetfeldern. Der Patient ist bei der Untersuchung also keinen Röntgenstrahlen ausgesetzt.

Auf den Hirnaufnahmen sind bei 85 Prozent der Patienten mit Multipler Sklerose bereits im Frühstadium Veränderungen feststellbar, die auf Entzündungsherde schließen lassen. In fortgeschrittenen Stadien ist das bei fast allen Patienten der Fall. Bei manchen neurologischen Funktionsstörungen wird zusätzlich das Rückenmark untersucht.

Spezielle Nervenuntersuchungen

Die Leit- und damit Funktionsfähigkeit von Nervenbahnen kann mittels sogenannter evozierter Potenziale bestimmt werden. Vereinfacht gesagt stimuliert der Arzt dabei ein Sinnesorgan oder einen Nerv durch einen äußeren Reiz. Das löst im Gehirn ein Signal aus, das mit Elektroden messbar ist (elektrisches Potenzial). Bei etwa 75 Prozent der Patienten mit MS tritt diese Reizantwort verzögert auf, die Reaktionsstärke ist vermindert.

Mit visuell evozierten Potenzialen (VEP) misst der Arzt die Impulsleitung über den Sehnerv. Akustisch evozierte Potenziale (AEP) geben Hinweise auf Störungen im Hörnerv, des Kleinhirns sowie der zum Gehirn hinführenden Nervenbahnen. Durch somatosensibel evozierte Potenziale (SEP) lässt sich die Berührungsempfindlichkeit bestimmter Abschnitte des Körpers (typischerweise Hände und Füße) und deren Impulsleitung zum Gehirn bestimmen.

McDonald-Kriterien: Wann steht die Diagnose fest?

Für die Diagnose nutzen Ärzte die sogenannten McDonald-Kriterien (aktuelle Fassung 2010): Die Diagnose Multiple Sklerose gilt demnach als gesichert, wenn die ärztliche Untersuchung eine räumliche und zeitliche Verteilung der Krankheitszeichen und Symptome ergibt. Dies kann unter anderem erfüllt sein, wenn sich ein zweiter Erkrankungsschub im Abstand von mindestens einem Monat ereignet und / oder sich in einer Kontroll-MRT-Untersuchung des Gehirns im Vergleich zur Voraufnahme ein oder mehr neue sogenannte Herde zeigen.

Im Einzelfall kann die Diagnose MS jedoch auch nach dem ersten Erkrankungsschub gestellt werden – wenn sich in der MRT-Untersuchung Zeichen von mehreren frischen und älteren Herden zeigen. Zusätzlich existieren weitere Konstellationen, bei denen der Arzt die Diagnose MS stellen kann.

Manchmal sind die Untersuchungsergebnisse zunächst mehrdeutig oder nicht alle Diagnose-Kriterien erfüllt. Dann kann sich die Sicherung der Diagnose hinziehen. Keinesfalls dürfen andere Krankheiten als mögliche Ursache der Symptome übersehen werden. Ergänzende Untersuchungen sind deshalb wichtig. So sollte beispielsweise ein Augenarzt das Auge und die Sehfunktion prüfen, falls der Verdacht auf eine Entzündung des Sehnervs besteht. Lassen sich die Symptome durch eine andere Erkrankung besser erklären, spricht das gegen die Diagnose MS.

Wichtig: Andere Ursachen ausschließen

Bevor die Diagnose Multiple Sklerose feststeht, müssen zahlreiche andere Krankheiten als Ursache ausgeschlossen werden, welche die Beschwerden ebenfalls erklären könnten: Neben infektiösen Erkrankungen (Syphilis, Borreliose, HIV) kommen andere entzündliche Prozesse infrage, wie Gefäßentzündungen oder Autoimmunerkrankungen des Bindegewebes (Kollagenosen). Auch entzündlich-demyelinisierende Erkrankungen wie zum Beispiel die Neuromyelitis optica oder die akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) sind zu bedenken, ebenso Stoffwechselkrankheiten und psychische Leiden.

