Nierenversagen

Akutes Nierenversagen tritt plötzlich auf. Eine chronische Nierenschwäche (Niereninsuffizienz) entwickelt sich allmählich. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie

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aktualisiert am 09.07.2014

Die beiden Nieren sind lebenswichtige Organe des Menschen. Ihre Hauptaufgabe ist die Bildung von Harn (Urin). Über ihn scheidet der Körper bestimmte Stoffe aus. Lässt die Nierenfunktion langsam nach, spricht man von einer chronischen Niereninsuffizienz (CNI) oder einem chronischen Nierenversagen. Setzt die Urinproduktion dagegen sehr plötzlich aus, bezeichnet man dies als akutes Nierenversagen (ANV).

Die wichtigsten Aufgaben der Nieren sind:

  • Ausscheidung bestimmter Stoffwechselprodukte ("harnpflichtige Substanzen") und Arzneimittel
  • Regulierung des Wasserhaushalts
  • Regulierung des Salz-(Elektrolyt-)Haushalts
  • Regulierung des Säure-Basen-Haushalts
  • Umwandlung von inaktivem in aktives Vitamin D
  • Blutdruckregulation

So funktioniert die Niere

Die Nieren werden über die Nierenarterie mit Blut versorgt. Im Nierengewebe teilt sich die Arterie in immer kleinere Blutgefäße auf. Die kleinsten Blutgefäße mit dem geringsten Durchmesser heißen Glomeruli (lateinisch Glomus = Knäuel). Jede Niere besitzt in der Nierenrinde etwa eine Million dieser Gefäßknäuel.

Die Glomeruli sind umgeben von feinsten Harnkanälchen (Tubuli). Das Blut wird durch die Wand der Glomeruli gefiltert und als sogenannter Primärharn in die Harnkanälchen abgegeben. Pro Tag entstehen so etwa 180 Liter Primärharn.

In den anschließenden anatomischen Strukturen der Niere wird über mehrere Schritte der Endharn oder Urin gebildet. Er gelangt schließlich über Harnleiter, Harnblase und Harnröhre nach außen. Die ursprünglichen 180 Liter Primärharn werden auf etwa zwei Liter Urin täglich konzentriert.

Eingeschränkte Nierenfunktion

Funktionieren mehr als 60 bis 70 Prozent der Glomeruli nicht mehr, kommt es zur eingeschränkten Nierenfunktion. Bestimmte Stoffe häufen sich im Blutkreislauf an, anstatt ausgeschieden zu werden. Als Nierenretentionswerte bezeichnet man Kreatinin und Harnstoff. Diese Stoffe sind selbst nicht schädlich. Ihre Konzentration im Blut gibt aber sehr gut Auskunft über die Höhe anderer harnpflichtiger, schädlicher Substanzen und erlaubt das Ausmaß der Nierenfunktionseinschränkung abzuschätzen.

Akutes und chronisches Nierenversagen

Ein akutes Nierenversagen entsteht im Laufe von Stunden bis Tagen. Es ist meist rückgängig zu machen, indem die Ursachen beseitigt werden.

Die chronische Niereninsuffizienz ist eine Erkrankung, die über Monate bis Jahre langsam fortschreitet. Häufige Ursachen sind Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Entzündungen in den Nieren. Ohne Therapie würde die chronische Niereninsuffizienz letztendlich zum Tod führen – sofern nicht die harnpflichtigen Substanzen sowie bestimmte Salze und überschüssiges Wasser aus dem Körper entfernt werden. Das geschieht mit Hilfe einer Nierenersatztherapie wie der Dialyse ("Blutwäsche") oder einer transplantierten Niere.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Ursachen des akuten Nierenversagens

Die Ursachen des akuten Nierenversagens (ANV) lassen sich folgendermaßen unterteilen:

  • Ursachen vor der Niere: In etwa 60 Prozent der Fälle von ANV liegt die Ursache des Nierenversagens vor der Niere (prärenales ANV). Es kommt plötzlich zu einer stark verminderten Durchblutung der Nieren – beispielsweise durch Kreislaufschock bei Unfällen oder Operationen, Blutgerinnsel in den Nierenarterien oder Medikamente.
  • Ursachen in der Niere: Die Ursache dieses Nierenversagens liegt in der Niere selbst (renales ANV). Beispiele sind eine Schädigung der Tubuli durch lang dauernden Sauerstoffmangel oder eine toxische Schädigung durch Medikamente oder Kontrastmittel sowie selten eine schwere Entzündung der Glomeruli (Nierenentzündung).
  • Ursachen "hinter" der Niere: Ist der Abfluss des Urins hinter der Niere (postrenal) behindert, so spricht man von einem postrenalen Nierenversagen. Typische Beispiele sind eine vergrößerte Prostata, Steine, Entzündungen oder Tumoren, die zu einer Verlegung der ableitenden Harnwege führen.

