Skoliose

Bei einer Skoliose ist die Wirbelsäule dreidimensional verbogen und verdreht. Diese Wirbelsäulenverkrümmung tritt meistens im Wachstumsalter auf und kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein

Unsere Inhalte sind pharmazeutisch und medizinisch geprüft

aktualisiert am 30.12.2015

Was ist eine Skoliose?

Eine Skoliose ist eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule mit einer Drehung von Wirbelkörpern. Das verminderte die Beweglichkeit. Diese Verformung lässt sich nicht durch eine bestimmte Körperhaltung ausgleichen, sondern besteht dauerhaft (chronisch). Ohne Behandlung nimmt sie im weiteren Wachstum meist zu.

Welche Symptome gibt es?

Minimale Achsabweichungen des Rückgrats sind häufig – und äußerlich oft nicht erkennbar. Auch eine leichte Skoliose ist manchmal nur bei genauem Hinsehen oder mit Hilfe weiterer Untersuchungen feststellbar.

Eine schwere Verformung der Wirbelsäule ist dagegen kaum zu übersehen: Zum Beispiel hängt dann eine Schulter tiefer als die andere, das Becken steht schief, das Schulterblatt ragt auf einer Seite weiter heraus, ein einseitiger Rippenbuckel oder Lendenwulst kann sich bilden. Ein Bein scheint kürzer zu sein als das andere. Genaueres zu den Anzeichen lesen Sie im Kapitel Symptome.

Was sind die Ursachen?

In 80 bis 90 Prozent der Fälle ist unklar, warum eine Skoliose entsteht. Seltener sind zum Beispiel angeborene Fehlbildungen, Muskel- oder Nervenerkrankungen oder Unfälle die Ursache.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Der erfahrene Arzt erkennt eine Skoliose schon bei der körperlichen Untersuchung. Röntgenaufnahmen bestätigen den Verdacht. Wächst die Wirbelsäule noch, kann sich die Verbiegung innerhalb kurzer Zeit deutlich verschlimmern. Deshalb ist es besonders wichtig, eine Skoliose frühzeitig im Wachstum festzustellen. Auch leichte Skoliosen sollten ernst genommen und der weitere Verlauf engmaschig vom Arzt kontrolliert werden.

Wie sieht die Therapie aus?

Im günstigsten Fall ist gar keine Behandlung nötig. Oder es reichen spezielle krankengymnastische Übungen aus.

Verschlechtert sich die Skoliose jedoch rasch oder ist sie sehr ausgeprägt, sollte frühzeitig über eine zusätzliche Therapie mit einem individuell angepassten Korsett oder – in schweren Fällen – sogar über eine Operation nachgedacht werden. Denn eine sehr schwere Wirbelsäulenverbiegung kann langfristig nicht nur kosmetisch stören. Sie verursacht womöglich Gesundheitsprobleme, beispielsweise (Rücken-)Schmerzen. Sie kann die Lungenfunktion beeinträchtigen oder die körperliche Aktivität in Freizeit und Beruf einschränken.

Die Behandlung der Skoliose ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Deshalb sollten sich Eltern oder Betroffene umfassend informieren und sich möglichst an Ärzte oder Zentren wenden, die bereits viele Erfahrungen mit der Skoliosetherapie gesammelt haben. Vor allem der Entschluss zu einer Operation muss gut überlegt und geplant sein. Denn es handelt es sich um einen großen Engriff, dessen Folgen nicht mehr rückgängig zu machen sind. (Mehr dazu im Kapitel Therapie).

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Von der Seite betrachtet besitzt jede Wirbelsäule drei Krümmungen: Die Hals- und Lendenwirbelsäule beschreibt jeweils einen leichten Bogen Richtung Bauchseite. Die Brustwirbelsäule krümmt sich Richtung Rücken (siehe Abbildung). Das ist ganz normal und nicht mit einer Skoliose gleichzusetzen.

Bei der häufigsten Form der Skoliose – der idiopathischen Skoliose – beginnt die Verformung damit, dass der vordere (bauchseitige) Anteil der Wirbelkörper stärker wächst als üblich. Betrachtet man die Wirbelsäule dann von der Seite, ist die natürliche Krümmung im Brustbereich oft abgeflacht.

