Diagnose Krebs – ein Schicksalsschlag. Die Krankheit ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Und auch der Kampf dagegen hat schon früh begonnen. Bereits im Alten Ägypten soll es Krebsoperationen gegeben haben. Heutzutage lassen sich einige Krebsarten gut behandeln und es gibt Hoffnung für die Zukunft, wie Ulrich Noethen erzählt. Welche wichtige Rolle außerdem der deutsche Mediziner und Forscher Paul Ehrlich für die Krebsforschung gespielt hat, hören Sie in dieser Folge. Unterstützt wird Erzähler Ulrich Noethen von Experte Prof. Dr. Dirk Jäger.

Ulrich Noethen - Im Zuge der Produktion dieser Podcast-Reihe für die Apotheken Umschau wurde ich gebeten, etwas Persönliches an den Anfang jeder Folge zu stellen. Kein Problem, meistens. Bei diesem Thema jedoch – Krebs – tue ich mich schwer damit. Krebs ist wahrhaftig eine Krankheit, die allgegenwärtig scheint und bisher in jeglichem bekannten und verwandten Kontext vorgekommen ist. Viele dieser Personen haben den Krebs, diese in den vielfältigsten Facetten daherkommende Krankheit, überstanden, einige jedoch leider nicht. Und oft sind es Menschen, die es mitten im Leben erwischt, wenn ich das mal so flapsig sagen darf, und für die sich nach der Diagnose das ganze Leben auf den Kopf stellt und damit oft auch das Leben ihrer Familien und Freunde. Daher vielleicht nur diese wenigen persönlichen Worte eingangs, die ich vielleicht sonst an das Ende der Episode gestellt hätte – Ich schätze mich überaus glücklich, in einer Zeit zu leben, in der es ob der Forschung und der modernen Medizin möglich ist, viele Krebsleiden zu lindern, über viele Jahre zurückzudrängen, eine Hoffnung auf Heilung zu geben und teils auch das Weiterleben zu ermöglichen.

Brandvoice - Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Ulrich Noethen - Ich begrüße Sie zum Podcast der Apotheken Umschau über die Siege der Medizin. Mein Name ist Ulrich Noethen und ich freue mich, Sie auf dieser spannenden Reise zu den wichtigsten Errungenschaften der Heilkunde zu begleiten. Neben Expertinnen und Experten lassen wir die Geschichte und Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, zu Wort kommen. Folgen Sie mir auf eine weitere spannende Zeitreise zu bahnbrechenden Entdeckungen und den Menschen, die dahinterstehen.

Krieg der Zellen – Paul Ehrlichs Chemotherapie und der stetige Kampf gegen Krebs

Bei dieser Folge unterstützt mich Professor Dirk Jäger, Onkologe und einer der Direktoren des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. Im Vorgespräch mit ihm und zur Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung befragt, egal welcher Art, gab er zur Antwort – Jede zweite bis dritte Person bekommt wahrscheinlich Krebs. Dann blicken Sie sich jetzt einmal um und zählen Sie die Personen. Das ist erschreckend, sicher. Aber gleichzeitig besteht doch Hoffnung auf Heilung, wie wir noch hören werden. Aber nun gehen wir erst einmal zurück in die Geschichte.

Ulrich Noethen - Die Krankheit Krebs begleitet den Menschen seit Anbeginn seiner Existenz und nicht nur ihn, sondern die meisten Säugetiere. In archäologischen Funden konnten viele Krebsarten bei unseren Vorfahren nachgewiesen werden. Früheste erhaltene Beschreibungen datieren auf 1500 vor unserer Zeit und zeigen Behandlungsmöglichkeiten, aber auch schon die Resignation angesichts dieser extrem vielseitigen und wandlungsfähigen Krankheit.

Prof. Dirk Jäger - „Man kann es nicht genau sagen, aber es gibt auch Hinweise aus unterschiedlichen, auch Frühkulturen, dass Krebs schon ein Thema war. Man geht davon aus, dass im alten Ägypten schon Krebsoperationen stattgefunden haben. Im alten Rom, dass das Thema Krebs ein relevantes war. Auch da ging man schon von Krebsgeschwüren aus, die unterschiedliche Organsysteme befallen können. Die Vorstellungen waren ganz unterschiedlich, welchen Ursprung so eine Krebserkrankung hat – Ist das etwas, das von außen kam und den Körper befällt. Und da unterscheiden sich die Kulturen sehr. Aber wir wissen tatsächlich von Krebsoperationen im Altertum. Also man hat tatsächlich das Problem Krebs erkannt und hat versucht, es auch zu behandeln.“

Ulrich Noethen - Dann reisen wir doch einmal ins alte Rom, im Jahr 160 unserer Zeit.

Die mit rostigen Eisenbändern beschlagene Holztür fliegt quietschend auf und knallt an die weißgekalkte Bank. Augenblicklich braust von außen ein entfernter Sturm aus Pfiffen, Schreien und Pferdegetrappel herein in den sonst stillen Raum – hier, in den kühlen Gewölben unterhalb der Arena des Kolosseums. Galenos von Pergamon, berühmter Heilkundiger und Chirurg, fährt auf aus einem kurzen Halbschlaf. Er war eingenickt. Fast fällt er von der Bank. Sein bronzener Becher mit dem wässrigen, aber das muss man ihm zu Gute halten, zumindest eiskalten Wein klimpert auf den blank geputzten Steinboden und verschüttet seinen Inhalt. Das Rot des Weins spritzt wild herum. Aber das wird nicht das einzige Rot auf dem Fußboden bleiben. Zwei alt gewordene Hünen von Morenos Gladiatorentruppe schleppen einen nur wenig jüngeren, bewusstlosen Gefährten zum großen, glatt geschliffenen Tisch aus Zedernholz, der direkt unter dem langen Lichtschacht des Raumes positioniert ist. Die gleißende Mittagssonne leuchtet in den dunklen Schacht und erhellt den Tisch in dem ansonsten dunklen Raum. Scheppernd fällt die Teilrüstung, die den Arm des Kämpfers schützen soll, zu Boden. Helm und Beinschienen folgen. Galenos wirft nur einen ersten flüchtigen Blick auf den Verletzten, dann wäscht er sich die Hände im großen Zuber. Einer der Helfer ist völlig außer Atem.