Multiple Sklerose ist nicht heilbar, jedoch stehen mittlerweile mehrere Optionen zur Behandlung zur Verfügung. Ziel ist, die Krankheitsaktivität zu stoppen oder zumindest das Fortschreiten zu verlangsamen. Die Therapie sollte immer individuell auf den Patienten und den Krankheitsverlauf abgestimmt werden – in Zusammenarbeit mit einem spezialisierten erfahrenen Zentrum.

Die Therapie der Multiplen Sklerose steht auf drei Säulen:

  • Schubtherapie
  • Verlaufsmodifizierende Therapie
  • Symptomatische Behandlung und zusätzliche Maßnahmen

Behandlung des akuten Erkrankungsschubes (Schubtherapie)

Bei einem akuten Schub erhält der Patient drei bis fünf Tage lang hochdosiert Kortisonpräparate (Kortikosteroide) als Infusion über die Vene. Sie sollen die Entzündungsreaktion eindämmen und Symptome rasch zum Abklingen bringen. Über diesen kurzen Zeitraum sind die Medikamente üblicherweise gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind beispielsweise Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und eine Erhöhung des Blutzuckers und Blutdrucks. Auch kann es zu Magenproblemen kommen. Der Patient erhält deshalb meist vorbeugend Magenschutzpräparate.

Bilden sich die Symptome nicht zurück, wird die Infusionstherapie wiederholt, eventuell mit einer höheren Dosis. Eine Langzeitbehandlung mit Kortison ist nicht sinnvoll. Zum einen wäre sie nebenwirkungsreich, zum anderen beeinflusst sie den Krankheitsverlauf nicht.

Zeigt die Kortisontherapie keine Wirkung, kommt nach Rücksprache mit einem MS-Zentrum eine sogenannte Blutwäsche (Plasmapherese, alternativ Immunadsorption) als weitere Akuttherapie infrage. Dabei wird dem Patienten Blut entnommen, über spezielle Filter von verschiedenen Bestandteilen gereinigt und wieder zurückgeführt. Bei knapp 50 Prozent der Patienten bessern sich die Beschwerden durch diese Methode. Dieses Verfahren ist an spezialisierten Zentren möglich, aber ausschließlich für den schweren akuten Schub vorgesehen. In seltenen Fällen kommt es bei einer Blutwäsche zu schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Verlaufsmodifizierende Therapie (Immunmodulation und Immunsuppression)

Behandlung des milden oder moderaten Krankheitsverlaufs (First Line-Therapie): Interferone / Glatirameracetat / Teriflunomid/ Dimethylfumarat

Interferon-beta-Präparate

Die Wirkprinzipien der immunmodulierenden Medikamente sind vielfältig. Ziel ist es, das fehlgeleitete Immunsystem wieder ins Lot zu bringen. Es ist mittlerweile bekannt, dass es bereits früh im Krankheitsverlauf zu Schäden am Nervensystem kommt. Deswegen ist eine konsequente Frühtherapie wichtig für einen langfristigen Therapieerfolg.

Sogenannte Interferon-beta-Präparate sind bereits seit über 20 Jahren für die Basis-Therapie der Multiplen Sklerose zugelassen. Interferon beta wird entweder mithilfe von Bakterien (IFN-b 1b) oder Säugetierzellen (IFN-b 1a) gentechnisch hergestellt. Seit Herbst 2014 gibt es auch ein pegyliertes Interferon. Dabei hängen kettenförmige Strukturen am Interferon, die es ermöglichen, das Interferon bei gleicher Wirksamkeit seltener anzuwenden.

Interferon kommt auch natürlicherweise im Körper vor. Es handelt sich um einen Botenstoff, der zwischen Zellen vermittelt. Seine Wirkungen macht man sich bei der Therapie mit Interferon-beta-Präparaten zunutze: Das zugeführte Interferon soll beispielsweise die Zahl der aktiven Entzündungszellen senken. Außerdem sollen diese Zellen davon abgehalten werden, in das zentrale Nervensystem einzudringen.