Sieht man sich die Wirbelsäule von hinten an, verläuft sie im Normalfall weitgehend gerade. Die Wirbelkörper bilden quasi eine lotrechte Linie vom Kopf bis zum Becken. Entstehen hier Kurven oder Bögen, handelt es sich um eine Skoliose. Meistens gibt es bei der Skoliose eine Hauptkrümmung (Primärkrümmung). Darüber und darunter bilden sich oft kleinere kompensatorische Sekundärkrümmungen, damit eine aufrechte Körperhaltung weiterhin möglich bleibt.

Sichtbare Zeichen bei Skoliose

Manchmal ist die Krümmung so dezent, dass sie äußerlich nicht zu sehen ist. Stärkere Verformungen sind jedoch an charakteristischen Anzeichen erkennbar:

  • Steht der Betroffene aufrecht, gerade, und lässt beide Arme locker hängen, befinden sich die Schultern nicht auf der gleichen Höhe
  • Auch das Becken kann schief stehen: Der Beckenkamm ist auf einer Seite an höherer Stelle zu tasten als auf der anderen.
  • Der seitlich herabhängende Arm und die Taille bilden ein gedachtes Dreieck. Bei einer geraden Wirbelsäule sind diese Taillendreiecke auf beiden Seiten in etwa gleich geformt. Im Falle einer Skoliose unterscheiden sie sich deutlich in ihrer Form.
  • Zieht man eine gedachte Linie vom Kopf hinunter zum Becken, sollte sie eigentlich ziemlich genau in der Mitte des Beckens enden. Bei einer Skoliose steht der Kopf oft rechts oder links der Beckenmitte.
  • Betrachtet man den Rücken des Betroffenen, kann auffallen, dass ein Schulterblatt deutlicher hervorsteht als das andere. Das ist oft erst bei unbekleidetem Oberkörper zu erkennen.

Der Adams-Test bei Skoliose

Aufschlussreich ist auch der sogenannte Vorbeugetest oder Adams-Test. Dabei beugt der Betroffene bei gestreckten Beinen seinen Oberkörper um etwa 90 Grad nach vorne und lässt die Arme herunterhängen. Betrachtet man nun seinen Rücken von hinten, fällt bei einer Skoliose meist auf, dass eine Seite höher steht als die andere, dass sich eine Art Buckel (Rippenbuckel) bildet. Auch die Lendenmuskeln treten auf dieser Seite deutlicher hervor (Lendenwulst).

Rippenbuckel – woher kommt er?

Bei ausgeprägten Fällen ist ein Rippenbuckel bereits beim aufrechten Stand zu sehen. Wie kommt er zustande? Bei einer Skoliose kippen die Wirbelkörper einerseits aus der Horizontalen, das führt zur oben beschriebenen Verbiegung der Wirbelsäule. Gleichzeitig verdrehen sich die Wirbelkörper aber auch ein wenig um ihre Längsachse.

An den Brustwirbelkörpern sind die Rippen befestigt. Sie müssen eine Drehbewegung der Brustwirbel zwangsläufig mitmachen. So verdreht sich unter Umständen der gesamte Brustkorb. Auf der einen Seite wölben sich die hinteren Rippenanteile weiter in den Rücken als es normalerweise der Fall wäre. Dadurch kommt der Buckel zustande. Zeigt die Krümmung der Brustwirbelsäule nach rechts, befindet sich der Rippenbuckel ebenfalls rechts. Auf der anderen Seite des Rückens schieben sich die Rippen weiter Richtung Bauch als im Normalfall, es bildet sich ein sogenanntes Rippental.

Mögliche Beschwerden bei Skoliose

Zu Beginn verursacht eine Skoliose meistens keine unmittelbaren Beschwerden. Die Verformung kann eventuell als optisch störend empfunden werden. Eine ausgeprägte Skoliose belastet jedoch alle beteiligten Strukturen, so dass es leichter zu Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule kommt. Mit den Jahren können sich bei einer sehr schweren Skoliose Schmerzen, vor allem Rückenschmerzen einstellen.

