Epilepsie

Was ist Epilepsie? Welche Ursachen hat sie? Wie zeigt sich ein epileptischer Anfall und wie leistet man richtig Erste Hilfe? Informationen zu Symptomen und Behandlung der Epilepsie

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aktualisiert am 28.05.2014

Was ist eine Epilepsie?

Der Begriff Epilepsie (Krampfleiden, Fallsucht) beschreibt eigentlich keine einzelne Krankheit, sondern die Folge einer Vielzahl von Hirnerkrankungen. Gemeinsames Merkmal ist eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen.

Epileptische Anfälle können ganz unterschiedlich aussehen: Manche dauern nur wenige Sekunden, bleiben fast unbemerkt. Sie äußern sich zum Beispiel als leichtes Muskelzucken, Kribbeln oder kleine Bewusstseinspause (Absence, früher Petit Mal genannt). Andere halten über ein bis zwei Minuten an, gehen mit einem Bewusstseinsverlust, heftigen Krämpfen und unkontrollierbaren Zuckungen einher (großer Krampfanfall, früher als Grand Mal bezeichnet). Wie sich Anfälle zeigen können, erfahren Sie im Kapitel Symptome.

Wie entsteht ein epileptischer Anfall?

Hinter dem Anfallsgeschehen steckt eine vorübergehende anfallsartige Funktionsstörung von Nervenzellen im Gehirn. Nervenzellgruppen der Hirnrinde senden plötzlich gleichzeitig und hochsynchron Signale, zwingen anderen Nervenzellen ihren Rhythmus auf. Das kann unterschiedliche Folgen haben – je nachdem,  wo die Nervenzellen im Gehirn liegen, wie viele Nervenzellen an diesem Geschehen beteiligt sind und welche Körperfunktionen diese Zellen steuern. In einem Fall zuckt in der Folge zum Beispiel nur eine Hand. Im anderen verkrampfen sich nahezu alle Muskeln gleichzeitig.

Erster Krampfanfall  – gleichbedeutend mit Epilepsie?

Kommt zu einem Anfall, beweist das allein noch keine Epilepsie. Jedes Gehirn – nicht nur das menschliche, auch das von Tieren wie beispielsweise Hunden – kann unter bestimmten Umständen einen epileptischen Anfall entwickeln. Solche Umstände sind unter anderem Schlafmangel, Alkoholentzug, Stoffwechselstörungen, bestimmte Krankheiten in der Schwangerschaft (Eklampsie), Vergiftungen oder unerwünschte Wirkungen von Medikamenten. Hohes Fieber führt vor allem bei Kindern leicht zu Fieberkrämpfen. Solche Anfälle bezeichnen Ärzte als Gelegenheitsanfälle oder Gelegenheitskrampf. "Gelegenheit" bedeutet hier nicht "gelegentlich", sondern dass eine "Gelegenheit" – also ein akuter Vorfall – der Auslöser ist. Gelegenheitsanfälle sind noch kein eindeutiges Zeichen für eine Epilepsie, selbst wenn sie wiederholt vorkommen sollten.

Wie wird die Diagnose Epilepsie gestellt?

Kam es erstmals zu einem epileptischen Anfall, wird der Arzt den Patienten genau untersuchen, üblicherweise auch die Hirnpotentialschwankungen aufzeichnen (mittels Elektroenzephalografie, EEG). In der Regel fertigt er zudem Aufnahmen des Gehirns per Magnetresonanztomografie (MRT) an, um eine Ursache des epileptischen Anfalls zu ermitteln. Manchmal muss sogar das Gehirnwasser untersucht werden, um Entzündungen des Gehirns auszuschließen. Meist genügt das, um die Diagnose zu sichern: Es handelt sich entweder um einen "Gelegenheitsanfall" oder um den Beginn einer Epilepsie. Genauere Informationen lesen Sie im Kapitel Diagnose.

Wie häufig sind Epilepsien?

Betroffen sind relativ viele Menschen: immerhin knapp jeder hundertste. Epilepsien können in jedem Alter auftreten. Bei einem Drittel der Patienten ereignet sich der erste epileptische Anfall im Kindesalter, bei rund einem Drittel erst jenseits des 60. Lebensjahres. Das Lebenszeitrisiko bis zum 80. Lebensjahr beträgt für einen epileptischen Anfall circa zehn Prozent, für eine Epilepsie mehr als drei Prozent.

Welche Ursache hat Epilepsie?

Epilepsien sind manchmal auf konkrete Ursachen zurückzuführen – beispielsweise eine Missbildung im Gehirn, eine genetische Veränderung, eine Narbe nach einer Hirnverletzung, einen Schlaganfall, eine Hirnhautentzündung, einen Hirntumor und vieles mehr. Teilweise lässt sich die Ursache aber nicht klären. Genauere Informationen lesen Sie im Kapitel Ursachen.

Wie wird Epilepsie behandelt?