„Bitte helft Galenos! Der Speer hat ihn erwischt unter dem Schild hindurch in den Bauch. Tyrius, hier, er ist der Beste und Erfahrenste in unserem Stall. Es sollte heute sein letzter Kampf sein, bevor er zum Lehrer wird wie wir beide.“ Er zeigt auf sich und seinen stummen Begleiter. „Wir brauchen ihn.“

Galenos hat Respekt vor den Kämpfern. Sie tragen ihre Haut zu Markte. Das Risiko ist zwar kalkulierbar, aber immens. Groß ist die Chance auf Ruhm, noch größer das Risiko eines jähen Endes in Sand und Blut.

„Ich weiß, wer Tyrius ist, ich kenne ihn“, nuschelt Galenos und erinnert sich, „er hat schon einige Hiebe und Stiche überlebt. Aber er blutet sehr stark. Ohne Bewusstsein war er auch noch nie. Vielleicht war das wirklich sein letzter Kampf. Aber lasst mich sehen. Tretet beiseite!“

Galenos wischt mit einem sauberen Tuch das Blut von der eher unscheinbaren Wunde unter dem Rippenbogen des Gladiators. „Hm, sieht oberflächlich nicht so schlimm aus.“ Aber der stete Strom frischen Blutes zeigt an, dass ein größeres Organ getroffen wurde und der Speer tief eingedrungen ist. Galenos legt die Finger an den Hals des Mannes, dessen Puls schnell unter der verschwitzten Haut flattert. Er hat das schon oft gesehen. Hunderte Gladiatoren hat er zusammengeflickt. Viele sind wenig später wieder in die Arena gegangen und haben einfach weitergekämpft. Galenos behandelt auch den Kaiser. Er behandelt Aristokraten mit Herzweh oder Rückenschmerz. Er hilft Kindern mit löchrigen Zähnen und jeder Frau, die eine schwierige Geburt durchzustehen hat. Die Pest und die Krankheiten der Legionäre sind ihm wohlbekannt. Die Arbeit im Gewölbe des Kolosseums jedoch hat ihn fast alles über die Anatomie gelehrt. Die männliche zugegebenermaßen, weshalb er regelmäßig hier den Dienst versieht. Ja, auch wenn er deshalb von seinem Herrn Commodus belächelt wird. Der ist nämlich überzeugt, dass Gladiatoren zum Sterben bestimmt sind. Nun gut, sein Herr hat sehr eigene Ansichten.

„Ich muss die Wunde vergrößern, um das beschädigte Blutgefäß abdrücken zu können. Haltet ihn gut fest, ja! – falls er erwacht.“

Galenos setzt einen beherzten Schnitt mit dem scharfen Messer und sofort ergießt sich Blut aus dem Bauchraum heraus über den Tisch. Ja, eine dicke Ader ist zerstört, auch die Leber ist in Mitleidenschaft gezogen. Galenos drückt die Ader ab, aber das Blut kommt kurz darauf nur noch stärker aus den Tiefen der Leber, bis es auf einmal versiegt. Der Arzt schüttelt den Kopf und in diesem Moment verlässt auch der letzte Atemzug den bisher sehr erfolgreichen Gladiator. Sein Herz schlägt nicht mehr. Die beiden Hünen stehen wie gelähmt da. Sie lassen die Schultern hängen und sind sichtlich erschüttert.

„Geht nur ihr beiden! Ich richte Tyrius her. Kommt später wieder!“

Als die Männer schweigend den Raum verlassen, beugt sich Galenos über den klaffenden Schnitt und wäscht ihn mit dem Wasser aus dem Zuber richtig aus. „Was ist das? Interessant!“

So wie es aussieht, hätte Tyrius auch ohne seinen letzten Kampf nicht mehr lange gelebt. Galenos hebt die freiliegenden Därme aus der Bauchhöhle heraus. Sie sind über und über mit gut durchbluteten bläulich-roten Pusteln übersät, manchmal in Gruppen; manche sind groß und stehen einzeln. An einigen Stellen bricht der Darm an den Rändern der Geschwüre wie poröse Baumrinde. Tyrius hatte Darmkrebs, sehr weit fortgeschritten. Galenos reinigt seine Hände und fertigt auf einer weißen Bahn Pergament mit spitzer Kohle eine Skizze der Geschwüre an. Er kratzt sich am Kopf. Das erklärt vielleicht Tyrius Schwäche in den letzten Kämpfen und seinen hager gewordenen Körper. Dieser Gladiator hier hat einen längeren und schwereren Kampf verloren als den heute morgen in der Arena. Vielleicht war es gut, durch den Speer umzukommen. Ein weiser Lehrer zu werden, dafür hätte er wohl keine Zeit mehr gehabt. Galenos vernäht die Wunde, wäscht den Toten und legt dann Helm und Rüstung an dessen Seite. Er wird nun die Kameraden von Tyrius rufen und ihnen berichten, dass ihr bester Mann schon tot war, bevor er die Arena betrat.

Galenos kam in diesem Fall zu spät. Ob er dem Gladiator überhaupt hätte helfen können, ist fraglich. Aber Galenos war sicher die medizinische Koryphäe seiner Zeit. Seine umfassende Lehre über Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers beherrschte für 1500 Jahre die gesamte Heilkunde. Das ist beeindruckend. Aber Galenos, der schon Krebsarten unterschieden hatte, prägte dennoch nicht den Namen für diese Krankheit. Die Herkunft ist etwas unklar und liegt sicher noch weiter zurück.

Prof. Dirk Jäger - „Ich kann es nicht genau sagen, aber man hat assoziiert das immer mit dem Tier Krebs, das ja auch scharfe Zangen hat. Und ich glaube, man hat so die bildliche Vorstellung, dass sich da etwas Fremdes in den Körper hineinfrisst und festsetzt. Das verbindet man irgendwie mit dem Namen Krebs. Aber die Sicht ist nicht ganz richtig, denn der Krebs entsteht ja im eigenen Körper, und auch Krebszellen unterscheiden sich nur in ganz wenigen Merkmalen von gesunden Körperzellen und sie entstehen aus gesunden Körperzellen. Und das macht es auch so schwierig für das Immunsystem, den Krebs tatsächlich als solchen zu erkennen, weil er fast genauso aussieht wie eine gesunde Körperzelle.“

Ulrich Noethen - Wie, sieht aus wie eine gesunde Körperzelle? Ich merke, und zwar nicht zum ersten Mal, dass ich manchmal doch nur ein sogenanntes gefährliches Halbwissen besitze. Dann also nachgefragt, was bitteschön ist Krebs?