Ist eine Skoliose sehr weit fortgeschritten, beeinträchtigt die Verformung manchmal sogar die Funktion der inneren Organe. Eine herabgesetzte Lungenfunktion, Störungen von Herz-, Magen-Darm- und Nierenfunktion sind sehr seltene, aber mögliche Folgen.

Idiopathische Skoliose

Die mit Abstand häufigste Form der Skoliose ist die idiopathische Skoliose. Dieser Begriff bedeutet nichts anderes, als dass die Ursache unbekannt ist. 80 bis 90 Prozent der Betroffenen gehören zu dieser Gruppe.

Ärzte vermuten eine Fehlsteuerung der Muskulatur, der Nerven oder des Stoffwechsels, die zu einem veränderten Wachstumsverhalten der Wirbelkörper führen könnten. Die betroffenen Wirbelkörper wachsen ungleich und drehen sich aus der ursprünglichen geraden Ausrichtung heraus.

Haben enge Verwandte eine Skoliose, steigt das eigene Risiko. Es gibt also eine gewisse Veranlagung für die Wirbelsäulenverkrümmung. Sie wird jedoch nicht direkt "weitervererbt".

Bei Mädchen kommt eine idiopathische Skoliose häufiger vor als bei Jungen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Vor allem in Wachstumsphasen kann sich eine Skoliose bemerkbar machen oder verschlimmern. Ärzte unterteilen die idiopathische Skoliose nach dem Alter, in dem sie auftritt:

0 – 3 Jahre = infantile Skoliose

4 – 10 Jahre = juvenile Skoliose

> 10 Jahre bis Wachstumsende = adoleszente Skoliose (bei Jungen ab 12 Jahren, je nach Beginn der Pubertät)

Spezialfall "Säuglingsskoliose"

Eine spezielle Form ist die sogenannte Baby- oder Säuglingsskoliose. Dabei handelt es sich aber nur um eine Fehlhaltung, nicht um eine Fehlstellung. Die "Säuglingsskoliose" ist also eigentlich keine echte Skoliose. Sie tritt in den ersten Lebensmonaten eines Kindes auf. Die Säuglinge liegen zum Beispiel schief im Bett und drehen sich immer auf eine Seite. Oft geben sich sogenannte Säuglingsskoliosen von selbst wieder oder können relativ leicht mit bestimmten Lagerungsübungen beeinflusst werden. Eltern sollten sich dazu frühzeitig vom Kinderarzt beraten lassen.

Erkennbare Ursachen einer Skoliose

In manchen Fällen lässt sich die Ursache der Skoliose ermitteln. Sie liegt dann zum Beispiel in den ...

  • Muskeln: Der myopathischen Skoliose liegen Erkrankungen der Muskulatur zugrunde. Dazu zählen zum Beispiel Muskelschwund oder Muskelfehlbildungen.
  • Knochen: Eine osteopathische Skoliose entsteht zum Beispiel durch verformte Wirbelkörper. Diese Verformungen können angeboren sein. Manchmal sind sie durch ein asymmetrisches Wachstum der Wirbelkörper, Brüche oder Entzündungen entstanden.
  • Nerven: Bei der neuropathischen Skoliose liegt die Ursache im Nervensystem. So kann zum Beispiel die Nervenversorgung des Rückens gestört sein, so dass sich die Rumpfmuskulatur in einem Ungleichgewicht befindet.

Auch angeborene Fehlbildungen wie ein "offener Rücken" (Spina bifida) können schuld an einer Skoliose sein, ebenso Narben nach Verletzungen oder Operationen an Wirbelsäule oder Brustkorb.

Meistens entwickelt sich eine Skoliose in einer Wachstumsphase vor oder in der Pubertät, häufig zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr. Sie kann auch schon früher auftreten. Verschiedene Zeichen wie ein Schiefstand der Schultern oder des Beckens deuten auf eine Skoliose hin (siehe Symptome).

Verdacht auf Skoliose? Im Zweifel den Arzt fragen

Wenn Eltern vermuten, ihr Kind könne betroffen sein, sollten sie nicht zögern, den Arzt um Rat zu fragen. Vor allem dann, wenn in der Familie bereits Fälle von Skoliose vorkamen. Es wäre ein Fehler, einfach darauf zu hoffen, dass sich eine Skoliose schon irgendwie "auswachsen" wird. Oft ist eine frühzeitige Therapie besonders wichtig und kann einen schweren Verlauf verhindern.

