Erst vor 40 Jahren ist HIV und die durch den Virus ausgelöste Erkrankung Aids entdeckt worden. 2008 gabe es dafür den Medizin-Nobelpreis: Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier aus Frankreis haben die Auszeichnung für ihre Forschung in den 1980er Jahren erhalten. Dank Medikamenten können HIV-Positive in Europa mittlerweile gut leben. Doch das ist nicht überall auf der Welt der Fall, wie Ulrich Noethen in dieser Podcastfolge erzählt. Unterstützt wird er von Experte Dr. Gunnar Urban.

Ulrich Noethen - Bei der Auswahl der Themen für die einzelnen Folgen dieses Podcasts haben wir aus einer schwer zu überblickenden Anzahl von großen medizinischen Errungenschaften acht ausgewählt, die uns für den Start einer solchen Podcast-Reihe am geeignetsten erschienen und uns selbst neugierig machten. Diese Folge nun zum Thema HIV und Aids ist deshalb insofern etwas Besonderes, weil die Entdeckung des HI-Virus und der von ihm ausgelösten Krankheit Aids tatsächlich in die jüngere Vergangenheit fällt und eines der medizinischen Themen ist, die sich sehr stark in der Popkultur wiederfinden. Bücher, Filme, Musik, Theater und selbst Modedesign befassten und befassen sich noch heute mit HIV und Aids– meistens in kontroverser Form. Daher war es uns wichtig, diesen Aspekt aufzugreifen und, auch mit Blick auf meinen Beruf als Schauspieler, ab und zu in dieser Folge einen bestimmten Film zu zitieren.

Brandvoice - Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Ulrich Noethen - Ich begrüße Sie zum Podcast über die Siege der Medizin. Mein Name ist Ulrich Noethen und ich freue mich, Sie auf dieser spannenden Reise zu den wichtigsten Errungenschaften der Heilkunde zu begleiten. Neben Expertinnen und Experten lassen wir die Geschichte und Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, zu Wort kommen. Folgen Sie mir also auf eine weitere spannende Zeitreise zu bahnbrechenden Entdeckungen und den Menschen, die dahinterstehen.

Ich werde diesmal fachlich von Dr. Gunnar Urban begleitet, der im Ärzteforum Seestrasse im Berliner Wedding in einer Schwerpunktpraxis für HIV-Infektion, Aids, Infektiologie und sexuell übertragbare Erkrankungen arbeitet. Von ihm möchte ich zunächst noch mal, für das grundlegende Verständnis, wissen, wofür HIV steht und was AIDS eigentlich ist.

Dr. Gunnar Urban - „HIV steht für Humanes Immundefizienz-Virus. Die gehören nicht nur zu den Retroviren, sondern auch zu den Lentiviren. Und das ist sozusagen schon – nomen est omen; also Lentivirus bedeutet eben langsames Virus mit langsamen Krankheitsverläufen. Und im Rahmen dieser Einnistung in der immunologischen Schaltzentrale des menschlichen Körpers kann es dann eben zum schweren Immundefekt führen, der dann wiederum bestimmte Erreger, mit denen wir uns normalerweise auseinandersetzen, nicht mehr bekämpfen kann. Das sind sogenannte opportunistische Erreger, die sich vermehren können im Körper und dann zu anderen Begleitkrankheiten oder opportunistischen Infektionen, Erkrankungen führen können. Und wenn dann quasi symptomatische Erkrankungen vorliegen, sprechen wir dann über AIDS.“

Ulrich Noethen - Acquired immunodeficiency syndrome, erworbenes Immunschwäche- oder Immunmangelsyndrom, ein Fachbegriff, der aber in seiner Abkürzung AIDS fast jedem schon einmal über den Weg gelaufen ist, allein schon durch die bereits erwähnte Präsenz in der Alltagskultur der letzten 40 Jahre. Diesbezüglich erinnern sich vielleicht noch einige von euch an Philadelphia, einen sehr erfolgreichen Spielfilm aus dem Jahr 1993 mit dem jungen Tom Hanks in der Hauptrolle. Als der Film gedreht wurde, waren schon mehr als 200.000 Menschen in den USA an Aids gestorben. Das Thema brannte lichterloh und ein Film in Starbesetzung verfrachtete das Thema aus der Nische in den Mainstream. Das erste Mal wurde einer breiten, weltweiten Öffentlichkeit die Problematik, wenn auch in Hollywood-Manier, nahegebracht. Ich schätze Tom Hanks seit langer, langer Zeit. Wie der Darsteller und der Film 1993 auf Betroffene damals gewirkt haben mögen, stelle ich mir ungefähr so vor.

Hamburg 1993. Frank lässt die fast noch volle Popcorntüte in den Mülleimer neben dem Ausgang zum Kinosaal fallen. Der Appetit ist ihm schon nach wenigen Minuten des Films vergangen. Die Cola-Dose trinkt er noch aus, denn sein Hals ist trocken und die Stirn fühlt sich heiß an. Die Augen brennen noch leicht; ständig musste er sich aufsteigende Tränen wegdrücken. Der Kloß in seinem Hals aber blieb während des ganzen Films, auch in den humorvollen Szenen. Sein Blick fällt auf den Schriftzug ‚Enjoy“ auf der knallrot bedruckten Aluminiumdose, ‚Viel Spaß‘. Ein vergnüglicher Kinoabend war das sicher nicht. Dass der Film „Philadelphia“ mit Tom Hanks ein Drama ist, war Frank beim Kartenkauf schon bewusst, dass es ihn so mitnehmen würde eher nicht. Denn er weiß, es ist nur ein Film, aber das Problem ist Realität.

Als er auf die Straße tritt, ist da der übliche Samstagabendtrubel in der Hamburger Innenstadt. Es ist dunkel, es hat mal wieder geregnet und die Lichter spiegeln sich vielfarbig im feuchten Asphalt. Es riecht nach Abgasen, Parfum und Zigaretten. Es ist gerade erst kurz nach zehn. Doch Franks eigentlicher Plan, anschließend durch die Kneipen zu ziehen und zu schauen, was noch geht, ist ihm vergangen. Er will einfach nur noch schnell nach Hause. Er stellt sich winkend an den Straßenrand und wenig später hält ein in den Stoßdämpfer ächzender Opel Senator im Taxibesch am Bordstein. Frank steigt ein, grüßt knapp und nennt eine Adresse im Hamburger Norden. Der Fahrer schaltet den Taxameter ein und wenig später ordnet sich das Fahrzeug rußend in den Strom des nächtlichen Verkehrs ein.

„Was lief denn heute?“ Der Fahrer schaut in den Rückspiegel zum verdutzten Frank. „Im Kino? Sie waren doch im Kino. Ich mein, Ihnen klebt ja noch Popcorn am Pulli.“ Der Fahrer grinst und zeigt ein eher lückenhaftes Gebiss. Frank lächelt dünn zurück.

„Danke.“ Er zupft das Popcorn ab. „Gut beobachtet. Ja, ich hab‘ mir Philadelphia angeguckt, mit Tom Hanks. Das ist …“

„Jaja, kenn ich!“, unterbricht ihn der Taxifahrer. „Das ist der Schwulenfilm mit dem Aids-Kranken. Also nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Schwule, solange sie mir nicht zu nahekommen und ich fest mit meinen Hintern auf dem Sitz bleibe.“ Der Fahrer lacht sich schlapp über seinen Witz und schaut wieder in den Rückspiegel. Als er bemerkt, dass Frank nicht mit lacht, reißt er sich zusammen. „Sie sehen ja zum Glück nicht schwul aus. Krank auch nicht. Ich habe gehört, dass man sich ruckzuck mit Aids anstecken kann. Einmal an den gleichen Türgriff gepackt und du hast die Seuche auch. Also, wenn mich einer rauswinkt, der schon so, so, also irgendwie so komisch aussieht, dann nehme ich den erst gar nicht mit. Frauen können Aids ja gar nicht bekommen, nur wir Männer.“ Der Taxifahrer gibt jetzt den Besorgten. „Das würde ja von den Mächtigen bewusst auf der ganzen Welt verbreitet, nich? Vermutlich sind die Bakterien aus einem Labor von der CIA oder von den Russen, das ist noch nicht ganz geklärt. Nur damit wir Männer sterben und es nicht mehr verteidigen können. Und die Schwulen die verbreiten das. Vermutlich werden die bezahlt dafür.“ Der Fahrer schüttelt verärgert den Kopf. Er zündet sich eine Zigarette an und kurbelt das Fenster runter.