Nicht jede Epilepsie wird als große Belastung empfunden. Manche Patienten fühlen sich im Alltag kaum beeinträchtigt, erleiden nur ganz selten Anfälle oder solche, die nicht besonders stören. Andere dagegen haben mit zahlreichen oder heftigen Anfällen zu kämpfen. Ob eine Therapie nötig ist, und wie lange sie fortgeführt werden muss, ist deshalb immer auch eine individuelle Entscheidung. Sie sollte nach ausführlicher Beratung gemeinsam mit dem Arzt getroffen werden. In der Regel erfolgt eine Behandlung spätestens dann, wenn mehr als zwei belastende Anfälle pro Jahr auftreten.

Die Therapie richtet sich unter anderem nach der Art der Anfälle. Der Arzt verschreibt gezielt Medikamente, die das Risiko für weitere epileptische Anfälle senken (Antikonvulsiva, etwas unpräzise Antiepileptika genannt). In bestimmten Fällen hilft eine Operation (Epilepsiechirurgie) oder ein Stimulationsverfahren. Mehr zu den unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten lesen Sie im Kapitel Therapie.

Ist ein Krampfanfall gefährlich?

Manche Anfälle wirken auf Anwesende dramatisch. Ein einzelner Anfall ist nicht gefährlich für das Gehirn und hört üblicherweise nach ein bis zwei Minuten von selbst wieder auf. Es besteht allerdings ein gewisses Verletzungsrisiko.

Sehr selten kommt es dabei zu einem Herz-Kreislaufversagen ("Sudden unexpected death of epilepsy patients", SUDEP, plötzlicher unerwarteter Todesfall bei Epilepsie). Dies ist der Grund, warum eine Epilepsie auch bei seltenen Anfällen behandelt werden sollte.

Zum Glück ebenfalls nicht häufig – aber potenziell lebensgefährlich – sind Anfälle von längerer Dauer und Anfallsserien (Status epilepticus). Hier kann das Gehirn Schaden nehmen. Wie Sie richtig Erste Hilfe leisten, und wann Sie einen (Not-)Arzt verständigen sollten, lesen Sie im Kapitel Erste Hilfe.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Viele denken bei Epilepsie vor allem an Symptome wie Muskelzuckungen oder verkrampfte Muskeln. Solche Anzeichen sind bei einigen Anfällen tatsächlich zu beobachten. Doch epileptische Anfälle können auch ganz anders aussehen.

Manche Betroffene nesteln zum Beispiel wenige Augenblicke unmotiviert an einem Kleidungsstück oder schlucken und schmatzen. Andere haben auf einmal seltsame nicht erklärbare Geruchswahrnehmungen. Wieder andere scheinen einen Moment lang wie weggetreten. Zahlreiche Anfalls-Symptome sind also denkbar. Einen Überblick über wichtige Anfallsformen erhalten Sie weiter unten auf dieser Seite.

Üblicherweise dauert ein einzelner epileptischer Anfall nicht länger als ein bis zwei Minuten. Manche Anfälle gehen mit einer Bewusstseinseinschränkung bis hin zum Bewusstseinsverlust einher – die Betroffenen sind also kurze Zeit nicht ansprechbar, reagieren wenig, oft langsam oder nicht auf ihre Umwelt. Andere Anfälle spielen sich bei wachem oder leicht getrübtem Bewusstsein ab.

Meistens leidet ein Betroffener an einer ganz bestimmten Art von Anfall. Seine Anfälle laufen also jedes Mal ähnlich ab. Im Verlauf der Krankheit kann die Anfallsform aber auch wechseln.

Was ist eine Aura?

Manche epileptische Anfälle beginnen mit einer sogenannten Aura: Die Betroffenen bemerken dabei zum Beispiel ungewöhnliche Sinneseindrücke wie Kribbeln, Sehstörungen, leiden an Konzentrationsstörungen oder Halluzinationen. Einige spüren seltsame Empfindungen im Bauch (epigastrische Sensationen), oder sie haben das Gefühl zu schweben. Auch Schwindel oder merkwürdige Geschmacks- und Geruchseindrücke sind möglich.

Einige Betroffene erkennen an der Aura, dass ein größeres Anfallsgeschehen kurz bevorsteht. Eine Aura kann aber ebenso gut das einzige Symptom eines Anfalls sein und bleiben. Manchmal lassen die Aura-Symptome Rückschlüsse zu, in welcher Hirnregion der Anfall entsteht. Das hilft unter Umständen, der Ursache der Epilepsie auf die Spur zu kommen (siehe Kapitel Ursachen). Eine Aura ist also ein kurzer Anfall, der in einer sehr begrenzten Region des Gehirns abläuft.

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) beschreibt verschiedene Anfallsformen und Epilepsien. Danach richtet sich unter anderem die Therapie. In die Klassifikation fließen zum einen die beobachteten Symptome ein, zum anderen auch Ergebnisse aus Untersuchungen:

  • Fokale Anfälle: Sie beginnen an einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn, zum Beispiel im Bereich um eine "Hirnnarbe" herum, die durch einen Schlaganfall verursacht wurde. Solche Anfälle werden auch teilweise, partielle, oder herdförmige Anfälle genannt.
  • Sekundär-generalisierte Anfälle: Sie beginnen wie ein fokaler Anfall, breiten sich dann aber auf das ganze Gehirn aus.
  • Generalisierte Anfälle: Sie scheinen von Beginn an das gesamte Gehirn zu erfassen. Bei generalisierten Anfällen kommt es meistens auch zu vorübergehenden Bewusstseinsstörungen. Eine konkrete Ursache für die Epilepsie ist bei solchen Anfällen seltener auszumachen als bei fokalen Anfällen. (Mehr dazu im Kapitel Ursachen).

