Sex und Fortpflanzung – lange Zeit in der Menschheitsgeschichte gehörte das unweigerlich zusammen. Wer das eine vom anderen trennen wollte, musste experimentieren. Was nicht immer ungefährlich war. Doch dann: Ende der 1950er Jahre verändert „die Pille“ plötzlich alles - vor allem, was die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen angeht. Zunächst wird sie als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden zugelassen – ihre „Nebenwirkung“ spricht sich aber schnell herum. Dann kommt "die Pille" offiziell als Verhütungsmittel auf den Markt. Wie es zu der Erfindung kam, erzählt Ulrich Noethen in dieser Folge. Unterstützt wird er von Experte Prof. Dr. Christian Thaler.

Themen dieser Folge sind unter anderem:

·      Ein Skandal in New York 1921

·      Erklärung: So funktioniert die hormonelle Verhütung

·      Die sexuelle Revolution

·      Risiken und Probleme der Pille

·      Blick in die Zukunft: Die Pille für den Mann?

Sie können zu den einzelnen Themen springen, wenn Sie im Podcast-Player rechts unten auf die drei Punkte klicken und in der Menüleiste „Kapitelmarken“ auswählen.

Ulrich Noethen - Betrachten wir es erst einmal ganz unromantisch - Sex ist eine Methode der Natur, um unsere Fortpflanzung sicherzustellen. Ob die entsprechenden Aktivitäten auf Satin-Bettlaken oder auf der Rückbank eines alten Seat Ibiza stattfinden, spielt biologisch gesehen erst einmal keine Rolle. Andererseits sind natürlich alle Betrachtungen zu Sexualität und Fortpflanzung des Menschen unvollständig, wenn wir das ganze Gewese und Tralala, das wir um den Sex veranstalten, einfach ausblenden. Wenn sich alle Beteiligten einig sind, gehören Sex und Erotik sicher zum Faszinierendsten und Schönsten, was einem Menschen widerfahren kann. Und gleichzeitig ist aus der Sexualität doch so viel Leid entstanden. Die einen sagen, Sex sei die treibende Kraft hinter allen schöpferischen und kulturellen Leistungen des Menschen. Die anderen halten ihn für die Wurzel allen Übels. Wenn man möchte, kann man die Geschichte der Menschheit lesen als eine Abfolge von Versuchen, diese Kraft zu kontrollieren, zu bändigen oder zu unterdrücken. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen - das Leben wäre vermutlich deutlich unkomplizierter, aber auch um einiges weniger interessant, wenn wir uns durch, sagen wir mal, Ableger fortpflanzen würden. Einfach einen Finger abschneiden, irgendwo in die Erde stecken. Regelmäßig düngen und gießen… Aber ich sollte mir das jetzt nicht zu bildlich vorstellen und auch nicht zu weit vom Thema abkommen.

Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Ulrich Noethen - Ich begrüße Sie zum Podcast der Apotheken Umschau über die Siege der Medizin. Mein Name ist Ulrich Noethen und ich freue mich, Sie auf dieser spannenden Reise zu den wichtigsten Errungenschaften der Heilkunde zu begleiten. Neben Expertinnen und Experten lassen wir die Geschichte und Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, zu Wort kommen. Folgen Sie mir auf eine weitere spannende Zeitreise zu bahnbrechenden Entdeckungen und den Menschen, die dahinterstehen.

Folge 8 – „Antibaby“ oder „Wunschkind“? Die Erfindung der Pille

Ulrich Noethen - Sex und Erotik spielen in der Kultur und im Alltag eine bedeutende Rolle. Wenn sich nun aber beispielsweise zwei junge Menschen in einer dunklen Ecke einer Großraumdisco näherkommen, dann stehen dabei nicht unbedingt Fragen der Fortpflanzung, des Arterhalts und der Weitergabe genetischer Informationen im Vordergrund. Seit Menschengedenken suchen wir daher nach Wegen, das Mittel, also den Sex, vom Zweck - der Fortpflanzung - zu trennen. Über die Jahrtausende ist der Erfindungsreichtum bei der Schwangerschaftsverhütung fast so groß wie der Erfindungsreichtum im Liebesspiel. Was wird da nicht alles ausprobiert von akrobatischen Übungen vor, nach und während des Aktes über Kondomen aus den unterschiedlichsten Materialien wie z.B. Schafsdarm bis hin zu Krokodil-Kot. Ja, ich weiß, Sie wollen das jetzt gar nicht wissen, wie es funktioniert. Und glauben Sie mir ich respektiere das. Viele Methoden sind nur mäßig erfolgreich, einige sogar gefährlich, am gefährlichsten aber sind hinterher die oft tödlich verlaufenden Schwangerschaftsabbrüche durch Gifte oder grobe prä-chirurgische Eingriffe, Stichwort Stricknadel, die mangels Verhütung so oft zur Geburtenkontrolle eingesetzt werden. Nicht zu vergessen Kindstötungen durch verzweifelte Frauen, denen durch eine ungewollte uneheliche Schwangerschaft das gesellschaftliche oder finanzielle Ende droht, der Ausschluss aus der Familie und der Gemeinde oder juristische Konsequenzen. Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche waren jahrhundertelang ein Tabu. Ihre Umsetzung blieb Hexen, Quacksalbern, Engelmachern, Kräuterweiblein oder den Müttern selbst überlassen.

Prof. Christian Thaler - „Das ist, glaube ich, ein ganz entscheidender Punkt. Das ja im, ich sage es mal, im üblichen Konzept der Fortpflanzung zwei Dinge sehr eng miteinander verbunden sind. Nämlich das, dass man mit einem anderen Menschen sehr intim körperlich zusammen ist, was ja was Schönes ist, im Rahmen einer Beziehung auch etwas Spontanes ist oder sein kann und dem dass man dann schwanger wird, dass man dann langfristig miteinander ein Kind kriegt.“

Ulrich Noethen - Professor Dr. Christian Thaler ist Leiter des Hormon- und Kinderwunsch Zentrums der Ludwig-Maximilians-Universität in München und wird uns in der heutigen Folge mit Fachwissen und Erfahrung zur Seite stehen.

Prof. Christian Thaler - „Und das ist tatsächlich eine Kombination, die in dieser Weise manchmal schwierig erlebt wurde. Und Sigmund Freud hatte ja Anfang des letzten Jahrhunderts den Zwanzigerjahren auch gesagt, es wäre die größte Befreiung der Menschheit, wenn es gelänge, Geschlechtstrieb oder Sexualität und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Und das ist eigentlich mit dieser hormonellen Kontrazeption in einer ganz interessanten Weise gelungen.“

Ulrich Noethen - Und genau darum geht es heute, um die hormonelle Kontrazeption und ihre Geschichte, also die Schwangerschaftsverhütung, auch bekannt als Antibabypille. Ich hoffe, Sie sehen es uns nach, dass hier zwei Männer über dieses Thema sprechen. Aber ich sage mal, ich als Mann kann da noch sehr viel lernen. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn sich mehr Männer mehr Gedanken über dieses Thema machen würden.

Gleich zu Anfang ist wohl eine grundsätzliche Frage angebracht, nämlich wie das für unseren Gast, Professor Thaler, überhaupt zusammengeht - Die Arbeit im Kinderwunsch-Zentrum und eine Antibabypille.