Die Interferone werden unter die Haut oder in die Muskulatur gespritzt. Mögliche Nebenwirkungen – die vor allem zu Therapiebeginn auftreten – sind grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen. Sie lassen sich mit entzündungshemmenden Arzneimitteln abmildern. Das sollte aber in Rücksprache mit dem Arzt geschehen. Die Nebenwirkungen klingen meist innerhalb der ersten Monate ab.

Zu Beginn der Behandlung kann es zu Hautirritationen an der Einstichstelle kommen. Sie nehmen meist ab, wenn Patienten die richtige Spritztechnik erlernt haben und sogenannte Injektionshilfen verwenden.

Bei manchen Patienten bildet der Körper im Laufe der Therapie Abwehrstoffe (Antikörper) gegen das Medikament Interferon. Sie können den Therapieerfolg schmälern. Der Nachweis dieser Antikörper erfolgt über einen Bluttest.

Glatirameracetat

Glatirameracetat ist eine Alternative zum Wirkstoff Interferon-beta. Es handelt sich um ein künstlich hergestelltes Präparat aus vier Aminosäuren (L-Glutaminsäure, L-Lysin, L-Alanin, L-Tyrosin), das ebenfalls unter die Haut gespritzt wird. Setzt man diese Aminosäuren zusammen, entsteht eine Struktur, die einem Eiweiß ähnelt, welches in Gehirn und Rückenmark vorkommt.

Glatirameracetat reduziert die Anzahl der Krankheitsschübe um jährlich etwa 30 Prozent – also im gleichen Rahmen wie die Interferone. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Hautreaktionen an der Injektionsstelle.

Teriflunomid

Teriflunomid ist eine Weiterentwicklung des Wirkstoffs Leflunomid, der bei Rheuma zum Einsatz kommt. Mit Teriflunomid ist seit August 2013 eine Behandlungsoption in Tablettenform zur Basistherapie erhältlich. Teriflunomid gilt als ein die körpereigene Abwehrreaktion unterdrückendes Medikament mit entzündungshemmenden Eigenschaften. Obwohl der genaue Wirkmechanismus bislang nicht geklärt ist, vermuten Forscher, dass Teriflunomid durch die Hemmung mitochondrialer Enzyme insbesondere das Wachstum von bestimmten weißen Blutkörperchen, den Lymphozyten, reduziert. Teriflunomid kann die Krankheitsaktivität verringern.

Nebenwirkungen umfassen unter anderem Schäden an Leber und Nieren,  Beeinträchtigung der Knochenmarksfunktion und möglicherweise ein erhöhtes Infektionsrisiko. Um dieses zu minimieren, sollte Teriflunomid bei einer anhaltenden Erniedrigung der weißen Blutkörperchen abgesetzt werden. Es besteht zudem die Möglichkeit, die Wirksubstanz in Absprache mit dem Arzt entweder mit Cholestyramin oder Aktivkohle beschleunigt auszuscheiden. Dadurch lässt sich das Immunsystem schneller wieder aufbauen.

Dimetyhlfumarat

Dimethylfumarat wurde im Januar 2014 als orale Basistherapie/First-line Therapeutikum zugelassen. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der in der Behandlung der Schuppenflechte etablierten Fumarsäure. Dimethylfumarat zeigt einen zweigleisigen Wirkmechanismus: Vermutlich wirkt es entzündungshemmend und schützt die Nerven. Häufige Nebenwirkungen sind insbesondere anfangs Magen-Darm-Beschwerden (Magenbeschwerden, Durchfall und Übelkeit), die meist nach vier bis sechs Wochen Eingewöhnungszeit abklingen.

Bei einer Langzeitgabe empfehlen sich regelmäßige Kontrollen des Blutbildes, um eine Schwächung des Immunsystems und Infektionen frühzeitig zu erkennen. Sehr selten (bislang vier Fälle bekannt, Stand: September 2017) kann es zu einer sogenannten progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) kommen. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Zentralnervensystems, die durch ein bestimmtes Virus hervorgerufen wird. Experten empfehlen, bei einer anhaltenden Erniedrigung der weißen Blutkörperchen die Therapie engmaschig zu kontrollieren, auszusetzen oder zu beenden – je nach Schweregrad.

