Magersucht (Anorexie)

An der Essstörung Magersucht (Anorexie, Anorexia nervosa) erkranken vor allem junge Mädchen und Frauen. Sie hungern bis zum extremen Untergewicht

aktualisiert am 27.05.2014

Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine Essstörung, die vor allem bei Teenagern und jungen Erwachsenen vorkommt. Frauen trifft sie deutlich häufiger als Männer. Charakteristische Symptome sind: 

  • ein starker, selbst verursachter Gewichtsverlust bis hin zum Untergewicht: Magersüchtige hungern, vermeiden hochkalorische oder besonders fetthaltige Speisen, treiben exzessiv Sport, tun alles um ihr Gewicht zu senken.
  • die falsche Überzeugung, trotzdem noch zu dick zu sein: Auch wenn sie bis auf die Knochen abgemagert sind, sehen die Betroffenen an ihrem Körper noch etliche "Problemzonen", finden Speckpolster wo gar keine sind. Körperschemastörung nennen Mediziner dieses Phänomen.
  • Als Folge der Unterernährung kommt es zu hormonellen Veränderungen. Die Regelblutung bleibt aus, bei jungen Mädchen setzt sie gar nicht erst ein.

Mehr über mögliche Anzeichen der Essstörung lesen Sie im Kapitel Symptome.

Von der Magersucht abzugrenzen ist die Bulimie (Bulimia nervosa). Die Betroffenen sind hier meistens normal- oder leicht übergewichtig. Sie haben immer wieder Heißhungeranfälle mit regelrechten Essattacken gefolgt von selbst herbeigeführtem Erbrechen oder dem Missbrauch von Abführmitteln. Es handelt sich um eine andere, häufigere Form der Essstörung. Bulimische Episoden – also Heißhungeranfälle oder Essattacken mit anschließendem Erbrechen – kommen aber auch bei einer Form der Magersucht vor. Eine Magersucht kann außerdem in eine Bulimie übergehen und umgekehrt. Häufiger ist allerdings der Übergang von einer Magersucht in eine Bulimie.

Eine dritte, weitere Form einer Essstörung, ist das sogenannte Binge Eating. Die Betroffenen sind meistens übergewichtig und haben häufig Heißhungeranfälle mit Essattacken. Eine Gewichtsreduktion durch Erbrechen oder andere aktive Maßnahmen wird nicht herbeigeführt.

Wie sieht die Therapie aus?

Bei der Behandlung der Magersucht hat sich die Psychotherapie bewährt. Parallel dazu muss das Untergewicht mit seinen negativen Folgen für den Körper behoben und ein normales Essverhalten wieder neu erlernt werden. Mehr zur Behandlung lesen Sie im Kapitel Therapie.

Schätzungen zufolge sind rund 0,5 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren magersüchtig. Weitaus mehr Menschen sind gefährdet. Die Störung ist keine "Modeerscheinung", sondern seit mehr als hundert Jahren bekannt. Sie kommt hauptsächlich in Überflussgesellschaften vor, die schlanke Körperformen zum Ideal erhoben haben. Die Essstörung kann chronisch werden und lebensgefährlich sein.

Auch Männer können magersüchtig werden. Experten schätzen ihren Anteil auf etwa zehn Prozent. Die Symptome sind bei Männern und Frauen sehr ähnlich. Männer versuchen allerdings häufiger, ihr Gewicht vor allem durch übertriebenes Training oder körperliche Aktivität zu senken.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Magersucht tritt vor allem in der Pubertät in Erscheinung. Psychische Ursachen, aber auch Gewohnheiten innerhalb der Familie, biologische und gesellschaftliche Einflüsse können bei der Entstehung der Essstörung eine Rolle spielen und sich gegenseitig beeinflussen.

Gesellschaftliche Faktoren

Models – die Idole vieler Mädchen – wiegen heute oft deutlich weniger als der Durchschnitt gleichaltriger junger Frauen. Der Computer macht selbst schlanke Menschen auf Fotos noch dünner und langbeiniger, bevor die Bilder in Magazinen oder auf Plakatwänden erscheinen. Aktuelle Modetrends werden nicht selten an realitätsfernen Körperformen präsentiert.