 

Ursachen des chronischen Nierenversagens

Die Ursachen der chronischen Niereninsuffizienz sind vielfältig. Zu den wichtigsten zählen:

  • Diabetische Nephropathie – eine Schädigung der Nieren durch Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Erkrankungen der Blutgefäße der Niere, "Verkalkung" (Arteriosklerose) der Nierengefäße

In etwa 10 Prozent der Fälle bleibt die Ursache unbekannt. Alle Erkrankungen, die zu einem Nierenversagen führen können, sollten so früh und so gut wie möglich behandelt werden. Wichtig ist vor allem eine optimale Therapie bei Diabetes mellitus und Bluthochdruck.

Ein akutes Nierenversagen verursacht oft innerhalb kurzer Zeit Symptome:

  • Die Harnproduktion nimmt meistens ab, kommt eventuell ganz zum Erliegen. Manchmal scheidet die Niere jedoch weiterhin Harn aus.
  • Harnpflichtige Stoffe bleiben im Körper zurück – erkennbar an steigenden Blutwerten von Kreatinin und Harnstoff.
  • Es kommt zu Zeichen der Überwässerung des Körpers wie Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge (Lungenödem) oder in den Beinen.
  • Störungen im Salzhaushalt (Elektrolytstörungen) sind möglich, zum Beispiel hohe Kalium-Werte im Blut. Eine Übersäuerung (Azidose) stellt sich ein. Beides kann unter Umständen lebensbedrohlich werden.

Unter ausreichender Behandlung können sich die Nieren nach und nach wieder erholen, sodass die Urinproduktion wieder einsetzt und sich auch die anderen Funktionen (wie die Regulierung des Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalts) wieder normalisieren. Bis sich die Nierenfunktion komplett erholt hat, vegehen oft Wochen bis Monate.

Symptome bei chonischer Niereninsuffizienz

Eine chronische Niereninsuffizienz (CNI) entwickelt sich allmählich. Sie kann anfangs unbemerkt bleiben oder unspezifische Symptome verursachen wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder Appetitlosigkeit. Der Blutdruck kann ansteigen. Manchmal fallen Flüssigkeitseinlagerungen auf, zum Beispiel an den Beinen oder in Lunge. Letzteres kann Kurzatmigkeit verursachen. Eventuell können die Nieren den Urin nicht mehr richtig konzentrieren. Dann kann die Harnmenge zunächst sogar zunehmen – was Betroffene gar nicht an eine Nierenschwäche denken lässt. Der Urin ist dann meist hell und wenig gefärbt – wenig konzentriert. 

Ärzte teilen die CNI nach dem Funktionszustand der Nieren in Stadien ein. Dazu nutzen sie verschiedene Messgrößen wie Eiweißausscheidung im Urin oder Blutwerte mit der daraus geschätzten sogenannten glomerulären Filtrationsrate (GFR). Sie bezeichnet die Menge an Blut, die von der Niere pro Minute von Kreatinin befreit wird. Die GFR wird in Milliliter pro Minute (ml/min) angegeben. Normal ist eine GFR größer als 90 ml/min.

Eine unbehandelte Niereschwäche kann zahlreiche Auswirkungen auf den ganzen Organismus haben. Denn die Niere erfüllt wichtige Aufgaben, produziert unter anderem auch Hormone (siehe Überblick). Mögliche Folgen einer Niereninsuffizienz sind: Blutarmut, Bluthochdruck, Knochenbeschwerden, Gefühlsstörungen durch Nervenschäden (Polyneuropathie), Störungen der Geschlechtsorgane mit ausbleibender Menstruation (Amenorrhoe) oder Impotenz, Gerinnungsstörungen mit Ausbildung von blauen Flecken. Im Verlauf kommen auch Kopfschmerzen oder Juckreiz vor.

