Wadenkrämpfe

Unangenehm, aber meist harmlos: Wadenkrämpfe. Die Ursachen sind oft leicht auszumachen. Nur manchmal stecken ernsthafte Erkrankungen hinter Krämpfen in Wade und Fuß

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 20.10.2016

Wie Wadenkrämpfe sich zeigen

Sie können höllisch schmerzen und kommen meist ohne Vorwarnung – in der Gymnastikstunde, beim Waldlauf, im Schwimmbad oder nachts im Schlaf: Krämpfe in der Wade. Der Muskel zieht sich peinvoll zusammen, wird hart und bleibt so starr für Sekunden bis Minuten. Wer solche unliebsamen Überfälle kennt, wendet häufig instinktiv das richtige Mittel an: Er dehnt die Wadenmuskulatur. Zieht die Fußspitze in Richtung Körper, tritt mit der Ferse nach vorne. Oder er stellt das attackierte Bein durchgestreckt nach hinten und drückt die Ferse dabei fest auf den Boden. Dann löst sich der Krampf, die Schmerzen vergehen. Nur manchmal bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück, wie bei einem Muskelkater.

Nicht immer lässt sich für die peinvollen Muskelkrämpfe eine Ursache finden. Wenn diese sogenannten idiopathischen Wadenkrämpfe nicht zu oft auftreten und sich gleich wieder legen, besonders nach den Dehnübungen, besteht meist kein Grund zu Sorge. Eine familiäre Veranlagung kommt mitunter vor.

Die Krämpfe (medizinisch Crampi oder Krampi, im weiteren Sinne verwenden Ärzte auch den Begriff Spasmus) können tagsüber auftreten, bei bestimmten Aktivitäten, aber auch abends im Bett, beim Einschlafen oder mitten in der Nacht. Manchmal ziehen sich auch Muskeln vorne oder seitlich am Schienbein, an der Fußsohle und an den Zehen zusammen. Die Frage nach dem Wann und dem Wo weist bisweilen schon die Richtung, wenn es darum geht, mögliche Auslöser für einen Wadenkrampf zu ergründen. Zwei gegensätzliche Ursachen stehen dabei ganz oben auf der Liste. Entweder überfordern Wadenkrampfgeplagte ihre Muskulatur, oder sie unterfordern sie.

Wie es zu Wadenkrämpfen kommt

– Überanstrengte oder untrainierte Muskeln, gestörter Flüssigkeits- und Mineralhaushalt

Sportler haben des Öfteren mit Schmerzattacken im Bein zu tun – wenn sie sich zu viel zumuten, ihre Muskeln nicht zur Ruhe kommen lassen. Schwitzen sie dazu auch noch stark und trinken sie zu wenig, verlieren sie Flüssigkeit und wichtige Mineralstoffe. Diese brauchen die Nerven jedoch, um geordnete Befehle an die Muskelfasern leiten zu können, die sich dann je nach Bedarf zusammenziehen, auseinanderdehnen oder entspannen. Auch die Muskelfunktionen selbst sind auf einen ausgeglichenen Mineralstoffhaushalt angewiesen. Eine ohnehin schon übermüdete Muskulatur bekommt doppelt Probleme mit der nötigen Feinabstimmung, wenn Mineralstoffe, etwa Magnesium und Kalium, fehlen.

Die andere Seite: Wer nach einer langen Trainingspause wieder motiviert einsteigt, spürt oft schon bald, wie die durchs Nichtstun verkürzten Muskeln unkontrolliert hart werden, etwa wenn der fleißige Turner mit bestimmten Übungen gerade diese Partien anspannt. Menschen, die viel am Schreibtisch und abends vor dem Fernseher sitzen, bekommen die Folgen der muskulären Unterforderung häufig nachts zu spüren.

Manche bemerken auch, dass sich ihre Bein- oder Fußmuskulatur verkrampft, nachdem sie einige Zeit in unbequemen Schuhen unterwegs waren und ihre Muskeln dadurch unter Dauerspannung standen. Bei Fußfehlstellungen, Senk- oder Spreizfüßen können ebenfalls abendliche oder nächtliche Fußkrämpfe auftreten.

– Verändertes Muskelspiel im Alter und in der Schwangerschaft

Mit den Lebensjahren neigen die Muskeln dazu, sich zu verkürzen, der Körper baut Muskelmasse ab, wenn man nicht bewusst durch regelmäßige Bewegung gegensteuert. Viele ältere Menschen trinken außerdem zu wenig oder ernähren sich einseitig. Das beeinträchtigt den Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt (Elektrolythaushalt). Dazu kommen weitere Einflüsse: hormonelle Schwankungen, Durchblutungsstörungen, Probleme mit dem Rückgrat und den dort verlaufenden Nerven, die Nebenwirkungen verschiedener Medikamente.

Das Wechselspiel der Hormone und Stoffwechselveränderungen führen bei Schwangeren zu Verschiebungen im Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt. Gerade in der zweiten Schwangerschaftshälfte besteht unter anderem erhöhter Bedarf an Magnesium. Ein Mangel hier kann dann der Grund für nächtliche Wadenkrämpfe sein.

Weniger häufig: Krankhafte Ursachen für Wadenkrämpfe

Wenn sich die Muskeln immer wieder schmerzhaft und anhaltend verkrampfen, eventuell nicht nur in der Wade oder im Fuß, sondern auch in anderen Körperpartien, wenn weitere Beschwerden wie Schmerzen, Schwellungen oder Taubheitsgefühle dazukommen, kann manchmal auch eine ernsthafte Ursache dahinterstecken. Wer eine chronische Stoffwechselerkrankung wie Diabetes oder eine chronische Nierenschwäche hat, sollte ohnehin körperliche Veränderungen aufmerksam beobachten, damit er rechtzeitig seinen Arzt konsultiert, um möglichen Komplikationen gegenzusteuern. Nierenkranke, die eine künstliche Blutwäsche (Dialyse) benötigen, haben manchmal vermehrt mit Wadenkrämpfen zu tun.

Für Menschen, die unter Alkoholsucht leiden, sind Krämpfe und Missempfindungen in den Beinen ebenfalls Alarmzeichen für Mangelzustände und Nervenschädigungen.

Infekte mit hohem Fieber und/oder Durchfällen und Erbrechen führen bisweilen schnell zu bedrohlichen Ungleichgewichten im Wasser-Salz-Haushalt (Elektrolythaushalt) mit ausgeprägtem Mineralstoffmangel. Mitunter kommen auch Medikamente als Auslöser infrage.

Außerdem können Nervenstörungen oder Nervenerkrankungen (Polyneuropathien) für Wadenkrämpfe verantwortlich sein. Nächtliche, schmerzhafte Wadenkrämpfe sind vereinzelt ein Hinweis auf die amyotrophe Lateralsklerose, eine fortschreitende Erkrankung der Bewegungsnerven im Gehirn und Rückenmark.

Selten verbergen sich Muskelerkrankungen (Myotonien, metabolische Myopathien, Dystonien) hinter den Krämpfen. Solche Erkrankungen sind meist erblich und machen sich häufig schon im Kindes- und Jugendalter mit charakteristischen Beschwerden bemerkbar. Sie können praktisch alle Skelettmuskeln erfassen. Typisch für sogenannte Myotonien ist oft, dass sich einmal angespannte Muskeln nur noch mühsam entspannen. So lassen sich etwa die zur Faust geballte Hand oder die geschlossenen Augenlider nur mehr langsam öffnen. Dazu kommen vermehrte Muskelsteifigkeit, manchmal Lähmungsattacken und bei einigen Krankheitsbildern auch Wadenkrämpfe.

Wadenkrämpfe: Wann zum Arzt?

Sprechen Sie in jedem Fall mit Ihrem Arzt, wenn

  • Sie häufig Muskelkrämpfe im Bein haben
  • Sie feststellen, dass die Krämpfe sich nicht lösen, wenn Sie die Wadenmuskulatur dehnen und andere Selbsthilfetipps anwenden,
  • die Krämpfe sehr schmerzhaft sind und oft minutenlang anhalten,
  • Sie wegen der Krämpfe nicht schlafen können und am Tage müde und unkonzentriert sind,
  • die Krämpfe immer wieder bei bestimmten Bewegungen einsetzen.

Gehen Sie ebenso zum Arzt, wenn andere Symptome und Auffälligkeiten dazukommen, zum Beispiel:

  • Lähmungserscheinungen im Bein, Kribbeln und Taubheitsgefühle (Notfall!),
  • häufige oder plötzliche Schmerzen im Bein, Fuß oder in der Leiste,
  • Schwellungen an Bein oder Fuß,
  • Rückenschmerzen.

Der Arzt, zunächst der Hausarzt beziehungsweise ein Facharzt für innere Krankheiten (Internist), wird Sie gründlich untersuchen und je nach Diagnose selbst behandeln oder an einen Kollegen aus einem anderen Fachgebiet überweisen. Das kann zum Beispiel ein Spezialist für Nervenerkrankungen (Neurologe) oder für die Bewegungsorgane (Orthopäde) sein (siehe dazu Kapitel "Diagnose").