Durch Werbung und Medien entsteht leicht der Eindruck, dass nur Menschen mit strengen Idealmaßen erfolgreich und attraktiv sind. Kinder und Jugendliche können über "Schlankheitskuren" allmählich in die Essstörung rutschen. Um abzunehmen, beginnen sie ihren Speiseplan rigide zu kontrollieren. Nach und nach verlieren sie das Gespür für ein natürliches Essverhalten, für Hunger und Sättigung. Gleichzeitig bekommen sie Anerkennung für ihre Abnehmerfolge. Sie entdecken, dass sie den eigenen Körper scheinbar nach Belieben kontrollieren und manipulieren können, und dass sie damit zunächst Bestätigung erlangen.

Sportarten oder Berufe, die ein sehr niedriges Körpergewicht verlangen, erhöhen das Risiko für eine Magersucht, zum Beispiel Ballett, Eiskunstlauf, Skispringen, Turnen, Leichtathletik, Model-Berufe.

Psychologische Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale

Magersucht beginnt überwiegend in der Pubertät. Die Krankheit kann Ausdruck dafür sein, dass sich die Betroffenen den Anforderungen dieser Lebensphase nicht gewachsen fühlen. Hinzu kommt, dass Mädchen im Jugendalter einen höheren Körperfettanteil haben und gleichzeitig der Energieverbrauch niedriger ist als bei Jungen. Das erhöht das Risiko für den Start von Diäten und den Beginn einer Essstörung.

Es gibt unterschiedliche Konzepte über die Entstehung von Essstörungen. Psychoanalytische Theorien sehen in der Magersucht den unbewussten Wunsch, eine Kindergestalt beizubehalten, sexuelle Wünsche zu unterdrücken, die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen zu bremsen oder umzukehren.

Mögliche Auslöser können auch innerhalb der Familie der Betroffenen liegen. Es gibt jedoch nicht die Magersucht-Familie. Bei einem Teil handelt es sich äußerlich um "Bilderbuch-Familien". Die Betroffenen werden sehr stark von ihren Eltern behütet, Konflikte eher gemieden, es besteht großes Harmoniebedürfnis. Gleichzeitig setzen die Eltern hohe Erwartungen in ihren Nachwuchs.

Magersüchtige wirken oft angepasst, introvertiert und nicht selten perfektionistisch. Ihre Persönlichkeit kann zwanghafte Züge tragen. Viele haben auch Schwierigkeiten zu spüren, wie es ihrem Körper gerade geht. Sie fühlen zum Beispiel nicht, dass sie müde sind oder Schmerzen empfinden.

In manchen Fällen finden sich in der Biografie der Betroffenen schwere Traumen wie sexueller Missbrauch.

Essgewohnheiten in der Familie

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einstellung zu Nahrungsmitteln und Essgewohnheiten in der Familie. Eltern oder Geschwister können als Modell dafür dienen, wie mit Lebensmitteln umgegangen wird, ob beispielsweise bestimmte Nahrungsmittel gemieden werden, weil sie einen tatsächlichen oder vermeintlichen "dickmachenden" Effekt haben können. Aus der Überzeugung heraus, sich nur "gesund" ernähren zu wollen, wird in manchen Familien der Verzehr von Gemüse, Obst und Salat besonders positiv verstärkt und beispielsweise der von Fleisch, Wurst oder Butter abgelehnt oder weitgehend vermieden – obwohl gerade im Kindes- und Jugendalter eine ausgewogene Ernährung mit einem ausreichend hohen Fett- und Proteinanteil für die gesunde Entwicklung notwendig ist.

Wie steht eine Familie zu Figur, Gewicht, sportlicher Aktivität, Fitness und häufigem Diätverhalten? Das kann eine Rolle spielen bei der Entwicklung von eigenen Überzeugungen darüber, was als schön und attraktiv gilt. Das bedeutet: Das Lernverhalten hat eine große Bedeutung beim Erwerb von Essgewohnheiten.

Anlagebedingte Faktoren

Anhand von Untersuchungen in Familien Betroffener und in Zwillingsstudien konnte gezeigt werden, dass Verwandte von Betroffenen mit Magersucht ein deutlich erhöhtes Risiko haben, ebenfalls eine Magersucht zu entwickeln. Dieses Risiko steigt mit engerem Verwandtschaftsgrad. Man nimmt heute an, dass verschiedene Gene (Träger der Erbsubstanz) zusammen zu diesem Risiko beitragen.