Ohne Therapie droht schließlich eine Harnvergiftung (Urämie) – ein lebensbedrohlicher Zustand mit Überwässerung verschiedener Organe, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen und Allgemeinsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Veränderung des Bewusstseins bis hin zum Koma.

Ein Überleben ohne den Einsatz von Nierenersatzverfahren ist mittelfristig nicht möglich. Dieses schwerste Stadium der Niereninsuffizienz ist irreversibel (chronisches Nierenversagen).

Das akute Nierenversagen ist oft einfacher zu diagnostizieren ist als das chronische. Denn die Symptome – wie das Ausbleiben des Urins – stehen meist im direkten zeitlichen Zusammenhang mit dem Auslöser der Erkrankung.

Besteht der Verdacht auf Nierenversagen oder eine chronische Nierenschwäche sind folgende Untersuchungen wichtig:

Arzt-Patienten-Gespräch

Häufig besteht ein zeitlicher Zusammenhang des akuten Nierenversagens zu einer vorausgegangenen Operation oder einem Kreislaufschock beispielsweise durch einen Unfall mit Blutverlust. Der Arzt forscht zudem nach Medikamenten und anderen Ursachen, die das Nierenversagen ausgelöst haben könnten. Bei der chronischen Niereninsuffizienz wird er nach den zahlreichen Symptomen fragen, die möglicherweise Zeichen einer nachlassenden Nierenfunktion sind sowie nach Krankheiten, die eine Nierenschwäche zur Folge haben können.

Körperliche Untersuchung

Eine fahle, schmutzig-graue Hautfarbe kann auf eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz hindeuten, eine blasse Haut auf eine Blutarmut und blaue Flecken auf Gerinnungsstörungen als mögliche Folge einer Nierenschwäche. Eindrückbare Schwellungen an den Augenlidern, Knöcheln oder Beiden, sogenannte Ödeme, können Ausdruck einer vermehrten Salz- und Wassereinlagerung in den Körper sein. Entzündliche Erkrankungen der Haut mit rötlich-bläulichen Verfärbungen können auf eine Erkrankung mehrerer Organsysteme einschließlich einer Nierenbeteiligung hinweisen. Auch ein charakteristischer Mundgeruch deutet manchmal auf die Krankheit hin.

Der Arzt misst Blutdruck und Puls. Er hört Herz und Lunge mit dem Stethoskop ab und achtet auf mögliche Flüssigkeitseinlagerungen (Ödeme) als Zeichen einer Überwässerung des Körpers.

Das Gewicht wird beim akuten Nierenversagen täglich kontrolliert. Zudem wird protokolliert, wie viel Flüssigkeit dem Betroffenen zugeführt und wie viel ausgeschieden wird (Ein- und Ausfuhrkontrolle).

Blutuntersuchungen

Im Blut untersucht der Arzt in erster Linie die Werte Kreatinin und Harnstoff. Sie sind vor allem zur Verlaufskontrolle wichtig. Aus dem Kreatinin-Wert kann der Arzt die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) errechnen. Sie gibt Aufschluss über die Nierenfunktion und erlaubt eine Stadieneinteilung.

Bedeutsam sind auch die Elektolyte (Salze) wie Natrium und Kalium, Calcium und Phosphat sowie Parameter des Säure-Basen-Haushalts (pH-Wert, Bikarbonat).

Im Blutbild kann ein verminderter Hämoglobin-Wert auf eine Blutarmut als Folge einer eingeschränkten Nierenfunktion hindeuten.

Beim Verdacht auf bestimmte Immunerkrankungen der Nieren veranlasst der Arzt entsprechende Spezialuntersuchungen im Blut.

Harnuntersuchungen

Die Untersuchung des Harn (Urin-Diagnostik) hilft, die Ursache der Nierenerkrankung weiter aufzuklären.

Die Untersuchung erfolgt zunächst per Teststreifen. Damit sind verschiedene Parameter messbar: Eiweiß, rote und weiße Blutkörperchen, Nitrit als Hinweis für einen Harnwegsinfekt, der Urin-pH-Wert, aber auch Glukose, Ketonkörper und Gallenfarbstoffe.

Wird beispielsweise Eiweiß im Urin ausgeschieden (Proteinurie), das normalerweise nicht im Urin enthalten sein sollte, so ist dies ein möglicher Hinweis auf eine Nierenschädigung.

