Dr. Katrin Singer ist Ärztin und Mutter. Kurz: ein "Mumdoc". So heißt auch das fächerübergreifende Netzwerk, das sie für Mütter in der Medizin gegründet hat. In dieser Folge möchte Apotheken-Umschau-Chefredakteurin Julia Rotherbl wissen, warum sich für viele Ärztinnen alles ändert, wenn sie schwanger werden - vor allem in den Kliniken. Im Gespräch geht es um Themen wie Mutterschutz und, wie man nach der Elternzeit wieder in den Job zurückkehrt.

Das Gespräch greift dabei folgende Themen auf:

  • Wie sich Frauen im Netzwerk "Mumdocs" unterstützen
  • Was die Rückkehr in den Job erschwert
  • Schwanger arbeiten in der Klinik - Reaktionen und eigene Erfahrung
  • Was sich für einen leichteren Wiedereinstieg ändern muss
  • Ratschlag für Frauen, um familienfreundliche Modelle im Job durchzusetzen
  • Der Wechsel von der Klinik in die Praxis

Hinweis: Sie können zu den einzelnen Themen springen, wenn Sie im Podcast-Player rechts unten auf die drei Punkte klicken und in der Menüleiste „Kapitelmarken“ auswählen.

Katrin Singer - Es ist absolut nicht zeitgemäß, dass man sich entscheiden muss, „Will ich Mutter sein oder will ich Ärztin sein?“ Wenn man beides leidenschaftlich gerne macht, muss einfach beides gehen.

INTRO

Brandvoice - Frau Doktor, übernehmen Sie.

Julia Rotherbl - Hallo. Ich bin Julia Rotherbl. Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Eine Frau in einer Führungsposition. Leider immer noch eine Seltenheit, auch in der Medizinbranche. Als ich mich hier jetzt erst einmal mit den Zahlen beschäftigt habe, bin ich echt erschrocken. Über 60% der Studierenden in Deutschland, also der Medizinstudierenden in Deutschland, ist weiblich. Aber in den Chefetagen sitzen in vielen Bereichen nur knapp über 10% Frauen. Da muss man sich echt fragen, was da schief läuft. Und genau das tue ich mit diesem Podcast. Herzlich willkommen bei „Frau Doktor, Übernehmen Sie!“.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheithören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge bei mir zu Gast ist Doktor Katrin Singer. Sie ist Medizinerin, aktuell in Elternzeit und sie hat das Netzwerk „Mumdocs“ gegründet für Mütter in der Medizin. Wir reden mit ihr darüber, warum sich für viele Ärztinnen vor allem in den Kliniken alles ändert, wenn sie schwanger werden. Dabei geht es um Themen wie Mutterschutz, aber auch darum, wie man nach der Elternzeit wieder in den Job zurückkehrt. Ein sehr spannendes Thema. Danke, dass Sie da sind.

Katrin Singer - Sehr spannendes Thema, das stimmt. Auch ein bisschen ein Herzensthema für mich. Ich freue mich, dass ich da sein darf und dass ich darüber reden darf und auch über die Mumdocs - ein spannendes Projekt. Ja, tatsächlich. Die Rahmenbedingungen sind nicht so ideal, um als Mutter wieder als Ärztin in der Klinik zu arbeiten.

Julia Rotherbl - Genau. Bevor wir über dieses wichtige Thema miteinander sprechen, würde ich gerne mit einem Spiel in diesen Podcast starten. Das Spiel heißt Sprücheklopfer und geht wie folgt. Ich sage Ihnen Sätze, die viele Frauen im Laufe ihrer Karriere zu hören kriegen. Und wenn Sie einen dieser Sätze wiedererkennen, dann klopfen Sie und wir können kurz drüber reden.

Katrin Singer - Okay!

Julia Rotherbl - Okay. Der erste Satz ist - Führung in Teilzeit, das funktioniert nicht.

