Tollwut (Rabies)

Die Tollwut ist eine schnell fortschreitende Virusinfektion des Zentralnervensystems. Sie wird vorwiegend durch Tierbisse auf den Menschen übertragen. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie

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von Dr. Dagmar Schneck, aktualisiert am 05.06.2018

Das Tollwutvirus (Rabiesvirus, Lyssavirus) befällt Säugetiere und ganz selten auch Vögel. Es ist mit wenigen Ausnahmen weltweit verbreitet.

Eine Übertragung des Virus erfolgt vor allem durch Bisse oder durch Kontakt von infiziertem Speichel mit offenen Wunden oder Schleimhäuten.

Welche Rolle spielt die Tollwut heute?

Situation weltweit: In einigen Ländern der Erde ist die Tollwut bei Wild- und Haustieren (vorwiegend bei Hunden und hundeartigen Tieren) endemisch verbreitet. Das bedeutet, dass die Erkrankung bei diesen Tieren in diesen Regionen andauernd und gehäuft vorkommt. Die Hauptendemiegebiete liegen in Indien, China, Afrika und Südostasien sowie in Mittel- und Südamerika. In diesen Gegenden passiert die Übertragung auf den Menschen vor allem durch Hundebisse (90 Prozent) oder über Nutztiere. Weltweit sterben jährlich zirka 59.000 Menschen an einer Tollwutinfektion (WHO, 2018). Meistens ist die ländliche Bevölkerung in den Endemiegebieten betroffen, darunter finden sich auch viele Kinder.

Situation in Europa: Im europäischen Raum war bis vor kurzen vor allem die Infektion nach Kontakt mit erkrankten Wildtieren (vor allem dem Rotfuchs) gefürchtet. In den meisten Ländern des Europäischen Raumes konnte die Tollwut durch gezielte Impfmaßnahmen (Impfköder für Wildtiere, Impfung von Haustieren) weitgehend ausgerottet werden. Sie kommt aber noch in manchen osteuropäischen Ländern im Baltikum vor, auf dem Balkan, in der Ukraine und Georgien. Eine Rolle spielt die Erkrankung vor allem bei Reisen in Endemiegebiete oder für die illegale Einfuhr von Tieren aus diesen Regionen. Auch in der Türkei und Ländern des Nahen Ostens wie beispielsweise dem Iran spielt die Tollwut nach wie vor eine Rolle.

Seitdem hierzulande die Gefahr der Verbreitung der Tollwut über Wildtiere wie den Rotfuchs gebannt ist, tritt in jüngerer Zeit zunehmend eine Verbreitung durch Fledermäuse in den Vordergrund. Bei Fledermäusen ist die Tollwut in Europa und auch in Deutschland endemisch verbreitet. Sie sind der eigentliche Wirt für das Rabies- oder Lyssa-Virus, den Erreger der Tollwut.

Symptome: Wie verläuft die Tollwut?

Nach der Infektion durch einen Biss folgt eine Inkubationszeit von im Mittel 20 bis 90 Tagen. Es gibt im Wesentlichen zwei Erkrankungsformen:

  • In 80 Prozent der Fälle tritt die Tollwut in ihrer klassischen Form, der enzephalitischen (sogenannten wilden) Wut auf. Sie ist durch Hydrophobie ("Wasserangst") und  Aerophobie (Angst vor Luftzug) gekennzeichnet, die von Schlundkrämpfen und Hyperaktivität begleitet sind. Genaueres lesen Sie im Kapitel Symptome.
  • In etwa 20 Prozent der Fälle tritt eine paralytische (stille) Verlaufsform auf, die sich durch Lähmungen der Arme und Beine sowie der Schließmuskeln des Magen-Darm-Traktes und der ableitenden Harnwege bemerkbar macht. Daneben kommt leichtes Fieber vor.