Prof. Dirk Jäger - „Krebs ist nichts Fremdes. Krebs entsteht im eigenen Körper von körpereigenen Zellen. Und ursächlich für die Entstehung eines Tumors, eines Krebses sind genetische Veränderungen – Fehler, die im Erbgut von Zellen auftreten, die das Verhalten dieser Zellen dann ändern. Die Zellen dahingehend ändern, dass sie sich nicht mehr an ein Wachstumsregulation halten, sondern ungehindert wachsen, dass sie ihre Lokalisation verlassen und metastasieren können, also Töchtergeschwülste bilden können. All das geht nur, wenn bestimmte genetische Veränderungen stattgefunden haben. Und so was passiert im Menschen jeden Tag. Wir alle erleben das jeden Tag, in uns entstehen jeden Tag Hunderte von Tumorzellen. Das ist ein normaler Vorgang. Normalerweise erkennt unser Immunsystem solche entarteten Zellen und tötet sie ab. Wenn ein paar sehr dumme Zufälle zusammenkommen, dann kann sich aus solchen Zellen mal ein Tumor entwickeln, der vom Immunsystem nicht mehr ausreichend potent genug gesehen wird und nicht abgetötet werden kann. Und dann entsteht Krebs. Es gibt eine ganze Reihe von auch gutartigen Wucherungen, die aber nie –wir nennen das destruierend – wachsen, also verdrängend und andere Gewebe infiltrierend wachsen; das passiert bei gutartigen Wucherungen in der Regel nicht. Und vor allem bilden gutartige Wucherungen keine Absiedlungen, Tochtergeschwülste, Metastasen, das machen nur die bösartigen Wucherungen. Und die fassen wir eigentlich unter dem Begriff Krebs zusammen.“

Ulrich Noethen - Diese Wucherungen waren auch für die Ärzte in der Vormoderne nicht zu übersehen. Und schon zeitig begann zum Beispiel der Gelehrte und Arzt Paracelsus im auslaufenden Mittelalter nach den Ursachen dafür zu suchen – mit eher mäßigem Erfolg. Überliefert ist zum Beispiel, dass sich nach Paracelsus jede Krankheit auf eine oder mehrere Ursachen zurückführen lässt. So kann die Wirkung eines Giftes beispielsweise verstärkt werden, wenn es auf eine schwache Konstitution trifft. Oft zitiert wird daher sein bekannter Ausspruch – Dosis facit venenum. Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.

Percivall Pott, ein englischer Gelehrter des 18. Jahrhunderts, wiederum führte systematische Untersuchungen im frühindustriellen England durch, wo sich eine Häufung von unterschiedlichen Krebserkrankungen zeigte. Ein Beispiel findet sich bei Wikipedia unter dem Stichwort Krebs, Zitat – „Pott stellte eine Häufung von Krebs des Hodensacks bei Schornsteinfegern fest. Diese waren häufig als Waisenkinder in ihren Beruf geraten. Deren Lebensbedingungen beschrieb Pott als außergewöhnlich hart. Bereits in ihrer frühen Kindheit wurden sie meist sehr brutal behandelt und waren Hunger und Kälte ausgesetzt. Eine wichtige Aufgabe der kleinen Menschen war es, Kamine von innen zu reinigen, was schon akut oft zu Prellungen, Verbrennungen und Luftmangel führte. Ab dem Erreichen der Pubertät zeigten sie sich besonders anfällig für eine schmerzhafte und tödliche Erkrankung. Die im Genitalbereich verortete Neubildung wurde damals Ruß-Warze genannt. Pott hielt fest, dass es sich dabei um einen Krebs handle und ein ursächlicher Zusammenhang mit der langfristigen Ablagerung von Ruß in Hautfalten sehr wahrscheinlich sei. Nach späterer differenzierterer Begrifflichkeit wären die von Pott beobachteten Krebse als Plattenepithelkarzinome zu deuten; sie haben ihren Ursprung in der geschädigten Oberhaut.“ Zitat Ende.

Auch heute sind Umweltgifte, Lösungsmittel und Industriechemikalien oft Auslöser für Krebs. Aber es ist eben auch der Lebenswandel – Rauchen, Alkohol, Übergewicht, schlechte Ernährung, zu viel Zucker, zu wenig Sport. Soviel zu den Ursachen. Ich frage mich aber nun ganz konkret, wie tötet der Krebs? Wie macht er das?

Prof. Dirk Jäger - „Das ist natürlich eine schwierige Frage, weil je nach Krebsart die Auswirkungen auch sehr unterschiedlich sind. Grundsätzlich ist es so, dass ein solider Tumor, also ein Krebs so wie wir ihn eigentlich verstehen, erst einmal an irgendeiner Stelle entsteht, in irgendeinem Organ entsteht und dort wächst, größer wird verdrängt, das Organ infiltriert, durchsetzt und dann auch die Funktion des Organes häufig in Mitleidenschaft zieht. Und dann können, wiederum je nach Krebsart unterschiedlich schnell, solche Tumoren Absiedlungen machen, Metastasen, in grundsätzlich allen Regionen im Körper, in anderen Organen, im Knochen, im Gehirn; überall kann es Absiedlungen geben. Und dann hängt es ein bisschen davon ab, wie schnell wachsen die, welche Komplikationen machen sie, können Knochenmetastasen zu Knochenbrüchen führen, führen Hirnmetastasen zum Hirndruck. Davon hängt dann so ein bisschen ab, was letztendlich an Beschwerden auftritt und was letztendlich dann auch irgendwann zum Tod führt des Patienten.“

Ulrich Noethen - Um genau diesen Zellen, die mit einem Mal Unheil anrichten, auf die Schliche zu kommen, begannen sich die Forscher und Mediziner ab der späten Renaissance unter den immer besser werdenden Mikroskopen Gewebeproben anzuschauen. Richtig Fahrt nimmt die Forschung aber erst im 19. Jahrhundert mit voranschreitender, evidenzbasierter, also klinisch nachprüfbarer und reproduzierbarer Medizin, und moderner Forschung auf.