Zur Untersuchung des Urinsediments wird der Urin zentrifugiert und der Bodensatz unter dem Mikroskop untersucht. Eintauchnährböden geben Aufschluss über eventuell vorhandene Bakterien im Urin als Ursache einer bakteriellen Entzündung.

Bei speziellen Fragestellungen werden auch noch andere Urinbestandteile analysiert, zum Beispiel das spezifische Gewicht und die Osmolalität (die "Teilchendichte") des Urins – beide nehmen bei eingeschränkter Nierenfunktion ab, da der Harn in der Niere nicht mehr ausreichend konzentriert werden kann.

Ultraschall-Untersuchungen

Mit einer Ultraschall-Untersuchung (Sonografie) kann der Arzt Größe, Lage und Struktur der Nieren beurteilen. Große Nieren sprechen eher für ein akutes Nierenversagen, kleine Nieren ("Schrumpfnieren") sind eher typisch für ein chronisches Nierenleiden. Eine Erweiterung des Nierenbeckens durch Harnstau beispielsweise bei Harnleitersteinen ist gut zu erkennen.

Die Farbdoppler-Sonografie stellt den Blutfluss farblich dar. Mit ihrer Hilfe lässt sich beispielsweise eine Einengung oder ein Verschluss der Nierenarterien nachweisen.

Mit der Echokardiografie (Ultraschall-Untersuchung des Herzens) lassen sich die Herzgröße, die Pumpfunktion, die Herzklappen und der Herzbeutel beurteilen. Jahrelanger Bluthochdruck, wie er bei Nierenerkrankungen häufig vorkommt, kann zur Vergrößerung bestimmter Herzanteile führen. Vor allem bei der fortgeschrittenen chronischen Niereninsuffizienz interessiert auch, ob Wasseransammlungen im Herzbeutel vorhanden sind.

Weitere Untersuchungen

Röntgenbilder werden von Brustkorb mit Herz und Lunge angefertigt. Darauf kann der Arzt die Größe des Herzens und eventuelle Wasseransammlungen in der Lunge bei Nierenversagen beurteilen.

Bei Knochenbeschwerden sind Röntgenbilder der Knochen aufschlussreich. Insbesondere an den Fingern kann man bei der fortgeschrittenen chronischen Niereninsuffizienz charakteristische Veränderungen (sogenannte Loosersche Umbauzonen) nachweisen.

Eventuell entnimmt der Arzt unter örtlicher Betäubung eine Gewebeprobe aus der Niere (Nierenbiopsie). Bei bestimmten entzündlichen Nierenerkrankungen lässt sich dadurch eine genaue Diagnose stellen – Grundlage für eine gezielte Therapie.

Die Therapiemöglichkeiten reichen von einer Behandlung der Ursachen über Medikamente bis hin zur Nierenersatztherapie durch Blutwäsche (Dialyse) oder Nierentransplantation.

Therapie bei akutem Nierenversagen

Hat ein Flüssigkeitsmangel das akute Nierenversagen verursacht, so muss er ausgeglichen werden. Ein zu niedriger Blutdruck wird durch geeignete Maßnahmen angehoben.

Hat ein Medikament zum akuten Nierenversagen (ANV) geführt, muss die Arznei – nach Rücksprache mit dem Arzt! – sofort abgesetzt werden. Zum Beispiel können bestimmte Antibiotika, Schmerzmittel und Röntgenkontrastmittel ein ANV auslösen.

Liegt eine Urinabflussbehinderung vor (zum Beispiel Steine, vergrößerte Prostata), sollte diese beseitigt werden.

Im seltenen Fall einer immunologisch bedingten schweren Entzündung der Glomeruli ("rapid progressive Glomerulonephritis") mit raschem Funktionsverlust der Nieren behandelt der Arzt mit speziellen Medikamenten (Immunsuppressiva). Sie stopppen die Zerstörung der Nierenkörperchen.

Sind die Auslöser des akuten Nierenversagens so weit wie möglich behoben, versuchen die Ärzte eventuell, die Nierenfunktion wieder anzuregen: Sie können Medikamente geben, welche die Ausscheidungsfunktion wieder "ankurbeln". In erster Linie sind das sogenannte Schleifendiuretika. Hohe Dosen müssen aber vermieden werden. Gelingt es nicht, die Nierenfunktion wieder in Gang zu bekommen, wird mit einem Nierenersatzverfahren überbrückt, bis sich die Nierenfunktion erholt hat.