Seltener tritt eine atypische Verlaufsform auf. Charakteristisch sind unter anderem Nervenschmerzen, Zuckungen der gebissenen Gliedmaßen, Hirnstammsymptome (siehe dazu Kapitel Symptome) und Krampfanfälle.

Kann man eine Tollwut behandeln?

Die einzig wirksame Behandlung nach dem Kontakt zu einem mutmaßlich infizierten Tier besteht darin, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern.

Das ist durch eine sofortige aktive Impfung und die Gabe von fertigen Antikörpern (Rabies-Immunglobulin) in den allermeisten Fällen möglich. Man spricht hier von einer Postexpositionsprophylaxe. Jedes Jahr erhalten mehr als 15 Millionen Menschen diese Therapie.

Erfolgt keine rechtzeitige Postexpositionsprophylaxe, verläuft die Erkrankung praktisch immer tödlich, sobald Symptome aufgetreten sind. Nur ganz wenige Menschen haben eine Tollwut überlebt, alle hatten jedoch schwere bleibende Schäden. Mehr zur Postexpositionsprophylaxe lesen Sie im Kapitel Therapie.

Reisende in Endemiegebiete oder Personen, die berufsbedingt einem erhöhten Risiko für eine Tollwutexposition ausgesetzt sind, sollten sich durch eine Impfung schützen (Präexpositionsprophylaxe).

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Die Tollwut gehört zu den sogenannten Zoonosen. Das sind Erkrankungen, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden. Die ursprünglichen Wirtstiere der Lyssaviren sind Fledermäuse.

Es gibt verschiedene Virustypen. Die Virustypen sind üblicherweise bei unterschiedlichen Wirtstieren verbreitet. Daher können durch den Nachweis eines bestimmten Virustyps unter Umständen Rückschlüsse auf die Art und die Herkunft des Wirtstieres gezogen werden.

Wie verbreitet sich die Tollwut?

Fledermäuse können andere Tiere durch Bisse infizieren (zum Beispiel Wildtiere, Füchse, Hunde und hundeartige Tiere). Infizierte wildlebende Tiere stecken unter Umständen Haustiere an. Infizierte (Haus-)Tiere können auch den Menschen infizieren.

In den meisten Ländern des europäischen Raumes wurden in den letzten Jahrzehnten gezielte Impfmaßnahmen vorgenommen. Es wurden Impfköder für Füchse ausgelegt und Haustiere (Hunde und Katzen) flächendeckend geimpft. Dank dieser Maßnahmen konnte die Wildtollwut in Mittel- und Westeuropa drastisch zurückgedrängt werden. Seit 2007 gilt Deutschland als frei von Wildtollwut.

Weit verbreitet ist die Tollwut jedoch nach wie vor bei Fledermäusen. Europäische Fledermäuse beißen nur in absoluten Ausnahmefällen, zum Beispiel wenn sie gefangen werden. Trotzdem sollte man die Tiere nicht anfassen und – falls es unvermeidlich ist – zum Beispiel dicke Lederhandschuhe tragen. Kratzer oder Bisse dieser Tiere können so unauffällig sein, dass sie nicht immer bemerkt werden. In Mittel- und Südamerika kommen Vampirfledermäuse vor, die ebenfalls Tollwut übertragen können. In Nordamerika werden zunehmend Infektionen durch einen bestimmten Virustyp (silverhaired bat rabiesvirus) nach unbemerktem Kontakt zu Fledermäusen beobachtet. Die Impfung schützt auch gegen diesen Virustyp.

Wie verbreitet sich das Lyssavirus im Körper?

Das Lyssavirus befindet sich im Speichel eines infizierten Tieres. Zu einer Infektion kommt es, wenn der infektiöse Speichel in eine offene Wunde gelangt (zum Beispiel bei einem Biss), auf verletzte Haut gelangt oder mit Schleimhäuten (zum Beispiel des Mundes oder des Auges) in Kontakt kommt. Andere Infektionswege – wie über eine Organtransplantation – sind extrem selten.