Erster Ansprechpartner ist meistens der Hausarzt oder der Kinderarzt. Er sollte dann an einen Orthopäden überweisen. Der Arzt wird sich nach der Krankengeschichte und eventuellen Beschwerden erkundigen. Dann folgt eine körperliche Untersuchung. Aufschlussreich ist unter anderem der sogenannte Vorbeuge- oder Adams-Test (siehe Kapitel Symptome).

Röntgenuntersuchung

Besteht der Verdacht auf eine Skoliose, braucht der Arzt eine großformatige Röntgenaufnahme der gesamten Lenden- und Brustwirbelsäule im Stehen, um die Diagnose Skoliose zu sichern. Solche Röntgenaufnahmen können nicht in jeder Praxis angefertigt werden. Sie sind jedoch wichtig, um die Verformung genau ausmessen und ihren Schweregrad einschätzen zu können. Differenzen der Beinlänge, welche die Aufnahme verfälschen könnten, werden dabei vorab durch untergelegte Erhöhungen ausgeglichen.

Mithilfe der Röntgen-Untersuchung kann der Arzt feststellen, an welcher Stelle die Wirbelsäule verformt ist – ob es sich also um eine thorakale, thorakolumbale oder lumbale Skoliose handelt. Thorakal bedeutet, dass die Wirbelsäule in Höhe des Brustkorbs (Thorax) gekrümmt ist, bei einer thorakolumbalen Skoliose ist der Bereich zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule und bei einer lumbalen Skoliose die Lendenwirbelsäule gekrümmt.

Bestimmung des Krümmungswinkels

Aus der Röntgenaufnahme lässt sich der Schweregrad der Wirbelsäulenverkrümmung ermitteln. Dazu wird der Krümmungswinkel bestimmt (sogenannte Winkelmessung nach Cobb). Daraus ergeben sich folgende Schweregrade einer Skoliose:

Leichte Skoliose: Winkel von mehr als 10, aber maximal 40 Grad

Mittelschwere Skoliose: ab 40 bis 50 Grad

Schwere Skoliose: über 50 Grad

Um den Winkel nach Cobb zu bestimmen, ermittelt der Arzt im Röntgenbild den obersten und den untersten Wirbelkörper, der an der Krümmung der Wirbelsäule beteiligt ist. Der Arzt zieht nun eine Linie im 90-Grad-Winkel zur Oberfläche des oberen Wirbels. Dann zieht er eine weitere Linie im 90-Grad-Winkel zur Unterseite des unteren Wirbels. Dort, wo sich die beiden Linien schneiden, kann der Cobb-Winkel gemessen werden.

Wächst das Kind noch, rät der Arzt üblicherweise zu Röntgenverlaufskontrollen. Sie dienen auch dazu, die Therapie zu überprüfen.

Selten ist eine Magnetresonanz-Tomografie (MRT) erforderlich, beispielsweise um die Nerven und Weichteile im Wirbelsäulenbereich genauer beurteilen zu können oder um mögliche Auswirkungen auf innere Organe zu erkennen.

Muss eine Skoliose behandelt werden oder nicht? Verschiedene Faktoren sind bei dieser Entscheidung wichtig:

Der Schweregrad

Sehr leichte Verkrümmungen (siehe auch Kapitel Diagnose) haben eventuell gar keine negativen Auswirkungen, so dass eine Therapie nicht zwingend erforderlich ist. Sehr schwere Verformungen dagegen könnten langfristig zu vorzeitigem Verschleiß und Schmerzen führen. Hier wird man sich üblicherweise zur Therapie entscheiden. Ob behandelt wird, ist also unter anderem eine Frage der Röntgenbefunde.

Alter und voraussichtlicher Verlauf

Sollte der Arzt bei einem Erwachsenen zufällig eine leichte Skoliose feststellen, dann wird er vermutlich keine Therapie mehr vorschlagen. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass sich die Krümmung in Zukunft noch verschlechtern wird. Außerdem ist eine Skoliose – beispielsweise mit einer Korsett-Behandlung – nur noch schwer oder gar nicht mehr beeinflussbar, wenn die Wirbelsäule einmal ausgewachsen ist.