Prof. Christian Thaler - „Der Name ist tatsächlich komisch und eigentlich auch ungebräuchlich. Es geht ja nicht ‚gegen‘ Babys sondern es geht eigentlich für Wunschkinder, also Kinder die zum richtigen Zeitpunkt bekommen. Und das ist glaube ich, ein ganz entscheidender Punkt. Also insofern würde ich auch sagen Wunschkind-Pille ist der richtige Name, nicht Antibabypille.“

Ulrich Noethen - So wurde die Pille, wie wir sie am besten ganz neutral nennen, übrigens in der DDR genannt, während im Westen die negative Formulierung Antibabypille gebräuchlich war. Meiner Meinung nach sind beide Formulierungen, sagen wir mal propagandistisch eingetrübt. Aber bevor wir dazu kommen, springen wir erst einmal fast 170 Jahre in die Vergangenheit und belauschen zwei Wissenschaftler bei einem Gespräch über Frühstückseier und das Gehirn der Frau. Bitte haben Sie ein wenig Nachsicht mit den beiden. Inzwischen wissen wir zum Glück etwas mehr sowohl über Hühnereier als auch über das Gehirn der Frau. Und die beiden würden dieses Gespräch heute sicher nicht mehr so führen.

Der vierte Mai 1854 ist ein milder, sonniger Frühlingstag in Gießen. Zwei Herren in langen schwarzen Mänteln, die Köpfe mit Zylindern bedeckt, spazieren durch den Botanischen Garten der Universität Gießen. Einer von ihnen ist Justus von Liebig, der zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, dass diese Universität einst seinen Namen tragen wird. Er wirbelt seinen Spazierstock herum, als wolle er einer Kapelle den Takt angeben und schüttelt den Kopf.

„Mein lieber Theodor, was ist das nur mit dir und den Frauen? Man könnte meinen, sie hätten dir unsägliches Leid angetan.“ Sein Freund Theodor Bischoff seufzt vernehmlich. „Das haben sie. Und sie tun es immer und immer wieder. Nimm nur mein Frühstücksei. Wie oft habe ich darum gebeten, auf ein angemessenes Verhältnis von viskosen und elastischen Eigenschaften des Eigelbes hinzuarbeiten ...”

Liebig unterbricht ihn. „Du möchtest dein Ei weich gekocht?“

„Ja, natürlich, aber auch nicht zu weich. Und trotzdem sind sie abwechselnd widerlich klebrig oder so hart gekocht, dass man sie nur noch als Musketenkugel verwenden kann. Ich bin sicher, dass meine geliebte Frau und die Haushälterin sich abgesprochen haben, mir das Leben zur Hölle zu machen.“

Liebig lacht. „Vielleicht solltest du es mal mit dem Begriff weichgekocht probieren, statt ihnen die gewünschten rheologischen Eigenschaften des Endprodukts in der Sprache der Chemie zu schildern.“

„Ja, treib du nur deinen Schabernack mit mir, lieber Justus“, entgegnet Bischoff. „Selbstverständlich habe ich es in einer auch für Frauen verständlichen Art ausgedrückt. Weich, aber nicht zu weich. Das waren meine Worte, wohl an die tausend Mal. Du wirst mir zustimmen, dass das sogar für die begrenzten geistigen Fähigkeiten der weiblichen Hälfte unserer Spezies verständlich sein sollte.“

„Eidotter und Frauen das sind deine beiden großen Themen nicht wahr?“

„Wenn du dich jetzt auch noch über meine Forschung der Befruchtung und des embryonalen Wachstums lustig machen willst, geliebter Freund, dann sehe ich mich gezwungen, dich hier und jetzt zum Duell mit unseren Spazierstöcken aufzufordern.“

Bischoff springt einen Schritt zurück und geht mit seinem Stock in Fechtstellung. „Wehr dich, Schuft!“

„Gnade!“, ruft Liebig theatralisch und hebt die Arme. „Nie käme es mir in den Sinn, die Großartigkeit deiner Dotter-Forschung anzuzweifeln.“

„Da schon wieder tust du es.“ Nun hebt auch Bischoff die Arme, schaut flehend hinauf in die mächtigen, von Sonnenlicht gesprenkelten Kronen der Eichen um sie herum und wendet sich an diese wie an ein Theaterpublikum. „Seid meine Zeugen nur Bäume in all den Jahrhunderten, die euer Leben überspannt, habt ihr doch noch nie solche Verderbtheit gesehen Dotter-Forschung nennt diese infame Person meine Arbeit, mit der ich das heilige Rätsel der Empfängnis und der Leibesfrucht zu lösen gedenke! Dotter-Forschung!“

Die beiden Männer brechenden Gelächter aus. Als Liebig eines weiteren Spaziergängers ansichtig wird, räuspert er sich und zieht das Revers seines Mantels glatt. Die beiden setzen ihren Weg fort, ziehen mit ernsten Gesichtern die Hüte zum Gruß, als sie an dem Mann vorüber gehen und kichern leise, als sie ihn passiert haben.

„Im Ernst mein lieber Theodor, ich finde es bemerkenswert, dass deine ganze Arbeit sich um das Wunder des weiblichen Körpers dreht, während du doch gleichzeitig so wenig von ihnen hältst.“

„Oh Justus, du verstehst mich vollkommen falsch. Ich verehre die Frau als ein Geschöpf Gottes, welches um keinen Deut besser oder schlechter ist als der Mann, nur eben anders. Frauen sind in so vielem perfekt in ihrer Anmut ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären in ihrem unnachahmlichen Talent, uns Männer zur Weißglut zu bringen. Doch genauso wenig, wie wir ihnen auf diesen Gebieten das Wasser reichen können, wird eine Frau jemals einen brauchbaren Beitrag zur Kunst, zur Wissenschaft oder zur Politik leisten. Nicht umsonst heißt es in der Schrift, Gott habe Eva aus einer Rippe Adams geschaffen und nicht aus einer Scheibe seines Gehirns. Wenn Gott…“ von Bischoff hebt die Stimme, als sein Freund etwas einwerfen will. „… wenn Gott gewollt hätte dass die Kinder von einem intelligenten, kreativen, willensstarken Wesen geboren werden, dann hätte er einen Mann mit Uterus erschaffen.“

„Sehr amüsant mein Freund, aber mich überzeugt so nicht. Du argumentierst, dass Frauen nicht intelligent genug sind, um wie wir der Wissenschaft zu dienen. Doch manch einer wird dir entgegnen, dass sie nur nicht gebildet genug sind, weil wir ihnen die Bildung vorenthalten.“

Bischoff schaut seinen Freund entrüstet an. „Oh nun sag mir bloß nicht, du glaubst an diesen Unfug.“

„Nun, ich bin Wissenschaftler und glaube an das Experiment. Warum sollte man nicht ausprobieren was dabei herauskommt, wenn man einem Mädchen dieselbe Schulbildung angedeihen und sie z.B. die Medizin studieren ließe?“

„Oh, ich kann dir sagen was dabei herauskommt. Die Beschäftigung mit Studium und Ausübung der Medizin widerstreitet und verletzt die besten und edelsten Seiten der weiblichen Natur. Die Sittsamkeit, die Schamhaftigkeit, das Mitgefühl und die Barmherzigkeit, durch welche sich dieselbe vor der männlichen auszeichnet. Die armen Mädchen würden unfruchtbar und unansehnlich und störrisch und trotzdem keine Wissenschaftler oder gar Ärzte. Kennst du nicht all die Untersuchungen über das Gehirn-Gewicht? Das Frauen-Hirn wiegt im Durchschnitt weniger als das Gehirn eines Mannes und sein Umfang ist kleiner.“

Von Liebig winkt ab. „Verwechsele nie Größe mit Genie. Unser lieber Kollege Professor Max von Strolzlow hat einen Kopf wie ein großer Kürbis und er ist auch ungefähr genauso schlau.“

Lachend spazieren die beiden am beinahe gänzlich mit Entengrütze zugewachsenen Teich vorbei und schlagen den Weg in Richtung des Hortus Medicus, des Kräutergarten ein.