An der Eintrittspforte kommt es zunächst zu einer Vermehrung der Lyssaviren in Bindegewebe und Muskelzellen. Dann treten die Viren in Nervenzellen ein, beispielsweise in die Hautnerven. Entlang der Nervenfasern und über Verbindungsstellen von Nerv zu Nerv (Synapsen) wandern die Viren dann in Richtung Gehirn.

Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Erkrankung bezeichnet man als Inkubationszeit. Sie liegt für die Tollwut im Mittel zwischen 20 und 90 Tagen. In Einzelfällen beträgt die Inkubationszeit auch nur wenige Tage, manchmal auch über ein Jahr.

Ist das Gehirn einmal erreicht, verbreitet sich das Virus von dort aus über die Nerven in die anderen Gewebe des Körpers (Speicheldrüsen, Herz, Nieren, Haut). Über den Speichel wird das Virus wieder ausgeschieden und kann weiter verbreitet werden.

Was bewirkt das Tollwutvirus im Gehirn?

Die sichtbaren Veränderungen im Gehirngewebe durch eine Tollwutinfektion sind im Vergleich mit anderen virusbedingten Gehirnentzündungen gering. Vermutlich kommt es durch die Infektion vor allem zu einer Funktionsstörung der Nervenzellen, zum Beispiel durch Störung in der Ausschüttung von Botenstoffen. Was durch die Infektion genau passiert, ist nicht restlos geklärt. Im Endstadium greifen Abwehrstoffe des Körpers (Antikörper) die Nervenzellen an, sie lösen sich auf.

Es ist sehr wichtig, sofort nach einem Tierbiss oder verdächtnigen Tierkontakt einschätzen zu lassen, ob das Tier womöglich Tollwut haben könnte – und nicht erst abzuwarten, ob entsprechende Symptome auftreten. Denn dann ist es üblicherweise zu spät für eine Therapie. Besondere Vorsicht ist beim Kontakt zu Fledermäusen geboten. Kleinere Bisse oder Kratzer können bei diesen Tieren auch unbemerkt bleiben.

Tollwut-Verdacht rasch klären!

Die einzige erfolgversprechende Behandlung bei einer Infektion mit dem Tollwut-Erreger ist eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe – eine sofortige aktive Impfung und Behandlung mit speziellen Antikörpern (Immunglobulin).

Die Entscheidung darüber, ob eine solche Behandlung angebracht ist, muss unmittelbar nach dem Tierbiss (der Exposition) und damit lange vor dem Auftreten jeglicher Symptome gefällt werden. Daher ist die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, ob das betroffene Tier Tollwutträger ist oder sein könnte, immens wichtig. Mehr zur Postexpositionsprophylaxe im Kapitel Therapie.

Wann ist von einer Infektion durch Lyssaviren auszugehen?

Prinzipiell ist davon auszugehen, dass jeder Warmblüter eine Tollwut übertragen kann. Die verschiedenen Säugetierarten sind zwar unterschiedlich empfänglich für eine Infektion. Trotzdem sollte man vor allem in Ländern, in denen die Wildtollwut verbreitet ist, bei einem unprovozierten Biss immer von einem Infektionsrisiko ausgehen. Das gilt auch für Fledermauskontakte, selbst wenn sie nur flüchtig waren. Ein Biss oder Kratzer dieser Tiere kann so unauffällig sein, dass er gar nicht immer bemerkt wird.

Wie macht sich eine Tollwut beim Menschen bemerkbar?

Die ersten Anzeichen einer manifesten Tollwut können sehr unspezifisch sein. Auftreten können sie in Form von Fieber, Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Andere Erstsymptome sind Unruhe oder Ängstlichkeit. Die frühesten, für eine Tollwut typischen Zeichen sind Juckreiz, Schmerzen oder Empfindungsstörungen in der Nähe des Tierbisses. Sie treten in 50 bis 80 Prozent der Fälle auf und sind hochgradig verdächtig für eine manifeste Tollwut. Sie entstehen vermutlich durch die Infektion der Hinterstrangbahnen des Rückenmarkes, die für die Sensibilität (die verschiedenen Sinnesempfindungen wie Temperatur, Druck, Schmerz) zuständig sind.