Katrin Singer - (klopft) Ja.

Julia Rotherbl - Wer hat das wann zu Ihnen gesagt?

Katrin Singer - Das hab ich tatsächlich schon ganz häufig gehört. Wenn es um die Zukunftsplanung von Ärztinnen ging oder auch von mir selber, dass da immer Vorbehalte da sind, weil jemand, der eine Führungsrolle hat, der muss irgendwie ständig präsent sein. Das ist in ganz vielen Köpfen noch so drin. Also das ist einfach die, nicht so, um die Qualität jetzt als erstes geht, sondern einfach um die Tatsache, da muss man die ganze Zeit da sein. Da muss man.. in Teilzeit geht sowas nicht. Fehlt vielleicht noch ein bisschen die Fantasie sowas einfach mal auszuprobieren!

Julia Rotherbl - Der zweite Satz spiegelt diese Angst dass jemand nicht ständig am Arbeitsplatz ist, auch ein bisschen wieder. Und der heißt - Und wer passt dann auf die kranken Kinder auf?

Katrin Singer - (klopft) Ja, muss ich tatsächlich wieder klopfen! Das ist auch so ein Standardsatz. Erstaunlicherweise kenne ich keinen männlichen Kollegen, der das schon einmal gefragt worden ist.

Julia Rotherbl - Ja. weil meistens dann doch die Mütter zu Hause auf die kranken Kinder aufpassen

Katrin Singer - Genau, da passt die Frau, na klar. Ja.

Julia Rotherbl - Dann kommen wir zum nächsten Satz, der heißt - Du bist doch viel zu hübsch für den Job!

Katrin Singer – Tja. Da muss ich klopfen nochmal (klopft). Ich glaube, dass das hört man vielleicht dann eher so hintenrum solche Geschichten, dass man sich, dass man vielleicht wenn man gut aussieht, nicht auch klug sein kann. So direkt ins Gesicht gesagt hat sich das noch, hat mir das noch niemand sich noch nicht getraut, sowas zu sagen.

Julia Rotherbl - Der letzte Satz haben Sie denen vielleicht schon einmal quasi ins Gesicht gesagt bekommen? Der lautet nämlich - Frauen sind keine guten Netzwerker.

Katrin Singer - Nein.

Julia Rotherbl - Nein? Vielleicht weil sie selber eine gute Netzwerkern sind!

Katrin Singer - Ja, genau!

Julia Rotherbl - Sie haben hier das Netzwerk Mumdocs gegründet.

Katrin Singer - Genau.

Julia Rotherbl - Ich bin da drauf gestoßen, weil mich ein paar Frauen, mit denen ich über dieses Thema geredet habe, tatsächlich auch auf dieses Netzwerk aufmerksam gemacht hat, das ja auch den grandiosen Titel „Kinder, Kittel und Karriere“ trägt. Wie supporten sich Frauen in diesem Netzwerk gegenseitig?

Katrin Singer - Also es hat mehrere Ebenen, würde ich sagen. Es ist natürlich das Berufliche, dass wir gegenseitig so kurze Fortbildungen machen oder uns über Themen austauschen, über Artikel, die wir gelesen haben. Jetzt auch, während Corona gegenseitig irgendwie auf dem Laufenden halten, was in den Kliniken los ist, was es Neues gibt bezüglich Therapien, Impfstoffen und solche Sachen. Und dann gibt's aber auch einen großen Bereich, wo wir uns irgendwie gegenseitig unterstützen, so in der Zukunfts- oder Karriereplanung, wo jemand eben sagt „Ich stehe kurz davor, wieder in die Klinik zurück zu gehen“ oder „Ich überlege, mich niederzulassen“ und dann gibt's noch eine dritte Ebene, und die ist einfach der Austausch über medizinische Fragen, die wir halt auf dem kurzen Dienstweg, sage ich, jetzt mal miteinander. Man möchte sich irgendwie über den Befund austauschen, man schaut zusammen irgendwie ein Röntgenbild an oder so. Also ich würde sagen die Mumdocs decken tatsächlich, so wie der Untertitel sagt, „Kinder, Kittel und Karriere“ alles ab. So wie man sich aus einem aus dem aktiven Netzwerk, das einen wirklich so unterstützen kann, auch vorstellt. Oder so wie es ich es mir vorstelle.