Diese drei Anfalls-Formen werden noch weiter aufgeschlüsselt. Ein Überblick über wichtige Untergruppen:

1. Fokale Anfälle

Was ist ein einfach-fokaler Anfall?

Ein einfach-fokaler Anfall spielt sich bei vollem Bewusstsein ab und kann ganz unterschiedliche Symptome verursachen. Er kann zum Beispiel zu Bewegungs-Auffälligkeiten führen wie Zuckungen eines Körperteils, unwillkürlichen Körperdrehungen oder Lautäußerungen. Oder es handelt sich um ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen wie Kribbeln, Blitze-Sehen, Höreindrücke, Schwindel, Geruchs- oder Geschmacksstörungen. Wieder andere mögliche Symptome sind Sprachstörungen, Halluzinationen, Angstgefühle oder der Eindruck, etwas schon einmal erlebt zu haben (Déja vu). Viele Menschen haben allerdings Dèja vu–Erlebnisse. Zu der Diagnose eines Anfalls gehört also mehr. Die Wahrnehmungsstörungen werden – wie weiter oben bereits beschrieben – auch als Aura zusammengefasst.

Was ist ein komplex-fokaler Anfall?

Dieser Anfallstyp kann wie ein einfach-fokaler Anfall beginnen. Zusätzlich trübt sich das Bewusstsein. Der Patient ist nicht mehr richtig ansprechbar. Betroffene verhalten sich während eines Anfalls unter Umständen merkwürdig: Sie können zum Beispiel schmatzen oder grimassieren, Unverständliches stammeln oder ziellos herumlaufen.

2. Generalisierte Anfälle

Was sind Absencen?

Eine Absence (früher auch Petit Mal genannt) ist eine kurze Bewusstseinspause. Die Betroffenen halten im typischen Fall ganz plötzlich in ihrer Bewegung inne, wirken einen Moment lang völlig abwesend, reagieren nicht auf Ansprache. Meistens stürzen sie aber nicht. Diese geistige Abwesenheit dauert gewöhnlich nur einige Sekunden, selten länger als eine halbe Minute. In manchen Fällen sind zusätzliche Symptome zu beobachten, beispielweise Blinzeln, kleine Mund- oder Kopfbewegungen. Anschließend machen die Personen abrupt mit den begonnenen Tätigkeiten weiter als ob nichts geschehen wäre. An den kleinen Bewusstseinsaussetzer erinnern sie sich nicht.

Diese Art von Anfall kommt vor allem bei Epilepsien im Kindes- und Jugendalter vor. Da die Anzeichen sehr vage sind, werden sie nicht immer bemerkt: Eltern halten ihr Kind womöglich nur für unkonzentriert oder verträumt, für einen "Hans Guck-in-die-Luft". Oft häufen sich Absencen bei Müdigkeit oder direkt nach dem Aufwachen.

Was sind myoklonische Anfälle?

Bei dieser Anfallsform beginnen ganz plötzlich bestimmte Muskeln oder Muskelgruppen zu zucken, zum Beispiel an Hand, Arm oder Rumpf. Das Bewusstsein bleibt erhalten. Die Anfälle dauern üblicherweise nur wenige Sekunden und enden dann ebenso abrupt wieder. Manche Betroffene bemerken auch nur, dass sie immer wieder versehentlich Sachen fallen lassen – zum Beispiel ihre Kaffeetasse.

Was sind klonische Anfälle?

Bei einem solchen Anfall ziehen sich Muskelgruppen – vor allem am Rumpf – rhythmisch zusammen. Oft stürzen die Betroffenen, können sich dabei womöglich verletzen. Die Anfälle halten bis zu mehrere Minuten an.

Was sind tonische Anfälle?

Hier kommt es zu plötzlichen Verkrampfungen der Muskulatur, ohne dass Zuckungen auftreten. Die Betroffenen verlieren das Bewusstsein, stürzen und krümmen sich zum Beispiel oder überstrecken den Kopf. Solche Anfälle dauern meist nur wenige Augenblicke. Sie können sich auch aus dem Schlaf heraus ereignen.

Was sind tonisch-klonische Anfälle?

Der sogenannte große Krampfanfall (früher: Grand Mal) ist ein generalisierter tonisch-klonischer Anfall. Er geht eventuell mit einer Aura einher (siehe oben), gefolgt von einem plötzlichen Bewusstseinsverlust. Der Betroffene kann zu Beginn des Anfalls einen Schrei ausstoßen, meist stürzt er.