Nicht zu verwechseln sind Wadenkrämpfe mit anderen Beschwerden in den Beinen, wie dem Syndrom der unruhigen Beine, "Restless-Legs-Syndrom", oder vorübergehenden, oft nächtlichen Muskelzuckungen, die weniger schmerzhaft als unangenehm sind. Die Muskeln verkrampfen sich dabei nicht und werden auch nicht hart. Die Missempfindungen können aber zu nachhaltigen Schlafstörungen führen.

Übersicht über mögliche Ursachen von Wadenkrämpfen

Lebensstil, körperliche Besonderheiten

  • Ungünstige Schlafposition (zum Beispiel mit überstrecktem Fuß schlafen, weil die Bettdecke am Fußende fest eingeschlagen ist, unbequem liegen, weil die Matratze nicht passt und vieles mehr – Krämpfe nachts)
  • Überlastung der Muskeln am Tag (löst häufig nachts Wadenkrämpfe aus)
  • Übermäßige oder einseitige belastete Muskeln beim Sporttreiben (Krämpfe beim Sport)
  • Sportliche Aktivität bei hohen Temperaturen mit ungenügender Flüssigkeitszufuhr (Krämpfe beim Sport)
  • Schwimmen im kühlen Wasser (gefährliche Krämpfe während des Schwimmens)
  • Einseitige Haltungen, in der die Muskeln über längere Zeit gehalten werden (Beispiel: längeres Sitzen in einer bestimmten Position – Krämpfe in Ruhe, bei erneuten Bewegungen, nachts)
  • Fehlstellungen an Fuß oder Bein, wie Senkfüße, die die Muskeln stärker oder einseitig belasten, schlecht sitzende Schuhe, die zu erhöhter Anspannung der Beinmuskulatur führen (Krämpfe während des Gehens, in Ruhe, nachts)
  • Körperliche Aktivität nach längerer Pause, Übungen mit Muskeln, die sich schon verkürzt haben (Krämpfe während der Aktivität, nachts)
  • Alterserscheinung (Krämpfe häufig nachts, aber auch untertags. Mögliche Gründe: zu geringe Trinkmengen, zu wenig Bewegung, unerwünschte Medikamentenwirkungen, Muskelabbau, Muskelverkürzungen, Nervenstörungen)
  • Schwangerschaft (Krämpfe häufig nachts)

Siehe dazu auch Kapitel "Therapie und Selbsthilfe".

Ungleichgewichte im Elektrolythaushalt, Stoffwechselprobleme, Hormonstörungen

  • Gestörter Wasser-Salz-Haushalt (Elektrolythaushalt), Mangel an Magnesium, Natrium und anderen Mineralien beziehungsweise Salzen (Krämpfe untertags, bei Aktivitäten, nachts. Ursachen hierfür können unter anderem sein: zu wenig trinken, schwitzen, Durchfall, Erbrechen, Alkoholmissbrauch, erhöhte Harnausscheidung bei Nierenschwäche)
  • Medikamente (Abführmittel, Bluthochdruckmedikamente, Verhütungsmittel – Krämpfe nachts und untertags)
  • Krankhafter Magnesiummangel (Hypomagnesiämie – Krämpfe untertags und nachts)
  • Nierenschwäche (Niereninsuffizienz – vor allem bei chronischer Nierenschwäche Wadenkrämpfe und Muskelzuckungen neben anderen Beschwerden)
  • Hormon- und Stoffwechselerkrankungen:
    – Nebenschilddrüsenunterfunktion (anfallsartige Muskelkrämpfe)
    – Folgeerscheinungen bei Nebennierenrindenversagen  (unter anderem Muskelkrämpfe und Muskelschwäche in den Beinen)
    – Diabetes mellitus (nächtliche Wadenkrämpfe)
    – Schilddrüsenunterfunktion (Krämpfe nachts möglich, aber nicht vorherrschend)
    – Diabetes insipidus (Erkrankung aufgrund einer bestimmten Hormonstörung oder eingeschränkter Nierenfunktionen; auch Wadenkrämpfe möglich)

Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Elektrolythaushalt".

Nervenschäden

  • Nervenschädigungen aufgrund von Diabetes (Polyneuropathie: brennende und stechende Schmerzen, zum Beispiel an den Füßen, Taubheitsgefühl, Muskelkrämpfe, vorwiegend nachts; es gibt auch Überlappungen mit Magnesiummangel, siehe oben)
  • Crampus-Faszikulations-Syndrom (Beschwerdebild meist ohne krankhafte Entwicklung mit Wadenkrämpfen, Schmerzen in den Beinen)
  • Nervenschäden durch Alkoholmissbrauch (Schmerzen in den Beinen, Muskelkrämpfe häufig nachts, Muskelschwäche, Taubheitsgefühle, Zittern, schweißnasse, kalte Füße)
  • Nervenerkrankungen und -lähmungen, Rückenmarkserkrankungen (amyotrophe Lateralsklerose – häufig nächtliche Wadenkrämpfe zu Beginn der Erkrankung)
  • Eingeengte Nerven im Wirbelkanal, Bandscheibenprobleme (Schmerzen im Rücken und in den Beinen, Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen, Wadenkrämpfe möglich)

Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Nervenschäden".

Muskelerkrankungen

  • Myotonien, metabolische Myopathien, Dystonien (vielfältige Symptome, oft schon im Kindesalter, häufig mit Muskelkrämpfen an unterschiedlichen Skelettmuskeln bei Bewegung, Stress oder Kälte, auch in Ruhe, Muskelsteifigkeit; nicht kontrollierbare Bewegungen bei Dystonien)

Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Muskelkrankheiten".

Wadenkrämpfe haben letztlich immer etwas mit den für die Muskeln zuständigen Nerven sowie mit dem Mineralstoffwechsel zu tun. Dieser ist unentbehrlich für die Weiterleitung und Beantwortung von Reizen und damit für Muskelkontraktion und -entspannung. Viele mögliche Ursachen haben Störungen in diesen Abläufen zur Folge. Damit können sie neben anderen charakteristischen Symptomen auch Krämpfe in der Wadenmuskulatur und in den Füßen auslösen.

Wichtig: Überforderung und Unterforderung, vorübergehender Flüssigkeits- und Mineralstoffmangel (etwa bei starken Durchfällen oder Erbrechen), eine Schwangerschaft oder stoffwechselbedingte Nervenschäden (Diabetes, Alkohol) gehören mit Abstand zu den häufigsten Auslösern.

Erkrankungen des Zentralnervensystems im Gehirn, die Bewegungszentren betreffen, wie etwa die Parkinson-Krankheit oder spastische Erkrankungen, sowie weitere Krankheiten, die die Muskel-Nerven-Leitbahnen erfassen, können ebenfalls mit Krämpfen in den Beinen einhergehen. Allerdings stehen bei solchen Krankheiten immer andere Leitsymptome im Vordergrund und von Muskelzuckungen und -verhärtungen (Spasmen) sind auch oder sogar vorwiegend andere Körperpartien erfasst.

Bestimmte bakterielle Infektionen wie die hauptsächlich durch Tiere übertragene Leptospirose lösen neben Fieber und grippeähnlichen Beschwerden heftige, krampfähnliche Wadenschmerzen aus.

Nicht wenige Menschen, die mit Wadenkrämpfen zu tun haben, vermuten, dass ihre Beschwerden mit einem Venenleiden wie Krampfadern zusammenhängen. Dafür gibt es aber keine gesicherten medizinischen Belege. Sehr viel häufiger stecken dann zum Beispiel Fehlbelastungen durch Gelenkprobleme dahinter.

Therapie von Wadenkrämpfen: Dehnen und bewegen

Grundlage der Behandlung und Vorbeugung von Wadenkrämpfen sind Übungen, die die Unterschenkelmuskulatur dehnen. Maßvolle, aber regelmäßige Bewegung ist das beste Mittel gegen die schmerzhaften Crampi. Dazu heißt es, ausreichend trinken und sich ausgewogen ernähren. Manchmal sind Magnesiumpräparate in Absprache mit dem Arzt hilfreich. Haben die Beschwerden eine krankhafte Ursache, behandelt der Arzt die jeweilige Erkrankung.

In den folgenden Kapiteln (siehe auch Kapitellinks oben) erfahren Sie mehr zu möglichen Untersuchungsschritten und zu krankhaften Ursachen. Selbsthilfetipps im Kapitel "Therapie und Selbsthilfe" schließlich zeigen, wie Sie im Alltag am besten mit harmlosen Wadenkrämpfen umgehen.