Frank fasst sich an den Kopf und schaut auf die Straße. Es hat wieder zu regnen begonnen. Er seufzt und blickt angriffslustig in den Rückspiegel zum Fahrer. „Was Sie sagen, ist totaler Quatsch. Also von Ihnen als Taxifahrer, gerade hier in Hamburg, da hätte ich schon ein bisschen mehr Durchblick erwartet.“ Jetzt runzelt der Fahrer die Stirn. „Hören Sie, fährt Frank scharf fort, schauen Sie sich den Film doch einfach an. Dann verstehen Sie das vielleicht besser, die Krankheit und so. Ich meine auch das Problem der schwulen Community, die seit Jahren von dieser Virusinfektion heimgesucht wird.“ Der Taxifahrer stiert jetzt nur noch auf die Straße. Statt zu antworten, zieht er verbissen an seiner Zigarette. Frank lehnt sich Richtung Fahrersitz vor und spricht mit ruhiger Stimme. „Es geht Sie eigentlich nichts an, aber vielleicht lernen Sie ja was daraus – ich bin schwul, auch wenn ich in ihren Augen vielleicht nicht so aussehe, und ich bin HIV-positiv. Ja. Und ich hoffe wie Tausende Männer und Frauen inständig nicht, wie die Figur, die Tom Hanks in dem Film spielt, an Aids zu verrecken.“ Der Fahrer rutscht tiefer in seinen Sitz hinein und will nun doch etwas sagen. Frank kommt ihm aber zuvor. „Nee, nee halten Sie mal die Luft an, bevor Sie jetzt hier weiter Unsinn verzapfen. Für meine Infektion wurde ich bedauerlicherweise nicht von dunklen Mächten bezahlt, sondern ich zahle, und vielleicht sogar den Höchstpreis. Und im Übrigen können Sie hier halten. Den Rest gehe ich lieber zu Fuß.“

Der Fahrer bremst scharf und hält an, der Taxameter zeigt 18 Mark 75. Frank räuspert sich in die Hand und zieht einen Zwanziger aus der Börse. „Stimmt so danke.“ Mit spitzen Fingern nimmt der Fahrer den Schein entgegen und lässt es sich nicht entgehen, ihn wie ein feuchtes Taschentuch angewidert in den Mittelkonsole fallen zu lassen. Frank steigt aus, schlägt den Kragen hoch. Der Regen nieselt ihm trotz allem erfrischend ins Gesicht. Es ist kühl geworden.

1993 war das HI-Virus und damit AIDS schon mehr als eine Dekade am Wüten. Unbehandelt sterben die Menschen innerhalb von wenigen Jahren. Wann konnte denn der Erreger dieser furchterregenden Krankheit dingfest gemacht werden?

Dr. Gunnar Urban - „Also HIV wurde erstmalig entdeckt zu Beginn der 80er Jahre, als eine bestimmte Form der Lungenerkrankung in den USA, bei schwulen Männern vorwiegend, auftrat, wo man später dann auch Anfang der 80er Jahre bereits diesen Begriff des erworbenen Immunmangelsyndroms prägte. Und zeitgleich war man dann natürlich auf der Suche nach einem Erreger oder nach der Ursache dieser Erkrankung und fand dann ursächlich das HI-Virus. Und das ist 1983 entdeckt worden.

Das HI-Virus Typ 1 wurde zum ersten Mal von Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi vom Institut Pasteur in Paris beschrieben.“

Ulrich Noethen - Gut, was ist eigentlich ein Virus. Seit der Corona-Pandemie wissen wir das alle so ungefähr, ich habe trotzdem noch mal nachgefragt.

Dr. Gunnar Urban - „Ja, man kann eigentlich nicht sagen, dass es Lebewesen sind, denn sie haben keinen Zellstoffwechsel, also sie atmen nicht, sie bewegen sich nicht. Sie bestehen im Prinzip nur aus einer Hülle, und in dieser Hülle befindet sich ihre Erbsubstanz. Und das Ziel eines Virus –ungefähr 1.000-mal kleiner als ein Bakterium – ist es, diese Erbsubstanz in unsere einzuschleusen, um sich zu replizieren. Insofern ist dann der quasi der belebte Zustand erreicht. Viren haben wie gesagt keinen eigenen Stoffwechsel und bringen mit ihrem körperlichen Anteil nur die Teile mit, die sie im Wesentlichen brauchen. Im Fall von HIV sind es zwei sogenannte Enzyme, die einmal den Umbau ihrer eigenen Erbinformation gewährleisten, sodass sie in die menschliche Erbinformation eingebaut werden kann und dann noch ein Enzym, was das Eindringen in die Wirtszelle, also in die menschliche Zelle, gewährleistet. Und danach, wenn das Virus seine Information in die menschliche Zelle eingebracht hat, wird quasi die gesamte Apparatur der menschlichen Zelle benutzt, um dieses Virus zu produzieren.“

Ulrich Noethen - Ich stelle mir Viren wie kleine Maschinen oder Programme vor, deren Zweck es schlichtweg ist, Code zu vervielfältigen. Das kann im besten Fall die Evolution vorantreiben, die Wirtszelle in ihren Fähigkeiten unterstützen und etwas anpassungsfähiger machen. Oder es führt zum Tod der Zelle. Oder aber es verursacht die Mutation der Zelle in eine Krebszelle. In einer ZDF-Dokumentation habe ich mal gesehen, dass unser menschliches Erbgut zu 47 Prozent aus Resten von Virenerbgut besteht und nur zu zwei Prozent aus Erbinformation, die für den Bauplan unseres Körpers zuständig sind. Und 51 Prozent unseres Erbguts sind mit der Steuerung unseres Stoffwechsels betraut. Also 47 Prozent, schlichtweg die Hälfte unserer Erbinformation, haben wir Viren zu verdanken.

Dr. Gunnar Urban - „Wir wissen aber mittlerweile, dass HIV sehr viel länger natürlich existiert hat. Wie gesagt, es gehört zu den Retroviren, die sind schon mehrere Millionen Jahre alt. Und im Fall von HIV wissen wir, der erste sicher dokumentierte Fall ist 1959 in Zentralafrika, und HIV ist wahrscheinlich in den 20ern und 30ern vom Tier, in dem Fall von Schimpansen wahrscheinlich und Gorillas, auf den Menschen übergesprungen. Und das weiß man, weil es bei Schimpansen vor allem ein sehr ähnliches Virus gibt, das heißt SIV, also Simian immunodeficiency virus. Macht bei Schimpansen nicht ganz so ausgeprägte Immunmangelzustände. Und wir gehen davon aus, dass dieses Virus es geschafft hat, auf den Menschen überzuspringen und dort dann auch quasi heimisch zu werden.“

Ulrich Noethen - Belgisch-Kongo 1921. „Moskitos sind wohl doch die dominierende Spezies auf diesem Planeten.“ Nikola Fromm zieht die Kapuze des dunkelgrünen Regenumhangs so fest zu, dass nur noch seine Augen herausschauen. Er schwitzt wie ein Schwein. Er hätte nicht gedacht, dass noch hier auf fast 2.000 Metern in den Nebelbergen so eine Hitze herrschen würde. Das alles hier ist nicht optimal für sein unterkühltes, belgisches Gemüt. Aber die Jagdlust ist größer als der Frust. Zum dritten Mal ist er schon in die Kolonie gereist, um Elefanten, Gebirgshirsche, Großkatzen, was auch immer, zu schießen, oder eben auch Schimpansen, wenn sie ihm vor den Karabiner laufen. Aber so weit oben war er noch nie. Hier, wo die wahren Herrscher des Dschungels, die Gorillas, leben. Er streicht zärtlich über den hölzernen Schaft der Waffe. Der Krieg in Europa ist seit zwei Jahren vorbei und noch immer quälen ihn die Träume von der Front und dem nicht enden wollenden Morden in den Schützengräben. Doch hier in Afrika ist das alles weit weg. Seine Nächte sind zwar verschwitzt, dafür traumlos und samtig dunkel.