Kommen wir zu Paul Ehrlich. 1854 in Ostpreußen geboren, war der junge Mediziner am 24. März 1882 anwesend, als der damals schon berühmte Robert Koch, der seit 1880 am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin war, seinen Vortrag über Tuberkulose hielt, in dem er berichtete, wie er den Tuberkulose-Erreger identifiziert hatte. Ehrlich bezeichnete diesen Vortrag später als sein größtes wissenschaftliches Erlebnis. Schon gleich nach Kochs Vortrag hatte er dessen Färbemethode, auf die wir noch eingehen werden, weiter verbessert, was von Koch vorbehaltlos anerkannt wurde. Spätestens seit dieser Zeit waren die beiden Männer befreundet. Dann schlug die Tuberkulose zu und Ehrlich wurde selbst von einer Krankheit betroffen, deren Heilung er anstrebte.

Alexandria in Ägypten im Jahr 1888. Paul und Hedwig fallen sich in die Arme. ‚Sie sieht frischer aus denn je‘, denkt er. Paul Ehrlich legt den Arm um die Schulter seiner Frau und stupst sie mit der Hüfte an. Sie boxt ihm freundschaftlich den Ellenbogen in die Seite. Sie haben einander sehr gefehlt und er freut sich, dass sie den langen Weg auf sich genommen hat, um ihn hier in Ägypten wieder abzuholen. Doch, sie liebt Schiffsreisen.

Das Gewusel der Arbeiter am Kai, das kehlige, arabische Rufen von der Brücke zum Anleger, das Fauchen der Dampfmaschinen des gewaltigen Schiffes und das gleißende, mediterrane Licht Alexandrias – es schnürt Paul Ehrlich die Kehle zu. Das hier ist ein Abschied, ein Abschied ins graue Deutschland. Ihm wird dieser Trubel, dieses Licht fehlen. Was für eine Umkehr der Gefühle. Genauso hatten ihm in den letzten Monaten sein kleines Labor, die Zellproben und sein Mikroskop gefehlt. Aber es geht nicht alles auf einmal, hatte Hedwig kategorisch bestimmt und ihn zu dieser Kur gegen die Tuberkulose geschickt. Experimentieren konnte er hier nur im Kopf und auf den Seiten seines Tagebuches. Die wenige Fachliteratur im Lesesaal des Hotels war nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die Presseerzeugnisse der Briten, der Franzosen, auch die ägyptischen gaben nicht viel her oder nur gemeine Lügen über seinen geliebten Kaiser. Also blieben nur der Kopf und das Nachdenken über seine Arbeit. Ja, die Monate in der trockenen, weichen Luft der Levante haben die Tuberkulose schnell zurückgedrängt und seine Kräfte wiederkehren lassen, ihn aber auch von Korrespondenz und Forschung abgehalten und von seinen geliebten Zigarren. Paul Ehrlich weiß sehr genau, dass er das Privileg einer Kur im Orient nur der Frau an seiner Seite und ihrer reichen Familie zu verdanken hat. Sein ganzes Streben daheim, seine Forschung, gerade auch zusammen mit seinem brillanten Freund und Mentor Robert Koch, gilt denen, die keine solche Reise antreten können. Denen keine frische Luft, kein salziges Meer, keine mentale Ablenkung helfen können. Koch und er suchen Mittel gegen die großen Seuchen in Deutschland und Europa – Syphilis, Diphterie Tuberkulose, vielleicht auch Krebs, wenn man ihm denn endlich auf die Schliche kommt. Spuren haben sie schon gelegt. Spuren in Blau.

Ehrlich taucht aus seinen Gedanken auf, als das Schiff ablegt, die Möwen auffliegen und das Horn den Abschied signalisiert. Hedwig hakt sich unter. „Paul, eine kleine Überraschung habe ich noch für dich.“ Sie lächelt und Paul Ehrlich weiß schon, was das sein könnte, hatte er doch sein Zigarrenetui aus ihrer Handtasche hervorlugen sehen. Scherzend begeben sich die beiden in den Salon der ersten Klasse.

Paul Ehrlich war als junger Mann fasziniert von Farbstoffen, die durch die Fortschritte der Chemie verfügbar waren. Zellen unters Mikroskop zu legen und anzufärben, das war damals hochinteressant. Er hat das mit Menschen- und mit Bakterienzellen gemacht. Sein Gedanke, ‚es gibt hier Strukturen auf der Zelle, die den Farbstoff binden.‘ Seine bahnbrechende Schlussfolgerung – „was man anfärben kann, muss sich auch verändern oder töten lassen. Heureka!“ Professor Jäger vom NCT zu Paul Ehrlich und dessen Forschung –

Prof. Dirk Jäger - „Paul Ehrlich wird ja so bisschen als Pionier gefeiert, dass er durch bestimmte Färbemethoden unterschiedliche Zellen des Körpers besser charakterisieren konnte. Er hat auch unterschiedliche Immunzellen als solche identifiziert und hat begonnen, die mikroskopische Untersuchung von Geweben zu verfeinern und damit auch die Diagnostik von Tumoren wesentlich feiner ermöglicht. Paul Ehrlich ist jetzt nicht wirklich sehr auf dem Thema Krebs unterwegs gewesen und hat sich jetzt eher immunologische Zusammenhänge gekümmert. Aber er war sicherlich einer der Wegbereiter der modernen Diagnostik.“

Ulrich Noethen - Gut, aber was ist eine Färbemethode? Wie funktioniert das und was konnte Ehrlich damit sichtbar machen?

Prof. Dirk Jäger - „Wenn man unter dem Mikroskop sich ein Gewebe oder Blut anschaut, dann sieht man ohne eine entsprechende Färbung ja nur die Morphologie, also rundliche Zellen, und kann die nicht näher zuordnen. Und er hat jetzt mit verschiedenen Farbstoffen doch unterschiedliche Zellen anders angefärbt. Das hat geholfen, dann zu differenzieren, was ist eine rote Blutzelle, was ist eine weiße Blutzelle? Was ist eine Unterart von weißer Blutzelle? Insofern konnten wir die unterschiedlichen Gewebetypen viel, viel besser zuordnen. Und auch diese Methoden verwenden wir heute noch regelhaft. Wir haben heute natürlich diese, nennen wir sie mal Gewebefärbung, wesentlich verfeinert und haben Färbemethoden – sogenannte Immunhistochemie, so nennen wir es heute – entwickelt, die bestimmte Eiweiße in Zellen anfärben können. Und mit dieser speziellen Diagnostik kann man dann in aller Regel schon sehr genau unterscheiden, ist das jetzt eine Tumorzelle? Welche Differenzierung hat die Tumorzelle? Wo kommt diese Tumorzelle her? Welchem Gewebe ist sie ähnlich? Das hilft heute noch. Das ist unsere Basisdiagnostik, wie wir immer noch Tumore diagnostizieren.“