 

Fachliteratur für diesen Ratgeber

Mattle H. Mumenthaler M: Neurologie. 13. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2013
Herold G et al.: Innere Medizin, Köln Gerd Herold 2014
Böhm M, Hallek M, Schmiegel W (Hrsg): Innere Medizin, begr. von Classen M, Diehl V, Kochsiek H, 6. Auflage, München Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2009
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Crampi/Muskelkrampf. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/037. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-037.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Amyotrophe Lateralsklerose. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/001. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-001.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik bei Polyneuropathien. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/067. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-067.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Dystonie. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/039. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-039.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Lumbale Radikulopathie. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/058. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-058.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik von Myopathien. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/115. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-115.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Myotone Dystrophien, nichtdystrophe Myotonien und periodische Paralysen. Leitlinie 09/2012, awmf-Register-Nr. 030/055. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-055.html (Abgerufen am 11.09.2014)
Klinke R, Pape H-C, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg): Physiologie. 6. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2010
Breckwoldt M, Kaufmann M, Pfleiderer A: Gynäkologie und Geburtshilfe. Stuttgart Georg Thieme Verlag 2008

Fachredaktion: Dr. med. Claudia Osthoff

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Wadenkrämpfe: Wann ist der Arzt gefragt?

Solange Krämpfe in der Unterschenkelmuskulatur und in den Füßen nur gelegentlich nachts oder untertags auftreten, sind sie meist harmlos. Sie haben häufig keine erkennbare Ursache. Die Krämpfe können jedoch auch Warnzeichen dafür sein, dass Sie Ihre Muskeln entweder überlastet oder aber zu wenig gefordert haben. Dehnungsübungen, gezieltes Training helfen dann in der Regel. Auch ein vorübergehendes Ungleichgewicht im Wasser-Salz-Haushalt, weil Sie stark geschwitzt und/oder zu wenig getrunken hatten, lässt sich meist rasch wieder ausgleichen.

Gehen Sie jedoch zum Arzt, wenn die Krämpfe Ihnen vermehrt zu schaffen machen und Dehnen keine Wirkung zeigt. Wenn solche Crampi sich häufiger einstellen, sehr schmerzhaft sind und länger als ein paar Sekunden anhalten, sollten Sie mit Ihrem Hausarzt oder Internisten darüber sprechen. Das gilt in besonderem Maße, wenn oft Schmerzen im Bein, Taubheitsgefühle oder Kribbeln auftreten. Werden Sie auch aufmerksam, wenn weitere Krankheitszeichen dazukommen, etwa Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Nachtschweiß. Weitere Warnzeichen sind außerdem Muskelkrämpfe in anderen Körperteilen, ein Schwächegefühl in den Muskeln, Gang- oder Bewegungsunsicherheiten, Müdigkeit und Abgeschlagenheit.

Der Arzt wird Muskelkrämpfe zudem immer dann abklären, wenn Sie schon Vorerkrankungen haben, etwa einen zu hohen Blutdruck, Diabetes oder eine Nierenkrankheit.

Wegweisend bei Wadenkrämpfen: Das Arzt-Patient-Gespräch

Der Hausarzt kennt zumeist die Krankengeschichte, eventuelle Grunderkrankungen seines Patienten und die Medikamente, die er einnimmt. Veränderungen hier können für ihn besonders aufschlussreich sein, ebenso eine noch nicht bekannte Schwangerschaft.

Schildern Sie Ihrem Arzt genau, wann und wie oft die Wadenmuskulatur sich verkrampft, welche Muskeln genau sich verhärten, wie die Spasmen sich äußern, wie lange sie anhalten, was Sie dagegen unternehmen. Der Arzt wird zudem wissen wollen, ob andere Mitglieder Ihrer Herkunftsfamilie häufiger an Muskelkrämpfen leiden oder gelitten haben.

Berichten Sie dem Arzt auch, ob Sie körperlich aktiv sind, und wenn ja, in welcher Form. Ihre Trink- und Ernährungsgewohnheiten sind für ihn von Interesse, ebenso Ihr Alkoholkonsum und ob Sie rauchen. Sagen Sie es dem Arzt auch, wenn Sie in der letzten Zeit vermehrt geschwitzt haben, häufig Wasser lassen mussten, (Brech-)Durchfälle oder eine Verletzung, etwa an den Beinen oder am Rücken hatten.

In der ersten Analyse der Symptome wird der Arzt die Wadenkrämpfe auch schon von anderen Muskelproblemen abgrenzen, die in den Beinen auftreten können. Das können zum Beispiel gelegentliche, meist nächtliche Muskelzuckungen oder ein Syndrom der unruhigen Beine (Restless-Legs-Syndrom) sein. Ebenso gilt es, andere Beschwerden abzuklären, die typisch für arterielle Durchblutungsstörungen in den Beinen (periphere arterielle Verschlusskrankheit, pAVK) sind.

Häufige körperliche Untersuchungen und Laboranalysen in der Diagnose von Wadenkrämpfen

Der Arzt wird sich Beine und Füße, den Rücken, Arme und Hände sowie den Kopfbereich genau ansehen. Er kontrolliert die Gefäßpulse und misst den Blutdruck. Mit bestimmten Tests prüft er Nervenreaktionen, indem er zu Beispiel das Zusammenziehen der Muskeln durch Beklopfen provoziert. Weitere eingehende Nervenprüfungen nimmt in der Regel ein Nervenarzt (Neurologe) vor.

Blutuntersuchungen geben Aufschluss über den Elektrolythaushalt, die Blutzuckerwerte, über Nieren- und Leberfunktion. Ebenso lässt der Arzt die Schilddrüsenhormone und eventuell noch weitere Hormonwerte bestimmen, Muskelenzyme im Blut messen sowie gegebenenfalls einen Schwangerschaftstest durchführen. Darüber hinaus gehören Urinanalysen oft zum Untersuchungsprogramm dazu.

Zu den Fachärzten, an die der Hausarzt je nach Verdacht seinen Patienten überweist, gehören in erster Linie ein Internist, ein Neurologe oder ein Orthopäde.

Mögliche apparative Verfahren und weiterführende Tests bei Wadenkrämpfen

Eine weiterführende Untersuchung der Nervenfunktionen stellt die sogenannte Elektromyografie (EMG) dar. Sie erlaubt es, die elektrischen Abläufe und damit auch die Nervenaktivitäten in einem Muskel zu messen. Das geschieht meist mit Hilfe feinster Nadelelektroden, die in den Muskel selbst gestochen werden und die die elektrischen Aktivitäten des jeweils entspannten und angespannten Muskels ableiten. Eine Elektroneurografie (ENG) ergänzt häufig diese Messung. Sie erfasst über auf der Haut angebrachte Elektroden die Nervenleitgeschwindigkeit. Diese zeigt an, wie schnell die Nervenfasern elektrische Reize, also bestimmte Kommandos an die Muskelfasern, weitergeben.

Spezielle Bluttests (zum Beispiel der Laktat-Ischämie-Test) weisen auf krankhafte Veränderungen im Stoffwechsel der Muskeln hin. Mitunter sind auch feingewebliche Untersuchungen von Muskelgewebe angezeigt, wenn Hinweis auf eine meist erbliche, stoffwechselbedingte Muskelerkrankung besteht (metabolische Myopathie, siehe auch Kapitel "Ursache: Muskelkrankheiten")

Computertomografie und Magnetresonanztomografie können die Ärzte heranziehen, um sich ein Bild von der Wirbelsäule, den Bandscheiben und dem Wirbelsäulenkanal zu verschaffen. Manchmal ist in sehr seltenen Fällen zusätzlich eine spezielle Röntgenuntersuchung des Rückenmarkkanals mit Kontrastmittel notwendig, die Myelografie. Sie zeigt Verengungen und Erkrankungen im Rückenmarkkanal beziehungsweise an Nervenwurzeln auf. Neurologen setzen zudem die Magnetresonanztomografie beziehungsweise Kernspintomografie ein, um mögliche Muskelerkrankungen genauer zu bestimmen.

Ultraschalluntersuchungen von Venen und Arterien klären über den Zustand der Durchblutung in den Beinen auf. Eine Farbdoppler-Sonografie lässt erkennen, ob die Blutzirkulation gestört ist und ob Venenklappen nicht richtig schließen.

Vermutet der Arzt aufgrund der klinischen Untersuchungsergebnisse, der Krankengeschichte und der Beschwerden des Patienten eine arterielle Verschlusskrankheit in den Beinen, sind spezielle Gefäßuntersuchungen sinnvoll. Dazu gehören bestimmte Gehtests sowie Messungen des Blutdrucks in den Beinen, ebenfalls mit Hilfe eines Ultraschallgeräts (Dopplerdruckmessung). Der Facharzt überprüft zudem den Blutflusses in den Schlagadern. Die Doppleruntersuchung kann auch mögliche Engstellen aufzeigen. Ausführliche Informationen dazu finden Sie im Ratgeber "Durchblutungsstörungen in den Extremitäten (PAVK)".

Ultraschalluntersuchungen, zusätzlich auch die Farbdoppler-Sonografie, ziehen zudem die Internisten zur Diagnose von Nieren- und Lebererkrankungen heran. Sie werden begleitet von einer Reihe spezieller Blut- beziehungsweise Urintests.