„Was war das?“ Fromm hebt das abgenutzte Militärfernglas an seine Augen. „Da war doch etwas.“ Auch seine beiden einheimischen Begleiter haben es bemerkt. Einer zeigt zum nächsten Hang hinter der Senke. „Dort hinten zwischen den dampfenden Baumwipfeln arbeitet sich doch etwas heftig durchs Unterholz.“ Die Bewegung im Busch nimmt zu und zieht sich den Hang hinauf wie eine grüne Welle. „Das muss eine große Gruppe sein. Vermutlich Gorillas, sehr gut.“ Einer der schwarzen Helfer verschwindet im Gestrüpp, nein, das Gestrüpp verschluckt ihn förmlich – die grüne Hölle. Fromm hat jetzt Gänsehaut. Vorsichtig folgt er ihm. Die Moskitos sind ihm jetzt völlig egal. Adrenalin schießt durch seinen Körper. „Es besteht die Chance auf einen riesigen Silberrücken. In solch einer Gruppe sind mindestens zwei oder drei große Männchen dabei.“ Er ist auf den Alten aus, auf den König der Wipfel. Die beiden Begleiter und ihr belgischer Herr schleichen den Hang hinauf. Fromm tritt in einen riesigen Haufen Kot. Er stinkt heftig und Fromm muss würgen. Kurz blitzen Bilder von der Front auf; Gedärme, Blut. Er schüttelt den Kopf – ‚Jetzt nicht!‘, er muss konzentriert bleiben. Der Schweiß läuft in Strömen sein Gesicht hinab. Fromm kann sie jetzt sehen – „da, Weibchen mit Jungen, sie erklimmen die Bäume. Auch einige Männchen sind dabei. Wo ist der Alte?“ Er setzt das Fernglas erneut an, das Okular beschlägt. „Wo steckst du? Warte, da ist eine Bewegung am Rande der Lichtung. Das ist er! Was für ein Monstrum!“ Der Silberrücken hat etwas bemerkt und richtet sich auf. Er erhebt drohend die Arme. Jetzt ist er mindestens drei Meter groß. Er fletscht die großen, gelben Hauer in Fromms Richtung. Er hat ihn gewittert. Fromms Gehhilfen hat er nicht bemerkt. Fromm lacht in sich hinein. „Na ja, vom Geiste eben eine Familie. Was erwartest du?“ Aber eigentlich vermutet er, dass es sein Rasierwasser vom Morgen ist, dass der Gorilla wittert. „Egal.“ Auge in Auge mit dem König. Nicolas Fromm legt den Karabiner an, wie er es von der Front kennt und drückt ab.

Der Knall lässt die Zeit kurz stillstehen, nur um sie dann zu beschleunigen. Nach kurzem erhebt sich wildes Geschrei in der Gruppe der Gorillas. Sie flüchten. „Hat er ihn getroffen?“ Er sieht ihn nicht. Er hört nur das Brüllen der Männchen, das Kreischen der Weibchen und die Abermillionen Vögel und Insekten. Alles ist aus dem Dunst erwacht. Alles ist in hitziger Bewegung. Fromm wartet und lädt nach. Glück durchströmt ihn, er hat den König ganz sicher erwischt. Er pfeift seine beiden Helfer heran. Sie raten dazu, vorsichtig zu suchen. Der Koloss könnte noch leben und sehr, sehr wütend sein. Fromm winkt ab. Er weiß, wann er getroffen hat. Er spürt den Tod. Dann legt er Rucksack, Umhang und Karabiner ab, zieht den Colt Government aus dem Halfter. Langsam arbeitet sich die kleine Gruppe jetzt zur Lichtung empor. „Und da, da liegt er, der Silberrücken. Er sieht ziemlich tot aus, aber die Brust hebt sich noch ein wenig. Oder täuscht es nur? Das ganze Gesicht des Affen ist voll Blut. Aus der Schusswunde am Hals sickert es noch Kräftig und Fromm ist sich sicher, dass er bewusstlos ist, wenn auch noch ein Rest Leben in ihm steckt. Das Blut wird ja noch gepumpt.“ Der Belgier schiebt die Helfer grob beiseite und tritt auf den riesigen Gorilla zu, der wie aufgebahrt daliegt. Fromm spannt den Hahn des Colts. Als der klickend einrastet, schlägt der König der Wipfel die rot unterlaufenen Augen auf! Mit einem letzten kräftigen Ruck greift er sich plötzlich die Wade Fromms, die in hohen Schnürstiefeln steckt. Fromm fällt seitlich auf den Koloss und spürt, wie der Biss tief in seinen Oberschenkel eindringt. Ein brennender Schmerz. Panisch stürzen seine Helfer zurück. Fromm drückt den Lauf des Colts an die Schläfe des Affen und feuert mehrfach. Augenblicklich fällt der Riese in sich zusammen. Es ist vorbei. Fromm erhebt sich fluchend. „Die Hauer haben ein paar ordentliche Löcher in den Oberschenkel gestanzt. Aber so schlimm sieht es gar nicht aus. Es haben ihn schon ganz andere Sachen durchbohrt.“ Er wendet sich humpelnd seinen Begleitern zu. „Eh, Feiglinge! Wir nehmen nur den Kopf und das Fell mit. Beeilt euch! Ich muss ins Hospital.“ Fromm stirbt 14 Monate später, zu Hause in Brügge, an einer Lungenentzündung.

Vielleicht ist es bei einer solchen Jagdszene zu einer Übertragung des tierischen SI-Virus auf den Menschen gekommen oder bei der Verarbeitung von Wildfleisch. In der Folge könnte es sich an den neuen Wirt angepasst haben und als HI-Virus mit der Übertragung fortgefahren haben. Allerdings war in den 20er Jahren und gerade in den Gebieten Zentralafrikas die Lebenserwartung so gering und die medizinische Versorgung so schlecht, dass das Virus keine Zeit hatte, ausgiebig zu töten. Auch wenn ein Europäer wie der fiktive Nikola Fromm das Virus eingeschleppt haben könnte, so hatte es damals doch kaum Gelegenheit, sich weit genug zu verbreiten und eine weltweite Epidemie auszulösen. Und es gibt noch andere Thesen zum Übertragungsweg Tier-zu-Mensch.