Julia Rotherbl - In diesem Podcast wollen wir uns ja speziell mit diesem Bereich beschäftigen. Karriereplanung, also die Rückkehr in den Job, nachdem man eine Familie gegründet hat. Welche Themen treiben die Mütter in ihrem Netzwerk speziell bei diesem Aspekt um?

Katrin Singer - Also ich glaub, was unstrittig ist, ist, dass die Frauen wieder zurückkommen wollen und arbeiten wollen und auch bereit sind, dafür viel zu tun. Und was schwierig ist, ist dass das Muttersein tatsächlich auch verändert und man andere Prioritäten hat und man halt nicht bereit ist um jeden Preis jeden Job wieder zu machen im Krankenhaus. Das Hauptproblem ist tatsächlich die Vereinbarkeit. Also wie sind die Kinder betreut, während ich weg bin. Und wie kann ich arbeiten, dass ich auch meinem Anspruch als Ärztin an mich gerecht wird und gleichzeitig nicht irgendwie von 07 bis 19 Uhr die Kinder in der Betreuung irgendwo lassen muss? Also das ist das. Ich glaube das ist tatsächlich das Hauptthema. Starre Arbeitszeiten, viele Überstunden, wenig Flexibilität und wenig Bereitschaft da auch umzudenken.

Julia Rotherbl - Frau Singer, Sie selbst haben ja zwei Kinder. Sie sind zwischen dem ersten und dem zweiten Kind auch nicht in die Klinik zurückgekehrt. Und im Vorgespräch haben Sie zu mir gesagt, also im Vorgespräch zu diesem Podcast, „Das wollte ich mir nicht antun“. Was haben Sie damit gemeint?

Katrin Singer - Ja, das ist richtig. Tatsächlich diese Zerrissenheit zwischen Mutter und Ärztin sein. Und ich wusste vorher, also wie ich als Ärztin arbeite und arbeiten will und was ich für eine Kollegin sein will und wie ich meine Patienten betreuen will. Und das möchte ich zu 100% machen und auch 100% geben. Und ich wusste, dass das so nicht funktionieren kann. Mit kleinem Kind dann und irgendwie im Alltag mit der Fremdbetreuung und dann schauen, dass man irgendwie ganz pünktlich wieder weg flitzt. Und das alles sehr schwierig, ja, mit den Diensten, mit den Wochenenden. Und dann war es eigentlich eine ganz bewusste Entscheidung zu sagen, „Ne, ich mach tatsächlich die drei Jahre Elternzeit“.

Julia Rotherbl - Sie waren ja zum Zeitpunkt, als Sie Ihr erstes Kind bekommen, haben Assistenzärztin in der Inneren Medizin. Das hatte ich noch gar nicht erzählt. Wie war denn dieser Moment, als Sie Ihrem Vorgesetzten oder Ihrer Vorgesetzten gesagt haben, dass Sie ein Kind erwarten und dass Sie, also ich weiß nicht, ob Sie es in dem Moment schon gesagt haben, aber dass Sie länger aus der Klinik wegbleiben wollen? Wie war die Reaktion?