Reservemittel: Azathioprin/Immunglobuline

Azathioprin

Vor der Einführung der Interferone war Azathioprin in einigen Ländern das Mittel der Wahl. Der Arzneistoff kommt ursprünglich aus der Tumortherapie beziehungsweise der Transplantationsmedizin. Vereinfacht gesagt dämpft der Wirkstoff das Immunsystem und gehört damit zu den sogenannten Immunsuppressiva.

Azathioprin gibt es in Tablettenform. Eine Verminderung der Schubfrequenz wurde in Studien belegt. Da die älteren Studien mit Azathioprin aber nicht dem heutigen Standard entsprechen, und weil bei der Einnahme des Medikamentes starke Nebenwirkungen auftreten können, sind "Immunsuppressiva" nicht mehr Mittel der ersten Wahl zur Dauertherapie. Insbesondere zeigte sich im Vergleich zu den modernen Therapieformen mit Interferonen und Glatirameracetat ein leicht erhöhtes Krebs- und Infektionsrisiko.

Immunglobuline

Immunglobuline sind Eiweiße, die natürlicher Bestandteil des Immunsystems sind. Der Körper bildet sie als Reaktion auf gefährliche Krankheitserreger. Die Immunglobuline dienen in diesem Fall als Abwehrstoffe (Antikörper). Immunglobuline kommen aber auch bei der Therapie unterschiedlicher Krankheiten zum Einsatz und sollen dann regulierend in die Funktionen des Immunsystems eingreifen.

Für keines der am Markt erhältlichen Immunglobulin-Präparate besteht eine Zulassung zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose. Die Arzneien gelten als absolute Reserve in Sondersituationen, wie während oder nach einer Schwangerschaft. Denn ihre Wirksamkeit ließ sich in neueren Studien nicht mehr eindeutig belegen. Die Medikamente werden als Infusion verabreicht.

Verlaufsmodifizierende Therapie des (hoch)aktiven Krankheitsverlaufs (Second Line-Therapie): Natalizumab/Fingolimod/Alemtuzumab/ Daclizumab, Cladribin/Mitoxantron/Cyclophosphamid

Wenn MS-Betroffene nicht (mehr) auf die Basistherapie ansprechen, kann die Behandlung auf eine nächste Stufe verstärkt werden. Mediziner nennen das "Second line-Therapie" oder "Optimierungstherapie".

Natalizumab

Seit Mitte 2006 steht Natalizumab zur Behandlung der hochaktiven schubförmigen MS zur Verfügung. Es blockiert bestimmte Moleküle auf der Oberfläche weißer Blutkörperchen und verhindert auf diese Weise, dass aktivierte Entzündungszellen in Gehirn und Rückenmark eintreten.

Hauptrisiko der Natalizumab-Therapie ist die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), eine Erkrankung des Zentralnervensystems, die durch ein Virus ausgelöst wird und potenziell lebensgefährlich ist. Nach aktuellem Kenntnisstand erhöhen drei Faktoren das Risiko, an einer PML unter Natalizumab-Therapie zu erkranken: eine Behandlungsdauer von mehr als 24 Monaten, eine vorherige immunsuppressive Therapie (unabhängig von Dauer, Abstand und Art) sowie der Nachweis von Antikörpern gegen das Virus, das für die Erkrankung ursächlich ist. In besonders ungünstigen Risikokonstellationen kann das individuelle Risiko für eine PML bei  ≥ 1/100 liegen.