Dr. Gunnar Urban - „Die Übertragung des SIV auf den Menschen kann also auch im Rahmen von Impftestreihen [passiert sein], die in den 20 und 30er auch aus Deutschland und insgesamt Europa kamen, wo Substanzen zur Bekämpfung der Schlafkrankheit, aber auch zur Polio an Einheimischen getestet wurden. Wo vor allem auch die Kanülen, das ganze Injektionsbesteck, das man benutzt hat, in dem Zeitraum gar nicht groß hinterfragt wurde, dass man über diesen Weg auch Krankheiten übertragen kann, auch andere Krankheiten, die man damals ganz offensichtlich ja gar nicht kannte. Und man weiß heutzutage, dass in den älteren Schimpansenpopulationen in Zentralafrika zum Teil Hepatitis C nachweisbar ist. Und es ist durchaus möglich, dass diese Viren in diesem Zeitraum auch übertragen worden sind.“

Ulrich Noethen - Die Impftestreihen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden überhaupt erst mit Hilfe von gefangenen Menschenaffen vor Ort in den jeweiligen Ländern, damals meist noch Kolonien, möglich. In den Nieren der Primaten wurde der Impfstoff vermehrt und dann den Probanden injiziert oder als Schluckimpfung verabreicht. Mit den Kanülen, die nicht nur zur Extraktion, sondern auch zur Injektion, also in beide Richtungen verwendet wurden, gelangte vermutlich das menschliche Hepatitis-C-Virus in die Affenpopulation.

Dr. Gunnar Urban - „Und Hepatitis C ist ein sehr guter Marker für menschliche Infektionen, die in diesem Fall bei den Schimpansen, so wie man sie heute sehen kann, normalerweise gar nicht gefunden werden.“

Ulrich Noethen - Der weitere Weg des Virus war dann nur noch eine logistische Frage. Aus den rohstoffreichen Staaten des afrikanischen Kontinents ging es weiter mit Lkw-Fahrern, mit Arbeitern, mit wandernden Tagelöhnern. So gelangte das Virus in die Hafenstädte, wo Handel und Prostitution florierten. Dort kreuzten sich dann die Wege der Einheimischen mit denen der Menschen aus Amerika und Europa. Diese trugen das Virus unbemerkt weiter. Und wenn jemand krank wurde? Tja, wer erinnert sich schon an eine, Jahre zurückliegende Infektionsmöglichkeit, wenn doch Krankheitsursachen eher in der Gegenwart gesucht werden? Wann HIV erstmals in den USA, also am Ausgangspunkt der Aids-Pandemie, auftrat, ist seit langem Forschungsgegenstand mit unterschiedlichen, teilweise sehr kontroversen Resultaten. Zum Beispiel wurden bereits 1968 an dem Patienten Robert Rayford Aids-ähnliche Symptome beobachtet und später auch als HIV identifiziert. Es konnte jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich dabei um das heute zirkulierende HIV handelte. Aber auch das reichte noch nicht zu einer flächendeckenden Verbreitung des Virus. Erst durch Bluttransfusionen und im Zuge größerer sexueller Freizügigkeit fand das Virus schließlich neue Wege. Dann allerdings trat die erste Infektionswelle eine Panik los, in der, ähnlich wie wir es mit dem Corona-Virus erlebt haben, anfangs eine ausgesprochen große Unsicherheit bestand über die Übertragungswege.

Dr. Gunnar Urban - „Es gab ja ganz furchtbare Szenarien, die da aufgemacht wurden und es gab auch Epidemiologen, die der Meinung waren, dass Zwangsquarantäne durchgeführt werden müsse. Und es gab Gott sei Dank auch eine große Anzahl von sehr vernünftigen und auch sehr fähigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Auf jeden Fall war schon sehr früh vollständig klar, dass die Übertragung von HI-Viren in allererster Linie durch Blutkontakte und Sexualkontakte auftritt. Allerdings gibt es auch ein paar Besonderheiten. Zum Beispiel kann es durch, was wir später gelernt haben … Wenn man Blutkontakte meint, dann meint man natürlich in erster Linie Bluttransfusionen. Es gab dann aber auch viele Menschen, die sich über Gerinnungsprodukte angesteckt haben, weil die eben zum Teil aus menschlichen XXX? gewonnen wurden und immer noch werden, und man mit den Inaktivierungsmaßnahmen nicht so recht wusste, wie das funktioniert beziehungsweise auch einfach gar nicht daran gedacht hatte. Viele Menschen waren schon infiziert, bevor überhaupt Testsysteme entwickelt worden waren. Und das sind im Prinzip die wesentlichen Übertragungswege. Das heißt, HIV kann außerhalb des Körpers nur sehr kurz überleben. Also, ein Blutstropfen, der irgendwo, beispielsweise an der Sonne, auf einem Stein oder so ist, das würde innerhalb von wenigen Minuten durch die UV-Strahlung, durch den reinen Eintrocknungsprozess dazu führen, dass an dieser Stelle eine Übertragung überhaupt nicht mehr möglich ist.“

Ulrich Noethen - Die „Schwulenseuche“ wurde Aids damals genannt und stigmatisierte damit eine Gruppe von Menschen, die aber nur einen Teil der Infizierten und Erkrankten darstellten. Denn auch unter Blutern, die gerinnungshemmende Medikamente brauchten oder unter mit Blutkonserven versorgten Unfallopfern jeden Geschlechts und unter Drogenabhängigen, die ihre Nadeln untereinander teilten, grassierte in den 80er und 90er Jahren die Infektion und stigmatisierte sofort auch diese Menschen.

Dr. Urban hat als Student und junger Arzt die ersten Aids-Fälle schon sehr bewusst mitbekommen und die schrecklichen Krankheitsverläufe beobachten können. 1986 wurde mit 6.000 Infektionen die damals höchste Zahl an neuen Betroffenen allein in Deutschland gemeldet.

Dr. Gunnar Urban - „Ich bin jetzt 56 Jahre alt, 1965 geboren, und habe natürlich die Anfänge von HIV und Aids sehr bewusst mitbekommen, und das hat mich auch sehr geprägt. Gar nicht zunächst so aus menschlichem Ansatz, sondern weil die Immunologie, die hinter dieser Erkrankung oder dieser schweren Infektionserkrankung steht, einfach von Anfang an so rätselhaft war und eben sehr, muss man auch sagen, vom Medizinischen, Wissenschaftlichen schon extrem interessant war. Und als dann aber klar wurde, dass es doch eine große Gruppe von Menschen betrifft und immer mehr Menschen auch sich infiziert hatten oder man nachgewiesen hat, dass sie bereits infiziert waren, da wurde dann eigentlich erst so die ganze Tragweite bekannt.“

Ulrich Noethen - Was passiert nach einer Infektion im Körper des betroffenen Menschen?

Dr. Gunnar Urban - „Also, zunächst kommt es nach einer Infektion erst einmal zu einer Auseinandersetzung mit dem Virus. Und durch die Infektion dieser Helferzellen kommt es initial zu einer starken Vermehrung der Viren, sodass das auch in der Frühphase eben ein Moment ist, wo infizierte Menschen sehr infektiös sein können und von ihrer Erkrankung oder Infektion noch gar nichts zu wissen. Es gelingt dann in der Regel dem Immunsystem, diese Infektion unter Kontrolle zu bringen und die Virusmenge in einem niedrigen Niveau relativ konstant zu halten. Und das hält für ungefähr 10 Jahre an und dann kippt irgendwann diese Situation, weil eben die Helferzellmenge nicht mehr ausreicht, beziehungsweise auch andere Zellen sind dann nicht mehr in der Lage, diese Menge der infizierten Zellen in Schach zu halten, sodass es dann wiederum zu einer exponentiellen Vermehrung der Viren kommt. Und durch diesen Reproduktionsprozess geht die Wirtszelle früher oder später zugrunde. Das schlägt sich dann nieder in der Menge dieser Helferzellen als wesentlicher Schaltstelle unseres Immunsystems. Und wenn eben eine kritische Menge oder kritische Zahl dieser Helferzellen unterschritten wird, dann ist der Körper irgendwann nicht mehr in der Lage opportunistische Krankheitserreger, zum Beispiel den Pneumocystis, also einen Lungenentzündungserreger abzuwehren, aber auch viele andere Erreger, das sind vorwiegend Viren. Und es kommt dann zum Ausbrechen mehrerer sogenannter opportunistischer Infektionen, woran der infizierte Mensch letztendlich stirbt.“

Ulrich Noethen - Opportunistische Infektionen? Also, wir sprechen hier von Erregern, die ihre Chance nutzen, einen Organismus zu befallen, dessen Immunsystem stark beschäftigt, überlastet oder nicht mehr in der Lage ist, sie abzuwehren. Tom Hanks bekommt im Film irgendwann überall Flecken auf der Haut. Was könnte dort dargestellt worden sein?