Katrin Singer - Tatsächlich habe ich über die Elternzeit erst einmal noch nichts gesagt, obwohl ich selber schon relativ früh wusste, dass ich eher nicht der Typ bin, der sofort nach 11 oder 12 Monaten wiederkommen wird. Ich glaube auch ein bisschen aus taktischen Überlegungen. So geht es auch ganz vielen. Also lieber erst einmal nichts sagen, wie lange man Elternzeit nehmen wird oder dass man Elternzeit nehmen wird, damit man sich nichts verbaut, sage ich jetzt mal. Sonst waren wir, hatten schon eigentlich ein sehr gutes Verhältnis so auf den Ebenen mit Oberärztin und Chefärzten. Da waren die Reaktionen schon normal. Also ich hatte jetzt auf den ersten Blick nicht den Eindruck, dass es irgendwie problematisch ist. Aber natürlich in dem Moment, wo du sagst du bist schwanger, wird es dann schon ein bisschen schwierig in der Klinik. Du darfst nicht mehr mit infektiösen Material arbeiten, Blutabnahme, Nadeln legen, nicht mehr in die Notaufnahme, nicht mehr Nachts, nicht mehr am Wochenende. Und dann, also ist die Freude nicht bei allen genauso groß wie bei einem selbst, logischerweise.

Julia Rotherbl - Ja, ich habe tatsächlich auch im Gespräch mit anderen Frauen zu diesem Podcast genau das auch gehört. Manche haben auch gesagt, sie haben das auch sehr lange verheimlicht, also bis man es dann tatsächlich nicht mehr verheimlichen konnte, weil sie eben auch das Gefühl hatten, dann im Kollegen- und Kolleginnenkreis nicht mehr für vollwertige, also nicht mehr für eine vollwertige Arbeitskraft gehalten zu werden. Es gibt ja tatsächlich viele Forderungen zum Beispiel vom Ärztinnenbund, diesen Mutterschutz für Medizinerinnen nicht so strikt auszulegen, wie es bisher getan wird. Sehen Sie das auch so? Wird es zu strikt gehandhabt? Im Prinzip halten sich die Vorgesetzten ja soweit ich recherchiert habe, einfach an die jetzt existierenden Vorgaben, wenn sie schwangere Frauen aus dem OP raushalten.

Katrin Singer - Wir haben tatsächlich ganz gute Verbindungen zu „Die Chirurginnen“. Das ist auch ein Netzwerk. Das ist speziell nur für Chirurginnen, nicht fächerübergreifend, und einige von den Chirurginnen sind natürlich auch Mumdocs.

Julia Rotherbl - Wenn ich kurz unterbrechen darf. Frau Schlosser, die dieses großartige Netzwerk gegründet hat, die war auch schon hier im Podcast zu Gast und hat mit uns darüber gesprochen, wie wichtig Netzwerken ist. Wer sich das gerne anhören will, es ist Episode Nummer 2.

Katrin Singer - Die kämpfen tatsächlich auch dafür, diese ganzen Mutterschutz regeln Die sind primär natürlich zu unserem Schutz. Also es gibt natürlich auch Chefs, die die am liebsten ignorieren würden und sagen würden, dass man soll alles noch machen und so. Aber ich finde wichtig, dass die Frau halt auch selber entscheiden darf, was sie sich noch zutraut und was sie auch gerne machen möchte. Und natürlich niemand ausgebremst werden darf im Hinblick auf, „Naja die ist jetzt schwanger und dann ist die eh weg und die braucht ja jetzt den Eingriff nicht“. Und „wer weiß, ob die wiederkommt“. Sondern ich finde wichtig ist, dass man es ist Ich finde es wichtig , dass es diese Regelungen gibt, weil die auch erst einmal unserem Schutz dienen. Aber es ist auch wichtig, dass die Frauen mitentscheiden dürfen, ob sie sich sicher fühlen bei einer Tätigkeit und ob sie die gerne einfach weiterhin machen wollen. Und ich habe, jetzt beispielsweise, mich mit dem nicht infektiösen Patienten der irgendwie auch friedlich ist, habe ich jetzt kein Problem Blut abzunehmen. Da habe ich mich vorher nie gestochen. Warum sollte da jetzt irgendetwas passieren? Das habe ich tausende Male gemacht. Warum darf ich dem keine Nadel mehr legen oder kein Blut abnehmen? Und wenn eine Chirurgin sich im OP sicher fühlt und einen Routine Eingriff macht mit einem eingespielten Team, warum soll sie das nicht machen dürfen?