Fingolimod

Für Fingolimod besteht seit März 2011 eine Zulassung in der EU zur Behandlung der hochaktiven, schubförmigen Multiplen Sklerose. Das Präparat wird in Tablettenform eingenommen. Fingolimod verhindert, dass Entzündungszellen aus den Lymphknoten auswandern können. Auch dieser Arzneistoff birgt potenziell gefährliche Risiken, die während einer Therapie mit diesem Medikament überwacht werden müssen. Es sind  bislang neun PML-Fälle (siehe auch Abschnitte Natalizumab und Dimethylfumarat, Stand: September 2017) bei MS-Patienten unter Fingolimod und zusätzlich mindestens neun sogenannte "carry over"-PML-Fälle bekannt (Stand September 2017). Dabei haben Ärzte die Krankheit festgestellt, kurz nachdem der Patient von Natalizumab auf Fingolimod umgestellt wurde. Diese PML-Fälle werden demnach der Vortherapie mit Natalizumab zugerechnet.

Tritt unter Fingolimod eine anhaltende Absenkung bestimmter weißer Blutkörperchen (Lymphozyten) auf, empfehlen Experten, die Therapie zwischenzeitlich zu unterbrechen oder zu beenden. Das Nebenwirkungsprofil umfasst zusätzlich erhöhte Risiken für Infektionen, Herzrhythmusstörungen, ein Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung im Auge im Bereich des gelben Flecks) sowie möglicherweise Basaliome (weißer Hautkrebs). Zusätzlich ist eine spezielle Überwachung der Kreislauffunktion bei der Ersteinnahme des Mittels erforderlich.

Alemtuzumab

Seit Oktober 2013 steht mit Alemtuzumab eine neue Therapieform für die aktive schubförmige Multiple Sklerose zur Verfügung. Alemtuzumab reguliert das Immunsystem indem es sich gegen bestimmte weiße Blutkörperchen, die B- und T-Lymphozyten, richtet. Alemtuzumab wird als Infusion über die Vene verabreicht und die Therapie erfolgt in zwei Behandlungsphasen: In der ersten Phase bekommt der Patient an fünf aufeinanderfolgenden Tagen täglich das Mittel als Infusion verabreicht, in der zweiten Phase erhält er nach einem Jahr an drei aufeinanderfolgenden Tagen je eine Infusion. Die Wirksamkeit kann über mehrere Jahre anhalten.

Wichtigste Nebenwirkungen sind Reaktionen auf die Infusion, ein erhöhtes Infektionsrisiko und bestimmte Autoimmunkrankheiten, die in Zusammenhang mit der  Behandlung auftreten. Dazu zählen unter anderem Schilddrüsenerkrankungen sowie Morbus Werlhof. Deswegen ist es nötig, sich monatlich vier Jahre lang nach der letzten Alemtuzumab-Infusion auf Nebenwirkungen hin kontrollieren zu lassen. In dieser Zeit ist ein Wechsel auf andere MS-Medikamente erschwert. Deswegen muss vor der Entscheidung, mit Alemtuzumab eine MS-Therapie zu beginnen, vorab eine gründliche, individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung stattfinden.

Daclizumab

Daclizumab hat komplexe immunmodulierende Eigenschaften. Unter anderem hemmt es bestimmte weiße Blutzellen, sogenannte aktivierte T-Lymphozyten. Das Nebenwirkungsprofil umfasst ein erhöhtes Infektionsrisiko, Hautreaktionen (Exantheme, Ekzeme), Leberschäden und möglicherweise entzündliche Darmerkrankungen. Im Juli 2017 wurde als Vorsichtsmaßnahme nach einem Todesfall in Zusammenhang mit Daclizumab aufgrund akuten Leberversagens sowie vier weiterer Fälle von schweren Leberschädigungen die Indikation des MS-Medikaments durch die Zulassungsbehörde vorerst eingeschränkt.

Die Anwendung von Daclizumab beschränkt sich derzeit auf Patienten mit hochaktivem schubförmigen Verlauf, bei denen andere Behandlungsformen versagt haben. Sowie auf Patienten mit hoher Krankheitsaktivität, die nicht mit anderen Medikamenten behandelt werden können. Menschen, die in der Vergangenheit eine Lebererkrankung hatten oder bei denen eine solche akut besteht, dürfen Daclizumab nicht anwenden. Ebenso raten Ärzte von der Behandlung ab, wenn zusätzlich andere Autoimmunerkrankungen bestehen.

