Kieferzyste

Kieferzysten sind mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume, die im Kiefer auftreten. Sie rufen oft lange Zeit keine Symptome hervor. Findet der Zahnarzt eine Zyste, muss er sie per Operation entfernen

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aktualisiert am 14.06.2016

Was ist eine Kieferzyste?

Bei einer Kieferzyste handelt es sich um einen meist rundlichen Hohlraum, der sich im Kiefer bildet und mit Flüssigkeit oder breiigem Inhalt gefüllt ist. Es gibt verschiedene Arten von Kieferzysten. Am häufigsten kommt die sogenannte Zahnwurzelzyste vor (auch radikuläre Zyste genannt), die entzündlich bedingt ist und normalerweise von einem toten Zahn ausgeht. Seltener finden Zahnärzte eine follikuläre Zyste, die durch eine Störung während der Zahnentwicklung entsteht.

Kieferzysten wachsen sehr langsam und rufen lange Zeit keine Symptome hervor. Erst wenn die Gebilde den Kiefer auftreiben oder auf Nerven drücken, können sich unter anderem dumpfe Schmerzen oder ein Druckgefühl im betroffenen Bereich einstellen.

Der Zahnarzt entdeckt eine Kieferzyste häufig zufällig, wenn er den Kiefer röntgt. Steht die Diagnose fest, muss die Zyste entfernt werden. Denn sie vergrößert sich zunehmend und kann gesundes Gewebe verdrängen oder auf das Gebiss drücken.

Zysten werden üblicherweise durch ein spezielles Operationsverfahren behandelt: die sogenannte Zystektomie. Dabei eröffnet der Kieferchirurg den Knochen und entnimmt  das Gebilde vollständig. Wenn möglich verschont der Arzt die Zähne und kappt – bei einer Zahnwurzelzyste – nur die Wurzel des Zahns.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Zahnärzte kennen verschiedene Arten von Kieferzysten:  Ist der Ausgangspunkt ein Zahn, sprechen Mediziner von einer odontogenen Zyste. Tritt diese im Kieferbereich auf, hat sich jedoch aus anderen Geweben gebildet, dann handelt es sich um eine nicht-odontogene Zyste.

Zahnwurzelzyste und follikuläre Zyste

Odontogene Zysten können entzündlich bedingt sein oder entstehen, wenn sich ein Zahn nicht richtig entwickelt beziehungsweise dabei Probleme auftreten. Am häufigsten kommt die sogenannte radikuläre Zyste vor – auch Zahnwurzelzyste genannt. Auslöser hierfür ist meistens eine Entzündung an einer Zahnwurzelspitze, in deren Folge der Zahn beziehungsweise das im Zahn befindliche Gewebe (Pulpa oder umgangssprachlich der "Nerv") abgestorben ist. Die Zystenart betrifft Männer öfter als Frauen (dies trifft auf die anderen Arten ebenfalls zu) und macht sich meist im jungen bis mittleren Lebensalter bemerkbar.

Zahnwurzelzysten finden sich eher im Oberkiefer, während sich follikuläre Zysten bevorzugt im Unterkiefer bilden. Letztere gehören zu den entwicklungsbedingten odontogenen Zysten und stellen unter ihnen die häufigste Form dar. Follikuläre Kieferzysten betreffen in vielen Fällen die unteren Weisheitszähne, wenn sie noch nicht in die Mundhöhle durchgebrochen sind beziehungsweise in der Durchbruchszeit. Während sich der Zahn entwickelt, kann es zu Störungen kommen. Diese Zysten kommen gehäuft im zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt vor.

Keratozyste

Seltener ist eine sogenannte Keratozyste, die seit einigen Jahren "keratozystischer odontogener Tumor" heißt. Es handelt sich um einen gutartigen Tumor, der allerdings schnell wächst und gesundes Gewebe verdrängt. Die Geschwulst ähnelt vom Äußeren her einer Zyste – daher die alte Bezeichnung. In seltenen Fällen kann sich aus einer Keratozyste ein bösartiger Tumor entwickeln. Durch welche Mechanismen die Geschwulst genau entsteht, ist noch nicht geklärt. Es kommt aber wohl während der frühen Zahnentwicklung zu Problemen  – anstelle eines Zahns bildet sich im Kieferknochen ein Hohlraum. Auch an zurückgebliebenen Zähnen, die nicht in die Mundhöhle durchgebrochen sind, kann eine Keratozyste auftreten. Sie betrifft eher den Unter- als den Oberkiefer.

Nicht-odontogene Zysten kommen meist durch eine Störung während der Kiefer- und Schädelentwicklung zustande. Aus zurückgebliebenen Geweberesten können sich zum Beispiel Zysten in der Mitte des Gaumens (Ductus nasopalatinus Zyste) oder in der Nähe der Nase (nasolabiale Zyste) bilden.

