Fibromyalgie-Syndrom: Was ist das?

Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, Schlafstörungen, Erschöpfung: Solche Symptome können auf eine Fibromyalgie hinweisen. Was Sie darüber wissen sollten

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von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 04.01.2021

Fibromyalgie – kurz erklärt

  • Das Fibromyalgiesyndrom ist ein chronisches Schmerzsyndrom.
  • Es treten andauernde Schmerzen in verschiedenen Körperregionen auf, begleitet von weiteren Symptomen wie Erschöpfung und Schlafstörungen.
  • Es dauert oft lange, bis die richtige Diagnose gestellt wird, da es derzeit keine spezifischen Nachweisverfahren gibt, zum Beispiel einen Bluttest.
  • Die Therapie richtet sich nach der Schwere der Erkrankung und besteht aus verschiedenen Bausteinen.

Was ist das Fibromyalgiesyndrom?

Das Fibromyalgiesyndrom, kurz: FMS, ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das die Lebensqualität deutlich einschränken kann. Es ist charakterisiert durch einen großflächig auftretenden und anhaltenden Schmerz in verschiedenen Körperregionen, häufig an Brust, Rücken sowie Armen und Beinen. Neben dem Schmerz bestehen weitere Beschwerden, unter anderem Schlafprobleme und Erschöpfung.

Fibromyalgie als Wort beschreibt "Faser-Muskel-Schmerz". Ärzte und Ärztinnen sprechen von einem Syndrom, weil ein typischer Komplex verschiedener Symptome vorhanden ist, der sich nicht durch einen bestimmten Auslöser erklären lässt.

Wissenschaftler sind sich uneins darüber, welche Ursachen dahinter stecken und was das Syndrom begünstigt. Es ist keine psychische Krankheit, es handelt sich nicht um Weichteilrheuma oder eine andere entzündlich-rheumatische Erkrankung. Es liegen nach derzeitigem Wissen auch keine Störungen in den Muskeln oder Gelenken zugrunde. FMS geht häufig mit einer Depression oder Angststörung einher, die sich vermutlich als Folge der oft jahrelangen Leidensgeschichten und Arztodysseen entwickelt. Auch andere Erkrankungen treten gehäuft im Zusammenhang mit FMS auf.

Deutlich mehr Frauen erkranken an FMS als Männer, meistens zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. In Deutschland sind circa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen. Auch bei Kindern und Jugendlichen kann das Fibromyalgiesyndrom auftreten.

Welche Ursachen könnten das Fibromyalgiesyndrom auslösen?

Die deutsche Ärzteleitlinie stuft die Fibromyalgie als "funktionelles somatisches Syndrom" ein. Das bedeutet: Es liegt ein typischer Komplex körperlicher Symptome vor (Syndrom), der über einen bestimmten Zeitraum anhält und sich nicht durch eine (nachweisbare) körperliche Ursache (somatisch) erklären lässt.

Welcher Krankheitsmechanismus dahinterstecken könnte, ist unklar. Es gibt derzeit verschiedene Erklärungsansätze:

Gestörte Schmerzverarbeitung im Zentralnervensystem

Akute Schmerzen entstehen, wenn wir beispielsweise an die heiße Herdplatte fassen oder beim Sport stürzen. Dann senden Nervenfasern aus der betroffenen Region – zum Beispiel der Hand oder dem Knie – elektrische Signale über das Rückenmark bis ins zentrale Nervensystem (ZNS). Dort werden die Signale verarbeitet und Schmerz wird wahrgenommen. Das alles geschieht rasend schnell und ebbt auch wieder ab. Chronische Schmerzen treten unter anderem dann auf, wenn die Nervenfasern aus der Peripherie ständig Signale ans ZNS senden. Es "merkt sich" quasi die Reize, wird sensibilisiert und reagiert mit der Zeit immer früher auf die eintreffenden Reize. Es entsteht eine sogenannte zentrale Sensibilisierung.