„Weißt du“, sagt Justus von Liebig schließlich, „wahrscheinlich hast du recht damit, dass Frauen nicht an die Universität gehören. Am Ende würde sich noch herausstellen, dass sie genauso gut sind wie wir oder Gott bewahre sogar besser. Was würde dann aus uns, mein lieber Freund?“

„Nun, mein lieber Justus“, antwortet Theodor von Bischoff. „Diese Gefahr sehe ich zwar nicht, aber es freut mich dich an meiner Seite zu wissen. Du siehst, wie man es auch dreht und wendet - was auch immer man von den geistigen Fähigkeiten der Damenwelt halten mag, das Wichtigste ist, dass sie bleiben, wo sie sind und wo sie schon immer waren. Und nun lass uns zu mir gehen. Wir sind hungrig und meine Haushälterin Bertha ist, solange es nicht um mein Frühstücksei geht, eine ganz passable Köchin.“

Sein Freund nickt. „Danken wir Gott und der Universitätsordnung, dass sie keine akademische Laufbahn eingeschlagen hat.“

Ich mag ja, was man die Ironie oder den Treppenwitz der Geschichte nennt, ganz gern. Und hier hat sich die Geschichte einen sehr schönen Scherz erlaubt. Theodor von Bischoff, der Mann mit der, vorsichtig gesagt, vorsintflutlichen Meinung über die Fähigkeiten und die Intelligenz von Frauen, würde sicher in seinem Grab rotieren, wenn er wüsste, dass seine Forschung 100 Jahre später einen wichtigen Beitrag dazu leisten würde, Frauen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Es würde zu weit gehen, ihn als Vater oder auch nur Urgroßvater der Pille zu bezeichnen. Aber Bischoff erkannte die Bedeutung des Menstruationszyklus der Frau und wurde mit seinen Forschungen über die Entwicklung des Eies bei Menschen und Tieren zu einem der Begründer der Embryologie. Bischoff half zusammen mit vielen anderen Forschern die Grundlagen für die spätere Erfindung der Antibabypille zu legen. Aber auch schon vor der Pille geht es im 19. und 20. Jahrhundert mit der Empfängnisverhütung voran.

Prof. Christian Thaler - „Na gut, grundsätzlich ist es so, dass zum Kinderkriegen zwei Gameten sich treffen und vereinigen müssen.“

Ulrich Noethen - Klingt nach einem Witz oder? Treffen sich zwei Gameten in einer Bar. Sagt der eine zum anderen, zu dir oder zu mir?... Was waren jetzt gleich nochmal Gameten?

Prof. Christian Thaler - „Die Gameten, das sind Geschlechtszellen. Die sind von allen anderen Körperzellen insofern unterschiedlich, als dass sie jeweils nur einen halben Chromosomensatz beinhalten. Alle anderen Körperzellen haben ja zwei Chromosomensätze. Und das sind auf der einen Seite die Spermien auf der männlichen und auf der weiblichen ist die Eizelle und die muss sich treffen und zwar vom Timing her gibt es sozusagen so ein Fenster innerhalb eines Monats Zyklus von etwa fünf, maximal sechs Tagen, wo diese sich treffen und es grundsätzlich klappen kann, wenn die überhaupt zusammenkommen. Und da kommen wir jetzt schon auf Kontrazeptiva Methode Nummer eins - wenn nämlich der Mann sogenannte mechanische Maßnahmen ergreift, auf deutsch er verwendet ein Kondom, die Spermien kommen nicht in die Scheide rein, dann ist das natürlich eine sehr sichere Methode. Ist ein bisschen wenig spontan, hat manchmal auch Nachteile, hat andererseits auch Vorteile, schützt auch gegen manche geschlechtlich übertragbaren Erkrankungen. Das ist natürlich ein Verfahren, was eigentlich schon lange zur Verfügung stand, erfordert natürlich auch, dass man das entsprechend handhaben kann, dass man das zur Stelle hat, dass man das irgendwie auch machen möchte. Das ist ja so ein bisschen unspontan vielleicht für den einen oder anderen.“

Ulrich Noethen - Und das heißt auch, es funktioniert nur, wenn der Mann ein Kondom benutzt und es richtig benutzt. Auch hier also ist die Frau nicht wirklich Herr bzw. Dame der Lage. Im Zweifelsfall ist sie aber die, die die Konsequenzen ausbaden bzw. austragen muss.

Prof. Christian Thaler - „Ein anderes Verfahren ist dieses Verfahren der sogenannten zyklischen Enthaltsamkeit. Und zwar war das ein Japaner Kyusaku Ogino und ein Wiener Herr Knaus. Die haben sozusagen rausgekriegt, dass es an bestimmten Tagen im Zyklus bezogen auf die Menstruationsblutung ziemlich unwahrscheinlich wird, schwanger zu werden bzw. sehr wahrscheinlich wird schwanger zu werden. Man kann es jetzt natürlich in zwei verschiedene Richtungen nutzen dieses Verfahren. Das ist allerdings, muss man dazu sagen, wenn man keine Zusatz-Verfahren verwendet um insbesondere den Eisprung zu identifizieren, dann ist das Verfahren nicht besonders sicher, weil einfach der Eisprung sich bei vielen Frauen so ein bisschen verschieben kann. Und zu einer richtigen Verhütung ist es eigentlich auch nicht wirklich geeignet, weil eine Fehlerquote ich sage es mal von 10 Prozent ja eigentlich katastrophal schlecht ist, weil man sagt, man will jetzt momentan noch keine Kinder. Der Vatikan hat auch dieses Verfahren der sogenannten zyklischen Enthaltsamkeit immer als eine moralisch akzeptable Variante der Familienplanung akzeptiert. Spötter haben deswegen das Verfahren von Knaus-Ogino das Vatikanische Roulette genannt. Also das wird, glaube ich deutlich, dass dieses Verfahren sagen wir mal so mittelmäßig akzeptabel ist.“

Ulrich Noethen - Eine weitere Methode ist die intra-uterine Verhütung die Spirale, die Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wird und ab den 50er-Jahren reif für die massenhafte Anwendung ist.

Wenn wir die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachten, ist die Situation jedenfalls vom Standpunkt der Selbstbestimmung der Frau gesehen alles andere als zufriedenstellend. Denn selbst das, was es an funktionierenden oder halbwegs funktionierenden Methoden gibt, ist tabuisiert. Eine Aufklärung findet nicht nur nicht statt, sie ist oft sogar strikt untersagt. Doch die Zeiten beginnen sich zu ändern.

Die Town Hall in Manhattan ist ein imposantes Gebäude zwischen der 6. Avenue und dem Broadway. Sie fast 1500 Zuschauer und wird neben kulturellen Programmen vor allem für politische Veranstaltungen genutzt. Am 13. November 1921 ist sie gerade einmal seit zehn Monaten eröffnet und dieser graue Herbsttag wird den Ort und eine Frau namens Margaret Sanger weit über die Grenzen Manhattans berühmt machen.