Enzephalitische Tollwut ("Wilde Wut")

In circa 80 Prozent der Fälle tritt die Erkrankung in ihrer klassischen Form, der sogenannten "wilden Wut" auf. Die Tollwut zeigt sich als untypisch verlaufende Entzündung des Gehirnes (Enzephalitis). Zu ihren Symptomen gehören Verwirrtheit, Halluzinationen, Kampflust und Krampfanfälle, die sich mit Phasen eines völlig unauffälligen Bewusstseinszustandes abwechseln.

Häufig treten Symptome einer Fehlfunktion des sympathischen Nervensystems auf. Dazu gehören unter anderem eine übermäßige Speichelproduktion, Gänsehaut und Herzrhythmusstörungen.

Bald setzen zusätzlich Symptome einer Störung der Funktion des Hirnstammes ein. Kennzeichen dafür sind eine Hydrophobie ("krankhafte Wasserangst"). Der Versuch Flüssigkeit zu schlucken führt zu unwillkürlichen und schmerzhaften Kontraktionen des Zwerchfells sowie der Atem- und Schluckmuskulatur. Ähnliche Reaktionen löst auch die Stimulation mit einem Luftzug aus (Aerophobie, "krankhafte Luftangst"). Die Ursache dieser Erscheinungsformen sind wahrscheinlich fehlgesteuerte und überzogene Schutzreflexe der Atemwege, wie der Hustenreflex oder der Würgereflex.

Wenn gleichzeitig übermäßig viel Speichel gebildet wird, der dann aber nicht verschluckt werden kann, entsteht Schaum vor dem Mund. Die Erkrankung schreitet rasch fort und führt innerhalb weniger Tage zu Koma und Tod.

Paralytische Tollwut ("Stille Wut")

In etwa 20 Prozent der Fälle tritt die Erkrankung als paralytische Tollwut in Erscheinung. Kennzeichnend ist eine Muskelschwäche, die an dem Körperteil beginnt, wo der Biss war. Bald folgt eine schlaffe Lähmung, zunächst ebenfalls der betroffenen Gliedmaßen, die rasch fortschreitet und schließlich in einer kompletten Lähmung aller vier Extremitäten sowie der Gesichtsmuskeln einmündet. Typisch ist auch eine Beteiligung der Schließmuskeln von Mastdarm und Blase. Es könne auch milde Empfindungsstörungen auftreten. Der Krankheitsverlauf ist einige Tage länger als bei der klassischen  Verlaufsform, führt aber ebenso zum Organversagen und damit zum Tod.

Untypischer Verlauf

Seltener verläuft eine Tollwut untypisch: Zu Beginn der Erkrankung kommt es dann zu Nervenschmerzen, Zuckungen der gebissenen Gliedmaßen, Hirnstammsymptomen (siehe oben) und Krampfanfällen. Solche Fälle treten beispielsweise nach Fledermaus-Bissen auf.

Achtung: Es ist sehr wichtig, sofort nach einem Tierbiss einschätzen zu lassen, ob das Tier womöglich Tollwut haben könnte – und nicht erst abzuwarten, ob entsprechende Symptome auftreten. Denn dann ist es üblicherweise zu spät für eine Behandlung. Besondere Vorsicht ist beim Kontakt zu Fledermäusen geboten. Kleinere Bisse oder Kratzer können bei diesen Tieren auch unbemerkt bleiben. Im Zweifel wird immer eine Postexpositionsprophylaxe begonnen. Mehr dazu im Kapitel Therapie.

Anlass für die Suche nach Hinweisen auf eine Tollwutinfektion bei einem Menschen ist meist eine akute, auch atypische Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder eine akute schlaffe Lähmung.