Cladribin

Cladribin ist seit 2017 für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose und hoher Krankheitsaktivität gemäß definierter klinischer oder bildgebender Kriterien zugelassen. Cladribin ist eine Substanz in Tablettenform, die selektiv auf bestimmte weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, wirkt. Die relevantesten Nebenwirkungen sind eine Absenkung der Lymphozyten und eine Gürtelrose. Deswegen muss die Lymphozytenzahl regelmäßig kontrolliert werden. Bei einer Lymphozytenzahl unter 500/µl sollten aktive Kontrollen erfolgen, bis die Werte wieder steigen. Möglicherweise kann auch bei diesem Wirkstoff eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie (mehr siehe Natalizumab, Fingolimod und Dimethylfumarat) auftreten.

Mitoxantron

Mitoxantron wird alle drei Monate per Infusion verabreicht. Es wurde ursprünglich zur Therapie von Tumoren entwickelt. Durch Studien ist jedoch auch ein positiver Effekt in der Therapie der sekundär progredienten Multiplen Sklerose belegt. In Deutschland ist Mitoxantron zugelassen zur sogenannten Therapieeskalation, also als Erweiterung der Immuntherapie. Weil das Medikament jedoch insbesondere nach einer gewissen Lebenszeitdosis schwerwiegende Nebenwirkungen am Herz hervorrufen kann, wird es nur in seltenen Fällen eingesetzt: beispielsweise, wenn es trotz anderer Alternativtherapien zu einem raschen Fortschreiten und einem sekundär progredienten Verlauf der MS kommt.

Akute Nebenwirkungen nach einer Infusion sind Übelkeit und Erbrechen sowie Durchfall. Außerdem unterdrückt das Medikament die Blutbildung im Knochenmark über längere Zeit. Bei Frauen bleibt eventuell die monatliche Regelblutung dauerhaft aus. Darüber hinaus kann Mitoxantron beispielsweise das Herz und die Leber schädigen, zu Unfruchtbarkeit führen und in Einzelfällen Blutkrebs verursachen. Eine genaue Überwachung der Therapie und der Blutwerte durch den Arzt ist daher wichtig.

Cyclophosphamid

Cyclophosphamid gehört zur Gruppe der Zytostatika, die auch in der Krebstherapie Verwendung finden. Das Medikament kommt bei der Behandlung der Multiplen Sklerose nur in seltenen Ausnahmefällen in Betracht – beispielsweise als Reservemittel, wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind.

Symptomatische Therapie und zusätzliche Maßnahmen

MS-Patienten können viele verschiedene Symptome und Folgen der Erkrankung beeinträchtigen. Häufig und sehr belastend sind Schmerzen, verkrampfte Muskulatur (Spastik), Blasenfunktionsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen, schnelle physische und psychische Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) und Depressionen.

Für die Therapie eignen sich neben einer gesunden Lebensweise, physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen sowie eine medikamentöse Behandlung. Wichtig ist auch, Komplikationen wie Osteoporose, Lungenentzündungen, Thrombosen, Gelenkversteifungen und Harnwegsinfektionen vorzubeugen.

Behandlung der Spastik

Um die verkrampfte und versteifte Muskulatur zu lockern, eignen sich eine konsequente und frühzeitige Physiotherapie sowie die Einnahme von Medikamenten, den sogenannten Muskelrelaxanzien (zum Beispiel Baclofen, Tizanidin, Gabapentin). Umschriebene Erhöhungen der Muskelspannung können auch durch gezielte Spritzen mit Botulinumtoxin therapiert werden. Bei der muskelentspannenden Arznei Tetrahydrocannabinol/Cannabidiol handelt es sich um eine standardisierte Mischung von 2,7 Milligramm Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und 2,5 Milligramm Cannabidiol (CBD). Es dient als zusätzliche Möglichkeit, um die Beschwerden von Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik zu lindern, die nicht ausreichend auf andere Arzneimittel reagiert haben und bei denen die Muskelsteifigkeit durch einen Therapieversuch mit THC/CBD nachgelassen hat.