Sanger wird 1879 in New York als sechstes Kind einer streng katholischen Mutter geboren. Der Vater hingegen ist Atheist und kann von seiner Arbeit als Steinmetz die Familie halbwegs über die Runden bringen. Die Mutter Anne Purcell Higgins überlebt 18 Schwangerschaften, von denen sieben mit einer Fehlgeburt enden. Und man muss hier wirklich von Überleben sprechen. Denn das Risiko für eine Frau in der Schwangerschaft während der Geburt oder im Kindbett zu sterben, ist Ende des 19. Jahrhunderts hundertmal höher als heute. Und diesem Risiko sind die Frauen bei jeder einzelnen Schwangerschaft ausgesetzt. 18 Schwangerschaften, das ist ein bisschen wie 18 mal russisches Roulette spielen, freilich mit einem Revolver mit sehr großer Trommel, aber trotzdem. Ganz davon abgesehen, dass 18 Schwangerschaften und Geburten auch nicht unbedingt ein Jungbrunnen für den Körper der Mutter sind. Sangers Mutter stirbt 1899 im Alter von 49 Jahren an Gebärmutterhalskrebs.

Der Anblick des Leidens und der Mühen ihrer Mutter und ihr früher Tod tragen ihren Teil zur Sangers späterem Lebensweg bei. Sicher spielt es auch eine Rolle, dass ihr Vater nichts vom Katholizismus hält und sich von jeher stark für soziale Belange einsetzt. Nach dem Tod der Mutter engagiert sich Sanger immer stärker für Frauenrechte und dabei vor allem für das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu verfügen. Das Recht, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden. Margaret Sanger prägt in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts den Begriff Birth Control - Geburtenkontrolle. An jenem denkwürdigen 13. November 1921 will sie die American Birth Control League in der New York Town Hall der Öffentlichkeit vorstellen. Drei Tage zuvor erst haben sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter, darunter Wissenschaftler, Juristen, Journalisten und Parlamentarier, diese amerikanische Liga für Geburtenkontrolle gegründet. Natürlich trifft dieses Vorhaben in jener Zeit nicht gerade auf ungeteilte Begeisterung.

Vor allem Joseph Hayes der Erzbischof von New York, ist ein erbitterter Gegner. Nein, Geburtenkontrolle ist mit ihm nicht zu haben. Seid fruchtbar und mehret euch und damit basta. Er telefoniert mit dem Chef der New Yorker Polizei und schickt zur Sicherheit gleich noch seinen Sekretär Monsignor Joseph P. Dineen bei diesem vorbei. Der Polizeichef erlässt daraufhin ein Verbot der Veranstaltung. Als bereits ein Teil des Publikums die Plätze eingenommen hat, versperren Polizisten der Menge vor dem Eingang den Weg ins Innere. Die Türen werden versperrt. Das Publikum im Saal wird aufgefordert zu gehen. Dazu müssen dummerweise die Türen wieder geöffnet werden. Es kommt zum Tumult. Als die Zuschauer drinnen wenig Enthusiasmus zeigen, den Ort zu verlassen, während die Wartenden draußen auf der Straße die wieder geöffneten Türen als Einladung auffassen und an den Polizisten vorbei ins Innere drängen. Unterdessen gelingt es der inzwischen eingetroffenen Margaret Sanger mit der frechen Behauptung, sie sei von der Presse, sich durch einen Seiteneingang auch in die Town Hall zu schummeln. Gemeinsam mit Harold Cox, einem englischen Parlamentarier, der die Liga unterstützt, gelangt sie auf die Bühne. Das Publikum, das sich nach der Aufforderung durch die Polizei widerwillig von den Plätzen erhoben hat und den Ausgängen zustrebt, setzt sich wieder. Polizisten stürmen auf die Bühne doch sie sind unsicher, wie sie mit der Dame zu verfahren haben, die dort lautstark ihr verfassungsmäßig garantiertes Recht auf freie Meinungsäußerung einfordert. Harold Cox greift sich einen großen Blumenstrauß, der eigentlich für das Finale der Veranstaltung vorgesehen war, und drückt ihn Sanger in die Arme, um es den Polizisten noch schwieriger zu machen Sanger schwenkt die Blumen und beginnt ihre vorbereitete Rede. Doch niemand versteht ein Wort zu laut ist der Tumult. Polizisten brüllen Anweisungen. Die Zuschauer protestieren und pfeifen, verlangen den Abzug der Polizei, rufen die Verfassung an. Schreien Ruhe lauter und vergrößern das ganze Chaos nur noch. Margaret Sanger ist es egal. Sie weiß, dass die Veranstaltung verloren ist und trotzdem will sie sie zum Triumph machen. Zwei Polizisten treten auf sie zu reden auf sie ein. Doch sie unterbricht sich nur kurz und sagt zu ihnen gewandt - Dann verhaften Sie mich doch Officer! Ich werde mein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen. Bis mich jemand mit Gewalt daran hindert.

Sanger dreht sich wieder zum Publikum. Wenn man die brodelnde Masse denn so nennen will und fährt mit ruhiger Stimme in ihrer Rede fort. Am Ende trägt man sie von der Bühne. Ein Polizist reißt ihr die Blumen aus den Händen und wirft den Strauß zu Boden. Andere Polizisten trampeln darüber hinweg. Unter wütenden Protest rufen der Menge wird Margaret Sanger zum Seiteneingang hinaus geschafft und auf die Polizeiwache gebracht.

Sie sitzt nicht lange in ihrer Zelle. Die Vorwürfe wegen Ruhestörung sind haltlos und sie wird noch am selben Tag wieder freigelassen.

New York jedoch hat einen veritablen Skandal. Es kommt, wie Sanger es erhofft hat. Die von der Polizei aufgelöste Veranstaltung verhilft der American Birth Control League zu landesweiter Publicity. Als herauskommt, dass der Erzbischof bei der Polizei interveniert hat, ist die Empörung groß. Landesweit heben Zeitungen den „Town Hall Raid“ auf die Titelseiten und selbst konservative Kommentatoren, die jede Sympathie für Frauenrechte und Geburtenkontrolle unverdächtig sind, ereifern sich gegen diese Verletzung des heiligen ersten Zusatzartikel zur Verfassung, der die Trennung von Kirche und Staat sowie die Meinungs- und Pressefreiheit festschreibt. Das Thema Geburtenkontrolle wird sich nie mehr unter den Teppich kehren lassen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was Margaret Senger und diese ganze Episode mit der Entwicklung der Antibabypille zu tun haben. Nun gedulden Sie sich noch ein klein wenig. 30 Jahre später, im Jahr 1951, werden wir Margaret Sanger noch einmal begegnen, und zwar auf einer Party, die zu einem entscheidenden Punkt in dieser Geschichte wird. Aber unsere Zeitmaschine läuft allmählich heiß.

Zuerst springen wir noch einmal zurück ins Jahr 1919 ins österreichische Graz, wo ein junger Wissenschaftler, den man später einmal den Großvater der Pille nennen wird, nach Experimenten mit Kaninchen und Meerschweinchen eine geniale Idee hat. Sehr vereinfacht gesagt hat er die banale Tatsache beobachtet, dass schwangere Tiere nicht mehr schwanger werden zumindest nicht bis nach der Geburt. Schwangerschaft scheint also eine der sichersten Methoden zu sein, sich vor Schwangerschaft zu schützen. Was im ersten Moment ebenso einleuchtend wie unsinnig klingt, ist die Grundidee der hormonellen Schwangerschaftsverhütung.

Prof. Christian Thaler - „Also es ist eigentlich relativ simpel, sage ich jetzt mal. Die Hormone der Frau, das sind im Wesentlichen zwei Klassen. Das eine sind die Östrogene oder es ist im Wesentlichen das 17-Beta-Östradiol. Das wird von dem reifenden Eibläschen freigesetzt, vor allem dem, was da am Schluss sozusagen ins Rennen oder ins Ziel geht. Dem dominanten Follikel. Der produziert im Wesentlichen das Östradiol.“

Ulrich Noethen - Ehrlich gesagt musste ich Follikel bzw. Eibläschen noch einmal nachschlagen. Ich dachte, das sei die Eizelle. Tatsächlich besteht das Follikel aber aus der Eizelle und der sie umgebenden schützenden Struktur, in der die Eizelle heranreift. Auch das ist eine ziemliche Vereinfachung, die aber den unschätzbaren Vorteil hat, dass ich mir etwas darunter vorstellen kann.

