Flussblindheit (Onchozerkose)

Die Flussblindheit ist eine Tropenkrankheit. Auslöser sind Würmer, die von Kriebelmücken übertragen werden. Die Infektion gefährdet die Augen bis hin zur Blindheit – daher ihr Name. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie

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aktualisiert am 16.07.2018

Was ist Flussblindheit?

Flussblindheit (Onchozerkose, auch Onchozerkiasis) ist eine Infektionskrankheit, die durch Fadenwürmer mit dem komplizierten Namen "Onchocerca volvulus" verursacht wird. Sie ist hauptsächlich in tropischen Regionen Afrikas verbreitet sowie im Jemen. In Amerika sind insbesondere Brasilien und Venezuela betroffen. Bis 2016 kam die Flussblindheit auch in Guatemala vor.

Übertragen werden die Parasiten durch den Stich der Kriebelmücke. Sie lebt vor allem in der Nähe fließender Gewässer – daher die Bezeichnung Flussblindheit.

Welche Symptome kommen vor?

Die ersten Symptome der Flussblindheit zeigen sich etwa ein Jahr nach der Ansteckung. Es entstehen Hautveränderungen, Juckreiz und Hautknoten (Onchozerkome) aus Bindegewebe, welche die Onchozerka-Würmer enthalten. In den meisten Fällen sind die Lymphknoten der Leistenregion vergrößert. Wenn die Augen betroffen sind, kommt es ohne rechtzeitige Therapie oft zu Hornhauttrübungen und Entzündungen am Auge. Schlimmstenfalls können die Erkrankten erblinden. (Mehr zu den Symptomen im entsprechenden Kapitel).

Die Diagnose ergibt sich aus den Symptomen, Blutuntersuchungen und Gewebeproben der Haut, die auf die Parasiten untersucht werden. Auch bei einer Augen-Untersuchung stellt der Arzt eventuell Wurmlarven fest.

Wie sieht die Therapie aus?

Zur Therapie kommen unterschiedliche Medikamente zum Einsatz, welche die Onchozerka-Würmer schädigen und / oder die Wurmlarven abtöten. (Mehr dazu im Kapitel Therapie). Bindegewebsknoten am Kopf werden eventuell chirurgisch entfernt. Zur Vorbeugung gegen Flussblindheit sollte in den Risikogebieten unbedingt auf einen guten Schutz vor Mückenstichen geachtet werden.

Bis zu 20 Millionen Menschen sind Schätzungen zufolge weltweit an Flussblindheit erkrankt; einige Hunderttausend erblinden als Folge der Infektion. In Europa kommen nur sehr vereinzelt Fälle von Flussblindheit vor, die auf Reisen erworben wurden. Manche Immigranten sind betroffen.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Ursache der Flussblindheit ist eine Infektion mit Fadenwürmern (Onchocerca volvulus). Diese Parasiten lösen die Krankheit aus. Verbreitet ist sie besonders in den tropischen Regionen Afrikas, im Jemen, in Brasilien und Venezuela. Früher kam sie auch in Guatemala vor.

In den menschlichen Organismus gelangen die Würmer jedoch nicht direkt, sondern auf einem Umweg: Die Würmer nutzen die Kriebelmücke als sogenannten Zwischenwirt. Das Insekt sieht eher aus wie eine kleine Fliege. Es sticht jedoch zu und saugt Blut wie eine Mücke. Die Art von Kriebelmücken, die die Flussblindheit überträgt (Simulium), lebt vor allem in der Nähe von tropischen Flussläufen. Diesem Umstand verdankt die Krankheit einen Teil ihres Namens: Flussblindheit.

Der Infektionsweg sieht folgendermaßen aus:

1 – Mücke nimmt Parasiten auf

Sticht eine Kriebelmücke einen infizierten Menschen, dann kann sie bei dieser Blutmahlzeit winzige "Wurmbabys" – sogenannte Mikrofilarien – aufnehmen. Im Inneren der Kriebelmücke entwickeln sich diese "Wurmbabys" weiter zu Wurmlarven.

2 – Mücke sticht und gibt dabei Wurmlarven weiter

Sticht die Mücke nun einen Gesunden, können die Wurmlarven in seinen Körper gelangen. Dort begeben sich die Larven auf Wanderschaft durch den Organismus. Bevorzugt siedeln sie sich im Bindegewebe an.