Liegt eine krankhafte Ursache vor, wird der Arzt entsprechende Behandlungsmaßnahmen einleiten. Einige der Krankheitsbilder, die unter anderen Symptomen auch Wadenkrämpfe auslösen können, sind in den folgenden Ursachenkapiteln aufgeführt.

Wie Störungen im Mineralstoffhaushalt (Elektrolythaushalt) Wadenkrämpfe auslösen

Salze, also Mineralien wie Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium, spielen für die Muskelaktivitäten eine entscheidende Rolle. Sie sind zu einem großen Teil im Körperwasser als sogenannte Elektrolyte gelöst. Als elektrisch geladene Ionen leiten sie Nervensignale an die Muskelzellen weiter, damit diese sich nach Bedarf verkürzen oder in die Länge dehnen.

Unser Körper besteht bis zu über zwei Drittel aus Wasser, das sich in den Körperzellen, den Räumen dazwischen und im Blutkreislauf befindet. In einem jeweils feinst abgestimmten Verhältnis enthält es neben Salzen noch weitere lebenswichtige Stoffe wie Eiweiße. Das Wasser nimmt der Körper in erster Linie über den Verdauungstrakt auf und scheidet es größtenteils über die Nieren wieder aus. Ein Teil verdunstet über die Haut und die Atmung.

Aufnahme und Ausscheidung sollten möglichst ausgeglichen sein. Wenn wir zu wenig trinken oder heftig schwitzen, verliert der Körper mit der Flüssigkeit auch Salze. Können wir den Verlust nicht rasch ersetzen, entstehen Ungleichgewichte im Elektrolythaushalt und damit Mangelzustände.

Infektionen, die mit hohem Fieber einhergehen, Darminfektionen oder die Folgen starker Hitzeeinwirkung bringen den Salz-Wasser-Haushalt mitunter akut in Gefahr. Das kann auch passieren, wenn jemand unkontrolliert wasserausscheidende Medikamente (Diuretika) einnimmt. Nierenfunktionsstörungen sowie Erkrankungen, die den Stoffwechsel und dafür maßgebliche Hormone beeinflussen, wie Diabetes oder Schilddrüsenstörungen (siehe unten), können die Elektrolytkonzentrationen bedrohlich verschieben.

Magnesiummangel als wichtige Ursache von Wadenkrämpfen

Magnesium hat, wie auch Kalzium, einen besonderen Einfluss auf die Aktivitäten zwischen Nervenzellen und Muskel. Hat der Körper zu wenig davon, fehlt den Nervenreizen teilweise die nötige dämpfende Steuerung. Die Folge sind unkontrollierte Impulse, die Muskeln verkrampfen sich. Ein krankhafter Magnesiummangel (Hypomagnesiämie) kann bei seltenen erblich bedingten Magnesiumverlusterkrankungen auftreten. Zu den Hauptursachen zählt aber eine unausgewogene Ernährung, etwa infolge von Alkoholsucht, künstlicher Ernährung, Essstörungen oder durch Missbrauch von Abführmitteln.

In der Schwangerschaft ist der Magnesiumbedarf erhöht. Dadurch kann es zu Mangelerscheinungen kommen.

Zu den Medikamenten, die den Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt beeinflussen und damit unter anderem zu einem Magnesiummangel führen können, gehören neben wasserausscheidenden Mitteln (Diuretika) bestimmte die Immunabwehr unterdrückende Medikamente. Entsprechende Nebenwirkungen haben möglicherweise auch Chemotherapeutika und eine Gruppe von Antibiotika, die Aminoglykoside.

Auch bei einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung sowie im Rahmen eines Diabetes mellitus (siehe auch unten) oder einer Schilddrüsenüberfunktion nimmt bisweilen die Magnesiumkonzentration ab. Das ist auch der Fall bei einer Reihe von Darmerkrankungen, die mit einer sogenannten Malabsorption, einer gestörten Aufnahme von Nahrungsstoffen einhergehen. Sie tritt etwa bei chronischen Entzündungen der Bauchspeicheldrüse auf, bei Morbus Crohn, Zöliakie, Morbus Whipple, Lymphomen (Lymphknotenvergrößerungen) im Darmbereich und anderen Störungen.

Mit einer Hypomagnesiämie geht häufig auch ein Kalzium- und/oder Kaliummangel einher.

Symptome: Kribbeln, Taubheitsgefühle in den Gliedern, Wadenkrämpfe, Muskelzuckungen, innere Unruhe, Gereiztheit, depressive Verstimmung, Schwächegefühl, Schwindel, Herzjagen, Bauchkrämpfe. Bei schwerem Krankheitsverlauf sind Krampfanfälle möglich.

Diagnose und Therapie: Durch bestimmte Umstände hervorgerufene, vorübergehende Störungen im Elektrolythaushalt lassen sich durch vermehrtes Trinken und eine ausgewogene Ernährung wieder ausgleichen. Bei Durchfallerkrankungen helfen Elektrolytlösungen, den Verlust an Salzen zu normalisieren.

Falls angezeigt, geben Blut- und Urinuntersuchungen dem Arzt Aufschluss über eine Mineralstoffmangelsituation wie eine Hypomagnesiämie oder eine Hypokalziämie. Je nach Beschwerdebild sind eventuell weitere Untersuchungen nötig, um die eigentliche Ursache festzustellen.

Das fehlende Magnesium wird dann mit entsprechenden Präparaten ergänzt. Liegt dem Mangelzustand eine spezielle Erkrankung zugrunde, behandelt der Arzt hier gezielt die auslösenden Faktoren.

Wadenkrämpfe bei Nierenschwäche, Nierenversagen

Über den Urin scheiden die Nieren eine Reihe von Stoffwechselprodukten aus. Sie regeln den Wasser-Salzhaushalt (siehe oben), den Säure-Basenhaushalt, den Blutdruck und bilden bestimmte Hormone. Bei einer Nierenschwäche können die Nieren ihrer Funktion nur mehr eingeschränkt nachkommen, bei einem Nierenversagen (Niereninsuffizienz) fallen die Nieren innerhalb kurzer Zeit (akut) oder schleichend (chronisch) ganz aus. Die auszuscheidenden Substanzen verbleiben im Körper, der Wasser-Salz-Haushalt gerät durcheinander.

In diesem Zusammenhang können, vor allem als Spätsymptome bei einer chronischen Niereninsuffizienz, auch Wadenkrämpfe und Muskelzuckungen neben vielen anderen Beschwerden auftreten.

Die Folgen eines Nierenversagens sind lebensbedrohlich. Eine chronische Niereninsuffizienz kann sich zum Beispiel im Rahmen einer Diabeteserkrankung entwickeln, wenn die Blutzuckerwerte über längere Zeit schlecht eingestellt sind (diabetische Nephropathie). Es gibt noch weitere Erkrankungen, die die Nieren angreifen.

Ausführliche Informationen zu Ursachen, Symptomen, Diagnose und Therapie finden Sie im Ratgeber "Nierenversagen".

Stoffwechselkrankheit Diabetes mellitus: Vielschichtiger Auslöser für Wadenkrämpfe

Zuckerkrankheiten – der Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 – sind nicht nur für Störungen des Stoffwechsels, sondern auch für eine ganze Reihe von Funktionsstörungen verantwortlich. Folglich taucht der Begriff Diabetes in diesem Ratgeber wiederholt auf, da diese chronische Stoffwechselerkrankung in mehrfacher Hinsicht zu Wadenkrämpfen führen kann. Die vielfältigen Auswirkungen auf den Stoffwechsel machen sich bei Diabetes meist schon als Erstsymptome bemerkbar, während sich Nerven- und Gefäßstörungen erst in Laufe der Erkrankung entwickeln, insbesondere bei schlecht eingestellten Blutzuckerwerten.

Nächtliche Wadenkrämpfe sind zunächst ein Zeichen für einen gestörten Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt (siehe oben). Dabei kommt es auch zu einem Magnesiummangel. Später kann die Neigung zu Krämpfen und Schmerzen in den Beinen auf eine Nervenschädigung (diabetische Neuropathie, siehe Kapitel "Ursachen: Nervenstörungen") und/oder eine chronische Niereninsuffizienz (siehe oben) hinweisen.

Zu Ursachen, Symptomen, Diagnose und Therapie informieren eingehend die Ratgeber "Diabetes Typ 1" und "Diabetes Typ 2" auf www.diabetes-ratgeber.net

Wadenkrämpfe: Wenn der Hormonhaushalt gestört ist

– Nebenschilddrüsenunterfunktion (Hypoparathyreoidismus)

Die vier etwa linsengroßen Nebenschilddrüsen (siehe Bild) befinden sich in der Regel jeweils an den oberen und unteren Enden der Schilddrüse. Sie produzieren das Parathormon. Die Ursache für eine Unterfunktion sind häufig Schilddrüsenoperationen. Selten gibt es auch erblich bedingte oder durch unbekannte Vorgänge, möglicherweise autoimmunologisch ausgelöste Funktionsstörungen. Entsteht dadurch zu wenig Parathormon, wirkt sich das unter anderem auf den Elektrolythaushalt aus, der Kalziumspiegel sinkt ab, die Phosphatkonzentration steigt. Zu den kennzeichnenden Folgen gehören übererregbare Muskeln.