Es kommt dann für etwa eine halbe Minute zu Verkrampfungen am ganzen Körper gefolgt von symmetrischen Zuckungen an Armen und Beinen sowie des Kopfes, die wiederum rund eine halbe Minute andauern können. Während des Anfallgeschehens fließt eventuell schaumiger Speichel aus dem Mund, Urin kann abgehen. Da die Atmung ins Stocken gerät, verfärbt sich die Haut als Zeichen eines Sauerstoffmangels allmählich bläulich. Es passiert, dass Betroffene sich beim Verkrampfen unwillkürlich in die Wange oder Zunge beißen (Zungenbiss).

Nach dem Anfallsgeschehen sind die Betroffenen oft benommen und schlafen eine Weile. Erwachen sie wieder, können sie zunächst verwirrt oder desorientiert sein. Sie leiden an Muskelkater. An den Anfall erinnern sie sich meist nicht.

Was sind atonische (astatische) Anfälle?

Bei dieser Anfallsform lässt plötzlich die Muskelspannung in einem Teil der Muskulatur nach. Je nachdem, welche Muskeln betroffen sind, fällt zum Beispiel auf einmal das Kinn auf die Brust, oder die Beine knicken ein. Oder der Betroffene sackt regelrecht in sich zusammen. Manche Betroffene bleiben auch kurze Zeit bewegungslos liegen und sind kurzzeitig ohne Bewusstsein.

Epileptischer Anfall – welche Komplikationen gibt es?

Je nach Art des Anfalls können sich Betroffene womöglich verletzen – durch Gegenstände in ihrer Umgebung, Stürze oder Unfälle, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Sport (Schwimmen, Klettern). Starke unwillkürliche Muskelkontraktionen haben manchmal sogar Wirbelkörperbrüche oder Bissverletzungen an Zunge, Wange zur Folge.

Gefährlich: Der Status epilepticus

Als Status epilepticus bezeichnen Ärzte einen Anfall, der länger als zehn Minuten anhält – oder eine Serie von Anfällen, zwischen denen keine vollständige Erholung mehr stattfindet, und die länger als eine halbe Stunde anhält. Der Status epilepticus ist eine bedrohliche Situation, denn dabei kann das Gehirn geschädigt werden. Deshalb: In diesem Fall sofort den Notarzt verständigen! Mehr zur Erste Hilfe im entsprechenden Kapitel.

Symptomatische Epilepsie

Epilepsien, die auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen sind, heißen symptomatische Epilepsie. Als Ursachen kommen zum Beispiel infrage:

  • Hirnblutungen
  • Gefäßmissbildungen
  • Hirnverletzungen durch Unfälle
  • Stoffwechselstörungen

Solche oder andere Einflüsse hinterlassen im ungünstigen Fall eine Art Narbe im Gehirn. Sie irritiert die umliegenden Nervenzellen – so dass in diesem Hirnareal leichter Anfälle entstehen.

Symptome und Befunde weisen manchmal deutlich darauf hin, dass es eine konkrete Ursache für die Epilepsie geben muss – doch sie kann mit den gängigen Untersuchungsverfahren (noch) nicht ermittelt werden. Mediziner sprechen dann von einer kryptogenetischen Epilepsie.

Idiopathische Epilepsie: Ursache unklar

Manche Menschen haben anlagebedingt eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen. Umstände wie Schlafmangel, Fieber oder Flimmerlicht lösen bei ihnen schneller einen epileptischen Anfall als beim "Durchschnittsmenschen". So eine grundsätzliche Bereitschaft zur Epilepsie kann also schon in die Wiege gelegt sein und auch familiär gehäuft vorkommen.

Das allein macht allerdings noch keine Epilepsie. Eine erhöhte Neigung zu Anfällen bedeutet noch nicht, dass tatsächlich Anfälle auftreten. Epilepsie wird keinesfalls direkt von Eltern auf die Kinder "weitervererbt". Welche Faktoren im einzelnen dazu führen, dass aus der bloßen Neigung eine behandlungsbedürftige Krankheit entsteht, wird noch erforscht. Eine Epilepsie, die anlagebedingt ist, also nicht auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen, heißt idiopathische Epilepsie.

Mit oder ohne konkrete Ursache – was ist häufiger?

Bei Kindern kommen symptomatische und idiopathische Epilepsien in etwa gleich häufig vor. Epilepsien, die im Erwachsenenalter beginnen, sind zu rund zwei Dritteln auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen – also symptomatisch.

Ärzte klassifizieren Epilepsien und epileptische Syndrome in einer umfangreichen Systematik – nach der Anfallsform (fokal, generalisiert, siehe Kapitel Symptome), nach der Ursache, den medizinischen Befunden, dem Alter des Patienten bei Krankheitsbeginn. Bei epileptischen Syndromen kann durch verschiedene Untersuchungsergebnisse besonders gut charakterisiert werden.