Ulrich Noethen - Diese Basisdiagnostik ist demnach bald 140 Jahre alt. Denn schon 1885 erschien Ehrlichs Monografie „Das Sauerstoff-Bedürfniss des Organismus. Eine farbenanalytische Studie“, die er auch als Habilitationsschrift einreichte. Mit ihr führte Ehrlich die neue Technik der Vitalfärbung ein. Kurz beschrieben, blieben verschiedene Farbstoffe in vielfältigen Stoffwechsel-aktiven Zellen unterschiedlich stark erhalten. Tumor und Krebszellen haben einen hohen Stoffwechsel, was übrigens auch heute wichtige Indikatoren auch in modernen bildgebenden Verfahren sind. In dieser Arbeit formulierte Ehrlich auch seine forschungsleitende Überzeugung, dass sämtliche Lebensprozesse auf chemisch-physikalische Vorgänge, die in der Zelle stattfinden, zurückzuführen seien. Soweit, so modern.

Aber noch dachte Ehrlich weniger an Krebs, sondern mehr an die Heilung der damals extrem grassierenden bakteriellen Syphilis. Und da das Antibiotikum noch nicht entdeckt war, rückte er mit einer chemischen Keule dem Erreger zu Leibe. Das von ihm und seinem japanischen Kollegen Sahachirō Hata entwickelte Präparat 606 wurde zum ersten Chemotherapie-artigen Medikament. Wie kam es dazu? Eine kleine Reise in das Frankfurt am Main des Jahres 1909.

Hata Sahachirō, wissenschaftlicher Mitarbeiter Paul Ehrlichs, und seit drei Jahren in Deutschland, sieht sehr müde aus. Die urjapanische Tradition des Teetrinkens hat er schon seit Monaten abgelegt. Kaffee hat eine schnellere Wirkung und zudem können sich er und Paul Ehrlich dann die große geblümte Kanne auf dem Stövchen teilen. Ehrlich findet sowieso, dass Tee nicht zur Zigarre passt und Kaffee das Rauchen gut abrundet. Hata denkt weniger ans Abrunden, sondern eher an seine Augen, die von den Stunden am Mikroskop brennen und immer wieder zuzufallen drohen, wenn der Abend näher rückt.

Hata schaut zu Ehrlich hinüber. Der sitzt mit Furchen auf der Stirn vor seinen Notizen, umrahmt von Stapeln an Folianten, Büchern und Manuskripten. Ein Fenster aus Büchern, aus dem Ehrlich da blickt, ein Fenster des Wissens. Hata Sahachirō lächelt. Ja, das hier ist die Zeit seines Lebens. Dieser Mann dort drüben und sein enzyklopädisches Wissen sind seine neue Universität. Ehrlich ist ganz frischer Nobelpreisträger und er kennt jeden von Rang und Namen in Frankfurt, in Berlin, in München. Auch seine internationale Korrespondenz ist immens. Und nun stehen er, der japanische Assistent, und Paul Ehrlich kurz vor dem wichtigsten Ereignis ihrer Karrieren. Das Präparat 606 wirkt gegen den Syphilis-Erreger. Die Studien sind eindeutig, wenn auch mit Aussetzern. Und es soll daher auf den Markt gebracht werden. Es ist, als würde ihr Medikament die Bakterien sanft umarmen, um sie dann einzuschläfern und ihnen brutal das Genick zu brechen. Hata scheucht diese martialischen Gedanken weg. Er ist einfach müde. Doch der Japaner streckt sich und nimmt sich nochmals die Proben vor. Auf jeden Fall sind die Zellen und Organe nach der Behandlung befreit und kein Bakterium nachweisbar. In mühseliger Kleinstarbeit haben sie dieses Ergebnis erreicht. Über 600 Testreihen, Versuch für Versuch an Tieren im Felde und am Ende in den Kliniken. Präparat Nr. 606 war am wirksamsten und wird die Menschheit von einer ihrer elenden Krankheiten befreien, auch wenn sich schon Stimmen erheben, die einen Sittenverfall prophezeien, wenn die Syphilis gebannt ist und die dabei auch ihn und seinen Mentor persönlich angreifen.

Das Telefon klingelt laut und klirrend, Hata ist sofort wach. Das Adrenalin pumpt Energie in sein Gehirn. Ehrlich schaut nicht auf und winkt Hata das Telefonat anzunehmen. Sahachirō geht zum Apparat, hebt die Hörmuschel ans Ohr und den Sprachtrichter vor den Mund. „Ja bitte?“ Der Wissenschaftler bemerkt nicht, wie er sich beim Telefonat immer wieder kurz verbeugt und dies sogar nach dem Auflegen erneut tut, als verbeuge er sich vor dem Fernsprechgerät. Doch dann lächelt er, fährt sich durch das dichte, schwarze Haar und tritt an Ehrlich heran. „Herr Professor! Das waren die Farbwerke Hoechst. Das Präparat wird in Produktion gehen. Sie nennen es Salvarsan.“

Ehrlich blickt auf, schaut den müden Kollegen an. „Gut, mein Freund. Sehr gut. Ich gratuliere Ihnen! Wir haben es geschafft! Und jetzt, glaube ich, brauchen Sie dringend einen frischen Kaffee.“

Auch Wikipedia beschäftigt sich in einem langen Artikel mit Salvarsan. Zitat – „Dies war das erste auf theoretischen Vorüberlegungen beruhende, systematisch entwickelte und spezifisch wirkende Therapeutikum, das jemals hergestellt wurde. Salvarsan war in Bezug auf Nebenwirkungen und Löslichkeit noch unbefriedigend, sodass es 1911 durch Neosalvarsan ersetzt wurde und in der Folge erfolgreich eingesetzt werden konnte, bis es vom deutlich nebenwirkungsfreieren Antibiotikum der Neuzeit ersetzt werden konnte. Denn letztlich ist Syphilis eine bakterielle Erkrankung.“ Zitat Ende. Aber damit waren die Grundsteine der Chemotherapie gelegt. Man hatte begriffen, wie man das Zellgift an die richtigen Zellen heranmanövriert, eindringen lässt und damit den außer Kontrolle geratenen Zellteilungsprozess stören oder gar aufhalten konnte. Ehrlichs Forschungen sind so bahnbrechend gewesen, dass heute das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel nach ihm benannt ist und auch während der Coronakrise immer wieder zitiert wurde. Letztlich haben Ehrlich und sein japanischer Kollege im Trial-and-Error-Verfahren immer bessere Varianten ihre Wirkstoffkombinationen auf den Syphilis-Erreger losgelassen. Wie ist das heute mit der modernen Chemotherapie?