Symptome: Häufige Symptome sind Krämpfe in den Waden und vor allem in den Füßen, Krampfanfälle bei vollem Bewusstsein (Tetanie). Die anfallsartigen Muskelkrämpfe führen in den Händen zu einer typischen Pfötchenstellung und können auch die Stimmritze erfassen. Dazu kommen Kribbeln in Händen und Füßen.

Diagnose und Therapie: Klinische Tests von Muskelreaktionen, Blut- und Urinuntersuchungen geben Aufschluss. Der Arzt schließt durch entsprechende Untersuchungen auch ein sogenanntes Hyperventilationssyndrom aus. Dieses kann ähnliche krampfartige Beschwerden hervorrufen und oft bei Angstzuständen auftreten.

Mit einer streng vom Arzt kontrollierten Behandlung mit Kalzium- und Vitamin-D-Präparaten lassen sich die Mineralstoffungleichgewichte normalisieren und weitere Schäden an Haaren, Nägeln, Knochen, Augen und Lunge vermeiden.

Schilddrüsenunterfunktion: Dagegen gehören Wadenkrämpfe nicht kennzeichnend zu den vielfältigen Symptomen einer Schilddrüsenunterfunktion. Sie können jedoch möglicherweise im Zusammenhang mit gestörten Muskelreaktionen auftreten, die sich allerdings eher durch Muskelsteifigkeit, Muskelschwäche und Schmerzen äußern.

Lesen Sie mehr hierzu im Ratgeber "Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)".

– Nebennierenrindenunterfunktion

In der Rinde der Nebennieren, die oben auf den Nieren wie Hütchen aufsitzen, werden sogenannte Steroidhormone gebildet. Das sind die Glukokortikoide (Kortisol und andere), Mineralokortikoide (Aldosteron), die Einfluss auf den Mineralhaushalt haben, sowie Androgene (männliche Sexualhormone und Vorstufen für Östrogene). Eine Unterfunktion der Nebennierenrinde (Nebennierenrindeninsuffizienz) führt zu einem Kortisolmangel und zu Störungen im Elektrolythaushalt, vor allem in der Kalium- und Natriumkonzentration.

Mediziner unterscheiden eine primäre und eine sekundäre Form der Insuffizienz. Die primäre Form, auch Morbus Addison genannt, wird in erster Linie durch Autoimmunprozesse, seltener durch Infektionen wie Tuberkulose oder durch Tumoren und andere Erkrankungen verursacht. Unter Belastungen kann eine bedrohliche Addison-Krise auftreten.

Die sekundäre Form entwickelt sich aufgrund von Unterfunktionen in anderen hormonproduzierenden beziehungsweise -steuernden Organen, so in der Hirnanhangdrüse und im Hypothalamus. Das sind Bereiche im Gehirn, die eng abgestimmt über eigene Hormone wiederum die Hormonproduktion anderer Organe beeinflussen. Auch unter einer längeren Behandlung mit Kortisonpräparaten kann sich eine sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz entwickeln.

Symptome: Bei Morbus Addison fallen oft charakteristische Hautveränderungen auf, wie dunkle Flecken zum Beispiel im Gesicht, an Schleimhäuten wie Mundschleimhaut, an Handinnenflächen, an Narben, am Nagelbett. Menschen mit einer sekundären Nebennierenrindeninsuffizienz haben dagegen eher blasse Haut.

Neben den typischen Hautbildern kommt es leicht zu Wasser- und Salzverlusten mit Austrocknungserscheinungen und Verschiebungen im Elektrolythaushalt. Dann sind auch Muskelkrämpfe und Muskelschwäche in den Beinen möglich. Häufige Beschwerden sind Müdigkeit, Schwächegefühl, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Gewichtsabnahme, Verlust der Schambehaarung.

Kennzeichen einer Addison-Krise sind ein plötzlicher Blutdruckabfall mit möglichem Schockzustand, starke Austrocknung, verminderte Harnausscheidung, Fieber, Verwirrtheit.

Diagnose und Therapie: Blutuntersuchungen mit Hormonbestimmungen sind wegweisend. Ultraschallaufnahmen von Nebennieren und Bauchraum sowie eventuell eine Computertomografie festigen die Diagnose. Bei Verdacht auf Krebs kann zudem eine Röntgendarstellung von Blutgefäßen mit Hilfe von Kontrastmittel (Angiografie) angezeigt sein.

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Bei Morbus Addison erhalten die Erkrankten häufig Kortisonpräparate sowie Mineralokortikoide.

Weitere Informationen erhalten Sie im Ratgeber "Nebennierenrindeninsuffizienz".

– Diabetes insipidus

Eine vermehrte Urinausscheidung mit Salzverlusten tritt mitunter bei dem sogenannten Diabetes insipidus auf. Dieser hat nichts mit der Zuckerkrankheit zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine Gruppe von Erkrankungen, die zu einer veränderten Zusammensetzung des Urins führen. Entweder besteht ein Mangel an einem bestimmten Hormon aus der Hirnanhangdrüse, oder die Nieren sprechen nicht richtig auf das Hormon an. Zur Zuckerkrankheit Diabetes besteht insofern eine Parallele, als besonders für die Form Diabetes mellitus Typ 1, die häufg schon sehr früh im Leben auftritt, viel Durst, häufiger Harndrang und größere Urinmengen typische Zeichen sind (siehe unten).

Symptome: Es bilden sich große Mengen eines verdünnten Urins, die Betroffenen haben auffallend viel Durst und müssen häufig Wasserlassen. Krämpfe in Waden und Muskeln sind ebenfalls möglich.

Diagnose und Therapie: Mit Urinanalysen und Hormontests stellt der Arzt den jeweiligen Typ der Erkrankung fest. Je nach Verdacht schließt er möglicherweise mit bildgebenden Verfahren einen Tumor aus.

Entsprechend der Krankheitsform erwägt der Spezialist eine Behandlung der Ursachen des Hormonmangels oder eine Therapie der Nierenfunktionsstörung.

Nerven und Muskeln: Feinst abgestimmtes Zusammenspiel

Alle wesentlichen Vorgänge in unserem Körper laufen über die Aktivitäten von über 100 Milliarden Nervenzellen (fachsprachlich Neuronen). Unser Nervensystem teilt sich in zwei Bereiche: Gehirn und Rückenmark umfassen das Zentralnervensystem. Durch den übrigen Körper verzweigt sich das periphere Nervensystem. Es ist mit dem Zentralnervensystem verbunden und vermittelt den gesamten wechselseitigen Informationsfluss von dort zu allen Körperbereichen und umgekehrt. Dazu kommt das vegetative, unwillkürliche (autonome) Nervensystem, das die Funktionen innerer Organe steuert, etwa Herztätigkeit oder Verdauungsarbeit.

Funktionsstörungen können an unterschiedlichen Stellen in den Nervensystemen auftreten und sich entsprechend auf die Muskelaktivitäten auswirken. Sie entstehen durch Schäden an den feinsten Nervenverzweigungen in Gliedmaßen und Organen oder an den Rückenmarksnerven im Wirbelsäulenkanal. Mediziner sprechen bei Erkrankungen der Nerven von Neuropathien. Polyneuropathie bedeutet, dass mehrere periphere Nerven erkrankt sind. Zentrale Erkrankungen betreffen das Gehirn und Teile des Rückenmarks.

Krankheiten wie die amyotrophe Lateralsklerose schädigen bestimmte Bewegungsnerven im Gehirn und Rückenmark (siehe unten). Im Rückenmark geht es vor allem um die Vorderhornganglienzellen, die mit ihren peripheren Ausläufern jeweils für die Aktivitäten der ihnen zugeordneten Muskelfasergruppen zuständig sind. Auf ihre Reize hin ziehen sich die Muskeln zusammen oder entspannen sich. Schäden an diesen sogenannten Motoneuronen führen häufig entweder zu abgeschwächten oder zu übersteigerten Muskelreaktionen.

Polyneuropathien als Ursache für Wadenkrämpfe

Unterschiedliche Faktoren können den Stoffwechsel innerhalb peripherer Nervenzellen und ihrer Fortsätze (Axone) stören. Mehrere Nerven büßen dann ihre Funktionsfähigkeit ein und gehen zugrunde. Die Schädigung hat Folgen für die Funktion der Muskelfasern: Motorische Abläufe finden nicht mehr geordnet oder schließlich gar nicht mehr statt.