Oft sind dann genauere Aussagen zum Verlauf der Krankheit möglich. Nach der Art der Epilepsie richtet sich auch die Therapie. Einige Beispiele für spezielle Krankheitsbezeichnungen sind: Schläfenlappenepilepsie, West-Syndrom, Neugeborenenkrämpfe, Absence-Epilepsie des Kindesalters, Lennox-Gastaut-Syndrom. Alle Formen aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Kam es erstmals zu einem epileptischen Anfall, sollte eine genaue Untersuchung beim Arzt folgen. Erster Ansprechpartner ist häufig der Hausarzt. Er wird in der Regel zum Spezialisten überweisen – üblicherweise zum Neurologen (Nervenarzt). Manche Praxen und Ambulanzen haben sich auf Epilepsien spezialisiert.

War es ein epileptischer Anfall?

Zunächst erkundigt sich der Arzt nach der Krankengeschichte des Patienten und vor allem nach den genauen Symptomen, die aufgetreten sind: Zu welcher Tageszeit ereignete sich der Anfall? Gab es Auslöser, wie lief er ab, wie lange dauerte er? Welche Symptome haben Anwesende beobachtet? Diese sogenannte Fremdanamese ist oft entscheidend für die Zuordnung der Epilepsieform.

Es gilt zu klären, ob es sich tatsächlich um einen epileptischen Anfall handelte oder um eine ganz andere Störung, beispielsweise eine Kreislauf- oder Stoffwechselstörung. Auch psychische Krankheiten wie Ängste oder Depressionen können epilepsie-ähnliche (dissoziative) Anfälle provozieren. Anzeichen einer Aura (siehe Kapitel Symptome) werden leicht mit den Aura-Symptomen bei Migräne verwechselt. Kleine Kinder erleiden häufig Fieberkrämpfe, wenn sie einen Infekt durchmachen. Eine genaue körperliche, vor allem neurologische Untersuchung gehört deshalb zur Diagnostik.

Elektroenzephalografie (EEG)

Selbst wenn der Patient mit großer Wahrscheinlichkeit einen epileptischen Anfall durchgemacht hat, ist die Diagnose Epilepsie damit noch nicht unbedingt gesichert.

Weitere Hinweise liefert die Messung der Hirnpotentialschwankungen: Bei der Elektroenzephalografie (EEG) zieht der Patient eine Art Haube über den Kopf, an der Messfühler befestigt sind (siehe Abbildung). Die Elektroden messen die elektrischen Aktivitäten, die das Gehirn entfaltet. Die Messergebnisse werden in Form charakteristischer Linien aufgezeichnet – so ähnlich wie die elektrische Herzaktivität bei einem EKG. Manchmal erkennt der Neurologe bereits an den Linienmustern, dass es sich um eine Epilepsie handelt.

Mit der EEG-Untersuchung lässt sich außerdem überprüfen, wie das Gehirn auf äußere Reize reagiert: Der Arzt wird zum Beispiel bestimmte Lichtreize einsetzen (Flackerlicht) oder den Patienten anweisen, eine Zeit lang sehr schnell zu atmen (Hyperventilation). Eventuell provozieren solche Manöver charakteristische EEG-Veränderungen oder gar einen Anfall. Auch Schlafentzug führt manchmal zu einem epileptischen Geschehen. Um die Diagnose Epilepsie zu sichern kommen auch Langzeit-EEGs sowie längere Videoaufzeichnungen zum Einsatz. Gelingt es, einen Anfall zu filmen, kann das Geschehen genau analysiert werden. Eventuell hilft das, die Diagnose zu sichern oder sogar mögliche Ursachen zu identifizieren.

Weitere Untersuchungen

Um andere Krankheiten als Ursache auszuschließen sind eventuell weitere Untersuchungen nötig: So können sich zum Beispiel in einem EKG Hinweise auf Herzrhythmusstörungen als möglichen Auslöser einer plötzlichen Bewusstlosigkeit finden.

Eine Blutuntersuchung hilft unter anderem Stoffwechselstörungen festzustellen. Von Interesse sind vor allem Blutzucker, Blutsalze, Leber- und Nierenwerte. Nach einem Anfall, der mit Muskelkrämpfen verbunden war, kann der Wert des Enzyms Kreatinkinase (CK) sowie der Prolactin-Wert erhöht sein.

Besteht der Verdacht auf eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) als Ursache des epileptischen Anfalls entnimmt der Arzt eine kleine Menge Nervenflüssigkeit am Rücken (Lumbalpunktion). Die genaue Untersuchung der Probe bestätigt unter Umständen den Verdacht.

Mit Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT), bei Säuglingen auch Ultraschall fertigt der Arzt Bilder vom Gehirn an. Unauffällige Aufnahmen sprechen zwar nicht gegen eine Epilepsie. Finden sich jedoch bestimmte Veränderungen wie Durchblutungsstörungen oder Verletzungen, könnte es sich um den Ausgangsherd der Epilepsie handeln – insbesondere, wenn die übrigen Befunde in dieselbe Richtung deuten.

Ob eine Behandlung bei Epilepsie begonnen werden sollte, welche Therapie erfolgversprechend erscheint und wie lange sie fortgeführt werden muss, ist letztlich immer eine individuelle Entscheidung. Der Arzt sollte nach Möglichkeit ausführlich über die Krankheit, über geeignete Behandlungsverfahren sowie mögliche Vor- und Nachteile informieren.