Dr. Gunnar Urban - „Jetzt muss ich sagen, also, das ist lange her, dass ich den Film gesehen habe. Aber ich denke, er hatte eine ganze Menge bräunlich, leicht erhabene Flecken im Gesicht. Also, das ist das typische Zeichen eines Kaposi-Sarkoms, ein Tumor, der im Prinzip im gesamten Körper auftreten kann, aber typischerweise eben auch im Hautniveau auftreten kann und dort zu Wucherungen führt. Aber das Problematische sind in erster Linie auch die Tumormanifestationen, die im Inneren des Körpers, in den Geweben auftreten können, also vor allem im Darm kann das auch passieren, und dort dann zu schweren tumorassoziierten Erkrankungen führen kann. Also zum Beispiel Verlegung von Darmlumina, also die Darmpassage kann gestört werden. Und der Grund warum Kaposi-Sarkom eigentlich ausbricht ist, weil das Kaposi-Sarkom selber getriggert wird durch ein Herpesvirus, Herpes Virus 8. Dieses Virus kann durch unser Immunsystem in der Regel vollständig in Schach gehalten werden, aber sobald unsere Helferzellen nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden sind, kann dieses Virus eben dazu führen, dass es über wiederum weitere Stimulation zu einer malignen, also bösartigen, Entartung von bestimmten Gewebszellen führt.“

Ulrich Noethen - Nun sieht man in einer Szene des Filmes auch, dass der von Tom Hanks gespielte, aidskranke Anwalt offensichtlich regelmäßig eine Infusion bekommt. Deshalb die Frage – Gab es zu jener Zeit schon wirksame Medikamente? Und wie begann überhaupt die Entwicklung von Therapien?

Dr. Gunnar Urban - „Zu Beginn der 80er kamen dann die ersten HIV-wirksamen Medikamente auf Markt. Das erste war AZT, Azidothymidin, wird auch heutzutage noch verwendet. Blockiert quasi die Umschreibung der Viruserbinformation in passende Erbinformation, die dann in die menschliche Zelle eingebaut werden kann, und hat erhebliche Nebenwirkungen.“

Ulrich Noethen - Das Präparat Azidothymidin, kurz AZT, ist ein Hemmer der reversen Transkriptase und seiner Wirkung nach ein Virostatikum. Das heißt, es behindert die Vermehrung der Viren, indem der Wirkstoff die DNA der befallenen Zelle so verändert, dass die Reproduktion der HI-Viren in dieser gestört wird. Die Umprogrammierung der Körperzelle zu einer HIV-Fabrik schlägt damit fehl. Alles klar? Noch mal die Kurzform – AZT ist ein Virostatikum. Das heißt, es behindert die Vermehrung von Viren. So. Und die Freude war groß. Doch zu früh gefreut. Leider besitzt das HI-Virus die Fähigkeit, sich zu verändern, sodass ihm AZT-Wirkstoffe schnell nichts mehr ausmachten. Zudem verursachte die Manipulation der DNA auch schwere Nebenwirkungen, da die Zelle nun auch ihre normalen Aufgaben nicht mehr richtig erfüllen konnte. Mit AZT-behandelte Aidskranke hatten schnell eingefallene Gesichter, da ihnen das Fettgewebe im Gesicht schwand. Dazu kamen gestörte Nierenfunktionen und Stoffwechselprobleme in unterschiedlicher Ausprägung sowie Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Kopfschmerzen. Eine Ursache – Die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, kamen durch die Behandlung mit AZT völlig aus dem Tritt und ließen die Zellen in rasendem Tempo altern. Jedoch die Entwicklung von Medikamenten schritt schnell voran.

Dr. Gunnar Urban - „Das erste Medikament, dazu gab's dann aus der gleichen Substanzklasse weitere Medikamente DDC, DDI. Diese Medikamente haben auch eine gewisse Wirksamkeit gehabt beziehungsweise sogar eine relativ gute Wirksamkeit. Problem war eben, dass durch die Resistenzentwicklung des Virus das Virus dieser Therapie ausweichen konnte und nach relativ kurzer Zeit diese Medikamente nicht mehr wirksam waren. Das heißt, die Patienten hatten einen kaum messbaren insgesamten Überlebensvorteil.“

Ulrich Noethen - Dem Resistenzproblem begegnete man später damit, dass man die Medikamente in Kombination verabreichte, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Virus gegen zwei Wirkstoffe gleichzeitig resistent wird. Jedoch schoben diese Medikamente das Unvermeidliche nur hinaus und erhöhten im besten Fall die Lebensqualität der Betroffenen. Der echte Durchbruch kam dann mit der antiretroviralen Therapie mit Proteaseinhibitoren circa Ende der 90er Jahre. Das klingt nicht nur kompliziert und ist kompliziert auszusprechen, es ist auch kompliziert, aber die Wirkung ist recht einfach zu erklären.

Dr. Gunnar Urban - „Zur Therapie mit den Proteasehemmern – das war wirklich ein enormer Paradigmenwechsel, was da passierte. Weil plötzlich waren Menschen in der Lage, mit HIV zu leben, wo vorher alle gestorben sind, nach zehn oder zwanzig Jahren – ausnahmslos. Proteaseinhibitoren vielleicht ganz kurz – das sind im Prinzip Substanzen, die gezielt das Virus daran hindern, seine Baustoffe zurechtzuschneiden und passgenau so herzustellen, dass sie zu einem neuen Viruskapsid hergestellt werden können. Und wenn die nicht mehr zusammenpassen, diese Bausteine, dann bricht auch da die Produktion ab. Die ersten Proteaseinhibitoren hatten auch extreme Nebenwirkungen, vorwiegend am Darm mit Verstopfung, mit viel Übelkeit, sehr viele sogenannte metabolische Stoffwechselstörungen, Gewichtszunahme auch. Und das ist heutzutage, jetzt sind wir bei der zweiten und dritten Generation dieser Substanzen, weitestgehend auch reduziert.“

Ulrich Noethen - Aber es bleibt für die Patienten dann doch noch immer bei einer regelmäßigen Prozedur mit Infusionen oder einer Phalanx aus Tabletten auf dem Frühstückstisch.

Dr. Gunnar Urban - „Also die moderne Therapie, die wir jetzt haben, besteht aus einer dreifach-antiretrovirale Therapie aus zwei Substanzgruppen. Wir haben heutzutage vier standardmäßige Substanzgruppen, die wir benutzen, genau genommen sind es eigentlich fünf, aber vier, aus denen wir in der Regel requirieren. Und mittlerweile, auch schon seit ungefähr zehn Jahren, gibt es so sogenannte STRs, Single-Tablet-Regimens. Das heißt, eine Tablette, in der alle notwendigen Substanzen enthalten sind, in der Regel sind es drei oder vier einzelne Substanzen, die in einer Tablette enthalten sind und die auch nur einmal am Tag eingenommen werden muss, um dann hoch aktive, antivirale Wirkung zu entfalten.“

Ulrich Noethen - Das hätte ich nicht erwartet – Eine Tablette am Tag hält das Virus fern? A pill a day keeps the virus away?