Zu Polyneuropathien kann es bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder durch Alkoholschäden kommen. Weitere mögliche Ursachen stellen Mangelernährung, etwa ein Mangel an B-Vitaminen und Eiweißstoffen, und Vergiftungen dar. Auch entzündliche Erkrankungen, Borreliose (fortgeschrittenes Stadium) oder Autoimmunreaktionen wie Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen) führen manchmal zu Nervenschäden. Diese können auch unter der Therapie bestimmter Medikamente auftreten. Es gibt zudem erblich bedingte Schädigungen.

Häufig äußern sich Polyneuropathien zunächst in den äußersten Gliedmaßen, vor allem in den Füßen und Beinen. Wadenkrämpfe fallen neben den jeweils kennzeichnenden Symptomen am ehesten bei der sogenannten sensomotorischen diabetischen Neuropathie oder bei Schädigungen durch Alkoholismus auf.

Symptome: Anfangszeichen sind häufig Kribbeln, Taubheitsgefühle sowie brennende Missempfindungen in Füßen und Beinen ("burning feet"), manchmal anfallsartig – zum Beispiel nachts oder bei Kälte. Dazu stellen sich Muskelschwäche oder -überaktivitäten, schmerzvolle Muskelkrämpfe, vor allem in den Unterschenkeln und Füßen, ein. Die Missempfindungen können auch Hände und Arme erfassen.

Mit fortschreitender Nervenschädigung treten weitere Symptome auf, wie nachlassendes Schmerz- und Temperaturempfinden, Muskelschwund, verminderte Schweißbildung, trockene Haut, Geschwüre an den Füßen.

Diagnose und Therapie: Die Untersuchungen umfassn Blutanalysen und Urintests, Prüfungen der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie) sowie der Muskelaktivitäten (Elektromyografie). Möglich sind zudem Röntgenaufnahmen, feingewebliche Untersuchungen von Muskelwebe und bestimmten Nerven sowie gegebenenfalls
Rückenmarkspunktionen (Lumbalpunktion). Je nach Verdacht erwägen die Fachärzte, in der Regel Neurologen, weitere Spezialuntersuchungen (siehe auch Kapitel "Diagnose").

Die Therapie erfolgt je nach Ursache. Für Diabetiker ist eine gute Blutzuckereinstellung grundlegend, um Nervenschäden und deren Fortschreiten möglichst zu vermeiden. Auch Alkoholverzicht sowie Rauchstopp sind absolut notwendig. Eventuell können bestimmte durchblutungsfördernde Salben und Medikamente, wie etwa Antiepileptika, bei starken Beschwerden in den Beinen hilfreich sein.

Lesen Sie mehr dazu im Ratgeber "Polyneuropathie – Ursachen und Therapien".

Krämpfe in den Waden durch das Schmerz-Faszikulationssyndrom, Crampus-Faszikulationssyndrom

Die ärztlichen Untersuchungen von Muskelreflexen und -aktivitäten sind bei diesem Beschwerdebild häufig unauffällig, krankhafte Entwicklungen selten. Dennoch können die Betroffenen oft jahrelang unter den Symptomen leiden. Die Ursachen der Überaktivität peripherer Nerven sind noch nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich spielen autoimmunologische Vorgänge eine Rolle.

Symptome: Kennzeichnend sind Muskelkrämpfe und Muskelzuckungen, besonders in den Waden. Sie sind verbunden mit ziehenden, brennenden Schmerzen in den Beinen, mitunter auch in den Armen sowie im Schulter- und Beckenbereich. Kribbeln und Taubheitsgefühle können dazukommen. Die Symptome verschlimmern sich oft, wenn die Betroffenen körperlich aktiv sind, und gehen zurück, wenn sie sich entspannen.

Diagnose und Therapie: Der Neurologe wird durch eingehende Untersuchungen mögliche Nerven- und Muskelerkrankungen sowie Autoimmunkrankheiten oder Tumore ausschließen.

Gezielte Dehnübungen und Wärme können oft hilfreich sein. Je nach Untersuchungsergebnissen kommen mitunter spezielle Medikamente, wie beispielsweise das Immunsystem unterdrückende Mittel, zum Einsatz.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Oft auch nächtliche Wadenkrämpfe

Hier gehen Nervenzellen des zentralen und peripheren Nervensystems zugrunde, die die Muskelbewegungen steuern. Die Folge sind fortschreitender Muskelschwund (Muskelatrophie) und Muskelversteifungen (Spastik). Zahlreiche Muskelpartien, mit Ausnahme der Augen, können schließlich gelähmt sein. Die Ursache ist bei den meisten Betroffenen, häufig Männer im Alter zwischen 40 und 65 Jahren, unbekannt. Es gibt einige familiär bedingte Formen, die schon in der Kindheit auftreten können und teilweise gutartig verlaufen.

Symptome: Als Erstsymptome fallen häufig nächtliche, schmerzhafte Wadenkrämpfe, Muskelzuckungen sowie wiederholt Krämpfe in Muskeln auf, die aktiv betätigt werden. Aufmerksam werden die Betroffenen oft erst, wenn sich eine zunehmende Muskelschwäche einstellt. Sie ist zunächst manchmal nur einseitig und auf bestimmte Gliedmaße beschränkt, zum Beispiel auf die Hände. Später erfasst sie immer mehr Bereiche.

Zu weiteren Symptomen, die im Laufe der Erkrankung auftreten, gehören eine undeutliche Sprache, Zuckungen und Lähmungen der Zunge, Schluckstörungen, Probleme, die Gesichtsmuskulatur zu beherrschen, Atemnot.

Diagnose und Therapie: Die Symptome und weitere Untersuchungen geben Aufschluss, zum Beispiel Bluttests, Elektromyografie und Elektroneurografie sowie gegebenenfalls eine Magnetresonanztomografie (siehe Kapitel "Diagnose"). Auch feingewebliche Untersuchungen von Muskelgewebe oder eine Lumbalpunktion können mitunter angezeigt sein.

Es ist bis jetzt nicht möglich, die Krankheit zu heilen. Die Behandlung sollte in einer Spezialklinik erfolgen, in die sich der Erkrankte immer wieder begibt. Eine wichtige Rolle spielen erleichternde Maßnahmen wie Krankengymnastik, Ergotherapie und Atemhilfen (CPAP-Beatmung). Häufig setzen Neurologen Riluzol ein, ein Medikament, das eine nervenschützende Wirkung hat und den Krankheitsverlauf hinauszögern soll. In seltenen Fällen sind Spontanheilungen möglich.

Ausführlich informiert der Ratgeber "Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)".

Wadenkrämpfe bei Verengungen im Wirbelsäulenkanal, Bandscheibenschäden

Geschützt durch die Knochen der Wirbelsäule verläuft das Rückenmark mit seinen unterschiedlichen Nerven im Rückenmarkkanal. Hier leiten die vom Gehirn kommenden motorischen Nervenfasern die Impulse an ihre Ausläufer im peripheren Nervensystem und damit an die jeweiligen Muskeln weiter. Die peripheren Nervenstränge treten aus ihren Wurzeln (lat. radix) im Rückenmark durch seitliche Zwischenwirbellöcher aus. Veränderungen, Erkrankungen und Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarkkanals können die Nervenwurzeln reizen oder nachhaltig schädigen. Neurologen sprechen dann von spinalen radikulären Syndromen oder Radikulopathien.

Eine häufige Ursache sind Bandscheibenerkrankungen. Wenn sich eine Bandscheibe, die vor dem Rückenmarkkanal und den jeweiligen Zwischenwirbellöchern liegt, aus unterschiedlichen Gründen verschiebt, kann sie die Nervenwurzel beziehungsweise den austretenden Nerv einklemmen (siehe Bild). Auch Teile des Rückenmarks können in Bedrängnis geraten. Mitunter beengen oder irritieren auch Tumore bestimmte Nerven. Darüber hinaus gehören entzündliche Prozesse oder degenerative Veränderungen am Wirbelkanal, zum Beispiel bei einer Spinalkanalstenose, zu den möglichen Ursachen. Manchmal entwickelt sich eine Radikulopathie bei einigen Infektionen. Je nachdem, wo die Engstelle entsteht und welche Nervenfasern betroffen sind, kommt es zu Ausfallerscheinungen im Bereich der Gefühlswahrnehmung (Sensibiliät) und/oder der Aktivität unterschiedlichen Muskelgruppen (Motorik).

Symptome: Sind Nerven geschädigt, die die Beinmuskeln versorgen, etwa bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule, kommt es zu Rückenschmerzen. Die Schmerzen strahlen bis in ein Bein und/oder einen Fuß aus und werden bei Husten oder Niesen stärker. Sie sind oft verbunden mit Kribbeln, Taubheitsgefühlen und manchmal mit Lähmungserscheinungen. Dazu können auch Wadenkrämpfe kommen.

Eingehende Informationen zu Symptomen, Ursachen, Diagnose und Therapie von Bandscheibenvorfällen erhalten Sie im Ratgeber "Bandscheibenvorfall". Wissenswertes dazu und zu weiteren Wirbelsäulenproblemen finden Sie in den Ratgebern "Rückenschmerzen" und "Hexenschuss" (Kapitel: Ischias & Co.).