Einige Forscher vermuten, dass dies auch beim Fibromyalgiesyndrom passieren könnte. Andauernde Schmerzsignale könnten dazu führen, dass das zentrale Nervensystem überaktiv wird und unter anderem Schmerzen nicht normal verarbeitet. Es könnte mit einem gesteigerten Schmerzempfinden reagieren. Betroffene nehmen beispielsweise äußere Einflüsse als schmerzhaft wahr, die normalerweise nicht wehtun sollten, etwa eine Massage. Ärzte sprechen hierbei von Allodynie.

An der Schmerzverarbeitung sind zahlreiche Botenstoffe beteiligt. Zu diesen sogenannten Neurotransmittern gehören zum Beispiel Serotonin, Glutamat und Dopamin. Bei Untergruppen von Fibromyalgie-Patienten und –Patientinnen können die Konzentrationen dieser Botenstoffe verändert sein, worauf manche Studien hinweisen.

Fehlfunktion des autonomen Nervensystems

Das autonome Nervensystem (unwillkürliche Funktionen) ist der eine Teil unseres gesamten Nervensystems, der andere ist das somatische Nervensystem (willkürliche, also steuerbare Funktionen). Beide sind wiederum Teil des zentralen und des peripheren Nervensystems. Das ZNS wird von Gehirn und Rückenmark gebildet, das periphere Nervensystem durchzieht die verschiedenen Organe und Körperregionen. Das autonome Nervensystem besteht aus dem Sympathikus ("Flucht oder Angriff") und dem Parasympathikus ("Ruhe und Verdauung"). Einige Studien weisen daraufhin, dass bei Untergruppen von Patientinnen und Patienten mit einem Fibromyalgiesyndrom auch eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems (Dysautonomie) zugrunde liegen könnte. Bei einigen Patientinnen ist der Sympathikus zu aktiv, bei anderen Patienten der Parasympathikus. Da das autonome Nervensystem zahlreiche Körperfunktionen steuert, könnte dies die oft vielfältigen Beschwerden der Betroffenen erklären.

Störungen im Bereich des peripheren Nervensystems

Zum peripheren Nervensystem gehören große und kleine Nervenfasern, die den Körper durchziehen und Signale ans ZNS weiterleiten. Neuere Studien legen nahe, dass auch eine Störung im Bereich von kleinen Nervenfasern, vor allem der sogenannten Small Fibers, bei einem Teil der Betroffenen zu FMS-Schmerzen beitragen könnte. Die Small Fibers enden in der Haut und sind dort unter anderem für die Schmerzwahrnehmung, das Temperaturempfinden, Juckreiz und das Wahrnehmen von angenehmer Berührung zuständig. Eine Übersichtsarbeit ergab, dass sich bei im Schnitt 49 Prozent der untersuchten FMS-Patienten Auffälligkeiten im Bereich der Small Fibers fanden. Es ist aber noch nicht klar, wie es bei den Patienten zu einer Beeinträchtigung dieser Nervenfasern kommt und wie diese Schädigung eventuell zum Schmerz beitragen kann.

Da Nervensystem, Immunsystem, Hormonsystem und Psyche eng miteinander verknüpft sind und zahlreiche Körperfunktionen beeinflussen, wirkt sich das Fibromyalgiesyndrom auf vielfältige Weise aus.

Welche Faktoren können ein FMS begünstigen?

  • Genetische Veranlagung: Manche Menschen mit FMS bauen wohl den Gehirnbotenstoff Serotonin zu schnell ab. Das könnte dazu beitragen, Schmerzen früher als solche wahrzunehmen und die Schmerzverarbeitung zu beeinträchtigen.
  • Ob bestimmte Infektionen ein FMS begünstigen ist umstritten, wird aber immer wieder von Patienten und Patientinnen als potenzieller Auslöser genannt.
  • Häufig wird auch ein Mangel an Vitamin D als Einflussfaktor diskutiert. Es haben jedoch sehr viele Menschen niedrige Vitamin D-Spiegel, sodass dieser Faktor sehr unspezifisch ist.
  • Ein Übermaß an negativ empfundenem psychischen und/oder körperlichen Stress gilt als häufiger Risikofaktor des Fibromyalgiesyndroms.
  • Menschen mit bestimmten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen scheinen öfter an Fibromyalgie zu erkranken, weshalb manche Ärzte und Ärztinnen psychische Faktoren als Auslöser ansehen. So trifft es wohl typischerweise Menschen, die unter anderem sehr pflichtbewusst sind, anderen helfen, selbstkritisch sind und Emotionen unterdrücken.
  • Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel
  • Seelische oder körperliche Traumata, etwa sexueller Missbrauch oder ein Unfall