Dr. Gunnar Urban - „Und dann reden wir über ein Regime, was wirklich extrem nebenwirkungsarm ist, wo wir aber wissen, dass nach 10 bis 20 Jahren gewisse Nebenwirkungen auftreten können. Aber wir reden hier nicht von Nebenwirkungen, dass also die Nierenfunktion aussetzt oder so, sondern wir reden von geringen Einschränkungen in der Nierenfunktion. Und eben Einschränkungen, die wir monitoren, sodass wenn die auftreten in einem signifikanten Kontext oder Menge, dass wir also sagen können, wir wechseln jetzt Medikamente und keine langfristigen Nebenwirkungen mehr haben.“

Ulrich Noethen - An dieser Stelle möchte ich noch einmal zu unserem Kinobesucher aus der ersten Geschichte zurückkehren.

Hamburg 2021. Frank prüft den Sitz seines neuen Polo-Shirts. „Huh, der Lockdown hat ihm einige zusätzliche Kilos auf die Hüften gezaubert. Wie konnte es nur so weit kommen?“ Frank grinst sich im Spiegel an und zieht den Bauch ein. „Die Gründe liegen eigentlich auf der Hand, Giovannis gute Pasta und ein wenig zu viel Rotwein an den langen Abenden.“ Also gut. Heute der erste Kinoabend seit fast anderthalb Jahren. Es ist wirklich aufregend wie das erste Date, das Treffen am Kino, dann Essen, ein gutes Hotel in der City mit Blick auf den Hafen, in weißen Bademänteln, Pantoffeln, Frühstück im Bett. Hochzeitstag ist Hochzeitstag. Nicht, dass es ihm und seinem Mann an Filmen und Frühstück im Bett gefehlt hätte. Sie hatten genug Zeit, sich im Super-HD-Modus durch alle Plattformen zu bingen und die Horden von Blu-rays im Regal mal wieder durchzuschauen. Frank hatte den Lockdown aber sehr ernst genommen und damit die Isolation auch. HIV reicht als Infektion, Corona braucht man nicht noch zusätzlich, um die Sammlung zu vervollständigen. Dass Giovanni lieber bei ihm blieb, anstatt in den schwersten Zeiten zu seiner Familie nach Italien zu reisen, rechnet er ihm hoch an. Ja, die Liebe seines Lebens. Das Smartphone zeigt an, dass sein Taxi unten wartet. „Gut, Schlüssel, Börse, Maske, Impfausweis und Kondome. Wer weiß, wer weiß, was Giovanni so einfällt.“ Der Prius rollt lautlos an. Der Taxifahrer spricht kaum Deutsch und dreht das Radio lauter, dabei skippt er sich durch die Sender und für einen Moment hört Frank einen Schnipsel von Bruce Springsteen Song „Streets of Philadelphia“, bis der nächste Sender im Suchlauf loskrakeelt und bei einer zugegebenermaßen witzigen Balkan-Polka-Popmusik hängenbleibt. Dieser Springsteen Song, das war die Titelmusik für einen Film, den er schon fast wieder vergessen hatte. Damals, 1993, da saß er auch in einem Taxi. Frank schaut in den Rückspiegel. Der Fahrer blickt fragend zurück. „Nee, nee alles gut.“ ‚Ich bin alt geworden‘, denkt Frank. Was für ein Glück! Alt geworden mit HIV. Er ist glücklich alt geworden und in Liebe und er feiert seinen sechsten Hochzeitstag. Altwerden ist ein Geschenk.‘ Er zieht das Smartphone heraus und sucht die Kritiken zum Film „Philadelphia“ und beginnt zu tippen. „Ich habe diesen Film ja lange fast gehasst, gerade wegen dem Ende, mit Familie und Antonio Banderas am Arm und Maria-Callas-Arie im Hintergrund zu sterben. Das ist ja fast ein Happy End. Aber so war es damals ganz bestimmt nicht. Zumindest nicht in den ersten Jahren. Eltern haben ihre Kinder verstoßen, Krankenpfleger haben das Essen vor der Tür abgestellt, aus Angst sie könnten sich anstecken. Junge Menschen sind elend krepiert, voller Angst, voller Verzweiflung und, und, und. Und das nicht nach Wochen, sondern nach Jahren voller aussichtsloser Kämpfe. Das will aber niemand sehen. Und das wollte auch ganz sicher 1993 niemand sehen. Einige der Nebendarsteller sind Monate später an Aids verstorben. Alleine, dass es diesen Film 1993 gab, hat tiefsten Respekt für alle Mitwirkenden verdient. Heute denke ich, es war ein Meilenstein der ganzen Entwicklung zu mehr Weltoffenheit und Akzeptanz. Und es ist noch nicht einmal 30 Jahre her.“

Das Taxi hält vor dem Kino. Giovanni steht aufgedonnert wie eine Diva mit einem riesigen Strauß Margeriten davor. ‚Was für ein Mann!‘ Frank bezahlt lachend, steigt aus und fällt dem riesigen Italiener um den Hals. ‚Philadelphia hatte seine Zeit. Jetzt ist eine neue.‘

Der fiktive Hamburger Frank hatte Glück im Unglück und eine sehr gute medizinische Versorgung. Ja, unser aller Wohlstand hat ihm das Weiterleben ermöglicht.

Dr. Gunnar Urban - „Ja, die Therapie ist erheblich teurer, man kann sagen zwischen 1.000 und 2000 Euro kostet eine Therapie pro Monat und das ist natürlich ein erheblicher Anteil. Das liegt aber auch ein bisschen daran, dass die … Also jedes Land generiert oder gestaltet ja seine eigenen Pharmapreise und dasselbe Medikament, das in Deutschland vielleicht 600 Euro im Monat kostet, kann durchaus in anderen Ländern, vielleicht außerhalb Europas, nur ein Bruchteil dieser Kosten verursachen. Natürlich sind wir in Europa oder auch in den USA und anderen industrialisierten Ländern in der Lage, HIV hervorragend zu behandeln. Und dazu sind Menschen in Tansania und Ghana und natürlich in vielen anderen Ländern auch bei weitem nicht so in der Lage. Aber es liegt eben nicht nur an den Medikamenten, es liegt an dem medizinischen Know-how, es liegt eine Infrastruktur, es liegt auch am Transportsystem schlicht und ergreifend. Wenn Menschen auf dem Land leben und sie müssen vielleicht 20, 30 Kilometer zum nächsten HIV-Behandler oder -behandlerin, aber das zu Fuß unternehmen müssen, dann kann man sich überlegen, was dabei am Ende rauskommt. Und last but not least geht es auch um Überzeugungsfähigkeit. Also, sie können ja nicht einfach ankommen und sagen, ‚Wir haben jetzt hier die Lösung für eure Probleme‘. Man muss erst auch Menschen überzeugen und Menschen einbinden und sagen ‚Wir haben hier etwas, das ist gut‘. Sie können da nicht einfach reinpreschen und sagen ‚So muss das gemacht werden‘. Sie sehen ja was im entwickelten Europa mit Corona die Situation ist. Da glaubt auch nicht jeder an Viren als Ursache für Corona und schon gar nicht an die Wirksamkeit einer Impfung.“

Ulrich Noethen - Die Gegenwart sieht so aus – Im Jahr 2019 waren acht und dreißig Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert, 25 Millionen davon in Therapie und 700.000 verstarben in diesem Jahr an Aids. 700.000. Hotspot ist nach wie vor das südliche Afrika, auch wenn das Virus zunehmend in Osteuropa grassiert. Nur ist gerade in Russland die Datenlage, sagen wir, schwierig. Im südlichen Afrika wütet Aids immer mehr auch unter Frauen, die durch verantwortungslose Politik, durch patriarchalische Strukturen, fehlenden Schutz vor Geschlechtskrankheiten und oft einfach durch schiere Armut in Infektionssituationen geraten.