Auch wenn bei einem Patienten der Verdacht auf ein sogenanntes Guillain-Barré-Syndrom besteht, ein neurologisches Krankheitsbild, das einer Verlaufsform der Tollwut ähnelt, ist die Suche nach Lyssa-Viren sinnvoll. Manchmal können Hinweise auf einen Tierbiss fehlen (siehe Kapitel Ursachen).

Wurde ein Mensch von einem möglicherweise infizierten Tier gebissen, sollte dieses Tier beobachtet oder sogar getötet und auf eine Tollwutinfektion hin untersucht werden. Das ist hilfreich für die Entscheidung, ob eine Behandlung (Postexpositionsprophylaxe, siehe Kapitel Therapie) fortgeführt werden muss oder nicht.

Untersuchungen bei Verdacht auf Gehirnentzündung (Enzephalitis)

Zu den Routineuntersuchungen bei Verdacht auf eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) gehört meist eine Computertomografie des Gehirns, eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquors), eine Kernspintomografie und ein EEG. Diese Tests ergeben bei einer Tollwut häufig allenfalls unspezifische Veränderungen.

Bei konkretem Verdacht auf eine Tollwut-Infektion sind spezifische Tests nötig. Dazu gehört die Suche nach Abwehrstoffen (Antikörpern), die der Körper gegen den Tollwut-Erreger (das Rabies- oder Lyssa-Virus) bildet. Finden sich Antikörper gegen das Virus im Blut, spricht das dann für eine Infektion, wenn der Betroffene nicht gegen Tollwut geimpft ist. Sind die Antikörper auch im Nervenwasser vorhanden, ist eine Tollwut-Infektion auch bei geimpften Personen wahrscheinlich.

Kann der Arzt bestimmte Virusbestandteile – sogenannte Virus-RNA – in Speichel, Nervenwasser oder in einer Hautbiopsie des Nackens nachweisen, bestätigt das die Infektion. (RNA ist Träger der genetischen Information des Virus). Diese Untersuchung macht zusätzliche Aussagen über den Virustyp und damit auch über das Wirtstier möglich.

Wie wird die Tollwut bei einem Tier festgestellt?

Am besten ist es, wenn das Tier, das gebissen hat, gefangen werden konnte. (Dabei sollte natürlich kein zusätzliches Risiko eingegangen werden!). Gesunde Haustiere werden über 10 Tage in Quarantäne beobachtet. Werden sie in diesem Zeitraum krank, oder benehmen sie sich auffällig, sollten sie eingeschläfert und ihr Gehirn auf Virusbestandteile untersucht werden. Wildtiere werden üblicherweise sofort nach einem Biss eingeschläfert und auf eine Tollwut untersucht.

Welche anderen Erkrankungen kommen infrage?

Verschiedenste Virusinfektionen können eine Hirnentzündung verursachen. Dazu gehören Herpesviren, Arboviren oder auch die Masern- oder Mumps-Viren. Diese Erkrankungen unterscheiden sich jedoch in ihrem Erscheinungsbild meistens deutlich von einer Enzephalitis durch Lyssa-Viren.

Manchmal verursacht auch eine Impfreaktion nach einer Tollwutimpfung ähnliche Symptome wie die Krankheit selbst. Eine solche Impfreaktion tritt aber nur nach Verwendung von Impfstoffen auf, die aus infiziertem Nervengewebe gewonnen wurden und die heutzutage als überholt gelten.

Auch manche psychiatrische Erkrankungen können auf den ersten Blick einer Tollwut ähneln.

Die paralytische Form ("stille Wut") kann leicht mit einem Guillain-Barré-Syndrom verwechselt werden. Das ist eine neurologische Erkrankung, die mit einer Störung des peripheren Nervensystems einhergeht und ebenfalls zu einer fortschreitenden Lähmung der Extremitäten führt.

Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Versuche, eine Tollwutinfektion zu behandeln. Verwendet wurden unter anderem verschiedene virusabtötende Medikamente (Virostatika), Ketamin oder eine therapeutische tiefe Sedierung ("künstliches Koma"). In aller Regel blieben diese Maßnahmen erfolglos. Sind erst einmal Symptome einer manifesten Tollwut vorhanden, führt die Erkrankung eigentlich immer innerhalb weniger Tage zum Tod. Nur ganz wenige Menschen haben eine Tollwut überlebt, alle hatten jedoch schwere bleibende Schäden. In der Regel beschränkt sich die Therapie bei einer gesicherten Tollwutinfektion auf lindernde Maßnahmen.

Wie kann man den Ausbruch der Erkrankung verhindern?

Durch eine sofortige aktive und passive Impfung (sogenannte Postexpostionsprophylaxe) kann man den Ausbruch der Erkrankung meistens verhindern.

Welche Maßnahmen gehören zu einer Postexpositionsprophylaxe?

Wer Kontakt zu einem möglicherweise infizierten Tier hatte oder gebissen wurde, sollte rasch einen Arzt aufsuchen. Wichtig ist immer eine sofortige gründliche Wundreinigung und Spülung. Dadurch kann ein Teil der Viren bereits mechanisch entfernt werden.

Aktive Impfung: Die aktive Impfung erfolgt in der Regel auf der Gegenseite des Tierbisses, möglichst bald nach dem Biss. Der Impfstoff enthält unschädlich gemachte Tollwut-Viren, die die Krankheit nicht auslösen können. Sie regen jedoch das Immunsystem an, Abwehrstoffe gegen den "echten", gefährlichen Erreger zu bilden. Geimpft werden alle Betroffenen, auch die, die bereits zuvor eine Tollwutimpfung erhalten hatten – zum Beispiel vor einer Reise.

Passive Impfung: Bei allen zuvor nicht geimpften Betroffenen erfolgt zusätzlich eine passive Impfung. Das bedeutet: Der Patient erhält fertige Abwehrstoffe (Antikörper) gegen die Tollwutviren – sogenanntes Rabies-Immunglobulin (RIG). Am wirksamsten ist die Therapie, wenn das RIG in unmittelbarer Nähe der Eintrittspforte eingebracht wird, also meistens in das Gewebe direkt um die Bisswunde.

Die aktive Impfung wird nach drei, sieben, 14 und 28 Tagen noch einmal wiederholt. Eine Behandlung mit Immunglobulin darf nur bis zum siebten Tag nach der möglichen Infektion (also zum Beispiel dem Biss) stattfinden. Andernfalls wird der Krankheitsverlauf sogar noch beschleunigt.

Wann ist eine Postexpositionsprophylaxe angebracht?

Angesichts der Tatsache, dass eine manifeste Tollwut eigentlich immer zum Tod führt, ist schon bei dem geringsten Verdacht auf eine mögliche Infektion eine Postexpositionsprophylaxe angebracht. Folgende Gründe sprechen für eine Postexpositionsprophylaxe:

  • Eine Person wurde von einem Tier gebissen oder eine Wunde oder Schleimhaut wurde durch Speichel eines Tieres benetzt. Vorsicht: Bisse und Kratzer von Fledermäusen können so unauffällig sein, dass sie gar nicht immer bemerkt werden.
  • Bei dem Tier besteht der Verdacht auf eine Tollwut, weil es krank oder auffällig wirkt, oder das Tier stammt aus einer Region, in der Tollwut noch vorkommt.
  • Das Tier konnte nicht gefangen werden. Oder das Tier wurde gefangen und erkrankte während einer 10-tägigen Beobachtung. Oder bei dem Tier wurde das Lyssavirus nachgewiesen.

Im Zweifelsfall sollte eine Prophylaxe so schnell wie möglich begonnen werden. Wenn sich später zeigt, dass das entsprechende Tier nicht erkrankt war, kann sie problemlos abgebrochen werden. Es gilt mittlerweile als Kunstfehler, vor einer Postexpositionsprophylaxe abzuwarten, ob bei dem Tier Viren nachweisbar sind.