Aufgrund der möglichen Einflussfaktoren versuchen einige Wissenschafter, das Fibromyalgiesyndrom mit dem sogenannten biopsychosozialen Modell zu erklären: Bestimmte körperliche und psychische Faktoren lösen die Krankheit bei einer entsprechenden Veranlagung aus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich um eine psychische Krankheit handelt, nur, dass mehrere ungünstige Lebensumstände zusammenkommen und den Körper aus dem Lot bringen.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Die deutsche Ärzteleitlinie zum Fibromyalgiesyndrom nennt folgende Beschwerden als Kernsymptome:

  • Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen
  • Körperliche und geistige Erschöpfung (Fatigue)

Die Beschwerden bestehen seit mindestens drei Monaten. Es können zahlreiche weitere Symptome auftreten.

Der Schmerz tritt häufig an beiden Armen und Beinen, am Brustkorb, im Bauch, am oberen und unteren Rücken, an Wirbelsäule und Nacken, sowie seltener auch am Kopf auf. Patientinnen und Patienten beschreiben den Schmerz typischerweise als tiefsitzend, wandernd, drückend, stechend, brennend, ähnlich wie bei Muskelkater oder Gliderschmerzen, die man während einer Erkältung hat. Der Schmerz kann die Muskeln betreffen, die Gelenke und die Sehnen. Die Körperstellen reagieren zum Teil sehr empfindlich auf Druck. Muskeln und Gelenke fühlen sich oft steif an. Neben dem "Muskelschmerz" berichten Betroffene auch von einem "Nervenschmerz", einem Kribbeln, Brennen, Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl. Kopfschmerzen können ebenfalls auftreten und bohrend, stechend, drückend sein.

Die Schmerzen (ebenso wie die anderen Symptome) sind mal schwächer und mal stärker, dies kann sich von Tag zu Tag ändern, aber auch innerhalb eines Tages. Manche haben längere beschwerdefreie Phasen und dann wieder schlechte Phasen.

Viele Menschen mit FMS schlafen schlecht, wachen nachts auf, schlafen schlecht wieder ein. Auch nach viel Schlaf fühlen sich oft nicht erholt. Gleichzeitig stellt sich eine ausgeprägte Erschöpfung ein, die Ärzte als Fatigue bezeichnen, und die man nicht mit normaler Müdigkeit gleichsetzen kann. Die Fatigue ist viel ausgeprägter, lähmt und schränkt Betroffene im Alltag teilweise stark ein. Sie ist körperlich und geistig.

Weitere Beschwerden:

  • Kognitive Probleme ("Brainfog" oder "Fibrofog"): Wer das Fibromyalgiesyndrom hat, berichtet häufig von Konzentrationsproblemen, ist vergesslich, hat Wortfindungsstörungen
  • Verminderte Belastbarkeit: Körperliche und geistige Tätigkeiten strengen mehr an als vor der Krankheit, man braucht längere Erholungsphasen, ist nicht mehr so leistungsfähig
  • Betroffene reagieren auf Hitze, Kälte, Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen empfindlich
  • Probleme bei aufrechter Körperhaltung, wie Benommenheit, Herzklopfen, Herzrasen, Schwindel, Schwächegefühl
  • Wassereinlagerungen (Ödeme) im Gewebe

Studien zufolge treten bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen parallel psychische Beschwerden auf, wie eine Depression oder Angststörung.

Das FMS beginnt oft schleichend und verschlimmert sich im Laufe der Jahre. Es kann unterschiedlich schwer verlaufen. Phasen mit starken Beschwerden wechseln häufig mit solchen, in denen weniger oder praktisch keine Symptome auftreten. Bestimmte Faktoren können die Symptome schüren. Dazu gehören Stress, Wetterwechsel und kalte Jahreszeit.