Südafrika 2018. Mit drei Grad über null ist es ziemlich kalt an diesem klaren Julimorgen in Johannesburg, im Norden Südafrikas. Angela Rovarbo schließt den Reißverschluss ihrer knallgrünen Daunenjacke. Sie klemmt den Parkschein an das Armaturenbrett ihres alten, himmelblauen Toyota Starlet und streichelt kurz das Lenkrad, denn sie liebt das Auto wie ein Haustier. Auf der umgeklappten Rücksitzbank liegen stapelweise gefaltete Transparente und Pappschilder. Sie schüttelt ihr zu dutzenden Zöpfen geflochtenes Haar und wirft es mit Schwung über ihre Schultern. Ein Blick auf ihr iphone sagt ihr, dass es 6 Uhr 30 ist und sie noch circa eine Stunde Zeit hat, bis es losgeht. WhatsApp, Twitter und Facebook schweigen noch; das wird aber nicht so bleiben. Und schon klingelt es. Es ist ihre große Tochter. „Ja, Schatz, was habe ich vergessen? Nein, die habe ich eingepackt. Nur eine andere Verpackung. Danke, dass du dran gedacht hast. Warte, warte! Ist deine Schwester fertig, sie soll nicht trödeln, sonst verpasst sie den Bus. Ja, ich dich auch!“ Und ach so, wenn Lawrence dich wieder angrapscht, dann knall ihm einfach eine. Reden scheint ja nicht mehr zu helfen. Ja, bis dann. Kuss.“ Angela legt auf. Sie ist stolz auf ihre beiden Töchter, 9 und 13 Jahre alt. Die Große hat vermutlich ihren Tablettenspender in der Küche liegen sehen und gedacht, sie hätte ihre Pillen vergessen. Sie hat aber immer ein Duplikat dabei, zur Sicherheit. Sie weiß ja nicht, ob sie vielleicht bei einer ihrer Demonstrationen verhaftet wird und dann für mehrere Tage hinter Gittern verschwindet. Wenn sie dann ihre HIV-Medikamente nicht dabei hätte, könnte es schnell wieder schlimmer werden. Zum Glück sind ihre Mädchen kerngesund. Was man von deren Vater nicht sagen kann. Der sitzt irgendwo in Kapstadt und besäuft sich vermutlich gerade schon wieder oder immer noch. Und er wird sicher auch diesen Abend losziehen und versuchen, Frauen ins Bett zu bekommen. Aber das wird schwer. So wie er seinen Facebook-Posts nach zu urteilen derzeit aussieht. Aids steht ihm ins Gesicht geschrieben und er leugnet es trotzdem weiter. Angela seufzt und will gar nicht daran denken, was dieser Typ ihr angetan hat.

Sie steigt aus. Dampfwölkchen bilden sich aus ihrem Atem. Sie schaut zu dem schicken Hotel mit Kongresszentrum hinüber. Ein großer Zaun umschließt es und die Jungs von der Security schauen nervös zu ihr herüber. Schon witzig, diese schlaksigen Bubis in ihren zu großen Uniformen, hey aber zumindest sind sie freundlich. Einige scheinen mit ihr sogar zu sympathisieren. Klar, die Jungs haben auch Mütter und einige von denen kämpfen bestimmt auch mit Aids. Okay, jeden Monat, wenn sie hier die Provinzabgeordneten mit dem Gesundheitsminister treffen, sind Angela und ihre Gruppe da, und zwar pünktlich. Sie fragt sich jedes Mal, was es da zu besprechen gibt, denn augenscheinlich passiert nichts, aber auch gar nichts in diesem Land. Dafür gibt es einen Korruptionsskandal nach dem anderen, in denen der ehemalige Arzt und Freiheitskämpfer bestimmt verstrickt ist. Vermutlich wird in diesem Hotel da drüben nicht über Gesundheitspolitik gesprochen, sondern einfach nur privates Business gemacht. Dass die Armen gerade zu Tausenden sterben, ist vermutlich für die Herren sekundär. Angela spürt wie die Wut hochkocht. „Bleib ruhig, Mädchen! Reg dich nicht auf! Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Am Anfang war sie ganz allein mit ihrem Schild ‚No gum, no fun‘. Das Schild sollte schlicht darauf hinweisen, Kondome in der Öffentlichkeit zu empfehlen oder besser noch auf Staatskosten zu verteilen. Damals wurde sie sofort von einigen Provinzpolitikern angefeindet. Und im Fernsehen propagierte der Präsident mehr oder weniger unverhohlen, Aids sei eine Lüge, Kondome seien gegen Gottes Willen und Sex mit Jungfrauen könne Aids heilen, das Leiden, das er selbst eine Sekunde vorher als nicht existent, als Lüge bezeichnet hatte. Was für ein Dummkopf! Dazu zeigten sie damals auch noch Bilder von ihr und bezeichneten sie als hysterische Kampflesbe. Das bewirkte jedoch nur, dass beim nächsten Mal zehn Frauen mit ihr zusammen vor der Einfahrt zur Hotelanlage standen. Der mediale Gegenschlag danach wurde noch heftiger. Jetzt war sie eine lesbische Hexe, die die Manneskraft der stolzen Südafrikaner unterwandern wollte. Und mit ihren Kondomen wollte sie die Geburtenrate drücken, um es fremden Mächten zu erleichtern, das Land am Horn einzunehmen. „Shhu, das war hart.“ Angela wusste gar nicht, dass sie über solche Superkräfte verfügt. Vielleicht sollte sie bei den Avengers einsteigen. Heute sind sie mehr als 100 Frauen und sogar einige Männer sind dabei.

Mittlerweile bekommt sie so viele Spenden, dass sie sich ausschließlich ihrer Aufklärungsarbeit widmen kann und dabei Facebook, Twitter und Instagram füttert. Sie ist noch immer privilegiert. Sie kann sich die Medikamente leisten, die meisten ihrer weiblichen und männlichen Landsleute aber nicht. Vielen fehlt die Bildung, um zu verstehen, was HIV und Aids bedeuten. Dabei ist es so wichtig, dass die Jungen und Mädchen, die Teenager nicht auf Safer Sex verzichten, am besten die Finger von Drogen lassen und dass sie lernen, Lügen von der Wahrheit zu unterscheiden. Ah, es geht los. Die beiden Reisebusse sind gekommen. Die meisten Frauen hier können sich kein Auto leisten und auch für Bus und Bahn wird es für einige finanziell schwierig. Darum werden sie an der Central Station abgeholt – alles bezahlt durch Spenden. Angela begrüßt jede Einzelne der Ankommenden. Sie verteilt Plakate und Transparente. Die Frauen schwatzen und lachen. Heißer Tee und Kaffee werden verteilt. Punkt 7 Uhr 30 biegt die Kolonne des Ministers auf die Zufahrt ein. Ein Kamerateam filmt die DemonstrantInnen. „Eine wichtige Routine“, denkt Angela. Dann steckt sie beide Finger in den Mund und pfeift gellend, und die anderen stimmen mit ein.

Dr. Gunnar Urban - „Also, wenn man sich jetzt die HIV-Therapie außerhalb Europas oder, sage ich mal, in sogenannten Entwicklungsländern anguckt, dann dürfen wir dabei nicht vergessen, dass es eben nicht nur um die Medikamente geht. Ich habe, schon eine Weile her, einige Jahre in Tansania gearbeitet für den Deutschen Entwicklungsdienst, das war 2008 bis 2010. Wir hatten damals schon, ganz modern, das erste Single-Tablet-Regimen Atripla, aber das ist nur ein Teil der ganzen Geschichte, das Medikament zur Verfügung haben. Sie müssen auch diese Therapie betreuen, die Patienten müssen regelmäßig überwacht werden, sie müssen Nebenwirkungen monitoren. Das heißt der ganze Kontext zählt.“

Ulrich Noethen - Mit Tabletten allein ist es demnach nicht getan? Aids ist auch ein zivilisatorisches Problem, das sich nur mit sozialer Gerechtigkeit, mit Solidarität und in einer friedlichen Gesellschaft effektiv bekämpfen lässt. Angela, in der fiktiven Geschichte eben, hat sich durch ungeschützten Verkehr angesteckt, weil es noch kein Bewusstsein der Gefahren gab, die damit einhergehen. Was schützt denn nun am besten vor einer HIV-Infektion?