3 – Würmer reifen im Körper heran

Allmählich reifen die Wurmlarven im Organismus des Infizierten zu ausgewachsenen Würmern heran. Nach etwa einem Jahr sind geschlechtsreife männliche und weibliche Fadenwürmer entstanden. Zu diesem Zeitpunkt tauchen meistens auch die ersten Krankheitssymptome auf (siehe Kapitel Symptome). Die Würmer rollen sich üblicherweise in der Unterhaut zusammen und bilden auf diese Weise charakteristische Hautknoten. Während männliche Fadenwürmer nur wenige Zentimeter lang sind, erreichen weibliche Fadenwürmer eine Länge von über 50 Zentimetern.

4 – Erwachsene Würmer vermehren sich

Die ausgewachsenen Würmer können jahrelang überleben und viele neue "Wurmbabys" zeugen – Mikrofilarien. Diese wandern durch das menschliche Gewebe, insbesondere Bindegewebe, Haut und Lymphbahnen. Sie finden sich manchmal aber auch im Blut, viel seltener im Urin oder Speichel. Gelangen die Mikrofilarien wiederum über einen Mückenstich in eine Kriebelmücke, beginnt der Zyklus von vorne. Ein neues Opfer wird womöglich von der Mücke infiziert und erkrankt. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich.

Flussblindheit: Gefahr für die Augen

Es sind vor allem die "Wumbabys" (Mikrofilarien), die dem Organismus schaden. Im ungünstigen Fall erreichen sie bei ihrer Wanderschaft durch den menschlichen Körper die verschiedenen Abschnitte der Augen – das bleibt nicht ohne Folgen. Weil die Mikrofilarien einen starken Reiz für das körpereigene Abwehrsystem darstellen, locken sie Abwehrzellen an. Manche dieser Zellen bilden Antikörper, während andere große Mengen an Botenstoffen freisetzen, die weitere Abwehrzellen anziehen. So entsteht eine heftige Entzündung, die das Sehorgan schädigt, schlimmstenfalls bis hin zur Blindheit – daher die Bezeichnung Flussblindheit.

Die Flussblindheit bereitet nicht sofort Beschwerden. Erst etwa sechs bis zwölf Monate nach der Ansteckung treten die ersten Symptome auf. Sie werden einerseits von den Mikrofilarien hervorgerufen, die durch das Gewebe wandern und es dabei schädigen (siehe Kapitel Ursachen) – andererseits durch die Reaktion des körpereigenen Abwehrsystems auf die Invasion der Parasiten.

Mögliche Symptome der Flussblindheit sind:

  • Juckreiz: Die Haut entzündet sich, juckt heftig, es können sich Ausschläge bilden.
  • Lymphknotenschwellung: Häufig sind durch die Flussblindheit die Lymphknoten schmerzlos vergrößert. Dies betrifft besonders die Lymphknoten in der Leistenregion.
  • Hautknoten: Unter der Haut entstehen sicht- und tastbare Knoten (Onchozerkome), welche die ausgewachsenen Würmer enthalten. Die Knoten liegen oft in der Nähe eines Gelenks, aber auch am Kopf oder Körperstamm. Sie erreichen eine Größe zwischen einigen Millimetern und mehreren Zentimetern.
  • Veränderungen der Hautfarbe: Bleibt die Krankheit unbehandelt, kann sich die Hautpigmentierung in manchen Bereichen verändern, die Haut ist stellenweise stärker oder schwächer pigmentiert (sogenannte Leopardenhaut).
  • Hautverdickung: Durch die Flussblindheit werden die elastischen Fasern der Haut geschädigt. Die Hautstruktur verändert sich allmählich. Die Haut ist dann oft verdickt, verhornt, faltig und trocken (sogenannte Elefantenhaut).
  • Haut- und Gefäßentzündungen: Absterbende Wurmlarven rufen manchmal kleine Entzündungen der Haut (Abszesse) oder der Blutgefäße (Vaskulitis) hervor.
  • Augenprobleme: Wenn Mikrofilarien in das Auge einwandern, können sie nahezu alle Gewebsanteile des Sehorgans schädigen. Häufig kommt es zu einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis). Die Augen sind gerötet, brennen, jucken und tränen. Bei jedem Lidschlag fühlt es sich an, als ob Sand ins Auge gelangt wäre. Ähnliche Symptome verursacht die Entzündung der Aderhaut (Uveitis). Als Folge kann sich der Augeninnendruck erhöhen (sekundärer grüner Star). Dabei wird der Sehnerv geschädigt und es kann zu Gesichtsfeldausfällen und zur Erblindung kommen. 