Prof. Christian Thaler - „Das macht alle möglichen Dinge und unter anderem löst das auch indirekt ein Signal aus was dann zum Eisprung oder zur Ovulation führt, also zum Platzen des Politikers. Das ist ein System, was sehr klar gesteuert ist zwischen Hirnanhangsdrüse und Ovar und Eierstock. Und da hat ein Hormon was nämlich entsteht nach der Ovulation, nach dem Eisprung, dass das Progesteron oder die Substanzklasse der Gestagene, wo das Progesteron das natürliche Gestagen gehen ist. Das hat einen hemmenden Effekt auf die Reifung der Follikel und das ist insofern relativ sinnvoll, weil nämlich dieses Progesteron wie der Name schon sagt „Progestation“ ist für die Schwangerschaft, ist praktisch ein Hormon, was in der Schwangerschaft synthetisiert wird zuerst auch von einem Eierstock und später dann von dem Mutterkuchen, quasi im Sinne, um die Schwangerschaft zu erhalten. Und dieses Progesteron hat jetzt auf der Hirnanhangsdrüse einen Effekt der Blockade der Steuer Hormone, das heißt, in dem Moment, wo das Progesteron ausgeschüttet wird, werden die Steuerharmonisierung normalerweise zur Reifung der Bläschen führen unterbrochen. Und das ist eigentlich sehr sinnvoll, denn in der Schwangerschaft, wo er dieses Progesteron ausgeschüttet hat will man ja nicht nebenbei zufällig nochmal ein weiteres Mal schwanger werden.“

Ulrich Noethen - Haberlandt Idee ist es, dem weiblichen Körper sozusagen vorzugaukeln, dass er schwanger sei und bereits 1919 kann er seine Idee das erste Mal experimentell bestätigen. Ein kleiner Hinweis - Wer Kaninchen mag, sollte die nächste Minute vielleicht überspringen… Am 1. März verpflanzt er einem nicht trächtigen Kaninchen unter die Rückenhaut die Eierstöcke eines trächtigen Tieres. Anschließend lässt er männliche Kaninchen auf das Versuchstier los und notiert, dass es trotz 15 erfolgreicher Gattungen nicht schwanger wurde. Erst am 24. Mai führt eine weitere Paarung wieder zu einer Schwangerschaft. Haberlandt hat durch die von den implantierten Eierstöcken produzierten Hormone eine zeitweise reversible Unfruchtbarkeit des Kaninchens erreicht. Nun ja, es ist offensichtlich, dass das noch nicht ganz das ist, worauf die Menschheit gewartet hat. Anfang der 20er Jahre erzielt er eine zeitweise Sterilisation bei Kühen durch Injektion von Extrakte aus den Eierstöcken von trächtigen Kühen, 1924 gelingt ihm dasselbe bei Mäusen durch Fütterung mit Nahrung, der Extrakte von Eierstöcken trächtige Mäusinnen zugesetzt wurden.

Haberlandt hat den grundlegenden Wirkungsmechanismus bewiesen. Doch seine Forschung stößt auf massive Ablehnung. Er wird Ziel, persönlicher Angriffe und als eine Art Monster dargestellt. Nicht etwa wegen dem, was er den armen Versuchstieren angetan hat, sondern wegen dem, was eines Tages aus seiner Forschung resultieren könnte - Ein Präparat, das es den Menschen und insbesondere den Frauen erlaubt, über ihre Sexualität und Fortpflanzung selbst zu bestimmen. Haberlandt ist dem Druck der Ablehnung und den Anfeindungen nicht gewachsen. Am 22. Juli 1942 nimmt er sich mit 47 Jahren das Leben, ohne dass er sein Ziel erreicht hätte.

Lassen Sie uns ein paar Zwischenschritte überspringen. Die Forschung geht weiter und nicht immer wahrscheinlich sogar nur in den wenigsten Fällen geht es dabei um das Wohl der Frau oder gar eine Befreiung der Sexualität. Oft sind es sogar äußerst widerwärtige Ziele, die hinter der Erforschung des Reproduktionsapparates stecken. Üble Gestalten beschäftigen sich mit dem Thema größenwahnsinnige Menschen, Züchter, Rassisten und Frauenfeinde. Die Nazis ganz vorne mit dabei. Der schlimmste von allen ist sicherlich der SS-Arzt Carl Clauberg, der von 1942 bis 44 zuerst im Konzentrationslager Auschwitz und später im KZ Ravensbrück grauenhafte Experimente an mehr als 500 Insassinnen durchführt mit dem Ziel, eine operationslose Methode zur Sterilisation von Frauen zu finden. Seine Opfer, größtenteils Jüdinnen, sterben unter schrecklichen Qualen direkt an den Experimenten oder sie werden vergast, wenn sie Clauberg nicht mehr nützlich erscheinen. Für die Nutzung der Frauen muss Clauberg der Lagerleitung eine Gebühr von einer Reichsmark pro Woche und Frau bezahlen.

Nach dem Krieg und zehnjähriger Kriegsgefangenschaft wird Clauberg nicht etwa vor Gericht gestellt, sondern an seiner alten Wirkungsstätte, dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, wieder als Gynäkologe willkommen geheißen. Erst nach einer Strafanzeige des Zentralrats der Juden in Deutschland wird er verhaftet und stirbt in der Untersuchungshaft an einem Schlaganfall.

Jeder Versuch, hier eine angemessene Überleitung hinzubekommen, muss scheitern. Wir springen also direkt ins Jahr 1951. Als Margaret Sanger, die inzwischen 72 Jahre alt ist, aber kein bisschen weniger kämpferisch als 30 Jahre zuvor eine Dinnerparty in Manhattan besucht. Außerdem eingeladen sind unter anderem John Rock, Gregory Pincus und Abraham Stone, Gynäkologen und Experten für Fortpflanzungsmedizin. Sanger stellt ihnen eine einfache Frage - Wie viel würde es kosten, das perfekte Verhütungsmittel zu finden? „Für den Anfang 125 000 Dollar“, antwortet Pinkas, „um die Angestellten zu bezahlen, Material zusammen zu suchen und jede verfügbare wissenschaftliche Quelle zu beschaffen.“ Sanger ist zufrieden Sie besorgt das Geld. 125 000 Dollar, die ihr ihre wohlhabende Freundin und Mitstreiterin Katherine McCormick zur Verfügung stellt und nimmt Pincus beim Wort. Und Pincus hält Wort. Naja, fast aus den 125 000 Dollar werden zwei Millionen. Aber 1957 kommt in den USA das Präparat „Enovid“ auf den Markt. Die Ur-Pille.

Die entscheidenden Tests für das Medikament finden in Puerto Rico statt, da in den USA wohl nie eine Zulassung zu bekommen gewesen wäre. Zu groß ist noch immer der Einfluss der Kirchen. Zu stark sind die Vorbehalte gegen alles was gegen den angeblich natürlichen oder gottgegebenen Zweck und Ablauf von Sexualität und Empfängnis verstößt. Enovid wird in den USA denn auch nur als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden zugelassen. Doch schnell spricht sich die vermeintliche Nebenwirkung herum, die der eigentliche Anlass der Entwicklung war.