Diagnose: Wie kann man ein Fibromyalgiesyndrom feststellen?

Die Beschwerden, die bei einem FMS vorkommen, sind nicht spezifisch für diese Krankheit. Zahlreiche Ursachen können ähnliche Symptome auslösen.

Der Arzt oder die Ärztin geht mit der Patientin oder dem Patienten die Krankheitszeichen durch und fragt detailliert nach der Art der Schmerzen, wo sie auftreten, wie häufig sie sind. Dann findet normalerweise eine körperliche Untersuchung statt und es wird Blut abgenommen.

Dies dient in erster Linie dazu, mögliche andere Krankheiten auszuschließen. Dazu zählen unter anderem:

  • Virusinfektionen oder bakterielle Infektionen
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Muskelerkrankungen, zum Beispiel Myopathien
  • Psychische Störungen
  • Chronisch-entzündliche Darmkrankheiten

Um abzuklären, ob eventuell eine der genannten Krankheiten vorliegt kann es nötig sein, einen Facharzt aufzusuchen, zum Beispiel einen Rheumatologen, Neurologen oder Gastroenterologen. Dieser kann bei Verdacht weitere Untersuchungen vornehmen.

Lässt sich keine andere Ursache finden, kann eine erfahrene Ärztin anhand des typischen Beschwerdekomplexes die Verdachtsdiagnose Fibromyalgiesyndrom stellen. Es gibt derzeit verschiedene Diagnosekriterien. Die vom American College of Rheumatology (ARC) 1990 aufgestellten Kriterien gelten heute als überholt. Hierbei war eine bestimmte Anzahl von schmerzempfindlichen Orten am Körper, die sogenannten Tender Points, nötig, um die Diagnose zu stellen.

Laut den ACR-Kriterien von 2016 lässt sich ein FMS vermuten, wenn...

...großflächige Schmerzen und weitere typische Symptome einer bestimmten Intensität vorliegen...
... die Symptome seit mindestens drei Monaten bestehen...
... der Schmerz (beim Abtasten) in mindestens vier von fünf Körperregionen in der oberen und unteren Körperhälfte auftritt. Schmerzen in Kiefer, Brustkorb und Bauch gehören nicht zu dieser Definition.

Parallel zum Fibromyalgiesyndrom kommt es häufig zu weiteren Krankheiten, die zu zusätzlichen Diagnosen führen können:

  • Reizdarm, Reizblase, Reizmagen
  • Kiefergelenkserkrankungen
  • Depression, Angststörung, Posttraumatisches Belastungssyndrom
  • Entzündliches Gelenkrheuma
  • Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS)

Besonders beim Chronischen Fatigue Syndrom vermuten manche Forscher und Forscherinnen, dass es sich um die gleiche Krankheit handelt wie beim Fibromyalgiesyndrom, nur in unterschiedlicher Ausprägung. Die Symptome der beiden Syndrome überlappen sich stark, weshalb eine Unterscheidung schwierig ist. Als charakteristischstes Symptom von ME/CFS gilt die Zustandsverschlechterung nach einem Zuviel an körperlicher, geistiger und emotionaler Aktivität, was für die Fibromyalgie bislang kaum beschrieben wurde. Es könnte sich also auch um verschiedene Krankheitsbilder mit ähnlichen Ursachen handeln.

Tritt das FMS parallel zu Gelenkrheuma auf, kann es sich um eine sogenannte sekundäre Fibromyalgie handeln.

Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die die Beschwerden eines FMS verbessern können. Welche zum Einsatz kommen, entscheiden Ärztin und Patientin in Abhängigkeit von der Schwere des FMS, Begleiterkrankungen sowie individuellen Gegebenheiten gemeinsam.

Wichtig: Die Krankenkassen zahlen nicht für alle infrage kommenden Therapieverfahren. Deshalb vorab klären, ob die Kosten übernommen werden oder ob zumindest ein Zuschuss möglich ist.