Tipps für den Alltag

Generell empfiehlt es sich Schlafentzug zu vermeiden. Das mindert das Risiko für epileptische Anfälle. Wer an Epilepsie leidet, sollte Alkohol nur in kleinen Mengen genießen. Merkt man, dass man getrunken hat, ist das schon zu viel. Gegen ein gelegentliches Glas Wein oder Sekt ist aber meistens nichts einzuwenden.

Eine psychologische Beratung kann Sinn machen, wenn es darum geht, mit der Krankheit im Alltag oder am Arbeitsplatz zurechtzukommen. Junge Patienten müssen sich die Berufswahl gut überlegen. Denn manche Arbeitsplätze bergen womöglich besondere Risiken, sofern es zu Anfällen kommt –  zum Beispiel Arbeiten in großer Höhe oder das Lenken eines Fahrzeugs. Betroffene sollten sich daher im Vorfeld bei Ihrem Neurologen (oder Kinderarzt) informieren.

Auto fahren bei Epilepsie?

Geklärt werden muss auch die Frage, ob eine Tauglichkeit besteht, selbstständig ein Kraftfahrzeug zu führen. Grundsätzlich ist ein Patient, der an epileptischen Anfällen leidet, nur dann dafür geeignet, wenn er ein Jahr anfallsfrei bleibt. (Achtung: Für verschiedene Führerscheinklassen und Ausprägungen der Krankheit existieren auch unterschiedliche Bestimmungen. Patienten sollten sich also unbedingt individuell beraten lassen!). Die Medikamente gegen die Krankheit (Antikonvulsiva) sollten bei einer guten Therapie nicht zur Fahruntauglichkeit führen. Der behandelnde Neurologie gibt hier Auskunft, gegebenenfalls muss ein Fahrtauglichkeitsgutachten erstellt werden.

Medikamente

Es sind viele verschiedene Arzneien auf dem Markt, die bei Epilepsie angewendet werden. Sie können die Krankheit zwar nicht heilen, aber die Wahrscheinlichkeit senken, dass epileptische Anfälle auftreten. Die Medikamente wirken als "Anfallsblocker" (Antikonvulsiva) – allerdings nur dann, wenn sie wirklich regelmäßig wie verordnet eingenommen werden. Häufig verschriebene Wirkstoffe sind beispielsweise: Carbamazepin, Oxcarbazepin, Eslicarbazepinacetat, Valproinsäure (Valproat), Phenytoin, Lamotrigin, Levetiracetam, Lacosamid, Phenobarbital, Pregabalin, Ethosuximid, Topiramat, Retigabin, Zonisamid, Perampanel, Benzodiazepine (um nur eine Auswahl wichtiger Arzneimittel zu nennen).

Der Arzt richtet sich bei der Wahl des passenden Medikaments unter anderem nach der Art der Epilepsie (siehe auch Kapitel Symptome und Ursachen). Außerdem muss er Verträglichkeit und mögliche Medikamenten-Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Leberbelastung, Interaktion mit anderen Medikamenten, psychische Reaktionen im Blick haben und auf den Patienten abstimmen.

Üblicherweise wird der Arzt mit einer kleinen Medikamentendosis beginnen, die allmählich in einen für den Patienten optimalen Bereich gesteigert wird. Medikamente können bei Patienten auch individuell schwere Nebenwirkungen auslösen, zum Beispiel Leberversagen bei der Valproinsäure. Daher wird der Arzt den Patienten ausführlich beraten und im Verlauf überwachen.

Bei fast jedem zweiten erwachsenen Patienten gelingt es bereits mit dem ersten Wirkstoff, künftige Anfälle zu verhindern. Bei weiteren 15 Prozent ist das immerhin im zweiten Anlauf erreichbar: durch den Wechsel auf ein anderes Präparat. Allerdings handelt es sich bei diesen Angaben um statistische Werte. Bleibt die Therapie mit einem einzelnen Medikament ohne Erfolg, wird der Arzt eventuell eine Medikamenten-Kombination verordnen.

Vorsicht, Wechselwirkung: Manche Antikonvulsiva können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen, so dass sich der Effekt abschwächt oder verstärkt. Vor allem bei sogenannten blutverdünnenden Medikamenten wie Cumarinen, Immunsuppressiva oder der "Anti-Baby-Pille" muss das beachtet werden.

Vorausplanen für eine Schwangerschaft: Frauen mit Epilepsie, die sich Kinder wünschen, sollten nach Möglichkeit etwas vorausdenken, damit kein Risiko für ihr ungeborenes Baby entsteht. Je sorgfältiger eine Schwangerschaft im Vorfeld geplant ist, desto besser. Insbesondere sollte die Therapie zuvor vom Arzt entsprechend angepasst sein. Wichtig ist außerdem eine ausreichende Versorgung mit Folsäure.