    Durch die Flussblindheit wird oft auch die Hornhaut geschädigt. Es können zunächst punktförmige Defekte (Keratitis punctata) und später eine Hornhauttrübung mit Sehverlust auftreten (sklerosierende Keratitis). Erste Anzeichen sind Schmerzen, Rötung des Auges und vermehrter Tränenfluss sowie eine Lichtscheu (Photophobie). Seltener führt die Flussblindheit zu einer Entzündung von Netzhaut und Aderhaut (Chorioretinitis) oder einer Sehnervenentzündung (Optikusneuritis). Möglich ist auch eine Trübung der Augenlinse (Katarakt). In den meisten Fällen sind beide Augen von der Flussblindheit betroffen.

Mediziner gehen davon aus, dass eine unbehandelte Flussblindheit die Lebenserwartung um mehrere Jahre herabsetzt. Denn die Erkrankung schwächt das Abwehrsystem und erhöht die Anfälligkeit für weitere Krankheiten.

Der Arzt erkundigt sich zunächst nach den Beschwerden des Patienten, nach seiner Krankengeschichte und möglichen Risikofaktoren – zum Beispiel vorangegangenen Tropenaufhalten. Dabei sollte auch an länger zurückliegende Reisen gedacht werden. Denn bis sich nach einer Infektion erste Symptome zeigen, vergehen oft etliche Monate oder sogar Jahre.

Dann folgt die körperliche Untersuchung. Der Arzt sieht sich insbesondere die Haut genauer an und überprüft, ob sich typische Hautveränderungen oder Knoten – die Onchozerkome – finden. Außerdem tastet er die Lymphknoten ab. Sie können vergrößert sein.

Gewebeprobe

Besteht der Verdacht auf eine Flussblindheit, entnimmt der Arzt meist kleine Gewebeproben (Biopsien) aus den veränderten Hautstellen und betrachtet sie unter dem Mikroskop. In diesen Proben sind eventuell Mikrofilarien (siehe Kapitel Ursachen) erkennbar. Manchmal müssen größere Hautknoten chirurgisch entfernt werden. Bei genauerer Untersuchung finden sich darin oft die ausgewachsenen Würmer.

Augen-Untersuchung

Mit einer einfachen, nicht schmerzhaften Augen-Untersuchung mittels Spaltlampe lässt sich prüfen, ob Mikrofilarien bereits ins Auge eingewandert sind, und ob sie das Sehorgan womöglich schon geschädigt haben.

Blutprobe

Bei Verdacht auf Flussblindheit entnimmt der Arzt meist auch eine Blutprobe. Im typischen Fall fällt darin eine vermehrte Anzahl bestimmter Abwehrzellen (eosinophile Granulozyten) auf – was Eosinophilie genannt wird und bei vielen Wurmkrankheiten vorkommt. Auch lassen sich bei der Flussblindheit oft Abwehrstoffe (Antikörper) gegen bestimmte Wurmbestandteile finden. Wurmbestandteile selbst können ebenfalls nachweisbar sein. Das erfordert jedoch eine aufwändigere Untersuchungsmethode, die eher die Ausnahme bleibt.

Für die Diagnose der Flussblindheit kann auch ein weiterer Test aussagekräftig sein: Wenn der Wirkstoff Diethylcarbamazin in einer Testdosis aufgetragen wird, reagiert die Haut von Erkrankten mit Rötung und Juckreiz.

In besonders stark betroffenen Regionen kommt außerdem ein Schnelltest für Reihenuntersuchungen (Screening) zum Einsatz.

Flussblindheit wird in erster Linie mit Medikamenten behandelt. Folgende Arzneien bekämpfen die Parasiten:

Ivermectin: Dieser Wirkstoff kommt sehr häufig zum Einsatz. Er lähmt die Würmer und tötet besonders die Larven ab. Im Rahmen gewaltiger Bekämpfungsprogramme wurde von der Pharmaindustrie gespendetes Ivermectin über Jahre an die betroffene Bevölkerung in Afrika und Südamerika ausgegeben, was zu einem erheblichen Rückgang der schweren Form der Krankheit geführt hat. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO hatten im Jahr 2016 mehr als 130 Millionen Menschen im Rahmen solcher Anstrengungen eine Behandlung erhalten. Die Infektionshäufigkeit sank seit 1995 teilweise um über 70 Prozent.