Liegt eine leichtere Form des Fibromyalgiesyndroms vor, besteht der erste Therapieansatz meist darin, wieder mehr körperlich aktiv zu werden, soziale Kontakte zu pflegen und Hobbies nachzugehen. Das soll die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen verbessern, die durch die chronischen Schmerzen und oft zahlreichen weiteren Symptome stark eingeschränkt ist.

Multimodale Therapie: Körperlich und geistig

Wer eine schwerere Form des FMS hat, für den kommt eine sogenannte multimodale Therapie infrage. Sie besteht üblicherweise aus einem körperlich aktivierenden Teil und einem psychotherapeutischen Verfahren. Medikamente nehmen Betroffene teilweise auch ein, aber dies sollte zeitlich begrenzt sein. Ziel der verschiedenen Therapien ist, die Krankheitsmechanismen besser zu verstehen, die eigenen Belastungsgrenzen kennenzulernen und zu akzeptieren, um so besser mit dem FMS umgehen zu können.

Multimodale Therapien bieten zum Beispiel Schmerzkliniken, psychosomatische Kliniken und Reha-Kliniken mit Schwerpunkt Psychosomatik an, dort gibt es in der Regel auch Abteilungen mit dem Schwerpunkt chronischer Schmerz. Der Aufenthalt in einer solchen Einrichtung kann ambulant oder stationär erfolgen.

Körperliches Training: Ausdauer und Gymnastik kombinieren

Viele Ärzte empfehlen ein leichtes Ausdauertraining, um Herz und Kreislauf anzuregen, die Muskeln zu stärken und zu lockern. Außerdem tut körperliche Aktivität der Seele gut und lenkt ab.

Was möglich ist hängt davon ab, wie sehr der Patient oder die Patientin eingeschränkt ist. Es kann Nordic Walking sein, ein Spaziergang, Radfahren, Fahren auf dem Ergometer oder Aquajogging. Idealerweise trainiert man zwei bis dreimal die Woche für circa 30 Minuten. Das Pensum kann und darf aber auch deutlich darunter liegen, wenn im Moment nicht mehr machbar ist. Um sich nicht zu überlasten, kann ein Pulsmessgerät oder Fitnesstracker sinnvoll sein.

Neben Ausdauertraining empfiehlt sich normalerweise "Gymnastik". Ob das Yoga, Tai-Chi, Qigong, Wassergymnastik, Krafttraining oder Stretching ist, hängt von den individuellen Möglichkeiten und Vorlieben ab. Unter Funktionstraining versteht man in diesem Zusammenhang eine Kombination aus Gymnastik in Wasser und im Trockenen unter Anleitung eines Physiotherapeuten. Es dient dazu, Verspannungen zu lösen und Fehlhaltungen zu lindern. Im Idealfall machen Betroffene zwei- bis dreimal die Woche Gymnastik, um ihre Beweglichkeit und Kraft zu verbessern. Außerdem lindert das Training häufig die Schmerzen.

Psychotherapeutische Verfahren

Patienten-Schulung

Patientenschulungen sollen Wissen über die Krankheit vermitteln, über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten aufklären und aufzeigen, wie man zum Beispiel besser mit Stress sowie alltäglichen Belastungen umgeht. Sie stehen oft am Beginn der Therapie und finden bei niedergelassenen Ärzten und Psychologen statt, aber auch in psychosomatischen Kliniken, Reha-Kliniken und bei Selbsthilfeverbänden.

Kognitive Verhaltenstherapie

Vielen Fibromyalgie-Patienten hilft eine sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, bei der sie lernen, mit ihrer Krankheit und mit Stress besser umzugehen, ungünstiges Verhalten zu erkennen und zu ändern (zum Beispiel die eigenen Grenzen besser wahrzunehmen und für regelmäßige Erholung zu sorgen). Studien zeigen auch, dass die Teilnahme an Schmerzbewältigungsgruppen kurz- und langfristig erfolgreich ist.

Entspannungstechniken

Entspannungsübungen wie geleitete Imagination, hypnotherapeutische Entspannung, Autogenes Training, Meditieren oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson helfen vielen Patienten, mit Stress besser umzugehen. Die Betroffenen können die Methoden in Kursen lernen und später selbst anwenden.