Oft wichtig: Vitamine gezielt ergänzen

Patienten, die bestimmte Epilepsie-Medikamente nehmen, müssen besonders gut auf ihre Vitaminversorgung achten. Oft brauchen sie Vitamine sogar in Form von Präparaten, als genau angepasste Nahrungsergänzung. Denn die Arzneistoffe beeinflussen den Blutspiegel mancher Vitamine. Dies gilt insbesondere für sogenannte enzyminduzierende Antikonvulsiva wie das Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital und Primidon, aber auch für den Enzymhemmer Valproinsäure. Seit langem ist bekannt, dass diese Medikamente in den Vitamin D-Stoffwechsel eingreifen und zur Osteoporose führen können. Darüber hinaus können laut einer Studie aus dem Jahr 2011 an mehr als 3000 Personen Medikamente wie Carbamazepin, Valproinsäure (Valproat) und Phenytoin den Folsäure-Spiegel, Vitamin B9 / Vitamin B11, im Blut senken. Wirkstoffe wie Phenobarbital oder Topiramat führen unter Umständen zu niedrigeren Vitamin B12-Werten. Beides kann negative Folgen haben, zum Beispiel die Blutbildung beeinträchtigen und negative Einflüsse auf die Kognition (das Denkvermögen) haben. Über dieses Thema sollten Patienten am besten mit ihrem behandelnden Arzt sprechen.

Link zur Zusammenfassung der Studie (engl.):

Antiepileptic drugs interact with folate and vitamin B12 serum levels *

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Therapie beim epileptischem Anfall

Für den akuten Fall stecken Betroffene am besten einen Notfallausweis ein, auf dem ihre Krankheit und die genaue Therapie beschrieben ist. Er informiert Helfer schnell und zuverlässig. Um einen (langen) epileptischen Anfall zu unterbrechen, kann der Arzt zum Beispiel Benzodiazepine verabreichen, die man in die Wangentasche schieben (Lorazepam) oder als Lösung (Midazolam) in die seitliche Mundhöhle spritzen kann.

Wie Sie am besten reagieren, wenn jemand einen epileptischen Anfall erleidet, lesen Sie im Kapitel Erste Hilfe.

Medikamente wieder absetzen?

Unter bestimmten Bedingungen kann erwogen werden, eine Medikamenten-Therapie wieder abzusetzen. So "heilen" manche Epilepsien des Kindesalters mit den Jahren aus. Ob und wann Tabletten verzichtbar sind, sollte aber immer genau mit dem Arzt abgesprochen werden, da es sonst zu womöglich erneut zu Anfällen kommt. Etwa zwei Drittel aller Patienten müssen Medikamente lebenslang einnehmen.

Operationen (Epilepsiechirurgie)

In bestimmten Fällen kommt zur Therapie einer Epilepsie ein chirurgischer Eingriff infrage – beispielsweise wenn Medikamente allein nicht den gewünschten Erfolg bringen. Ob eine solche Epilepsiechirurgie aussichtsreich erscheint, wird am besten in einem spezialisierten Zentrum geklärt, das über viel Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt.

Ist ein ganz bestimmter Hirnbereich – ein "Herd" – der Ausgangspunkt der epileptischen Anfälle, kann diese Stelle eventuell in einer Operation entfernt und die Krankheit dadurch gebessert oder im Idealfall sogar geheilt werden. Dieser Eingriff verlangt allerdings genaue, teilweise auch aufwendige Planung. Schließlich dürfen bei der Operation keine unverzichtbaren Gewebe aus dem Gehirn entnommen werden. Moderne Diagnoseverfahren helfen, dieses Risiko im Vorfeld möglichst weit zu senken. Wie bei jeder Operation können zudem Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen vorkommen.

Stimulationsverfahren

Die seltener angewendete Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) ist eine andere Möglichkeit, die Häufigkeit epileptischer Anfälle zu senken. Dabei wird dem Patienten in einem kleinen Eingriff eine Art Schrittmacher unterhalb des Schlüsselbeins im linken Brustbereich eingesetzt. Ein Kabel führt von dort zum linken Vagusnerv am Hals. Dieser Hirnnerv steuert auch die Funktion innerer Organe. Der "Schrittmacher" stimuliert den Nerv regelmäßig mit elektrischen Signalen. Dies beeinflusst die Hirnaktivität dahingehend, dass weniger Anfälle auftreten. Seit kurzem ist ein VNS-Modell auf dem Markt, das neben der regelmäßigen Stimulation bei Patienten mit Beschleunigung des Herzschlags (Tachykardien) im Anfallsbeginn automatisch stimuliert. Es kann damit noch zusätzliche Impulse zur Anfallshemmung abgeben.

Andere Stimulationsverfahren wie die "Tiefe Hirnstimulation" sind bei Epilepsie derzeit noch sehr wenig verbreitet. Ihr wirklicher Nutzen ist noch nicht abschließend geklärt. Solche Therapien sollten deshalb im Rahmen von wissenschaftlichen Studien an spezialisierten Einrichtungen stattfinden.

Weitere Therapien

Die sogenannte Keto-Diät (eine modifizierte Atkins-Diät) wird bei schwer behandelbaren Epilepsien im Kindesalter manchmal mit großem Erfolg eingesetzt. Diätmaßnahmen sollten aber nur in Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.