Biologische Faktoren

Verschiedene Botenstoffe und Hormone, die auf das Esszentrum im Gehirn wirken, sind wahrscheinlich bei der Entstehung, sicher aber bei der Aufrechterhaltung der Magersucht von Bedeutung. Einer dieser Botenstoffe ist das Serotonin. Dieser Neurotransmitter wird in Nervenzellen des Gehirns aus der Aminosäure Tryptophan gebildet, die mit der Nahrung zugeführt wird. Serotonin hat Einfluss auf das Hunger- und Sättigungsgefühl.

Charakteristisches Zeichen der Magersucht ist Untergewicht, das nicht etwa durch eine Krankheit ausgelöst ist, sondern meist innerhalb kurzer Zeit absichtlich herbeigeführt wird.

Doch auch das Verhalten der Betroffenen ändert sich in typischer Weise. Je nachdem, welche Symptome vorherrschen, unterscheiden Experten verschiedene Formen der Krankheit (siehe weiter unten).

Das viel zu niedrige Gewicht und eine anhaltende Mangelernährung wirken sich negativ auf viele Körperfunktionen aus. Mehr dazu im Kapitel "Folgen".

Wichtigstes Merkmal – Untergewicht

Ob sich das Körpergewicht im Normalbereich oder darunter bewegt, lässt sich am Körpermasse-Index (Body-Mass-Index = BMI) ablesen. Berechnet wird dieser Wert als Quotient aus Körpergewicht und dem Quadrat der Körpergröße (kg/m²). Tipp: Ihren BMI können Sie hier online berechnen. Für erwachsene Frauen beginnt das Normalgewicht ungefähr bei einem BMI von 19 kg/m² und darüber. Untergewicht liegt bei einem BMI < 17,5 kg/m² vor. Für Kinder und Jugendliche ist der BMI allerdings nicht ohne weiteres anwendbar. Anhand von BMI-Perzentilenkurven kann der Arzt feststellen, ob das Gewicht altersgerecht oder zu niedrig ist.

Formen der Magersucht

Experten unterscheiden zwei Formen der Krankheit:

1) Restriktive Anorexia nervosa: Die Betroffenen versuchen auf unterschiedlichen Wegen, Gewicht zu verlieren. Sie hungern, betreiben exzessiv Sport oder unterwerfen sich einer strengen Diät, bis sie extrem – oft lebensbedrohlich – schlank geworden sind. Typischerweise meiden sie besonders kalorienreiche Lebensmittel. Manche jüngere Mädchen oder Jungen versuchen, ihr aktuelles Körpergewicht nur zu halten und nicht weiter zuzunehmen, obwohl sie sich in der Wachstumsphase befinden. Sie nehmen also für ihr Alter zu wenig zu. Andere Betroffene ziehen sich absichtlich zu kalt an, um durch Frieren noch mehr Energie zu verbrennen oder sie rauchen, um ihren Stoffwechsel zu steigern.

2) Purging-Typ: Magersüchtige aus der anderen Gruppe versuchen zusätzlich zu den oben beschriebenen Symptomen aktiv ihr Gewicht zu reduzieren. Sie missbrauchen zum Beispiel Abführ- oder Entwässerungsmittel, oder sie erbrechen nach dem Essen, um ihr Gewicht weiter zu senken oder um eine weitere Gewichtszunahme zu vermeiden. Durch lange Fastenperioden kann es auch zu Heißhungerattacken mit Essanfällen kommen. Mediziner nennen diese Form der Magersucht "Purging-Typ", vom englischen Wort "to purge" = abführen, oder auch die bulimische Form der Anorexie. Patienten aus dieser Gruppe haben ausgeprägtere negative körperliche Folgen der Krankheit zu befürchten. Insgesamt ist die Prognose bei dieser Gruppe etwas schlechter als bei der ersten Gruppe.