Chronische Schmerzen lindern

Schmerzen können bei MS-Kranken eine Vielzahl von Ursachen haben und kommen bei über 50 Prozent der Patienten vor. Die Schmerztherapie muss deshalb immer individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden. Chronische Schmerzen bei Multipler Sklerose werden meist nicht mit den gängigen, freiverkäuflichen Schmerzmedikamenten behandelt, sondern mit Wirkstoffen wie beispielsweise Amitriptylin, Carbamazepin oder Gabapentin.

Strategien gegen das Zittern

Gegen das Zittern helfen Physio- und Ergotherapie. Zudem kann der Arzt  bestimmte Medikamente wie beispielsweise Antiepileptika, Beta-Rezeptoren-Blocker, Dopaminagonisten oder Anticholinergika verordnen. Bei besonders ausgeprägten schweren Verläufen, die sich nicht durch Medikamente beeinflussen lassen, kann in spezialisierten medizinischen Zentren eine "tiefe Hirnstimulation" erfolgen: Vereinfacht gesagt wird dabei ein elektrischer "Schrittmacher" in ein bestimmtes Zentrum des Gehirns eingebaut. Im Einzelfall kann das die Beschwerden lindern.

Behandlung von Blasenfunktionsstörungen

Symptome von Blasenfunktionsstörungen sind Harndrang und Inkontinenz. Helfen können je nach Ursache eine gezielte Beckenbodengymnastik, regelmäßige Ableitungen des Harns über einen Katheter sowie bestimmte Medikamente.

Ein häufiges Problem ist, dass Patienten das Problem verheimlichen. Das Thema ist sehr privat und noch immer tabubehaftet. Patienten sollten aber trotzdem offen mit ihrem Arzt über die Beschwerden sprechen. Nur so ist gezielte Hilfe möglich.

Bei ausgeprägten Funktionsstörungen können vermehrt Harnwegsinfekte auftreten. Sie müssen vor allem dann konsequent behandelt werden, wenn der Patient gleichzeitig Medikamente erhält, die das Immunsystem dämpfen.

Was tun bei Fatigue-Syndrom und Depressionen?

Depressive Symptome können sowohl zu Beginn der Erkrankung als auch im Verlauf auftreten. Eine depressive Störung lässt sich medikamentös mit Antidepressiva behandeln. Auch eine psychologische Betreuung hilft oft. Zur Behandlung des Fatigue-Syndroms können verschiedene Medikamente eingesetzt werden. Auch ein moderates Ausdauertraining im Freien (sofern möglich) zeigt positive Effekte.

Behandlung von Gangstörungen

Es ist bekannt, dass der Kaliumkanalblocker 4-Aminopyridin die muskuläre Kraft bei Erkrankungen wie einer MS verbessern kann. Um die Gehfähigkeit von erwachsenen Patienten mit Gehbehinderung (EDSS 4-7) zu verbessern, kann Fampridin eingesetzt werden. Falls die Gehprobleme nicht innerhalb der ersten zwei Wochen nachlassen, sollte die Therapie wieder beendet werden.

Behandlung von Störungen der Sexualität

MS-Patienten erleben im Verlauf ihrer Erkrankung häufig Störungen der Sexualität. Dies kann organische, aber auch psychische Ursachen haben. Letztere lassen sich durch eine Gesprächstherapie behandeln, organische Ursachen durch eine entsprechende symptomatische Therapie. Immer gilt es dabei zunächst zu klären, ob es sich eventuell um eine Nebenwirkung der zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzten Arzneien handelt.

Ernährung bei Multipler Sklerose

Es ist schwer zu sagen, ob eine bestimmte Diät eine Wirkung auf die Multiple Sklerose hat, da diese Erkrankung auch von normalen tagesformabhängigen Besserungen und Verschlechterungen geprägt ist. Bis jetzt konnte keine Diät den Verlauf oder die Symptome der MS wirkungsvoll beeinflussen. Empfehlenswert ist eine ausgewogene, fettreduzierte Ernährung.