Prof. Dirk Jäger - „Es ist eine gute Frage und jetzt vielleicht eine erschütternde Antwort – es ist heute noch so. Also, wenn wir uns mal überlegen, auch im Jahr 2021, wir behandeln eine metastasierte Tumorerkrankungen nach den international gängigen Standards mit einer medikamentösen Therapie. Wir wissen, dass die Patienten statistisch gesehen … Nehmen wir einfach mal ein Beispiel, der metastasierte Darmkrebs, der nicht operabel ist, da setzen wir Chemotherapien ein, Chemotherapien plus bestimmte Antikörper, und wir wissen, dass die Ansprechraten haben so von 60, 70 Prozent in der Erstlinie. Das heißt 30, 40 Prozent sprechen nicht an. Wir können das im einzelnen Patienten schlecht vorhersagen. Das heißt, wir geben allen Patienten die Therapie und schauen dann zwei Monate unter Therapie bildgebend nach, wirkt es oder wirkt es nicht? Insofern ist es heute auch noch irgendwo trial and error. Und je nach Erkrankung ist diese failure rate doch sehr hoch. Wenn wir die ganzen adjuvanten Therapien anschauen, das sind Therapien, die man begleitet gibt nach beispielsweise Operation eines Brustkrebses. Oder bleiben wir beim Darmkrebs. Wenn ein Darmkrebs operiert wird, es war ein Lymphknoten-positives Stadium ohne Fernmetastasen, ist der Patient möglicherweise geheilt. Wir wissen, dass eine begleitende Chemotherapie statistisch das Rückfallrisiko so um 10, 15 Prozent senkt. Das heißt, wir behandeln alle Patienten in diesem Stadium mit einer Chemotherapie, wissend, dass 15 Prozent davon einen Vorteil haben und 85 Prozent nur die Nebenwirkungen der Chemotherapie. Das ist heute noch Realität.“

Ulrich Noethen - Aber wir eilen zu schnell voraus. Gehen wir noch mal ein paar Schritte zurück in die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts. 1914, da begann der erste von Deutschland angezettelte, industrialisierte Krieg in Europa mit den uns allen bekannten verheerenden Folgen – auch für die darauffolgende Gestaltung Europas. Paul Ehrlich begrüßte damals den Ersten Weltkrieg, was sicher seiner Sozialisierung im deutschen Kaiserreich anzurechnen ist. Und nicht zum ersten Mal können wir beobachten, wie medizinische Forschung durch den grauenhaften Krieg befeuert wurde.

Westfront 1917. Ein Lazarett der British Army.

Prof. Dirk Jäger - „Ja, wer bin ich schon hier solche Vermutungen zu äußern. Trotzdem werden Sie sehen, dass ich recht habe.“ Sanitätsarzt der US Army Captain Wilbur Redling knallt das OP-Besteck derart laut auf das Edelstahltablett, dass die Krankenschwester zusammenzuckt und fürchtet, der narkotisiert Patient könnte aufwachen. Colonel der British Army Sir Henry Westing verzieht lediglich das Gesicht, als hätte er in ein Dutzend Zitronen gleichzeitig gebissen. Er murmelt in seinen Zwirbelbart ein nachlässiges „Ach, ihr Amerikaner.“

Ulrich Noethen - Wilbur Redling zieht sich die Schürze aus, wäscht hastig seine blutigen Hände, schnappt sich Helm und Uniformjacke, dann verlässt er das düstere Lazarettgebäude. Mit zitternden Händen zündet er sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. ‚Verdammter Schnösel, Sir Henry Westing. Hach, das mag ja sein, dass er ein guter und erfahrener Offizier ist, aber er ist ein grottenschlechter Arzt. Er sieht nicht das Offensichtliche. Er lässt nichts Neues zu. Er hat keine Geduld, scheint noch die Generation „Bein-ab-Arm-ab-Kopf ab“ zu sein.‘ Jetzt muss der junge Captain selbst lachen. Da könnte man vermutlich einen der schönen amerikanischen Witze über die Briten draus machen.

Weit entfernt, irgendwo hinter dem Horizont, trommelt das Artilleriefeuer auf die geschundene Erde der Westfront. Dort hinten sterben seine Kameraden, Amerikaner, Briten, Franzosen. Viele krepieren am Giftgas der Deutschen, viele an Angst und Schrecken. Wilbur schnippt den Zigarettenstummel weg. Er muss sich was einfallen lassen. Mehr Kollegen müssen von seinen Beobachtungen erfahren. Sir Westing jedoch hat gerade das Beweisstück aus dem Gesicht des verletzten Soldaten da drin entfernt, anstatt noch eine Woche zuzuwarten. Wilbur Redling holt sein kleines Notizbuch aus der Innentasche seiner Uniformjacke. Fast auf jeder Seite sind seine Fingerabdrücke zu sehen, bräunlich vom getrockneten Blut. Er führt Buch über seine Operationen hier bei den Briten, denen er als Chirurg überstellt wurde. Er blättert – ja hier Patient 267, Sergeant Stevens. Vor zwei Wochen hat seine Gasmaske versagt und er war relativ geringen Dosen des Giftgases ausgesetzt. Das hat trotzdem ausgereicht, seine Lungen zu schädigen und sein Gesicht zu verunstalten. Interessant jedoch ist, dass Sergeant Stevens kurz vor der Ausmusterung stand. Er hat Krebs in der Mundhöhle, der erst von einem Zahnarzt an der Front entdeckt wurde. Der wiederum hat eine maßstabsgetreue Skizze des Geschwürs angefertigt und als Redling den Patienten als Gasopfer übernahm, lag diese Aufzeichnung bei der Akte. Eine Woche nach dem Gasangriff ging es dem Sergeant soweit ganz gut. Aber es war schnell klar, dass Teile der Ohren und ein Teil der Wange entfernt werden müssen. Gut, dafür ist Redling da, genau das so zu operieren, dass der Soldat sich später im Spiegel ansehen kann und die Spuren möglichst erträglich sind – wenn möglich. Zu Hause in New York ist Redling eher mit reichen Frauen in seinem OP-Saal beschäftigt. Die einen wollen kleine Korrekturen, ihrer Nasen- oder Halspartie. Bei anderen sind es die Oberarme, die Schenkel oder noch intimere Bereiche. Ja, er ist Schönheitschirurg und dafür hasst ihn Sir Colonel Henry Westing von und zu British Empire. Er ist für ihn die Inkarnation der amerikanischen Dekadenz.