Wurde eine Postexpositionsprophylaxe zunächst versäumt, obwohl sie angebracht gewesen wäre, sollte sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt erfolgen.

Je nach Fall kann eine Postexpositionsprophylaxe auch für Angehörige erkrankter Menschen ratsam sein.

Welche Nebenwirkungen hat die Postexpositionsprophylaxe?

Die Nebenwirkungen dieser Behandlung sind häufig örtliche Reaktionen wie Schmerz, Rötung und Juckreiz. Daneben können Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten. Selten kommen allergische Reaktionen vor.

Im Falle des begründeten Verdachts auf eine Tollwut gibt es keine Gründe, nicht zu impfen – Schwangerschaft, Stillzeit, Grunderkrankungen oder das Alter sind keine Hinderungsgründe. Es gibt bei begründetem Verdacht also keine Kontraindikationen.

Die Tollwut im Altertum

Bevor die Menschen wussten, welche Ursache hinter der Tollwut steckt und wie sie sich verbreitet, war die Krankheit mit verschiedenen Mythen und Aberglauben belegt. Als geheimnisvolle und immer tödliche Krankheit schürte sie die Ängste und regte die Fantasie der Menschen an. Ein Zusammenhang mit Bissen von Hunden oder hundeartigen Tieren war schon früh bekannt und führte zur Entstehung von verschiedenen Legenden.

Bereits in der Antike taucht die Tollwut im Mythos um die Geschichte des Jünglings Aktaion auf: Er beobachtete auf der Jagd die Göttin Artemis beim Baden. Die Göttin verwandelte ihn zur Strafe in einen Hirsch. Als solcher wurde er von seinen eigenen Hunden, die mit der Tollwut geschlagen waren, zerfleischt.

Auch der Ursprung des Werwolfsglaubens liegt möglicherweise in der Tollwuterkrankung eines Menschen.

Eine andere Erklärung für die Hundetollwut boten die Einflüsse der Gestirne. Die Einwirkung des Hundegestirns Sirius wurde für das Auftreten der Hundetollwut verantwortlich gemacht. Daher kommt auch die Bezeichnung "Hundstage" für die Zeit des Frühaufgangs des Sirius im Hochsommer. In dieser Zeit wurden früher Hunde, die ja die Tollwut verbreiteten, gefoltert und geopfert.

Die Entwicklung des ersten Tollwutimpfstoffes durch Louis Pasteur

1885 gelang es dem Wissenschaftler Louis Pasteur, aus dem Rückenmark eines infizierten Kaninchens abgeschwächte Tollwutviren zu erzeugen. Mit diesem Impfstoff behandelte er am 6. Juli 1885 den 14-jährigen Joseph Meister, der kurz zuvor von einem tollwütigen Hund gebissen worden war, und rettete ihm damit das Leben.

Die Nachricht von dieser erfolgreichen Impfung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Dieser Impferfolg leistete nicht nur dem Schutz vor der Tollwut, sondern der Erforschung der gesamten Impfmedizin einen großen Vorschub und war der Anlass zur Gründung des Instituts Pasteur im Jahr 1887. Dieses Institut gehört bis heute zu den führenden Zentren für medizinische Grundlagenforschung.

Bemerkenswerte Fälle in der jüngeren Geschichte

Im Jahre 2004 erregte der Fall einer 15-jährigen Amerikanerin weltweites Aufsehen. Das Mädchen war einen Monat nach einem Fledermausbiss mit Symptomen der Tollwut in eine Klinik aufgenommen worden. Dort erfolgte eine experimentelle Therapie: Das Mädchen wurde in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt und erhielt antivirale Substanzen. Drei Monate später konnte das Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Aufgrund dieses Falles wurden später mehrere andere Betroffene nach dem gleichen Schema behandelt. Ein vergleichbarer Erfolg für eine nachgewiesene Tollwuterkrankung konnte aber nicht mehr erreicht werden. Es ist nicht geklärt, welche Faktoren in diesem einen Fall letztlich zum Behandlungserfolg beitrugen. Möglicherweise waren die krankmachenden Eigenschaften des Erregers (die Virulenz) weniger ausgeprägt als sonst.