Auch Doxycyclin – ein Antibiotikum – wird zur Behandlung der Flussblindheit eingesetzt. Doxycyclin tötet in den Würmern lebende Bakterien (Wolbachien) ab, welche die weiblichen Würmer unterstützend zur Fortpflanzung benötigen. Als Folge der Antibiotika-Behandlung können sich die Erreger der Flussblindheit nicht weiter vermehren. Dieses sehr interessante Wirkprinzip wurde in den vergangenen zehn Jahren entdeckt. Doxycyclin wird in großflächigen Studien in Westafrika eingesetzt. Der Nachteil ist die relativ langzeitige Einnahme über 6 Wochen. Die Kombination mit Ivermectin am Ende des Behandlungszyklus und nach drei Monaten ist heute Standard. Menschen, die ständig den Erregern ausgesetzt sind, werden noch immer bevorzugt über viele Jahre regelmäßig mit Ivermectin behandelt.

Heute nicht mehr verwendete Medikamente:

Diethylcarbamazin hat ebenfalls eine lähmende Wirkung auf die Parasiten und behindert die Wanderung der Larven durch das Gewebe. Auf ausgewachsene Onchozerka-Würmer hat die Substanz aber wenig Einfluss. Diethylcarbamazin kann zu einer starken allergischen Reaktion (anaphylaktischer Schock) führen und wird daher nicht mehr empfohlen.

Suramin wurde früher angewendet, da es eine Wirkung auf die erwachsenen Würmer hat. Auf Grund seiner Nebenwirkungen war es umstritten und kommt heute nicht mehr zum Einsatz.

Trotz einer medikamentösen Therapie der Flussblindheit kann es auch immer zu Rückfällen kommen, da meist nicht alle Würmer abgetötet werden können.

Die knotigen Bindegewebsveränderungen (Onchozerkome) werden heutzutage üblicherweise nicht mehr in einer Operation herausgeschnitten, weil das die Krankheit nicht wirklich eindämmen kann. Nur kopfnahe Onchozerkome werden oft noch herausoperiert, da sie sich in gefährlicher Nähe zu den Augen befinden. Leicht könnten Larven von den Knoten am Kopf aus in das Sehorgan einwandern und schlimmstenfalls zur Blindheit führen (siehe Kapitel Symptome). Auch kosmetisch oder mechanisch störende Knoten werden entfernt.

Vorbeugung

Für Reisende in tropische Länder ist generell ein Schutz vor Insektenstichen und -bissen empfohlen. Besonders in den Risikogebieten der Flussblindheit ist es wichtig, Mittel zur Mückenabwehr (Repellents) zu verwenden. Die Kleidung sollte möglichst viel Haut bedecken. Auch Moskitonetze halten Kriebelmücken ab.

Im Rahmen verschiedener internationaler Projekte gelang es bereits, die Flussblindheit teilweise einzudämmen. Dazu erhalten in Afrika Millionen Anwohner betroffener Regionen regelmäßig Medikamente. Außerdem wurden die Kriebelmücken zeitgleich mit Insektengift (Insektiziden) in großflächigen Bekämpfungsprogrammen reduziert. Trotzdem gilt die Flussblindheit weltweit noch immer als häufige Ursache für eine infektionsbedingte Erblindung.

Dr. Hinrich Sudeck ist Internist und Tropenmediziner. Nach seiner Ausbildung in Hamburg und Liverpool war er von 1990 bis 2006 am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg tätig. Von 2002 bis 2006 war er dort leitender Oberarzt. Von 2006 bis 2014 war er Oberarzt am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg und Leiter des Fachbereiches Tropenmedizin der Bundeswehr am Bernhard-Nocht-Institut. Dr. Sudeck war mehrere Jahre in Westafrika tätig. Er ist Weltgesundheitsorganisations-Experte für das Management von viralen hämorrhagischen Fiebern und war langjährig Schriftführer der deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und internationale Gesundheit (DTG). Dr. Sudeck ist spezialisiert auf seltene und importierte Krankheiten. Ende 2014 war er fünf Wochen in Liberia im Rahmen der Ebolabekämpfung. Inzwischen ist er freiberuflich im Bereich Tropenmedizin tätig.