Typische Anzeichen der Magersucht

  • Körperschemastörung: Trotz ihres Untergewichts glauben Magersüchtige, noch immer zu dick zu sein, sie nehmen ihren Körper verzerrt wahr. Im Blickpunkt stehen dabei vor allem Oberschenkel, Bauch und Hüften. Hier sehen die Betroffenen weiterhin störende Fettpolster, obwohl längst keine mehr da sind. Experten nennen dieses Phänomen Körperschemastörung.
  • Angst vor Gewichtszunahme: Magersüchtige haben panische Angst zuzunehmen. Sie kontrollieren Ihr Gewicht penibel, manchmal mehrmals am Tag. Sie wiegen Lebensmittel ab, zählen akribisch Kalorien, studieren stundenlang die Angaben auf der Verpackung und kennen den Nährwert zahlreicher Produkte auswendig.
  • Auffällige Essrituale: Nicht selten essen Magersüchtige auffällig langsam, "stochern" im Essen, trinken viel Wasser, um den Magen zu füllen oder folgen selbst erdachten Essritualen. Manche legen heimliche Lebensmittelvorräte an oder schwindeln, wenn sie zu ihren Essensmengen befragt werden.Viele essen nur noch selten und ungern gemeinsam mit anderen. Oft "bekochen" sie aber mit großem Eifer Familienangehörige und Freunde ohne selbst zuzugreifen. Sie beschäftigen sich in der Theorie viel mit Ernährungsfragen, sammeln oder tauschen beispielsweise Kochrezepte.
  • Gedanken kreisen um Gewicht und Essen: Die Themen "Gewicht", "Kalorien" und "Essen" beherrschen das Leben und die Gedanken der Patienten. Viele Magersüchtige ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, lassen Kontakte zu Freunden einschlafen, vernachlässigen andere Interessen.

Magersüchtige empfinden sich meistens nicht als krank. Sie weisen den Verdacht weit von sich, sie könnten an einer Essstörung leiden. "Iss doch etwas mehr!", "Du solltest wirklich ein wenig zunehmen" – solche gut gemeinte Ratschläge zeigen keinerlei Wirkung.

Der Begriff "Anorexia" bedeutet wörtlich übersetzt "Appetitlosigkeit", was eigentlich nicht treffend ist. Denn obwohl Magersüchtige kaum noch Nahrung zu sich nehmen, haben viele zunächst noch einen normalen oder manche sogar großen Appetit. Diesen verleugnen sie allerdings mit enormer Selbstbeherrschung. Manche entwickeln Zwänge oder leiden an depressiven Verstimmungen.

Die Erfahrung, sich selbst beherrschen, selbstbestimmt Kontrolle über den eigenen Organismus ausüben zu können, verschafft oft ein Gefühl von Autonomie. Jedes Kilo weniger auf der Waage ist dann wie ein Beleg für die tägliche Selbstüberwindung, eine Bestätigung.

Je ausgeprägter das Untergewicht wird, desto mehr bekommen außerdem biologische Faktoren eine starke Bedeutung. Im Zustand der Unterernährung kann das Gleichgewicht zwischen den körpereigenen Hormonen und Botenstoffen gestört sein. So kann zum Beispiel das Hungergefühl vollständig verloren gehen. Schließlich wird ein Grenzpunkt erreicht, von dem aus Betroffenen es nicht mehr aus eigener Kraft schaffen, wieder an Gewicht zuzunehmen.

Typischerweise sinkt bei einer Magersucht der Spiegel der Geschlechtshormone ab. Wenn weibliche Betroffene deutlich abnehmen, setzt ihre Regelblutung aus – vorausgesetzt sie nehmen nicht die "Anti-Baby-Pille", wodurch dem Körper eine gesunde Hormonproduktion vorgetäuscht wird. Der Zyklus normalisiert sich erst wieder, wenn das Gewicht wieder in den Normalbereich angestiegen ist. Betroffene verlieren oft das Interesse an Sexualität und männliche Magersüchtige leiden zusätzlich oft an Potenzstörungen.

Der Energiemangel bewirkt, dass der Körper auf "Sparflamme" schaltet. Die Körpertemperatur fällt ab, der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt langsam. Viele Magersüchtige frieren schnell, haben kalte Hände und Füße. Weil die Betroffenen ihre Nahrungsaufnahme stark reduzieren, kommt es leicht zur Verstopfung.