Therapie der chronischen Nierenschwäche

Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung, die zur chronischen Niereninsuffizizenz (CNI) geführt hat:

  • Besteht eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), ist die optimale Blutzuckereinstellung durch geeignete Ernährung und Medikamente besonders wichtig
  • Bei Bluthochdruck muss der Blutdruck auf möglichst optimale Werte gebracht werden – durch viel Bewegung, gesunde Ernährung und eine medikamentöse Behandlung
  • Bei bestimmten Arten der Nierenentzündung (Glomerulonephrits) ist eine Behandlung mit Medikamenten möglich, welche die Zerstörung der Nieren bremsen (sogenannte Immunsuppressiva)

Ein hoher Blutdruck, wie er bei vielen Erkrankungen vorliegt, die zur CNI führen, wird bevorzugt mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten behandelt. Daneben kommen zur optimalen Blutdruckeinstellung aber auch alle anderen blutdrucksenkenden Medikamente infrage (Diuretika, Betablocker, Kalzium-Antagonisten).

Engmaschige Verlaufskontrollen

Eine chronische Nierenschwäche verschlechtert sich mehr oder weniger rasch – unabhängig vom Grundleiden. Eine möglichst optimale Therapie hilft, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.

Der Arzt wird den Gesundheitszustand des Patienten engmaschig kontrollieren, insbesondere die Blutdruckwerte. Er berät zur individuell optimalen Ernährung und Trinkmenge. Ziel ist ein möglichst ausgeglichener Flüssigkeits-, Salz- und Säure-Basen-Haushalt. Hilfreich ist es oft, wenn der Patient sein Gewicht täglich kontrolliert. So fallen starke Schwankungen durch Flüssigkeitsverschiebungen rasch auf. Wichtige Anhaltspunkte liefern außerdem die aktuell gemessenen Blutwerte.

Fehlende Hormone müssen unter Umständen zugeführt werden – zum Beispiel Vitamin D oder Erythropoetin. Dieses Hormon, das von der gesunden Niere gebildet wird, regt die Produktion roter Blutkörperchen im Knochenmark an.

Nierenersatztherapie

Wenn trotz Therapie keine ausreichende Nierenfunktion mehr besteht, kommt es zur Harnvergiftung (Urämie). Stoffe, die eigentlich mit dem Harn augeschieden werden sollten (harnpflichtige Substanzen), häufen sich im Körper an.

Eine solche Urämie ist lebensbedrohlich. Deshalb müssen die harnpflichtigen Substanzen sowie überschüssige Salze (vor allem Kalium und Phosphat) aus dem Körper "gewaschen" und überschüssiges Wasser entfernt werden. Auch muss eine Übersäuerung ausgeglichen werden. Die Nierenfunktion wird sozusagen ersetzt.

Es gibt verschiedene Nierenersatzverfahren, die sowohl beim akuten Nierenversagen als auch bei der chronischen Niereninsuffizienz zum Einsatz kommen.

Im schwersten Stadium der chronischen Niereninsuffizienz kommt auch eine Nierentransplantation infrage.

Wie funktioniert die Blutwäsche?

Hämodialyse: Bei der Hämodialyse wird der Nierenkranke an eine Dialyse-Maschine "angeschlossen", die einen Teil der Nierenfunktion übernimmt. Sie entfernt harnpflichtige Substanzen, Salze (Elektrolyte) und überschüssiges Wasser aus seinem Blut.

Beim akuten Nierenversagen legt der Arzt meist einen Katheter (einen dünnen Kunststoffschlauch) in die obere Hohlvene. Er wird mit dem Dialyse-Gerät verbunden. Hat sich die Niere erholt, wird der Katheter entfernt. Beim chronischen Nierenversagen (CNI) erhält der Patient in der Regel einen dauerhaften Gefäßzugang am Unterarm – einen Shunt: In einer kleinen Operation verbindet der Arzt eine Vene und eine Arterie direkt miteinander. Diese Verbindungsstelle dient künftig als "Zugang" zum Blutgefäßsystem.