Egal, Redling zündet sich eine weitere Zigarette an und blättert weiter in seinem Notizbuch. Was er dann nach einer Woche eben bei diesem Soldaten bemerkte. Der Tumor in der Mundhöhle war um die Hälfte geschrumpft. Und jetzt vor zwei Tagen noch einmal um die Hälfte. Die Skizzen in seinem Notizbuch beweisen es. Er klopft auf den Einband. „Ah und jetzt schneidet dieser britische Trottel da drin seinem Patienten den Tumor heraus. Eine Woche noch und er wäre mit Sicherheit komplett weggewesen.“ Das Senfgas hat anscheinend in einer speziellen Dosierung das Wachstum des Krebses unterbrochen und sogar für ein Absterben der bösartigen Zellen gesorgt. Captain Wilbur Redling schließt die Augen und lauscht dem entfernten Donnern. Wann es diese Hölle endlich vorbei. Dann erhebt er sich und läuft zum Lazarett hinüber. Wenn schon niemand auf ihn hört, dann will er wenigstens den rausgeschnittenen Tumor behalten und weiter untersuchen. Er spürt, bis in die Haarwurzeln, dass er einer großen Sache auf der Spur ist.

Das war nun zwar Fiktion, aber es hat diese Ärzte und ihre Erkenntnisse gegeben. Und es begann die moderne Entwicklung von Chemotherapie in Bezug auf Krebs.

Prof. Dirk Jäger - „Man weiß natürlich aus den Weltkriegen, dass diese Giftgase verheerende Gewebeschäden ausgelöst haben bei den Soldaten. Und basierend auf dieser Erkenntnis hat man natürlich versucht, ob niedrigere Dosierungen dieser Giftstoffe in der Lage sind, Tumoren zu schädigen, ohne jetzt den ganzen Menschen umzubringen. Und da hat man dann tatsächlich die ersten Erfolge gefeiert. Letztendlich, Chemotherapien sind nichts anderes als Giftstoffe, Medikamente, die vor allem bei der Zellteilung aktiv sind. Und da Tumorzellen sich in der Regel viel häufiger und schneller teilen als die gesunden Körpergewebe, wirken solche Substanzen vor allem im Tumor verheerender als im Normalgewebe. Aber natürlich haben all diese Giftstoffe auch ihr Nebenwirkungsspektrum im normalen gesunden Körper.“

Ulrich Noethen - Nach dem Krieg wurde das weniger giftige Stickstoff-Lost Mechlorethamin entwickelt und um 1942 als erstes Zytostatikum in der Medizin eingesetzt. Bis heute ist Stickstoff-Lost in den USA zugelassen und seine Derivate sind in zahlreichen modernen Behandlungsschemata enthalten. Aber wie hat man vor 100 Jahren Krebs behandelt?

Prof. Dirk Jäger - „Da war man sehr, sehr eingeschränkt. Im Prinzip hatte man Operations-, auch noch primitive, aber immerhin Operationsverfahren, um Tumoren zu entfernen. Man hat versucht, mit medikamentösen Therapien zu agieren, die aber nahezu wirkungslos waren. Um die Jahrhundertwende gab es die ersten Berichte aus New York von Coley, der versucht hat, bei Tumorpatienten, vor allem bei sogenannten Weichteiltumoren, Sarkome, mit Bakterienextrakte zu behandeln. Und der hat in der Tat schon erste Erfolge gehabt. Das waren frühe Formen einer Immuntherapie, die er angewandt hat. So die ersten Chemotherapien kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg, auch aus der Entwicklung aus Kampfstoffen, Senfgasabkömmlinge wurden da verwandt. Und da hat man die ersten Erfolge dann tatsächlich in der Behandlung von Leukämieformen, also Blutkrebserkrankungen erzielt. Da fing so die große Ära der Chemotherapieentwicklung an. Und die Chemotherapie hat die medikamentöse Tumorbehandlung doch dominiert bis über die Jahrtausendwende hinweg.“

Ulrich Noethen - An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Behandlung von Krebs mittels Chemotherapie zwar deutlich verträglicher geworden ist, aber noch immer kämpfen die Betroffenen mit den Nebenwirkungen – Übelkeit, Schwindel, Haar- und Nagelausfall, Geschmacks- und Geruchsverlust, mit Nieren-, Kreislauf- und Immunproblemen. Die Bestrahlung soll hier der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden. Sie ist eine Behandlungsmethode, die punktuell eingesetzt werden kann und aus der Nuklearmedizin kommt. Die Bestrahlung kommt heute noch regelmäßig zum Einsatz und zeitigt leider gleichfalls Nebenwirkungen, die denen der Chemotherapie ähneln.

Wir sind in der Gegenwart angekommen. Ich möchte von Professor Jäger erfahren, welche Entwicklungen er in der aktuellen Praxis erlebt hat.

Prof. Dirk Jäger - „Ich habe eigentlich schon viel miterlebt. Als ich begonnen habe, Onkologie zu lernen und Onkologie zu machen, gab es für eine ganze Reihe von Tumorerkrankungen noch überhaupt keine wirksame Therapie. Der metastasierte schwarze Hautkrebs, das Melanom, konnte man im Prinzip nicht beeinflussen, auch im Jahr 2000, noch nicht beeinflussen. Das metastasierte Nierenzellkarzinom konnte man überhaupt nicht behandeln. Es gab keine wirksame medikamentöse Therapie. Und das sind jetzt zwei Tumorentitäten, die wir heute sehr gut behandeln können, mit Immuntherapieverfahren, mit zielgerichteten Substanzen oder mit Kombination von beidem. Also hier habe ich tatsächlich auch ein gutes Stück onkologische Geschichte, Entwicklungsgeschichte miterlebt, die rückwirkend wirklich die Situation von vielen, vielen Patienten erheblich verbessert hat, und Prognose erheblich verbessert hat.“

Ulrich Noethen - Immer noch sterben viele Menschen an Krebs. Aktuelle Statistiken zeigen, dass bei 25 Prozent der Deutschen Krebs als Todesursache zu sehen ist. Das sind bei einer Million jährlich Verstorbener immerhin 250.000 Frauen und Männer. Gibt es so etwas wie einen finalen, einen Endgegner der Krebsspezialisten vom NCT in Heidelberg?