Anders beim Kind: Hier befindet sich die Wirbelsäule noch im Wachstum. Oft verformt sie sich gerade während der Wachstumsschübe vor und in der Pubertät. Und diese Verformung kann rasch entstehen. Denn sobald sich die Wirbelkörper auch nur ein wenig verschoben haben, geraten die Muskeln ins Ungleichgewicht. Die Kräfte, die auf die Wirbelsäule wirken, verteilen sich ungleichmäßig – das fördert wiederum die Verkrümmung. Der Prozess kann sich also selbst verstärken. Unter Umständen bildet sich so aus einer leichten Skoliose innerhalb weniger Monate eine schwere Verformung.

Deshalb ist es wichtig zu wissen, inwieweit sich das Skelett noch im Wachsen befindet. Diese sogenannte Skelettreife von Kindern und Jugendlichen können Ärzte auf dem Röntgenbild einschätzen: Dazu untersuchen sie, wie weit der Darmbeinkamm bereits verknöchert ist (Risser-Zeichen). Die Wachstumspotenz kann auch aus einer Röntgenaufnahme der Hand ermittelt werden. Im Wachstumsalter ist eine Skoliose oft noch gut zu behandeln.

Welche Therapie ist die beste?

Eine Therapie kann folgende Ziele haben: Eine weitere Verschlechterung soll nach Möglichkeit verhindert werden. Die bestehende Verkrümmung soll möglichst dauerhaft korrigiert werden. Die Frage, ob und wie eine Skoliose behandelt werden muss, ist nicht pauschal zu beantworten. Die Entscheidung hängt auch nicht allein von einem einzelnen Röntgenbefund ab, sondern muss individuell getroffen werden. Ärzte, Betroffene und bei Kindern auch ihre Eltern sollten gemeinsam überlegen, welches Vorgehen am besten geeignet ist. Wichtig sind regelmäßige Verlaufskontrollen, um den Erfolg der gewählten Therapie zu überprüfen.

Krankengymnastik

Eine Skoliose, die einen Krümmungswinkel kleiner als 20 Grad aufweist (siehe Kapitel Diagnose), wird – wenn überhaupt – überwiegend krankengymnastisch behandelt. Die Übungen haben zum Ziel, die Rumpfmuskulatur gezielt zu stärken und dadurch der Wirbelsäule mehr Halt zu geben. Dehn- und Kräftigungsübungen für geschwächte, beziehungsweise überdehnte Muskelpartien zählen dazu, dreidimensionale Übungen, Unterstützung durch gezielte Atemgymnastik. Betroffene sollten Eigenübungen täglich machen.

Korsett

Wirbelsäulenkrümmungen über 20 bis 25 Grad werden bei noch großer Wachstumspotenz meistens mit einem individuell angefertigten Korsett aus leichtem Kunststoff behandelt, um eine (weitere) Deformation der knöchernen Strukturen zu vermeiden. Die Korsett-Konstruktionen (auch Orthese genannt) sollen dreidimensional der eingetretenen Verdrehung der Wirbelsäule entgegen wirken.

Damit die Behandlung effektiv ist, muss das Korsett möglichst viel getragen werden – üblicherweise 22 Stunden am Tag, also auch nachts. Gerade für Kinder und Jugendliche ist das keine leichte Situation. Es hilft, wenn Eltern und Kinder verstehen, warum die konsequente Behandlung so wichtig ist, welches Ziel damit erreicht werden soll, und dass ihre Mitarbeit entscheidend ist. Der Austausch mit anderen Betroffenen – beispielsweise in Selbsthilfegruppen – kann eventuell entlastend wirken. Manchmal ist auch eine professionelle psychologische Unterstützung durch einen Therapeuten oder eine Therapeutin ratsam.

Der Therapieerfolg muss regelmäßig überprüft und das Korsett an das Wachstum des Kindes angepasst werden. In manchen Fällen wird ein Korsett auch zur Nachbehandlung einer Operation empfohlen.