Trotz aller wissenschaftlichen Vorarbeiten war es für Pincus und seine Mitstreiter ein weiter Weg zum fertigen Präparat und der war nur möglich wegen zahlreicher paralleler Entwicklungen. Wir erinnern uns - Haberlandt gewann für seine Tierversuche den Wirkstoff noch aus den Eierstöcken trächtiger Tiere. Dafür musste nun natürlich Ersatz gefunden werden.

Prof. Christian Thaler - „Man nimmt also quasi natur-analoge Hormone. Die kann man herstellen. Meistens werden die aus Naturprodukten umgewandelt. Das war lange Zeit ein Problem und ist dann so in den späten 50er Jahren gelungen. Mit den ersten Gestagenen, die man sozusagen im Reagenzglas herstellen konnte. Und damit wird quasi die Reifung von Eibläschen blockiert. Damit wird man nicht schwanger. Jetzt ist das Problem, dass man gleichzeitig aber einen anderen Effekt damit erreicht, der nicht so beliebt ist - Man hat nämlich Schmierblutungen, weil die Blutung aus der Gebärmutterschleimhaut ist auch von den Hormonen abhängig Und dann kann es dazu führen oder führt eigentlich regelhaft dazu, dass dann die Schleimhaut ziemlich durcheinander kommt und anderen schmiert oder blutet. Und dazu vor allem dazu ist eine weitere Hormon-Komponente erforderlich und das ist eben das Östrogen. Es stabilisiert sozusagen die Schleimhaut und da vor allem ein chemisch etwas verändertes Östrogen. Das Ethinylestradiol. Es hat also an einer Stelle sozusagen eine chemische Veränderung wodurch es die Blutung bzw. den Zyklus von der Blutung Seite stabilisieren kann.“

Ulrich Noethen - Schon 1960 ist der Siegeszug der Pille nicht mehr aufzuhalten und Enovid wird in den USA offiziell als hormonelles Verhütungsmittel zugelassen. In Deutschland kommt 1961 Anovlar auf den Markt, ein frühes Konkurrenzprodukt der Berliner Schering AG, das noch wirksamer ist und weniger Nebenwirkungen hat.

Prof. Christian Thaler - „Na gut es ist halt schon so, dass Frauen, die eigentlich so ein bissel unplanbar schwanger werden, natürlich einer längerfristigen ja Einschränkung unterworfen sind hinsichtlich ihrer Wahrnehmung andere Möglichkeiten ihrer Lebensplanung also sowohl beruflich als auch gesellschaftlich, politisch. Insofern war mit dem Moment, wo eine Frau er ist sehr leicht, sehr schnell auch reversibel quasi durch Einnahme einer Tablette das steuern konnte und sagen kann, ich kann zwar Sex haben, ich will meine Beziehungen, mein Leben leben wie ich will, aber ich bin nicht dieser dauernden, ich sage es einmal Gefahr unterworfen, dass ich da als dann plötzlich auch schwanger werde, womöglich ohne dass ich es möchte, später dann gerne. Das hat natürlich Frau eine völlig andere Möglichkeit gegeben, einerseits Beziehungen zu leben, auch selbst Einfluss darauf zu nehmen und dann auch ihr Leben in einer Weise längerfristig zu planen, mit einer Partnerschaft oder auch ohne in einer Partnerschaft, wo sie sagen jetzt stimmt also ich glaube, dass es bis zu diesem Zeitpunkt also wir sind jetzt frühe 60er Jahre kein wirklich vergleichbares, verfügbares und selbst gesteuertes Verfahren reversible Verfahren vergleichbar zu der hormonellen Grundkonzeption gab, also die wenn das einzige, was man wahrscheinlich irgendwie ganz gut vergleichen könnte ist vielleicht die intra-uterine Grundkonzeption, also Stichwort Spirale.“

Ulrich Noethen - Die 70er Jahre werden schließlich das Jahrzehnt der Pille und das Jahrzehnt der sexuellen Revolution, wobei man kaum sagen kann, was dabei die Henne und was das Ei ist. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie zufällig zur selben Zeit zusammenkommen und sich gegenseitig, nun ja, befruchten. Es hätte die Hippies auch ohne die Pille gegeben und umgekehrt. Ob die Pille den Frauen nun wirklich zu einer selbstbestimmten Sexualität verholfen hat, das ist eine ganz andere Frage.

„Hey du. Du hast verdammt schöne Augen, Mann!“

Der Typ, der ihr das sagt, hat selbst verdammt glasige Augen. Da waren wohl schon ein paar Gläser Wein und der eine oder andere Joint im Spiel. Er starrt in den weiten Ausschnitt ihres T-Shirts. „Ich bin kein Mann, Alter und das sind nicht meine Augen, wo du da hin glotzt. Ulla dreht sich um und geht weg. Nicht ihr Typ, ganz und gar nicht. Und mit blöden Sprüchen hat sie noch niemand erobert. Sie schaut sich nach Martina um, aber die sitzt mit ein paar anderen um den Wohnzimmertisch und diskutiert. Die Worte „Klassenkampf“ und „Bourgeoisie“ fallen und Ulla verdreht die Augen. Kann man nicht einmal einfach nur eine Fete schmeißen und tanzen und es sich gut gehen lassen? Muss immer gleich die Weltrevolution geplant werden?

„Hey hey!“ Der Typ ist ihr gefolgt und fasst sie an die Schulter, Ulla dreht die Schulter weg und schaut ihn wütend an. „Fass mich nicht an! Er hebt mit gespieltem Erschrecken die Arme. „Uiuiui, ein Blümchen-rühr-mich-nicht-an! Hast du dich aus dem katholischen Internat hierher verirrt oder was ist los?“ „Lass mich einfach in Ruhe Ok.“ „Äh. Okay. Schon gut. Ich lass sie ja gleich in Ruhe. Wollen wir vorher noch ein bisschen bumsen?“

„Verpiss dich!“ schreit Ulla so laut, dass sich alle zu ihr umdrehen Martina steht auf und kommt zu ihr rüber. „Was ist hier los?“ Der Typ winkt ab. „Nüscht Verdammte Spießerin.“

Am nächsten Morgen sitzen sie zu sechst in der WG-Küche, Ulla, Martina, Fritz, Benni Markus, Burkhard. Inmitten der Überreste der Fete frisch aufgebrüht der Kaffee dampft neben überquellenden Aschenbechern, Flaschen voller Bier und Wein, Reste und darin herum schwimmender Kippen. Der Fußboden klebt von Verkleckertem. Eine welke Petunie, die sich ihren Topf neuerdings mit einem ausgedrückten Joint teilen muss schaut von der Fensterbank verdrießlich zu.

„Was war eigentlich los gestern, als du diesen Typen so angeschnauzt hast?“ fragt Burkhard, ein 25-jähriger Soziologie Student, der seit einem halben Jahr hier wohnt. Netter Kerl. Wenn er nur nicht so naseweis wäre. Aber sind sie nicht alle so, denkt Ulla.