Ergotherapie

Auch eine Ergotherapie kann im Rahmen der multimodalen Therapie helfen. Sie zielt darauf ab, Einschränkungen durch die Krankheit zu lindern, die Lebensqualität zu steigern und es den Menschen zu ermöglichen, wieder arbeiten zu gehen und an sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Ergotherapie setzt sich unter anderem aus Schulungen, Bewegungsübungen, Fatigue-Management und Wärmeanwendungen zusammen.

Medikamente

Wie sinnvoll es ist, Medikamente einzusetzen, müssen Arzt und Patient gemeinsam entscheiden. Es gibt derzeit keine Arzneien in Deutschland, die speziell für die Behandlung des Fibromyalgiesyndroms zugelassen sind. Studien zeigen außerdem, dass die verwendeten Mittel langfristig nicht besser helfen als eine Kombination aus Bewegung und Verhaltenstherapie.

Niedrig dosierte Antidepressiva

Antidepressiva in niedriger Dosierung werden in erster Linie eingesetzt, um die Schmerzen zu lindern sowie Erschöpfung, Schlaf und Lebensqualität zu verbessern. Vor allem wird das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin angewendet. Wenn parallel zum FMS eine Depression oder Angststörung besteht, kommen auch die Wirkstoffe Duloxetin, Fluoxetin oder Pregabalin infrage.

Alle Antidepressiva sollten Patienten und Patientinnen nur zeitlich begrenzt einnehmen (6 Monate). Es ist außerdem wichtig, sich vorher über Nutzen und Risiken aufklären zu lassen.

Es gibt eine Reihe von anderen Medikamenten, die Betroffene unter Umständen austesten. Sie werden allerdings nicht von der deutschen Ärzteleitlinie empfohlen. Dazu gehören zum Beispiel Schmerzmittel wie Ibuprofen, Cannabispräparate, muskelentspannende Wirkstoffe, antiviral wirkende Mittel und Naltrexon.

Was kann noch helfen?

Wärme und Kälte: Wärmeanwendungen, zum Beispiel in warmem Wasser oder der Sauna, können Verspannungen lindern, die Durchblutung fördern und Schmerzen nehmen. Manchen Menschen mit FMS hilft auch Kälte gegen die Schmerzen.

TENS: Zwar empfiehlt die Ärzteleitlinie die Transkutane Elektromuskelstimulation nicht, dennoch berichten Betroffene immer wieder, dass die Reizstrombehandlung vorübergehend gegen die Schmerzen hilft. Am besten besprechen Sie dies mit dem Arzt oder einer Physiotherapeutin.

Ruhige Bewegungstherapien: Bewegungsformen wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga können dazu beitragen, die Beweglichkeit zu verbessern und Verspannungen zu lösen.

Auch Akupunktur und ein Vibrationstraining auf einer vibrierenden Platte sind möglicherweise hilfreich. Besprechen Sie dies mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Ernährung: Es gibt keine offiziellen Empfehlungen oder eine spezielle Diät, die gegen das Fibromyalgiesyndrom hilft. Aber einige Betroffene profitieren zum Beispiel, wenn sie auf Gluten oder andere Lebensmittelinhaltsstoffe verzichten, wenn sie Heilfasten machen oder Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Auch dies sollten Sie vorab mit Ihrem Arzt abklären.

Thema Schwerbehinderung

Menschen mit FMS sind zum Teil derart in ihrem täglichen Leben eingeschränkt, dass sie nicht mehr arbeiten können und einen Antrag auf Schwerbehinderung und/oder eine (Teil-)Erwerbsminderungsrente stellen müssen. Dieser Prozess ist oft langwierig, weil sich viele Ärzte und Behörden nicht ausreichend mit der Krankheit auskennen und die Auswirkungen unterschätzen.

Beratende Expertin

Professorin Dr. med. Nurcan Üçeyler arbeitet als Oberärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg, wo sie eine Heisenberg-Professorin für Translationale Somatosensorik inne hat. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Fibromyalgie und andere Schmerzsyndrome, Neuropathien (vor allem Small-Fiber-Neuropathien) und neuromuskuläre Erkrankungen.

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