Tollwut nach Organtransplantation

Aufsehen erregten auch mehrere Fälle von Tollwut, die durch eine Organtransplantation übertragen wurden. Das passierte im Jahr 2004 in den USA. Drei Patienten, denen Organe eines Spenders transplantiert worden waren, erkrankten und verstarben an der Tollwut. Im Nachhinein stellte die Seuchenüberwachungsbehörde (CDC)  fest, dass der Organspender sich durch eine Fledermaus mit dem Virus angesteckt hatte.

Nur ein Jahr später passierte ähnliches noch einmal in Deutschland. Sechs Patienten hatten Organe einer 26-jährigen Patientin erhalten, die nach zunächst erfolgreicher Wiederbelebung an einem Hirnschaden durch Sauerstoffmangel verstorben war. Drei Transplantatempfänger erkrankten und verstarben an Tollwut. Ein Patient hatte ein Organ erhalten, erkrankte jedoch nicht. Im Nachhinein stellten die Ärzte fest, dass er schon früher einmal gegen die Tollwut geimpft worden war. Die beiden Patienten, die die Hornhaut der Organspenderin erhalten hatten blieben ebenfalls gesund. In der Vorgeschichte der Spenderin fanden sich später Hinweise auf einen Aufenthalt in Indien, wo sie vermutlich von einem infizierten Hund gebissen worden war, was zu einer Tollwutenzephalitis geführt hatte.

Der Grund dafür, dass das überhaupt passieren kann liegt vor allem in der langen Inkubationszeit der Erkrankung, die unter Umständen über ein Jahr oder sogar mehrere Jahre dauern kann. Ein schneller und sicherer Ausschluss einer Infektion vor dem Auftreten der ersten Symptome ist schwierig.

Obwohl die Tollwut insgesamt vergleichsweise selten geworden ist wirft sie also immer wieder neue Fragen für verschiedene Bereiche in der Medizin auf.

Dr. Hinrich Sudeck ist Internist und Tropenmediziner. Nach seiner Ausbildung in Hamburg und Liverpool war er von 1990 bis 2006 am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg tätig. Von 2002 bis 2006 war er dort leitender Oberarzt. Von 2006 bis 2014 war er Oberarzt am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg und Leiter des Fachbereiches Tropenmedizin der Bundeswehr am Bernhard-Nocht-Institut. Dr. Sudeck war mehrere Jahre in Westafrika tätig. Er ist Weltgesundheitsorganisations-Experte für das Management von viralen hämorrhagischen Fiebern und war langjährig Schriftführer der deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und internationale Gesundheit (DTG). Dr. Sudeck ist spezialisiert auf seltene und importierte Krankheiten. Ende 2014 war er fünf Wochen in Liberia im Rahmen der Ebolabekämpfung. Inzwischen ist er freiberuflich im Bereich Tropenmedizin tätig.

Quellen:
Harrisons Principles of internal Medicine 2012, S. 1611 – 1616
T. Löscher, G.-D. Burchard, Tropenmedizin in Klinik und Praxi, Thieme-Verlag 2010
Winkle, S.: Kulturgeschichte der Seuchen, S. 916, Artemis & Winkler 1997
CDC: Recovery of a Patient from rabies --- Wisconsin 2004. http://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm5350a1.html, Abruf am 03.08.2012
Tollwut nach Organspende
http://www.thieme.de/viamedici/aktuelles/news/tollwut.html, Abruf am 03.08.2012
Der Tollwutimpfstoff
http://www.musee-pasteur.com/index.php?id=332&L=2, Zugriff am 03.08.2012
Robert Koch-Institut, Ratgeber Tollwut: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Tollwut.html, Abruf am 05.06.2018

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.