Myotonien, die Wadenkrämpfe verursachen können

Bei diesen insgesamt eher seltenen Muskelerkrankungen ist die für Bewegungen notwendige Abfolge von Zusammenziehen und Erschlaffen einzelner Muskeln gestört. Oft verspannen und verkrampfen sich die Muskeln krankhaft. Die Ionenkanäle der Muskelzellen nehmen hier Nervenreize nur fehlerhaft auf und übertragen sie auch nicht mehr richtig. Häufig handelt es sich dabei um erblich bedingte Störungen, wie bei der Myotonia congenita Thomsen. Es können aber auch autoimmunologische Vorgänge eine Rolle spielen. Ein Beispiel hierfür ist das Stiff-Man-Syndrom oder Stiff-Person-Syndrom. Dieses Erkrankungsbild kann manchmal nur auf die Beine beschränkt sein (Stiff-Leg-Syndrom).

– Myotonia congenita Thomsen

Symptome: Erste Anzeichen sind oft schon bei kleinen Kindern zu erkennen. Sie können schlecht greifen oder Gegenstände halten, fallen leichter. Die Wadenmuskeln sind stark angespannt und werden steif. Der Fuß zeigt dabei spitz nach vorne. Dazu kommen Lähmungsattacken, Muskelsteifigkeit in unterschiedlichen Muskelpartien. Zusammengezogene Muskeln entspannen sich nur mühsam. Das behindert zahlreiche Aktivitäten. Wird eine Bewegung mehrmals wiederholt, funktioniert das Muskelspiel meist wieder ("Warm-up-Phänomen"). Auffallend ist oft ein muskulöser Körperbau.

Diagnose und Therapie: Wegweisend sind für den Neurologen neben der körperlichen Untersuchung und der Krankengeschichte Bluttests sowie die Elektromyografie. Zu den grundlegenden Untersuchungen kommen eventuell Magnetresonanztomografien, spezielle Gentests und die feingewebliche Untersuchung von Muskelgewebe dazu.

Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden. Viele Betroffene benötigen nur in bestimmten Situationen und zeitlich begrenzt Medikamente, etwa muskelentspannende, krampflösende Mittel. Sie können häufig trotz ihrer Symptome ein weitgehend normales Leben führen.

– Stiff-Man-Syndrom

Symptome: Beim Stiff-Man-Syndrom versteifen und verkrampfen sich die Muskeln in unterschiedlichen Körperbereichen in extremer und schmerzhafter Weise, zum Beispiel im Rücken, im Gesicht, aber auch in den Beinen und Füßen. Die Beschwerden nehmen zu, wenn der Betroffene sich bewegt, sich erschreckt oder starken Gefühlen ausgesetzt ist. Bei Ruhe gehen die Symptome zurück, etwa wenn der Kranke schläft. Dazu kommen Angststörungen, zum Beispiel die Angst, über einen freien Platz zu gehen (Agoraphobie). Die Heftigkeit der anfallsartigen Muskelverhärtungen kann sogar Muskel- und Gelenkschäden hervorrufen.

Diagnose und Therapie: Aufschlussreich kann nach den grundlegenden Untersuchungen wie Bluttests und Elektromyografie eine Analyse der Gehirn-Rückenmarksflüssigkei sein. Sie wird bei einer Rückenmarkspunktion (Lumbalpunktion) entnommen. Der Neurologe wird die Erkrankung gegen andere Myotonien, gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) und die Folgen einer Vergiftung (etwa Strychnin oder Blei) abgrenzen. Zudem schließt er durch geeignete Untersuchungen einen Tumor oder bestimmte Stoffwechselerkrankungen als mögliche Ursache aus.

Zur Behandlung setzen die Ärzte Medikamente ein, zum Beispiel aus der Gruppe der Benzodiazepine, muskelentspannende Mittel sowie Medikamente gegen Epilepsien. Ebenso können Kortisonpräparate und auf das Immunsystem wirkende Mittel hilfreich sein.

Dystonien als mögliche Ursache von Wadenkrämpfen

Unter dem Fachbegriff Dystonie fassen Mediziner Krankheits- oder Beschwerdebilder zusammen, bei denen normale Bewegungsabläufe und die Muskelspannung gestört sind. Bestimmte Muskeln ziehen sich dann anfallsartig, oft gegenläufig zusammen, die Spannung ist erhöht. Das führt mitunter zu abrupten, nicht kontrollierbaren Bewegungen, die unterschiedliche Körperpartien erfassen können, etwa das Gesicht, die Augenumgebung, Kopf, Rumpf sowie auch die Gliedmaße.

Fokale Dystonien zum Beispiel betreffen nur bestimmte Muskeln, vor allem an Beinen, Füßen oder Schultern. Beim Gehen oder mitten in einer Tätigkeit ziehen sich die Muskeln zusammen und behindern die Aktivität. Das passiert auch beim sogenannten Schreibkrampf, der an der schreibenden Hand, aber während des Schreibens auch an beiden Armen auftreten kann. Speziell Musiker erleiden mitunter fokale Dystonien.

Dystonien sind nicht mit psychisch bedingten Tics zu verwechseln. Sie können primär als eigene Störungen auftreten, denen genetische Anlagen und Nervenschäden im Gehirn zugrunde liegen. Sie entwickeln sich aber auch sekundär im Rahmen anderer neurologischer Krankheiten, so zum Beispiel bei zahlreichen Erbkrankheiten, die durch den Untergang bestimmter Gehirnnerven gekennzeichnet sind.

Zu dystonen Symptomen kommt es zudem unter anderen bei der Parkinson-Krankheit oder bei der multiplen Sklerose. Manchmal stellen sich krampfartige Beschwerden nach Hirn- und Rückenmarksverletzungen sowie nach Gehirnblutungen und -entzündungen ein. Auch bestimmte Medikamente gehören zu den möglichen Auslöser, etwa Parkinson-Medikamente, Antiepileptika oder Mittel gegen Psychosen (Neuroleptika).

Diagnose und Therapie: Das Beschwerdebild liefert erste Hinweise. Mit umfassenden Untersuchungen (siehe dazu auch Kapitel "Diagnose") sichert der Neurologe die Diagnose.

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Bei primären Dystonien spritzen die Ärzte bevorzugt Botulinumtoxin in die erkrankten Muskelpartien. Den Einsatz von Medikamenten zum Einnehmen wägt der Arzt individuell ab. Muskelentspannende Mittel können hilfreich sein, ebenso gezielte krankengymnastische Übungen. Bei schweren Krankheitsbildern, die nicht auf unterschiedliche Therapieversuche ansprechen, ziehen Spezialisten manchmal auch eine Hirnstimulation in Betracht.

Wadenkrämpfe bei metabolischen Myopathien (stoffwechselbedingte Muskelkrankheiten)

Herrscht in einem Muskel ein Ungleichgewicht zwischen Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr einerseits und Energieverbrauch andererseits, funktioniert der Muskel nicht mehr geregelt. Das heißt, er kann sich nicht mehr im notwendigen Maß zusammenziehen, dehnen oder entspannen. Störungen im Zucker- (Glykogen-) und Fettstoffwechsel beruhen meistens auf erblich bedingten Defekten wie Glykogenspeicherkrankheiten. Sie wirken sich auf unterschiedliche Weise aus. Je nach Krankheitsbild sind die Funktionen innerer Organe wie Herz, Leber, Nieren und die Atemwege betroffen.

An der Skelettmuskulatur kann es zu Muskelschwäche, Muskelschmerzen, Muskelabbau, Versteifungen und einer erhöhten Neigung zu Krämpfen kommen. Wadenkrämpfe sind in diesem Zusammenhang möglich, gehören aber nicht zu den vorherrschenden Symptomen. Die Beschwerden stellen sich vielfach unter körperlicher Belastung ein, so zum Beispiel beim sogenannten Phosphorylasemangel (McArdle-Syndrom), einer Erberkrankung. Ruhe, aber auch gemäßigte Aktivität bringt häufig Erleichterung, Überanstrengung kann dagegen gefährliche Krankheitsschübe auslösen.

Krankhafte Wadenkrämpfe: Behandlung der Grunderkrankung

Nur selten sind Wadenkrämpfe Anzeichen für eine Erkrankung wie eine Stoffwechsel- oder Nervenstörung. Sie treten dann meist gehäuft auf, halten länger an und sind besonders schmerzhaft. Zudem fallen oft noch andere Symptome auf, wie Schmerzen in einem Bein oder beiden Beinen, Kribbeln und Taubheitsgefühle oder ein Schwächegefühl in den Muskeln, möglicherweise auch in anderen Körperbereichen.

Heftige, wiederkehrende Wadenkrämpfe muss immer der Arzt abklären. Erster Ansprechpartner wird der Hausarzt sein, der seinen Patienten je nach Verdacht an einen Internisten, einen Spezialisten für hormonelle Störungen (Endokrinologen), einen Facharzt für Nervenerkrankungen (Neurologen) oder einen Orthopäden überweist.