Dr. Gunnar Urban - „Ja, das ist gar nicht so ganz einfach, superkurz zu sagen. Aber der Bereich, der am wesentlichsten am Übertragungsweg ist, Geschlechtsverkehr, Kondombenutzung, das ist nahezu hundertprozentig sicher. Je nachdem, wie gut dieses Kondom dann auch verwendet wird und ob es regelmäßig vor allem natürlich verwendet wird. Das ist der eine Weg. Bluttransfusionen können wir heute nahezu hundertprozentig sicher testen durch PCR-Tests. Das heißt, auch da wird keine Übertragung mehr stattfinden. Gerinnungsprodukte, da gibt es heutzutage die gleichen Testsysteme und auch Inaktivierungsverfahren, sodass auch da kein Übertragungsweg mehr möglich ist. Wenn es dann eben doch mal dazu kommt, dass vielleicht ein Kondom gerissen ist oder aus welchen Gründen auch immer gar nicht verwendet worden ist, dann gibt es heutzutage auch die Möglichkeit, nach einem ungeschützten Verkehr, HIV-wirksame Substanzen zu geben. Man verwendet da letztendlich genau die Medikamente, die auch bei der Therapie zum Einsatz kommen, dann aber natürlich nur einen bestimmten Zeitraum. Wenn also innerhalb von 24 Stunden, so sagt man, 24 maximal 48 Stunden, nach einem potenziellen Infektionsereignis so eine kurzzeitige, nämlich Ein-Monat-Therapie erfolgt, hat man extrem gute Chancen, dass es gar nicht erst zu einer Infektion kommt. Und dann gibt es, das ist jetzt relativ neu, die sogenannte Präexpositionsprophylaxe. Das heißt, für Menschen, die eher ein riskantes Verhalten beim Geschlechtsverkehr haben oder vielleicht auch die besonders sichergehen wollen, in bestimmten Sexualkontakten eine Übertragung möglichst sicher zu verhindern, gibt es eben auch die Möglichkeit einer Therapie im Vorfeld bereits. Da werden auch einzelne Medikamente der antiretroviralen Therapie verwendet, um eine eventuell stattfindende Übertragung mit HIV dann gleich quasi simultan abzutöten. Das wäre zum Beispiel auch in der Situation bei diskordanten Paaren so, also, wo ein Partner oder Partnerin HIV-negativ ist und ein Partner oder Partnerin ist HIV-positiv, um dann die Übertragung noch weitestgehend zu verhindern.“

Ulrich Noethen - Zum Schluss möchte ich von Dr. Gunnar Urban wissen, ob die endgültige Beseitigung des HI-Virus per Impfung zum Beispiel oder eine komplette Heilung von Aids pure Science-Fiction sind oder durchaus realistisch.

Dr. Gunnar Urban - „Wir leben im Prinzip in der Zukunft, dass wir in einer sehr begünstigten Situation leben in Europa, mit einer High-Tech-Medizin, die noch vor 20 Jahren unvorstellbar war. Wir machen genetische Resistenztestung an Viren, die wir gar nicht mehr direkt nachweisen können. Das nennt sich provirale genetische Resistenztestung. Wir können also feststellen, wie Resistenzen des HI-Virus sind, nachdem es sich schon in unsere Körperzellen eingeschleust hat. Das ist also wahnsinnig, was da möglich ist. Und wir können diese wirklich schwere Infektionserkrankung, die unweigerlich ohne Therapie zum Tod führt, heutzutage so effektiv behandeln, dass die Patienten eigentlich keine Patienten mehr sind, sondern nur Patienten, wenn sie hier sind. Aber draußen sind das Menschen die ein voll gutes Immunsystem haben, die ganz normal geimpft werden können, jede körperliche Belastung erleben können. HIV und Impfung ist natürlich ein Riesenthema, allerdings auch eines, was jetzt schon 30, 40 Jahre lang läuft und wo man sagen muss, dass bislang noch nichts gefunden worden ist, dass wirklich für eine große Zahl von Menschen funktioniert. Und eine weitere Strategie ist es – das ist schon fast keine Impfung mehr, finde ich, sondern es ist eher so eine Immunmodulation durch Impfung –, dass versucht wird, bestimmte Lymphozyten, sogenannte Killerzellen, die wir im Blut in uns tragen, die sehr gezielt infizierte Zellen angreifen und zerstören können, quasi regelrecht auffressen können, dass sie gezielt infizierte Helferzellen zerstören, noch bevor die wiederum die Virenmenge erhöhen und dabei selber dann zugrunde gehen.“

Ulrich Noethen - Also sind die therapeutischen Aussichten wohl recht gut. Aber wie sieht es mit den sozialen Aussichten Infizierter und Erkrankter aus? Wo stehen wir da?

Dr. Gunnar Urban - „Die Patienten, die mit dieser Infektion leben, können Kinder haben, Kinder zeugen. Das Risiko ist nahezu bei null andere anzustecken. Aber ich denke auch, dass weiter die Stigmatisierung eine große Rolle spielt und das würde ich jedem meiner Patienten und Patientinnen auch wünschen, dass sie eben, ohne Sorge benachteiligt zu werden oder auch nur blöd angeguckt zu werden oder auch blöd gefragt zu werden, einfach sagen können – ‚Ja, ich habe diese und diese Infektion.‘ Und das sind Dinge, an denen in Europa gearbeitet werden muss. Aber andere Länder haben da noch viel, viel größere Herausforderungen, sag ich mal. Das ist überall auf der Welt ein Problem aber, und auch in Deutschland.“

Ulrich Noethen - Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Dr. Gunnar Urban in Berlin und natürlich auch wieder an Sie, an euch fürs Zuhören. Ich würde mich freuen, wenn Sie, wenn ihr, wenn du auch bei unserer nächsten Zeitreise dabei wärt. Dann erzählen wir die Geschichte der Chemotherapie und des unermüdlichen Kampfes gegen den Krebs.

Bis bald also bei „Siege der Medizin“. Bleiben Sie gesund und neugierig! Ihr Ulrich Noethen.

Brandvoice - Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

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Executive Producers Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück – Faktencheck Dr. Martin Allwang – Autoren Lutz Neumann, Volker Strübing – Interviews Simone Terbrack, Lutz Neumann – Musik Johannes Kornelius – Produktion Philipp Klauer – Recherche und Unterstützung Carsten Weichelt, Elena Urban, Alexander Weller – Projektleitung Sven Rühlicke, Ruben Schulze-Fröhlich – Produziert von den Wake Word Studios in München.

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Dieser Podcast dreht sich um die größten Erfolge der Medizinforschung – spannend erzählt von Schauspieler Ulrich Noethen. Neben Expertinnen und Experten lässt Noethen die Geschichte selbst zu Wort kommen. Reisen Sie mit uns durch die aufregende Geschichte der Medizin und genießen Sie ein ganz besonderes Hörerlebnis.

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Zum Erzähler

Der Theater- und Filmschauspieler Ulrich Noethen ist eine feste Größe in der deutschen Schauspielkunst. Bekannt ist er unter anderem aus Kinofilmen wie „Das Sams“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. In der deutschen Fernsehserie „Charité“ spielte er den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Für seine schauspielerischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2006 mit der „Goldenen Kamera“.

Chefredakteur Dr. Dennis Ballwieser über den Podcast "Siege der Medizin"

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