Julia Rotherbl - Genau. Es gibt ja dieses Thema Schwangerschaft. Es gibt aber vor allem auch dieses Thema, „Wie kehre ich in den Beruf zurück, wenn das Kind dann da ist?“. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit dieser Wiedereinstieg den Ärztinnen leichter fällt?

Katrin Singer - Es ist absolut nicht zeitgemäß, dass man sich entscheiden muss „Will ich Mutter sein oder will ich Ärztin sein?“. Wenn man beides leidenschaftlich gerne macht, muss einfach beides gehen. Also ich glaube was wichtig ist, dass viele Väter auch weiterhin versuchen Elternzeit zu nehmen damit sich das einfach mehr etabliert. Dass Männer und Frauen sich sowohl zuhause als auch im Beruf Sachen einfach teilen können. Ich glaube, dass das ganz wichtig. Das ist einfach auch in den Köpfen von vielen Chefs nicht drin, weil es das zu deren Zeit nicht gab.

Julia Rotherbl - Die leben noch das klassische Rollenbild.

Katrin Singer - Genau. Und das so eine Emanzipation auch irgendwie, da braucht man auch Männer dazu, die da mitziehen und die das auch leben wollen, diese Aufteilung. Und dann glaube ich, dass es wichtig ist, dass man Teilzeit einfach erst einmal ermöglicht und verschiedenen Modellen eine Chance gibt, die auch von der Kinderbetreuung halt auch irgendwie abgebildet werden. Es kann nicht sein, dass die Stellen halt um 7 Uhr morgens irgendwie anfangen und der früheste Kindergartenplatz, den man kriegen kann, irgendwie ab 8.30 Uhr, und man ist eigentlich nur am Springen und Rennen und fühlt sich total zerrissen. So kriege ich es eben auch von den von den anderen Mumdocs gespiegelt oder von Kolleginnen im persönlichen Gespräch. Mein Mann will arbeiten und man will den Job weitermachen, aber es braucht auch ein Entgegenkommen. Ich sage jetzt mal vom Arbeitgeber und von Chefs die sagen, „Ja die Frauen sind engagiert, die sind gut ausgebildet, die wollen das machen. Ich probiere es jetzt einfach mal“. Und ich glaube, dass ganz viele dann überzeugt wären, wenn sie mal sehen würden, wie zum Beispiel ein Jobsharing gut funktionieren kann und wie zum Beispiel Übergaben gut funktionieren können. Ich kenne wenig Menschen die besser fokussiert sind und besser multitasken als arbeitende Mütter! Von daher, eine Übergabe zwischen zwei Oberärztinnen oder zwei Fachärztinnen, das ist tadellos möglich während der Woche. Da gibt's keinen Informationsverlust oder kein Risiko für den Patienten. Der wird einfach von zwei Ärztinnen betreut und so what.

Julia Rotherbl - Was würden Sie denn Frauen raten, die in so einem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten, ihrer Vorgesetzten gehen, wo es eben darum geht, „Wie kann ich Familie und Karriere unter einen Hut bringen? Mit welchem Modell könnte ich wieder einsteigen, dass, quasi, sich mit meinem Familienleben irgendwie vereinbaren lässt?“. Wie könnte man in so einem Gespräch überzeugen, dass sich, quasi die Gegenseite auf ein neues Projekt, ein neues Modell einlässt?