Magersüchtige haben oft eine trockene und schuppige Haut. Darüber hinaus können die Nägel brüchig und die Haare dünner werden oder sogar ausfallen. An einigen Körperstellen, wie an den Armen, am Rücken und im Gesicht, entwickelt sich eine flaumartige, feine Behaarung (Lanugobehaarung). Sie soll bewirken, dass der Körper nicht so schnell auskühlt. Weil das Unterhautfettgewebe schrumpft, treten die Venen deutlich sichtbar hervor, die Haut an Händen und Füßen schimmert bläulich.

Wenn der Körper über längere Zeit zu wenig Nährstoffe erhält, baut er Muskelmasse ab. Wachstum und Entwicklung geraten dann ins Stocken. In Verbindung mit einem Mangel an Kalzium, Phosphat und Vitamin D kommt es zu Störungen des Knochenstoffwechsels. Die Knochen werden brüchig, bekannt als Osteoporose. Auch die Zähne leiden, insbesondere, wenn häufiges Erbrechen dazukommt. Es drohen Karies oder sogar Zahnausfall. Bei einem starken Eiweißmangel lagert sich Flüssigkeit im Gewebe ab (Ödeme).

Im Zustand der Unterernährung wird ein Schwund des Hirngewebes beobachtet. Dieser Schwund äußert sich insbesondere in einer Verbreiterung der Hirnfurchen und einer Vergrößerung der inneren Gehirnkammern, die das Hirnwasser führen. Der Schwund des Hirngewebes geht mit Leistungseinbußen des Gehirns einher. Mit Gewichtsnormalisierung bildet sich der Hirnschwund in den meisten Fällen wieder zurück.

Extremes Hungern, Erbrechen und der Missbrauch von Abführmitteln können den Salzhaushalt des Körpers durcheinander bringen. Leicht entsteht ein Mangel an wichtigen Elektrolyten. Ein schwerer Kaliummangel ist besonders problematisch, denn er löst gefährliche Herzrhythmusstörungen aus. Ist die Magersucht ausgeprägt und lang anhaltend, nehmen die Nieren Schaden.

Unter einer Mangelversorgung leidet auch das Immunsystem. Der Körper wird anfällig für Infektionen. Sie sind bei sehr schwer verlaufender Magersucht ebenso wie Herzkomplikationen eine häufige Todesursache.

Oft sind es nicht die Betroffenen selbst, die als erstes professionelle Hilfe suchen, sondern Angehörige und Freunde, die sich Sorgen machen. Typisches Merkmal der Magersucht ist, dass sich die Patienten nicht als krank empfinden.

Wer den Verdacht hat, dass eine Angehörige oder Bekannte an einer Essstörung leidet, sollte versuchen, das Thema vorsichtig anzusprechen – bei einer passenden Gelegenheit unter vier Augen. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Denn Vorwürfe, Ratschläge oder Drohungen bewirken oft das Gegenteil des Gewünschten. Wer unsicher ist, sollte sich zum Beispiel beim Hausarzt, bei Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen Unterstützung holen.

Der Arzt wird sich zunächst in Gesprächen ein möglichst genaues Bild machen. Er unterhält sich in der Regel mit der Betroffenen und – wenn möglich – auch mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Er fragt vor allem nach dem Essverhalten, der eigenen Sicht des Körpers, dem Gewichtsverlauf und dem angestrebten Gewicht. Daneben sind weitere Aspekte von Interesse: Wie gestaltet sich das Familienleben, wie sehen die gemeinsamen Mahlzeiten aus? Gibt es Hinweise auf Spannungen? Wie steht es um den Freundeskreis? Bei weiblichen Betroffenen erkundigt sich der Experte auch nach dem Menstruationszyklus: Ist schon öfter die Regelblutung ausgeblieben?

Um typische Symptome (siehe auch Kapitel "Symptome") präziser zu erfassen, kommen Fragebögen und strukturierte Interviews zum Einsatz. Der Arzt versucht zu erkennen, ob die Betroffenen zwanghafte Tendenzen zeigen oder an begleitenden psychischen Erkrankungen leiden, beispielsweise einer Depression.