Prof. Dirk Jäger - „Wir haben natürlich Tumorerkrankungen oder Krebserkrankungen, die eine besonders schlechte Prognose haben. Und so die schwierigsten Tumoren, dazu gehören die Hirntumoren, das Glioblastom; dazu gehört das Pankreaskarzinom, Bauchspeicheldrüsenkrebs, aber auch bestimmte Weichteiltumore wie Sarkome, die eine schlechte Prognose haben. Günstige Erkrankungen sind Tumoren, die eher langsam wachsen, die früh auf sich aufmerksam machen, die gut behandelbar sind. So hat jetzt ein früher Brustkrebs, ein frühes Mamakarzinom eine ausgezeichnete Prognose – 90 Prozent der Patienten können geheilt werden. Ein früher Darmkrebs, der noch nicht Absiedlungen gesetzt hat, hat eine ausgezeichnete Prognose. Fast alle Patienten können geheilt werden.“

Ulrich Noethen - Sieht es also gar nicht so hoffnungslos aus für all die Menschen, die mit einer Krebsdiagnose konfrontiert werden? Ob es tatsächlich eine dauerhafte Heilung gibt, ist fraglich. Im Allgemeinen spricht man von Heilung, wenn ein Krebs innerhalb von fünf bis zehn Jahren nicht rezidiv wird, sich also nicht erneut manifestiert. Wie sieht die Zukunft aus? Werden wir irgendwann ähnlich wie in der Gebärmutterkrebsvorsorge, dort gegen HPV, gegen jeden Krebs impfen können? Was ist das nächste? Welche neueren Behandlungsmethoden werden vielleicht die Chemotherapie im Kampf gegen den Krebs ersetzen oder erweitern können? Was ist die derzeit viel besprochene Immuntherapie?

Prof. Dirk Jäger - „Also es gibt unterschiedliche Formen der Immuntherapie. Grundsätzlich versucht die Immuntherapie das körpereigene Immunsystem als Waffe gegen die Tumorerkrankungen einzusetzen. Und ich muss sagen, es gibt nichts Spezifisches, nichts Genaueres und nichts Wirkungsvolleres als unser Immunsystem, wenn es gut funktioniert. Unser Immunsystem ist in der Lage, ein 1 Kilogramm schweres Organ nach einer Organtransplantation, beispielsweise eine transplantierte Leber, innerhalb ganz kurzer Zeit zu vernichten, komplett zu zerstören, aber auch nur das transplantierte Organ und nix drumherum – unter maximaler Schonung des gesunden Körpers. Also unser Immunsystem hat eine wahnsinnige Power und eine wahnsinnige Spezifität. Und wenn es gelingt, diese Zielgenauigkeit und diese Power gegen Tumorzellen einzusetzen; das ist meiner Meinung nach, die ideale Therapieform. Und das versucht die Immuntherapie mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Mit Ansätzen, sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, wo man grundsätzlich die Immunantworten, die zellulären Immunantworten, hoch reguliert, bis hin zu Ansätzen, wo man körpereigene Immunzellen außerhalb des Körpers manipuliert, genetisch verändert, umprogrammiert und diese umprogrammierten Zellen wieder in den Patienten gibt, die dann ein definiertes Ziel attackieren, was im Tumor vorkommt und damit den Tumor vernichten.“

„Aber ich sage mal voraus, die nächsten Jahre wird werden noch ganz entscheidende Entwicklungen auf dem Gebiet mit sich bringen. A werden wir sicherlich viele Krebserkrankungen wesentlich früher feststellen können. Es wird sogenannte molekulare Diagnostik geben, wo man vielleicht schon Tumoren diagnostizieren kann, die noch gar nicht sichtbar sind, da sind Anfängee anhand von bestimmten molekularen Markern, die man im Blut messen kann. Dann werden Behandlungen wesentlich individualisierter sein. Das werden wir hoffentlich in den nächsten 15 Jahren schon sehen, dass wir wegkommen von den sogenannten Standardtherapien ‚Für das Mammakarzinom im Stadium x, y brauchen wir dieses Therapieregime‘ hin zu einer individualisierten Therapie, wo wir basierend auf dem Verständnis der wirklich patientenindividuellen Biologie des Tumors, des Verständnis des Verhaltens dieser Erkrankung eine Therapie konzipieren, die für diese Situation die wahrscheinlich ideale ist. Solche Entwicklungen sehen wir jetzt schon in Anfängen und werden wir hoffentlich in einigen Jahren auch mehr in der Breite sehen können.“

Ulrich Noethen - Ich wünsche mir sehr, dass die Forschungen erfolgreich sein werden und schnell Anwendung finden. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Professor Dirk Jäger für die kompetente Unterstützung und für die vielen neuen Informationen, die mein gefährliches Halbwissen wenigstens ein Stück weit durch echtes Wissen ersetzt haben.

Ich danke Ihnen, euch allen fürs Zuhören. Ich würde mich freuen, wenn ihr, du, Sie auch bei unserer nächsten Zeitreise dabei wärt. Thema ist eine Erfindung, die viel für die Emanzipation der Frau getan hat – die Pille.

Bis bald bei „Siege der Medizin“. Bleiben Sie gesund und neugierig. Ihr Ulrich Noethen.

Brandvoice - Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

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Executive Producers Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück – Faktencheck Dr. Martin Allwang – Autoren Lutz Neumann, Volker Strübing – Interviews Simone Terbrack, Lutz Neumann – Musik Johannes Kornelius – Produktion Philipp Klauer – Recherche und Unterstützung Carsten Weichelt, Elena Urban, Alexander Weller – Projektleitung Sven Rühlicke, Ruben Schulze-Fröhlich – Produziert von den Wake Word Studios in München.

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Zum Erzähler

Der Theater- und Filmschauspieler Ulrich Noethen ist eine feste Größe in der deutschen Schauspielkunst. Bekannt ist er unter anderem aus Kinofilmen wie „Das Sams“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. In der deutschen Fernsehserie „Charité“ spielte er den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Für seine schauspielerischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2006 mit der „Goldenen Kamera“.

Chefredakteur Dr. Dennis Ballwieser über den neuen Podcast "Siege der Medizin"

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Siege der Medizin | Der medizinhistorische Podcast

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