„Man, der hat mich angegraben, wollte in die Kiste hüpfen, mit dem Zaunpfahl winken hat nicht geholfen, also musste ich deutlicher werden.“

„Ach, das war Tommy ist ein alter Kumpel von mir, sagt Fritz, der WG-Älteste und der mit den meisten abgebrochenen Studien, was er Studium Generale oder umfassende Bildung nennt. „Den hättste ruhig ranlassen können. Bist immer so verstockt, hab doch ein bisschen mehr Spaß. Soweit mir von Frauen berichtet wurde, ist er ziemlich gut im Bett.“ Ulla schaut ihn finster an „Suchst du mir jetzt meine Affären aus oder was?“ „Wer redet denn von Affären? Nur ein bisschen Sex. Knick Knack Sie wissen schon.“

„Hör auf.“ Ulla zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Fritz hört nicht auf. „Ich meine ein bisschen verstockt bist du schon. Wenn wir mal ganz ehrlich sind. Deine politische Gruppenarbeit und so alles schön und gut, deine Sprüche für die Transparente super lustig ja, aber wir sind uns doch einig, dass das Private auch politisch ist und dass wir die herrschenden Zustände auf allen Ebenen attackieren müssen, nicht zuletzt auf der sexuellen. Denn dort ist sie durch ihre Verklemmtheit und und und und die unterdrückten Triebe besonders verletzlicher. Sex ist der Hebel, mit dem wir die alte Welt erst aus den Angeln heben und dann zu Grabe tragen.“

Martina, die auf der anderen Seite des Tisches sitzt und sich eine Zigarette dreht, lacht auf „Schon klar Fritzchen, damit du die Welt zu Grabe tragen kannst, muss Ulla in die Kiste springen. Er ist mit einem Kumpel und danach mit dir.“ Fritz schüttelt den Kopf „Nee, nicht mit mir. Das haben wir schon erledigt. Ihr wisst doch, wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum…“ „Ah verdammt Fritz!“ Ulla knallt ihre Tasse auf den Tisch, dass der Kaffee heraus schwappt. „Steckt deine abgedroschenen Sprüche ein. Manchmal habe ich den Eindruck, dein ganzes Revolutions-Blabla ist einfach nur eine Masche, um dich einmal quer durch die Uni Kneipen zu vögeln.“

Bis auf Martinas Leises Kichern herrscht einen Moment Stille. Dann räuspert sich Fritz „Revolutions Blabla. Das ist es also, was du wirklich über unseren Kampf denkst. Die Kinder in Vietnam, die Schwarzen in Amerika, die Frauen unter der Knute der Kirche. Die finden das sicher interessant.“ Benny lacht nervös. „Kommt schon Leute, Peace! Wir sind alle ein bisschen durch nach der letzten Nacht. Ein bisschen reizbar.“ „Ja, ja, schon gut“ winkt Fritz ab. „Ulla geht in letzter Zeit sowieso bei jeder Kleinigkeit hoch. Hast du die Tage oder was?“ „Mensch Fritz, biste bekloppt oder was? Ich hatte die Tage nicht mehr seit ich die scheiß Pille nehme.“

Fritz nickt. „Die scheiß Pille. Jetzt ist es schon die scheiß Pille.“ Er senkt den Blick, schaut ihr durch seine Runden von dünnem Draht eingefassten Brillengläser in die Augen und zeigt mit dem Zeigefinger auf sie. „Die scheiß Pille hat euch endlich frei gemacht. Euch reiche, verwöhnte Mädchen. Hier in Deutschland werden Millionen Frauen anderswo auf der Welt noch immer ungewollt schwanger werden. Die Pille hat euch die Macht über euren Körper gegeben. Sie hat die Vermehrung Ideologie von Kirche und Bourgeoisie zertrümmert, die nur darauf abzielt, Menschenmaterial für den nächsten Weltkrieg zu produzieren und uns in sexueller Unzufriedenheit zu halten.“ Jetzt geht es hoch her. Alle haben etwas zu sagen Argumente, Friedens, Aufrufe, Witze und Beleidigungen fliegen durch die Küche. „Was ist denn das für eine Frauenbefreiung, wenn jeder Typ meint, uns bespringen zu dürfen, nur weil wir die Pille haben“, fragt Martina. „Hat schon Adorno hat gesagt“, das meint Bennie. „Sexuelle Befreiung ist Voraussetzung für die Befreiung des Bewusstseins“, behauptet Fritz. „Als Rosa Luxemburg von der Freiheit sprach, meinte sie Doch nicht“, wendet Burkhart ein… und Ulla haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft „Jedenfalls sind das noch immer meine Brüste. Und ich lass da nicht jeden besoffenen Kumpel von dir ran!“ Fritz schnaubt. „Hörst du dir eigentlich mal selber zu? Meine Brüste, meine Brüste. Merkst du gar nicht, dass du noch komplett im reaktionären Besitzstandsdenken verhaftet bist?“

„Gibt's noch Kaffee?“ Beim letzten Satz drehen sich alle zur Tür und starren den verpennten Typen an, der ihn gesprochen hat. „Hab ich was falsch gemacht?“ „So ziemlich alles. Hallo Tommy“, sagt Ulla. Tommy kratzt sich am Kopf. „Hä ich verstehe nicht. Gibt's einen Kaffee oder was?“ „Nein, es alle. Mach einen Tee, okay?“ Tommy zuckt die Schultern und nimmt den Wasserkessel vom Herd. Ulla steht auf und schiebt ihren Stuhl mit Wucht an den Tisch. Und das Geräusch lässt alle zusammenfahren. „Wenn es um Kaffee geht kannst du ein Nein akzeptieren, ja, wenn es um Sex geht, nicht?! Leute echt! Ihr habt alle einen an der Waffel!“

So oder so ähnlich könnte es nach der einen oder anderen Party in den Siebzigern zugegangen sein. „Zuerst schien es eine Wunderpille“, erzählt Alice Schwarzer 2011 in einem ZDF-Interview. „Aber dann gab es noch einen Effekt - Also vorher sollten die jungen Mädchen als Jungfrauen in die Ehe gehen. Und nun? Mit der Pille drehte sich das Blatt und die Mädchen hatten zur Verfügung zu stehen. Und eine, die nicht die Pille schluckt, die war zu blöd und mit der hat man auch nicht mal mehr getanzt. So. Manche Jungs, nicht alle zum Glück. Nun wurde permanente sexuelle Verfügbarkeit erwartet und Konsequenzen waren ja auch von den Männern nicht mehr zu tragen, sodass ich denke, dass es mit der Pille so ist wie mit allem. Sie kann zum Bumerang werden.“

Ein gefährlicher Bumerang zudem, denn trotz aller Forschung und Weiterentwicklung der Pille ist sie immer noch mit vielen Risiken behaftet. Die Einnahme von sogenannten Kombi-Präparaten, den hier beschriebenen Kombinationen aus Östrogen und einem Gestagen erhöht das Risiko von Thrombosen, also von Blutgerinnsel.

Prof. Christian Thaler - „Und diese Blutgerinnsel können natürlich Unsinn machen. Sie können irgendwo hingeraten, wo sie eigentlich sein sollten. Die verstopfen entweder die Venen, dann hat man eine Venen-Thrombose oder sie werden, was noch blöder ist ins Herz und dann über das Herz in die Lunge transportiert. Dann gibt's die Lungenembolie. Jetzt kann die Durchblutung der Lunge verändern und das ist natürlich ziemlich blöd. Das kann teilweise lebensbedrohlich sein. Und das ist tatsächlich gerade am Anfang, als man das noch nicht so ganz abschätzen konnte, häufiger passiert bei Frauen die diese Ovulationshemmer genommen haben, als bei anderen Alters gleichen. Das hat man dann mit der Zeit kapiert, woher das kommt und wie das alles jetzt bedingt ist. Man hat es dann auch deutlich besser in Griff gekriegt dadurch, dass man die Menge in die Dosierungen dieser Hormone deutlich absenken konnte auf Bruchteile der zunächst eingesetzten Dosierungen und dass man es teilweise auch mit anderen Gestagenen teilweise kombiniert hat. Also eine Antwort, man konnte das schon deutlich bessern, aber es ist letztlich ein Problem, was der hormonellen Grundkonzeption also in der Form dieser Kombinationspillen-Präparate eigentlich bis zum heutigen Tag immer noch anhaftet. Dass eine Frau die Kombinationspillen nimmt man kann sagen, zwei bis drei bis vierfach häufiger wie venöse Thrombosen kriegt. Auch bei Frauen die keine Pille nehmen gibt's sowas, aber es ist halt bei denen die Pille nehmen häufiger.“

Ulrich Noethen - Auch eine monatliche Pillen-Pause, um den natürlichen Zyklus zu imitieren ändert übrigens Studien zufolge nichts an diesem Wert oder der Häufigkeit anderer Nebenwirkungen. Das Thrombose-Risiko sinkt üblicherweise, nachdem die Pille ungefähr ein Jahr eingenommen wurde, auf den normalen Wert steigt aber wieder, wenn man die Pille für mehrere Wochen abgesetzt hat und dann wieder mit der Einnahme beginnt.