Rehabilitation mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie

Die Multiple Sklerose kann zu den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen führen. Zerstörte Nervenzellen lassen sich nicht wiederherstellen. Doch mit entsprechendem Training sind verlorengegangene Fähigkeiten teilweise neu erlernbar – weil sich das Gehirn "umorganisiert". Andere Hirnareale übernehmen dann quasi Aufgaben, die erkrankte Hirnbereiche nicht mehr erfüllen können. Genau dies ist die Aufgabe der Rehabilitation.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Physiotherapie, die bei Bewegungsstörungen deutlichen Erfolg verspricht und daher frühzeitig eingesetzt werden sollte. Ziel ist es, jeweils das Beste aus den körperlichen Möglichkeiten herauszuholen. Bewegungsübungen können die verspannten Muskeln lockern, die Koordination und den Gleichgewichtssinn trainieren und bei Blasenstörungen die Beckenbodenmuskulatur stärken. Die Ergotherapie hilft, die Feinmotorik zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.

Eine Rehabilitation kann in leichten Fällen ambulant, in schweren Fällen mit großen Beeinträchtigungen stationär in einer Rehabilitationsklinik stattfinden.

Alternative Therapieformen

Alternative Therapiemethoden, die nicht wissenschaftlich anerkannt sind, werden von einigen Patienten als hilfreich empfunden, können eine schulmedizinische Therapie aber auf keinen Fall ersetzen. Grundsätzlich ist immer ein abgestimmtes Handeln zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin zu bevorzugen. Einige Beispiele für solche alternativen Heilmethoden sind Aroma- und Bachblütentherapie, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (Akupunktur, Akupressur) oder Autogenes Training.

Doch Vorsicht: Auf dem Markt ist neben einigen hilfreichen Behandlungsoptionen auch vieles, was nichts nützt, überteuert ist oder den Patienten sogar schaden kann. Daher ist es empfehlenswert, auch über alternative und nicht-schulmedizinische Methoden mit dem behandelnden Arzt zu sprechen.

Leben mit der Krankheit

Zur Bewältigung von Krankheit, Behinderung und psychosozialen Problemen gehört neben der ärztlichen Betreuung, den Unterstützungsformen der öffentlichen Hand und der Familie auch die Selbsthilfe.

Sie ist klassischerweise in Selbsthilfegruppen organisiert. Selbsthilfe- und Patientenvertreter sitzen im Rahmen der gesetzlich geregelten Patientenmitbestimmung zum Beispiel auch im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der über Therapien berät und entscheidet.

In Selbsthilfegruppen trifft man auf andere Menschen mit ähnlichen Problemen. Dies ermöglicht gegenseitigen Informationsaustausch, das Beenden der sozialen Isolation beziehungsweise emotionale Unterstützung bei Krisen. Einen Überblick über Selbsthilfegruppen in der Nähe kann man zum Beispiel bei der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) bekommen.

Grundsätzlich können die folgenden Punkte häufig das Leben mit der Erkrankung ein wenig erleichtern, auch wenn das sicher nicht immer einfach ist:

  • Freuen Sie sich über das, was Sie können und konzentrieren Sie sich nicht auf das, was Sie nicht mehr können. Versuchen Sie, Ihre Behinderungen zu akzeptieren – setzt man sich realistische persönliche Ziele, kann man sich auch auf niedrigerem Level über Fortschritte freuen.
  • Versuchen Sie, in der Gegenwart zu leben und diese – trotz allem – so oft wie möglich zu genießen anstatt die Zukunft zu fürchten.
  • Sprechen Sie mit anderen Menschen ruhig offen über Ihre Probleme – mit der Familie, mit Freunden und auch mit Ihrem Arzt. Dies hilft oft, die Krankheit besser zu bewältigen.
  • Machen Sie nicht weniger als Sie können – wer rastet, rostet. Aber nehmen Sie andererseits angebotene Hilfe auch an, wenn sie Sinn macht.