Eine Biofeedback-Therapie wird unter anderem auch in der Epilepsie angewendet. Sie hat sich bisher wegen der unklaren Erfolgssituation nicht etablieren können.

Oft ist zunächst gar nicht sicher, ob es sich tatsächlich um einen epileptischen Anfall oder um eine ganz andere Störung handelt – etwa eine Herzrhythmusstörung oder Unterzucker bei Diabetes. Deshalb: Im Zweifel sofort den Notarzt verständigen! In unklaren Fällen nach den allgemeinen Regeln der Ersten Hilfe vorgehen. (Viele Informationen zum Nachlesen gibt es im Spezial: Erste Hilfe).

Epileptischer Anfall – was ist zu tun?

  • Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall endet in aller Regel nach ein bis zwei Minuten.
  • Den Betroffenen nicht festhalten und keine Gegenstände in den Mund schieben (etwa einen Beißkeil)
  • Verletzungen durch den Anfall verhindern oder abmindern (zum Beispiel gefährliche Gegenstände aus der Nähe entfernen, Kanten oder Treppen absichern)
  • Atemwege schützen: den Betroffenen möglichst in die stabile Seitenlage oder Bauchlage bringen, damit kein Erbrochenes in die Luftröhre oder Lunge gelangen kann – eine solche Aspiration stellt eine schwere, manchmal lebensbedrohliche Anfalls-Komplikation dar
  • Unbedingt den Notarzt holen, wenn ein Anfall länger als fünf Minuten dauert oder auf den ersten Anfall weitere folgen!
  • Nach dem Anfall beim Betroffenen bleiben, bis er klar und orientiert ist.

Trat ein Anfall erstmals auf, sollte immer eine rasche ärztliche Untersuchung folgen. Ist die Epilepsie bereits länger bekannt und der Patient grundsätzlich ärztlich gut betreut, muss er nach einem Anfall nicht unbedingt in eine Klinik gebracht werden. Hier ist es sinnvoll, eine individuelle Entscheidung zu treffen. Allerdings sollte sichergestellt sein, dass der Anfall wirklich vorüber ist, und dass der Betroffene ansprechbar und wieder voll orientiert ist.

Medikamente für den Akutfall?

Medikamente benötigen Zeit, um zu wirken – über den Magen verabreicht circa 20 bis 30 Minuten, rektal verabreicht 10 bis 15 Minuten, über die Nase 10 Minuten. Ein epileptischer Anfall endet in aller Regel bereits nach ein bis zwei Minuten. Es bleibt also praktisch keine Zeit, um den Anfall durch eine Gabe von Arzneien vorzeitig zu beenden.

Eine Medikamentengabe kommt also nur in Betracht, wenn der Anfall länger als fünf bis zehn Minuten anhält. Dabei kann es für Laien schwer sein, die eigentliche Anfallsphase von der Nachanfallsphase zu unterscheiden, in welcher der Betroffene ebenfalls unruhig und verwirrt sein kann.

Als Medikamente kommen nur Substanzen in Betracht, die über den Darm (rektal) oder gefahrlos über die Nase oder den Mund gegeben werden können (spezielle Benzodiazepine). In jedem Fall muss sowieso der Notarzt geholt werden, wenn ein Anfall länger als fünf Minuten andauert oder auf den ersten Anfall weitere folgen.

Ob es also überhaupt Sinn macht, bei einer bekannten Epilepsie generell bestimmte "Notfall-Medikamente" bereit zu halten, sollte am besten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Prof. Dr. med. Christian E. Elger (FRCP) Facharzt für Neurologie, ist seit 2018 ärztlicher Leiter und geschäftsführender Gesellschafter der Beta Neurologie – Kompetenzzentrum für Epilepsie, Beta Klinik in Bonn. Zuvor war er Professor für Epileptologie und Direktor der Universitätsklinik für Epileptologie an der Universität in Bonn. Seit 2006 ist er wissenschaftlicher Geschäftsführer der Life & Brain GmbH im Universitätsklinikum Bonn. Er erhielt unter anderem 2005 den internationalen Zülch-Preis für Hirnforschung (Max-Planck-Gesellschaft, Gertrud-Reemtsma-Stiftung) und wurde 2010 mit dem Hans-Berger-Preis der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung für Verdienste auf dem Gebiet der Epileptologie ausgezeichnet.

Quellen:

1. Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V.. Online:
http://www.izepilepsie.de/home/ (Abgerufen im April 2014)

2. International League Against Epilepsy (ILAE). Online:
http://www.ilae.org/Visitors/Centre/Guidelines.cfm (Abgerufen im April 2014)

3. Epilepsie-Informationen, Prof. Dr. med. Hartmut Siemes. Online:
http://www.epilepsie-informationen.de/ (Abgerufen im April 2014)

4. Informationen für Patienten: https://www.betaklinik.de/fachrichtungen/beta-internationales-epilepsie-centrum/epilepsie/ (Abgerufen im August 2020)

5. Mattle H, Mumenthaler M: Neurologie, 13. Auflage, Stuttgart Thieme Verlag, 2013