Mit der Behandlung der ursächlichen Erkrankung bessern sich in der Regel auch die Krämpfe. Physiotherapie mit Krankengymnastik und Dehnübungen begleiten häufig die Therapie. Dehnübungen helfen zudem bei akuten Wadenkrämpfen (siehe auch Tipps unten).

Einige Muskel- beziehungsweise Muskelnervenerkrankungen wie die amyotrophe Lateralsklerose können die Fachärzte meist nur symptomatisch behandeln, das heißt mit Maßnahmen und Medikamenten, die die Beschwerden mildern und den Krankheitsverlauf hinauszögern.

Wadenkrämpfe: Behandlung mit Medikamenten

– Magnesium

Bei nachgewiesenem Magnesiummangel (siehe Kapitel "Ursache: Gestörter Elektrolythaushalt") wird der Arzt eine passende Therapie mit Magnesium und gegebenenfalls weiteren Mineralstoff- und Vitaminpräparaten verordnen. Die Ärzte setzen Magnesium auch häufiger bei idiopathischen Wadenkrämpfen ohne eindeutige Ursache ein. Magnesiumpräparate können zudem Ungleichgewichte ausgleichen, die mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes zusammenhängen. Sie sind darüber hinaus oft in der Schwangerschaft angezeigt und können älteren Menschen, die verstärkt mit Wadenkrämpfen zu tun haben, Erleichterung bringen.

! Sie sollten Magnesiumpräparate aber immer nur in Absprache mit dem Arzt einnehmen, um Wechselwirkungen und ungünstige Effekte auf andere, gleichzeitig bestehende Krankheiten zu vermeiden.

– Chininsulfat

Der Einsatz dieses Wirkstoffes bei wiederholten heftigen nächtlichen Wadenkrämpfen kann unter bestimmten Voraussetzungen zeitlich begrenzt infrage kommen. Dies sollten Sie aber grundsätzlich mit Ihrem Arzt besprechen. Auch in der Apotheke können Sie sich dazu weiter beraten lassen. Denn die Anwendung wird seit einiger Zeit unter Fachleuten kritisch diskutiert – unter anderem, da vereinzelt schwere Nebenwirkungen auftreten können. Nach Empfehlungen auch deutscher Experten sollte Chininsulfat nur noch in besonderen Fällen und nur unter strenger ärztlicher Kontrolle zum Einsatz kommen. Vorher müssen mögliche Grunderkrankungen, die gesondert behandelt werden können, vom Arzt ausgeschlossen und alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden sein, unter anderem eine Physiotherapie mit Dehnungsübungen.

Vielen Betroffenen, die unter nicht krankhaften Wadenkrämpfen leiden, hilft es in der Tat meist schon, wenn sie ihre Muskeln regelmäßig dehnen, sich ausreichend körperlich bewegen und sich ausgewogen ernähren (zu magnesiumreichen Nahrungsmitteln siehe Tipps unten). Dehnungsübungen während eines akuten Krampfes und zur Vorbeugung sind die Grundlage der Therapie.

Was gegen Wadenkrämpfe bei sportlichen Aktivitäten hilft

– Vorbeugen

Wer viel Sport treibt und dabei immer wieder einmal von Wadenkrämpfen gebremst wird, der sollte sein Trainingsverhalten unter die Lupe nehmen. Einen Gang runterschalten, Pausen einlegen, die Trainingsintensität nur langsam steigern, Ausgleichsübungen einbauen, die Waden gezielt dehnen – all das kann sinnvoll sein.

Vorsicht auch vor Temperaturreizen, wenn Sie etwa in kaltem Wasser schwimmen. Wadenkrämpfe können Sie dann in gefährliche Situationen bringen. Kühlen Sie Ihren Körper vorher sanft ab, zum Beispiel mit einer Dusche oder im seichten Wasser.

Bereiten Sie sich mit Gymnastik und Stretching auf einen Ausdauersport wie Schwimmen oder Joggen vor.

Beobachten Sie auch, ob Sie viel schwitzen, und kontrollieren Sie Ihre Trinkgewohnheiten. Die Flüssigkeit und damit die Mineralstoffe, die Sie während Ihrer sportlichen Aktivitäten verlieren, gilt es auszugleichen. Trinken Sie mindestens einen Liter pro Sportstunde, einen Teil davon schon vor dem Training, dann während Ihrer Aktivität in regelmäßigen Abständen (etwa alle 15 bis 20 Minuten einen Achtel- bis einen Viertelliter) und danach natürlich. Wenn es heiß ist, entsprechend mehr. Am besten eignen sich stilles Mineralwasser mit viel Magnesium und Natrium oder Saftschorlen. Nicht ideal sind Getränke, die viel Zucker und Kohlensäure enthalten.

Mehr Tipps, wie Sie sich als Sportler richtig ernähren, sodass Ihre Muskeln gut versorgt sind, finden Sie im Artikel "Die ideale Ernährung für Freizeitsportler", hilfreiche Trainingsanleitungen in unserer "Rubrik "Sport".

! Wer Herzprobleme oder ein Nierenleiden hat, sollte mit seinem Arzt besprechen, wie viel er trinken darf und soll.

– Wichtig für Sport(wieder)einsteiger

Wenn Sie über 35 Jahre alt sind und länger nicht mehr sportlich aktiv waren oder wenn Sie Probleme mit dem Herzen und den Gelenken haben, lassen Sie sich zuerst von Ihrem Arzt untersuchen. Er muss gesundheitliche Risiken ausschließen. Besprechen Sie mit ihm, welche Sportart für Sie geeignet ist.

– Wenn ein Krampf beim Sport auftritt

  • Bleiben Sie stehen und dehnen Sie den Unterschenkel (siehe nebenstehende Übungen im Bild). Massieren Sie die Wade leicht, lockern Sie den Fuß.
  • Überprüfen Sie, ob Ihr Sportschuh gut sitzt, ob Sie Ihre Sportkleidung einengt.
  • Gehen Sie einige Schritte, trinken Sie etwas und legen Sie eine Trainingspause ein.
  • Wenn es zu kühl ist, ziehen Sie sich Strümpfe oder wärmende Hosen an.

Nächtliche Wadenkrämpfe mildern

– Vorbeugen

Gehen Sie am Abend noch eine Runde spazieren und trinken Sie ausreichend (eineinhalb bis zwei Liter sollte ein gesunder Mensch täglich aufnehmen). Regelmäßige Gymnastik, Stretching und Ausdauersport wie Walking, Radfahren und Schwimmen halten allgemein Ihre Muskeln fit und beugen Krämpfen vor.

Spezielle Tipps:

  • Dehnen Sie Ihre Muskeln mit einfachen Dehnübungen vor dem Zubettgehen (siehe  Bilder links und das Video "Stretching").
  • Wenn Sie mit unten am Fußende eingeschlagenen Decken schlafen, lockern Sie diese, damit die Füße Bewegungsfreiheit haben. Vermeiden Sie schwere Decken, die nachts auf Ihren Füßen lasten und sie einengen.
  • Ein warmes Bad oder eine warme Dusche für Füße und Waden entspannen.

– Wenn ein Krampf im Bett auftritt

Ziehen Sie im Liegen die Fußspitze nach oben in Richtung Knie, treten Sie mit der Ferse weg vom Körper (siehe Bilder). Vielen hilft es, die Wade dabei noch sanft zu massieren. Andere müssen aufstehen und einige Schritte gehen, damit der Krampf sich legt. Oft tut dann Wärme gut, etwa eine kurze warme Fuß- und Wadendusche. Manchen von Krämpfen Geplagten helfen dagegen eher kalte Auflagen auf den harten Muskeln.

Gute Tipps gegen Wadenkrämpfe allgemein

  • Tragen Sie bequeme Schuhe, die Ihren Füßen guten Halt geben und nicht drücken.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig. Gezielte Dehnübungen, mehrmals in der Woche durchgeführt, halten die Muskeln fit und beugen Verkürzungen vor.
  • Wenn Sie längere Zeit körperlich nicht aktiv waren, beginnen Sie langsam, Ihre Muskelkraft wieder aufzubauen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt und in Gesundheits- und Sportzentren beraten. Vielen Menschen in der zweiten Lebenshälfte hilft Krafttraining, die Muskeln bis ins hohe Alter aktiv zu halten.
  • Vermeiden Sie abrupte Wechsel von Warm zu Kalt. Vor allem im Sommer ist es nicht ratsam, sich überhitzt ins kalte Wasser zu stürzen.
  • Ernähren Sie sich ausgewogen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Reich an Magnesium sind Obst, grünes Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte, zum Beispiel: Bananen (sie enthalten zudem viel Kalium und B-Vitamine), Haferflocken, Vollkornbrot, Spinat, Erbsen, Sojabohnen, Sesamsamen, Nüsse wie Cashew-Nüsse, Sonnenblumenkerne.