Und die Liste der Risiken auf dem Beipackzettel ist ja noch viel länger - Depressionen, Verlust der Libido, also weniger Lust auf Sex, Kopfschmerzen, Übelkeit, Gewichtsveränderungen, Brustspannen, Blähbauch. Es ist schon einiges was frau da riskiert oder auf sich nimmt während Mann von seiner Verantwortung für die Verhütung enthoben wird.

Eine gute Gelegenheit einen Blick in die Zukunft zu wagen. Wann kommt sie denn nun eigentlich, die Pille für den Mann? Könnte man da nicht auf ein ähnliches Wirkprinzip setzen?

Prof. Christian Thaler - „Das geht, also die die Spermien-Produktion ist ja auch hormonell gesteuert. Also Ovulationshemmung kann man letztlich grundsätzlich beim Mann. Jetzt ist das Problem, dass man da schon relativ hohe Dosen an Hormonen braucht, die höher sind letztlich als bei der Frau. Das Problem ist auch, dass es nicht ganz so leicht möglich ist die Produktion von hunderten von Millionen Spermien die ja weil man andauernd produziert werden also jedermann produziert in jeder Leben Sekunde etwa 5000 Spermien. Eine Frau setzt pro Monat eine Eizelle frei. Und das ist natürlich ein bisschen schwieriger. Dann sicher sein, dass da keine einzige Spermien mehr übrig bleibt, das nicht letztlich dann trotz aller Hormone und sonst was am Schluss dann nicht doch noch ein paar Spermien, dann womöglich freigesetzt werden und womöglich dann doch eine Schwangerschaft erzeugen könnten… Zumal das Problem ist, die Spermien die man jetzt ejakulieren würde, die hat er über monatelang herangereift während eine Frau sozusagen in dem Zyklus, wo sie die Pille nimmt, keine Eizelle mehr heranreift. Also da ist so manches deutlich schwieriger bei den Männern Problem ist auch, dass die Männer die dann diese Hormone kriegen, teilweise dann auch wieder Hormon-Mangel kriegen von verschiedenen anderen Dingen, also den fehlen dann teilweise die männlichen Hormone, was dann auch wieder Nebenwirkungen hat. Zum Teil haben die dann auch überhaupt keine Lust mehr auf den Sex was natürlich auch wieder einerseits zwar Kontrazeptiva ist, aber andererseits auch nicht so ganz im Sinne des Erfinders.“

Ulrich Noethen - Das wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Im Jahr 2011 wurde eine von der Weltgesundheitsorganisation durchgeführte Studie zur Pille bzw. Spritze für den Mann auf Anraten einer Ethik-Kommission abgebrochen. Der Grund waren die in der Studie aufgezeigten Nebenwirkungen, zum Beispiel ein Nachlassen der Libido, aber auch Stimmungsschwankungen und Depressionen. Nanu? Das haben wir doch gerade alles schon einmal gehört. Richtig als Risiken der Pille für die Frau. Ihnen werden diese und weitaus schlimmere Nebenwirkungen seit über 60 Jahren zugemutet.

Ich sehe da vielleicht auch noch ein weiteres Problem bei der Pille für den Mann. Würde der Mann die Pille nehmen, müsste sich die Frau dann nicht wieder ganz darauf verlassen, dass er das auch wirklich und richtig und regelmäßig tut? Sie müsste vertrauen und sie müsste schließlich die Konsequenzen tragen, wenn der Mann das Vertrauen missbraucht. Oder ist das auch nur ein Männer-Argument? Die Forschung jedenfalls geht weiter.

Für Männer, die schon jetzt die Verantwortung für die Verhütung übernehmen wollen, gibt es das Kondom natürlich und die Vasektomie, bei der der Samen Leiter durchtrennt wird. Oder aber er kann die Partnerin bei der Anwendung von Methoden der natürlichen Familienplanung unterstützen, von denen zum Beispiel die Kombination aus der Billings- und der Kalender- oder Temperatur Methode sehr zuverlässig ist, Im Gegensatz zum veralteten vatikanischen Roulett, also der einfachen Kalender-Methode.

Das ganze Thema ist auf so vielen Ebenen dermaßen vertrackt und kompliziert, dass wir nur hoffen konnten, hier wenigstens ein paar Aspekte anzudeuten, ein paar interessante Geschichten zu erzählen und Lust darauf zu machen, selbst weiter zu forschen. Wir haben viel zu kurz über Nebenwirkungen und Alternativen gesprochen, von denen insbesondere die Spirale sehr interessant ist und deren Entwicklung eigentlich einen eigenen Podcast verdient hätte. Und wir konnten die zahllosen ethischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen in diesem Zusammenhang nur kurz andeuten. Die Pille ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Ihre Anwendung will wohlüberlegt sein und bedarf guter Beratung durch Frauenärztin oder Frauenarzt. Sie kann keine Probleme lösen, die in unserer Gesellschaft begründet liegen. Kein Medikament kann das. Und dennoch ist und bleibt sie ein großartiger Sieg der Medizin und ein Mittel auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben.

Ich danke Ihnen allen fürs Zuhören und ganz besonders bedanke ich mich bei Professor Dr. Christian Thaler für seine Zeit und freundliche und kompetente Unterstützung.

Ulrich Noethen - Damit endet unsere gemeinsame Reise in die Medizingeschichte. Wer weiß, vielleicht setzen wir unsere Reise zu weiteren Errungenschaften der Medizin demnächst fort. Ich würde mich freuen, wenn Sie, wenn du wenn ihr auch dann wieder dabei wird hoffentlich bis bald bei Siege der Medizin! Bleiben Sie gesund und neugierig. Ihr Ulrich Noethen

Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

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Executive Producers Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück – Faktencheck Dr. Martin Allwang – Autoren Lutz Neumann, Volker Strübing – Interviews Simone Terbrack, Lutz Neumann – Musik Johannes Kornelius – Produktion Philipp Klauer – Recherche und Unterstützung Carsten Weichelt, Elena Urban, Alexander Weller – Projektleitung Sven Rühlicke, Ruben Schulze-Fröhlich – Produziert von den Wake Word Studios in München.

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Dieser Podcast dreht sich um die größten Erfolge der Medizinforschung – spannend erzählt von Schauspieler Ulrich Noethen. Neben Expertinnen und Experten lässt Noethen die Geschichte selbst zu Wort kommen. Reisen Sie mit uns durch die aufregende Geschichte der Medizin und genießen Sie ein ganz besonderes Hörerlebnis.

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Zum Erzähler

Der Theater- und Filmschauspieler Ulrich Noethen ist eine feste Größe in der deutschen Schauspielkunst. Bekannt ist er unter anderem aus Kinofilmen wie „Das Sams“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. In der deutschen Fernsehserie „Charité“ spielte er den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Für seine schauspielerischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2006 mit der „Goldenen Kamera“.

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Siege der Medizin | Der medizinhistorische Podcast

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