Eine Kieferzyste bemerkt der Betroffene meist nicht, da sie nur selten Symptome auslöst. Liegt eine radikuläre Zyste (siehe Kapitel Ursachen und Risikofaktoren) vor, wächst sie häufig unter einem abgestorbenen Zahn, dessen Pulpa (der "Nerv")  vorher entzündet war und abgestorben ist. Über die Wurzelspitze kann die Entzündung auf den umgebenden Knochen übergreifen. Dort empfindet der Patient in der Regel zunächst keine Schmerzen. Auch follikuläre Zysten bereiten im Normalfall keine Beschwerden.

Zysten sind von einer Art Haut ausgekleidet, dem Zystenbalg. Mit der Zeit vergrößern sie sich zunehmend, da sich in ihnen immer mehr Flüssigkeit ansammelt, die nicht entweichen kann. Sind sie so groß, dass sie auf die Nerven benachbarter Zähne drücken, kann dies zu dumpfen Schmerzen oder zu einem Druckgefühl im Kiefer führen.

Ab einer gewissen Größe werden zudem Schwellungen sichtbar – zum Beispiel in der Mundhöhle oder an den Wangen. Auch Veränderungen von Zahnstellungen sind möglich. Kommt es zu einer bakteriellen Infektion der Zyste, stellt sich eine akute Entzündung ein. Dies führt zu heftigen Schmerzen, die Stelle schwillt unter Umständen in kurzer Zeit stark an und kann pochen. In diesem Zusammenhang kann sich auch ein Abszess (eine Eiteransammlung unter der Schleimhaut) bilden.

Kieferzysten entdeckt der Zahnarzt häufig durch Zufall. Denn sie bereiten für lange Zeit keine Beschwerden und lassen sich von außen erst erkennen, wenn sie eine bestimmte Größe überschritten haben. Typischerweise fallen Kieferzysten im Röntgenbild auf, das der Zahnarzt zum Beispiel wegen eines kariösen Zahns angefertigt hat.

Durch eine Sensibilitätsprüfung kann der Mediziner feststellen, ob der betreffende Zahn bereits abgestorben ist. Dazu lässt der Arzt für kurze Zeit Kälte oder Strom auf den Zahn einwirken. Spürt der Betroffene weder den Kältereiz noch Schmerz, ist die Pulpa (der "Nerv") des Zahns wahrscheinlich abgestorben. Genau unter solchen Zähnen entwickeln sich häufig Zahnwurzelzysten (siehe Kapitel Ursachen und Risikofaktoren). Wird ein Zahn zunehmend klopfempfindlich, deutet dies auf eine akute Entzündung an der Wurzelspitze hin.

Manchmal nimmt der Zahnarzt weitere Untersuchungen vor, wenn er zum Beispiel Lage und Größe einer Zyste genauer unter die Lupe nehmen möchte.

Obwohl eine Kieferzyste normalerweise keine Beschwerden bereitet, muss der Zahnarzt beziehungsweise Kieferchirurg sie behandeln. Denn die Zysten vergrößern sich zunehmend und können gesundes Gewebe verdrängen oder Zahnfehlstellungen verursachen.

Der Arzt entfernt die Kieferzyste üblicherweise durch eine Zystektomie. Er eröffnet dazu den Knochen und nimmt die Zyste vollständig heraus. Kleinere Hohlräume verknöchern von allein. Entstehen nach der Operation größere Hohlräume, füllt der Zahnchirurg sie mit speziellen Materialien (Knochenersatzmaterialien) auf, damit sich der Knochen wieder nachbildet. Die Operation findet meist ambulant und unter örtlicher Betäubung statt.

Während des Eingriffs behandelt der Chirurg – wenn nötig – auch den Zahn, der Auslöser der Zyste ist. Handelt es sich um eine radikuläre Zyste, kappt der Arzt im Normalfall die Wurzelspitze(n) des betreffenden Zahns. Vorausgesetzt, dessen Wurzelkanäle sind bakteriendicht verschlossen. Nur im Ausnahmefall muss der Spezialist den Zahn ziehen. Liegt dagegen eine follikuläre Zyste vor, muss der ursächliche Zahn üblicherweise entfernt werden.

Der Zahnarzt lässt das entnommene Zystengewebe im Labor untersuchen. Denn in sehr seltenen Fällen kann statt einer Zyste ein Tumor vorliegen. Dies ist besonders bei Keratozysten von Bedeutung. Diese lassen sich nur schwer vollständig entfernen und weisen eine hohe Rückfallrate auf. Experten gehen davon aus, dass sich 30 bis 60 Prozent aller behandelten Keratozysten erneut bilden.

Dr. Joachim Hüttmann arbeitet seit 1986 als niedergelassener Zahnarzt in Bad Segeberg. Nach einer Zahntechnikerlehre und dem Studium der Zahnmedizin promovierte er in dem Thema Parodontologie. Dr. Hüttmann ist Landesvorsitzender des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte und Chefredakteur der Verbandszeitschrift DFZ.

Quellen:

Boenninghaus, Lenarz: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Springer, 11. Auflage

Leitlinie "Keratozystischer odontogener Tumor (KZOT)" der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie

Fachartikel über "Entwicklungsbedingte odontogene Zysten", 2011, Quintessenz Verlag

Skript "Kieferzysten – Differentialdiagnosen und Therapie" der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Unversität Graz

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.