Über eine Nadel und einen Schlauch wird kontinulierlich Blut zur Dialyse-Apparatur geleitet. Darin wird es mit Hilfe einer Membran (einer Art Filter) und Spüllösungen auf die optimale Zusammensetzung eingestellt, bevor es zurück zum Patienten fließt. Eine solche "Blutwäsche" dauert einige Stunden und findet bei CNI üblicherweise mehrmals pro Woche in einem Dialyse-Zentrum statt.

Hämofiltration: Ganz ähnlich läuft die sogenannte Hämofiltration ab. Allerdings wird hier in der Maschine tatsächlich Flüssigkeit aus dem Blut abfiltriert – also fast so wie in einer gesunden Niere. Die fehlende Flüssigkeit wird durch eine spezielle Salzlösung ersetzt. Die Hämofiltration gilt als schonender für den Kreislauf, aber als etwas weniger effektiv bei der Entfernung harnpflichtiger Substanzen.

Hämodiafiltration: Die Hämodiafiltration kombiniert die günstigen Eigenschaften der beiden zuvor beschriebenen Verfahren. Sie ist aber verfahrenstechnisch aufwendiger.

Peritonealdialyse: Hier wird das Blut quasi im Körperinneren gereinigt. Als "Filter" dient das Bauchfell (Peritoneum) des Patienten, das sehr gut durchblutet ist. In einer kleinen Operation erhält der Patient einen fest implantierten Katheter in die Bauchhöhle. Darüber werden etwa zwei Liter spezielle Spülflüssigkeit in die Bauchhöhle eingebracht und nach einigen Stunden gegen neue Flüssigkeit ausgetauscht. Die harnpflichtigen Substanzen wandern aus den Blutgefäßen in die Spüllösung und können so aus dem Körper entfernt werden.

Typischerweise wird die Peritonealdialyse von den betroffenen Patienten selbst zu Hause vorgenommen. Die Spüllösung muss vier- bis fünfmal pro Tag gewechselt werden. Alternativ kann die Peritonealdialyse nachts erfolgen. Den Spüllösungswechsel übernimmt dann eine spezielle Apparatur. In Einzelfällen ist eine Unterstützung durch ambulante Pflegedienste möglich.

Nierentransplantation

Wer eine chronische Niereninsuffizienz hat und "dialysepflichtig" – also auf eine Blutwäsche angewiesen ist – kommt eventuell für eine Nierenverpflanzung (Nierentransplantation) infrage. Allerdings gibt es auch Gründe, die gegen einen solchen Eingriff sprechen.

Bei der Nierentransplantation bleiben die eigenen Nieren des Empfängers im Körper. Es wird immer nur eine neue Niere verpflanzt, die etwas tiefer als die eigene Niere eingesetzt wird (siehe Grafik links). Die Blutgefäße werden an größere Blutgefäße im Beckenbereich angeschlossen, der Harnleiter direkt an die Blase.

Die neue Niere stammt in den meisten Fällen von einem verstorbenen Organspender. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit einer Lebendspende durch einen nahe stehenden Menschen oder einen gesunden Verwandten.

In Deutschland wird die Transplantation von Organen über die Deutsche Stiftung Organtransplantation und Eurotransplant mit Hauptsitz in Holland gesteuert. Hier laufen die Daten aller Menschen zusammen, die auf eine Organtransplantation warten, ebenso wie alle Daten der Spenderorgane. Da wenige Organe zur Verfügung stehen, ist die Wartezeit auf eine Transplantation lang. Die Zuteilung erfolgt nach bestimmten Kriterien.

Der Empfänger bekommt nach der Transplantation dauerhaft Medikamente ("Immunsuppressiva"), die eine Abstoßungsreaktion verhindern sollen.

Professor Dr. med. Michael Fischereder ist Internist und Nephrologe. Seine Facharztausbildung absolvierte er von 1993 bis 1997 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Jahr 2002 habilitierte sich Professor Fischereder für das Fach Innere Medizin an der Universität Regensburg. Ab 2007 war er Leiter der Nephrologie am Campus Innenstadt der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und seit 2012 leitet er den Schwerpunkt Nephrologie an der Medizinischen Klinik IV des Klinikums der LMU an beiden Standorten, Campus Innenstadt und Großhadern.

Quellen:
Herold, Gerd, e.a.: Innere Medizin, Gerd Herold, 2012
Classen, Diehl, Kochsiek: Innere Medizin, Hrsg. Böhm, M., Hallek, M., Schmiegel, W., Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2009

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