Ergänzend zur Korsett-Behandlung verordnen die Ärzte üblicherweise auch Krankengymnastik. Sind die Bauch- und Rückenmuskeln trainiert, geben sie der Wirbelsäule zusätzlichen Halt.

Operation

Ist die Wirbelsäule bei einer Skoliose um mehr als 50 Grad nach Cobb gekrümmt (siehe Kapitel Diagnose) oder ist – bei Kindern und Jugendlichen – mit einem weiteren Fortschreiten der Skoliose durch das Wachstum zu rechnen, kann eine operative Behandlung in Betracht gezogen werden. Skoliosen, die auf Nervenstörungen zurückzuführen sind, müssen oft frühzeitiger operiert werden als Skoliosen, deren Ursache nicht bekannt ist (idiopathische Skoliose, siehe Kapitel Ursachen).

Vorbehandlung: Vor einer Skoliose-Operation erfolgt in manchen Fällen eine Vorbehandlung, um die Wirbelsäule zu "lockern". Dadurch sollen vor allem bei stärkeren Krümmungen optimale Voraussetzungen für den chirurgischen Eingriff hergestellt werden. Diese Mobilisation kann auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen: So kann Krankengymnastik zum Einsatz kommen oder eine spezielle Streckbehandlung über einige Tage (Cotrel-Extension). Dabei werden Schlingen an Kopf und Füßen befestigt und der Körper per Zug über diese Schlingen vorsichtig gedehnt. Das hört sich drastisch an. Die Behandlung ist für die meisten Betroffenen aber nicht schmerzhaft, wenn auch lästig. In manchen Fällen kommt eine Halo-Schwerkraft-Traktion zum Einsatz. Dabei wird unter örtlicher Betäubung ein Metallring mit Schrauben am Kopf des Patienten befestigt. Über den Metallring wird über einige Wochen Zug ausgeübt und die Intensität allmählich gesteigert, so dass der Körper gestreckt wird.

Bei der Operation wird die Form der Wirbelsäule soweit als möglich korrigiert, stabilisiert und die Wirbelsäule abschnittsweise versteift (Spondylodese). Die betroffenen Bereiche werden mithilfe von Implantaten (zum Beispiel Stäben, Schrauben) fixiert und so präpariert, dass die Wirbelkörper miteinander verwachsen – beispielsweise können Knochenspäne aus dem Becken des Patienten zwischen den Wirbelkörpern eingelegt werden. Das bedeutet, dass die betroffenen Wirbelkörper anschließend nicht mehr gegeneinander beweglich sind. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, die Betroffenen könnten nach der Operation ihren Rücken gar nicht mehr bewegen. Die Wirbelsäule kann die Einschränkung in vielen Fällen gut kompensieren. Probleme können allerdings schon vorkommen – zum Beispiel werden die nicht versteiften Abschnitte eventuell überlastet.

Die Operation erfolgt entweder von vorne – also über Bauch- oder Brusthöhle. Oder die Wirbelsäule wird von hinten, also vom Rücken aus, operiert. Welches Verfahren besser geeignet ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Beide haben verschiedene Vor- und Nachteile. Wie bei jeder Operation gibt es auch bei einer Skoliose-Korrektur Risiken wie Wundheilungsstörungen, Infektionen oder Nervenverletzungen. Darüber sollte vor dem Eingriff ausführlich mit den behandelnden Ärzten gesprochen werden. Die Skoliose-Operation zählt zu den eher großen Eingriffen. Der zu erwartende Nutzen muss auf jeden Fall höher sein als die möglichen Nachteile.

Im Anschluss an eine Operation sind üblicherweise regelmäßige Nachkontrollen nötig. In welchen Abständen sie erfolgen sollten, wird individuell vom Arzt festgelegt. Es sollte außerdem besprochen werden, wann Sport wieder in vollem Umfang möglich ist, und ob spezielle Sportarten vielleicht eher zu vermeiden sind.

Dr. Hartmut Gaulrapp ist Facharzt für Orthopädie mit Spezialgebiet Kinder-Orthopädie, Sportmedizin. Er arbeitet als niedergelassener Arzt in eigener Praxis in München. Dr. Gaulrapp ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (BVOU) für den Bezirk München.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.