Körperliche Untersuchung

Die ungewöhnlich schlanke Figur fällt meistens deutlich ins Auge. Trotzdem wird der Arzt das exakte Gewicht und die Körpergröße des Patienten messen. Maßstab sind bei einem Alter unter 18 Jahren BMI-Perzentilenkurven, bei Erwachsenen ist es der Body Mass Index.

Wichtig ist eine gründliche körperliche Untersuchung, eventuell ergänzt um weitere Checks wie Ultraschall- oder Blutuntersuchungen. Denn einerseits muss der Arzt sicher ausschließen können, dass das Untergewicht durch ein körperliches Leiden verursacht ist, beispielsweise eine Schilddrüsenstörung. Andererseits muss der Experte herausfinden, ob sich bereits Mangelerscheinungen eingestellt haben (siehe Kapitel "Körperliche Folgen"). Im Blutbild kann sich zeigen, dass die Zahl der weißen und roten Blutzellen und der Blutplättchen vermindert ist. Der Cholesterinwert ist eventuell erhöht, der Eiweißgehalt im Blut erniedrigt. Die Messung von Blutdruck und Puls ergibt oft sehr niedrige Werte.

In vielen Fällen haben Betroffene einen verzerrten Blick, wenn es um ihren täglichen Speiseplan geht. Objektivere Informationen liefert dem Arzt ein genaues Ernährungs-Tagebuch, in dem exakt festgehalten wird, was und wie viel gegessen wurde.

Bei der Behandlung der Magersucht arbeiten meistens verschiedene Spezialisten zusammen: Mediziner, Psychotherapeuten, Psychologen, Ernährungsberater oder Diätassistenten und bei stationärer Behandlung ein großes Team zusammen mit Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Masseuren, Musik- und Kunsttherapeuten, Sozialarbeitern bzw. -pädagogen und Fachpflegekräften.

Hat das Untergewicht bedrohliche Ausmaße angenommen oder sind die körperlichen Auswirkungen bereits sehr bedenklich, dann ist eine stationäre Behandlung ratsam. In der Regel wird sie ambulant fortgesetzt. Eine Therapie in der Klinik kann auch dann notwendig sein, wenn Komplikationen oder andere begleitende Krankheiten bestehen, beispielsweise eine Depression, oder wenn eine ambulante Therapie keinen Erfolg bringt. Unter Umständen muss eine Behandlung auch gegen den Willen eines Patienten erfolgen. Das sollte aber nur in Notfällen geschehen, wenn durch eine ausbleibende Behandlung eine lebensgefährdende Situation entsteht oder eine andere schwere psychosoziale Gefährdung. Ziel ist immer, dass die Betroffene eine Behandlung aus freien Stücken und eigener Überzeugung beginnt. Wenn die Nahrungsaufnahme nicht oder nur unter sehr belastenden Umständen möglich ist, kann übergangsweise eine Ernährung über eine Sonde erforderlich sein.

Verschiedene Therapie-Elemente

Die Therapie setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: Zum einen muss das Gewicht wieder in einen gesunden Bereich angehoben und stabilisiert werden. Das ist meistens die vordringlichste Aufgabe. Wichtig ist außerdem, Mangelerscheinungen auszugleichen. Die Betroffenen lernen nach und nach, wieder "normal" und regelmäßig zu essen, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, und das Essen auch wieder genießen zu können – das geschieht oft gemeinsam mit anderen Betroffenen und unter der Anleitung von Ernährungsexperten. Essens- und Bewegungsprotokolle sowie regelmäßige Gewichtskontrollen machen Fortschritte und Rückschläge sichtbar.

Ist der Organismus ausreichend gestärkt, können andere Problembereiche angesprochen und geübt werden. Auslöser und aufrechterhaltende Faktoren der Essstörung werden thematisiert und gemeinsam mit den Magersüchtigen entwickelt, um so tragfähige Strategien für den Alltag und Methoden zur Rückfallprophylaxe zu erarbeiten.

So lernen die Betroffenen, ihren Körper nicht mehr wie einen Gegner zu behandeln, sondern mit wohlwollendem und realistischem Blick zu betrachten. Sie trainieren, ihre Bedürfnisse zu spüren, sich selbst mehr Gutes zu tun, ihre Stärken und Fähigkeiten zu erkennen und zu fördern, Verantwortung zu übernehmen. An die Stelle des selbstzerstörerischen Hungern und Kalorienzählens treten Aktivitäten, die besser geeignet sind, sich selbst zu beweisen und persönliche Erfolge zu erleben.

Vielen hilft ein gezieltes Verhaltenstraining, das im Umgang mit anderen sicherer macht und das es ermöglicht, Gefühle anderen gegenüber besser zum Ausdruck zu bringen. In der Regel ist es sinnvoll, bei der Therapie auch die Familie mit einzubeziehen.

Medikamente können die Therapie unterstützen, zum Beispiel dann, wenn gleichzeitig Depressionen oder Zwänge bestehen.

Die Prognose ist besser, wenn die Patienten bei Therapiebeginn noch jung sind und die Krankheit noch nicht sehr lange besteht. Bei manchen Betroffenen wird die Essstörung im späteren Leben durch eine andere psychische Störung abgelöst, zum Beispiel eine Zwangserkrankung, Depressionen, Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Viele haben auch als Erwachsene kein unbefangenes, "normales" Verhältnis mehr zu Essen und Körpergewicht. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt die Erkrankung ein Leben lang bestehen.

Dass sich Teenager mit ihrem Gewicht beschäftigen, ist in westlichen Gesellschaften keine Ausnahme. Sind Kinder ein wenig pummelig, freuen sich ihre Eltern oft sogar, wenn die Sprösslinge plötzlich von sich aus versuchen abzunehmen. Dabei begeben sie sich jedoch auf eine Gratwanderung. Je kontrollierter und verkrampfter der Umgang mit Nahrung und Gewicht wird, desto eher kann eine Essstörung entstehen.

Wenn Kinder tatsächlich abnehmen müssen, weil sie überprüfbar übergewichtig sind, so sollte das nur in Rücksprache mit dem Arzt geschehen. Ausgewogene, gesunde, regelmäßige Mahlzeiten im Kreis der Familie, dazu viel Bewegung sind meistens die besten Strategien. Diäten helfen allenfalls kurzfristig und erhöhen das Risiko für eine Essstörung. Eltern sollten ihre Kinder nicht unter Druck setzen und erste mögliche Anzeichen einer Magersucht ernst nehmen (siehe Kapitel "Symptome").

Die Themen Figur, Aussehen, Gewicht sind heute allgegenwärtig. Eltern können versuchen, bewusst andere Schwerpunkte zu setzen, Äußerlichkeiten nicht so viel Bedeutung beizumessen. Kinder sollten wissen, dass sie nicht perfekt sein müssen, um geliebt zu werden. Es kann auch hilfreich sein, vermeintliche Schönheitsideale gemeinsam zu hinterfragen.

Die Krankheit Magersucht bedeutet für die Angehörigen oft eine große Herausforderung, erfordert viel Geduld und Durchhaltevermögen. Unterstützung erhalten sie zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen. Angehörige sollten sich nicht scheuen, im Zweifel frühzeitig den Arzt zu fragen oder Beratungsangebote zu nutzen.

Privat-Dozent Dr. Lars Wöckel, geboren 1963, studierte Medizin an den Universitäten Aachen und Bonn. 1991 war er in der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Dortmund tätig, 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pathologie der Universität Köln. Er promovierte 1994 zum Dr. med. (Neuroanatomie) in Aachen und arbeitete ab 1994 als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Hirnforschung der Universität Tübingen. Ab 1997 war er im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Heidelberg in Mannheim in der Arbeitsgruppe Essstörungen tätig. Ab 2002 war er Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Frankfurt/Main und Leiter der Essstörungsambulanz. Eine Berufung auf eine Professur an die University of Western Australia, Perth, hat er abgelehnt. Ab 2008 Tätigkeit als Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum der RWTH Aachen mit dem Forschungsschwerpunkt Essstörungen. Seit 2010 ist er Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Clienia Littenheid AG, Schweiz. Er ist Mitglied in mehreren Gesellschaften, u.a. DGKJP, DGESS, ÖGES, SGKJPP, DÄVT, Kompetenznetzwerk Essstörungen, sowie Vorstandsmitglied im Experten-Netzwerk-Essstörungen Schweiz (ENES).