Katrin Singer - Also ich glaube, das Wichtigste ist, dass man selber davon überzeugt ist, dass man es so machen will und dass man es so machen kann und dass man selber sich mit seinem Partner und seiner Kinderbetreuung und wie man es sich eben ausgedacht hat, dass man da ganz klar ist, dass man sich da auch sicher nicht verunsichern lassen muss wenn es dann heißt, „Ja und was ist, wenn die Kinder krank sind?“ oder „Was ist wenn Sie um die Uhrzeit gehen müssen?“, sondern dass man da irgendwie sehr klar ist. Einen sehr guten Plan hat. Und ich kann auch jede Mutter und Ärztin nur empfehlen sich vielleicht eine Mentorin zur Seite zu holen, mit der man so ein Thema mal durchspricht. So haben wir es bei den Mumdocs auch. Auf der Homepage so Mentorinnen-Profile. Das man sich einfach mal mit jemandem austauscht, sagt, „Was hast du gesagt? Wie hast du es gemacht? Was hat seinen Chef überzeugt?“, und so vielleicht auch das Gespräch mal ein bisschen durchspielt. Was könnte kommen? Und wenn es die Stelle ist, in die man zurückkehrt, wo man vorher schon war, dann finde ich es noch ganz wichtig, dass man auch mit den Kollegen einfach wieder in Kontakt kommt, dass man sagt „Hey ich will zurückkommen. Ihr wisst ich habe jetzt ein Kind oder ich habe zwei Kinder. Ich kann nicht mehr zu den ganz gleichen Konditionen zurückkommen wie vorher. Aber das und das und das bin ich bereit zu machen und zu geben“. Und auch ein bisschen so nicht das Gefühl haben, man ist so ein Bittsteller der jetzt da um eine Stelle betteln muss, sondern auch wissen, seine Qualität kennen und seinen Wert kennen und da auch einfach ruhig, souverän sein und da reingehen und sagen, „Die wollen mich eigentlich zurückhaben. Ich bin Ärztin, ich war hier schon und ich will hier hin, ich kann was und ich bin auch bereit, etwas zu geben und mich da zu engagieren“. Und ich glaube, dann kann so ein Gespräch schon sehr, sehr positiv verlaufen.

Julia Rotherbl -  Ja, das Problem ist, glaube ich, Sie haben ja gerade das mit den Mentorinnen angesprochen, dass es auch einfach an Vorbildern fehlt, manchen Frauen, oder?

Katrin Singer - Ja.

Julia Rotherbl - Dass man niemanden in so einer Klinik hat, an dem man sich irgendwie orientieren kann.

Katrin Singer - Ja, ja. Also tatsächlich finde ich deswegen auch die Mumdocs als Gedanken irgendwie schön, weil das so auch so meine virtuellen Kolleginnen und teilweise auch Freundinnen geworden sind für ganz viele Gespräche und Austausch über Berufliches und Fachliches, wo vielleicht auch in der Klinik vielleicht die Zeit fehlen würde oder wo man in der Klinik vielleicht auch bisschen Konkurrentinnen um den um einen Posten ist oder so. Und da ist so auf der Ebene finde ich es sehr schön, dass man sich austauschen kann mit Frauen, die den Weg halt schon gegangen sind oder die in ähnlichen Positionen stecken. Manchmal tut einfach schon der Austausch gut zu wissen, „Okay, da bin ich jetzt nicht alleine, oder das habe ich jetzt nicht völlig fehleingeschätzt, sondern so geht es ganz vielen Frauen“. Sich da einfach gegenseitig zu bestärken oder vielleicht auch im 1-zu-1-Mentoring nochmal Tipps zu holen. Das finde ich das tut sehr gut und auch zu sehen, dass es ganz viel verschiedene Wege gibt, in der Nähe Karriere zu machen oder glücklich zu werden beruflich. Das ist vielleicht auch immer ganz gut da so ein bisschen einen Plan B im Hinterkopf zu haben, nicht so fixiert zu sein, ein bisschen flexibel zu bleiben, was man so vorhat. Das finde ich auch ganz schön, ja.

Julia Rotherbl - Frau Singer, was sind denn Ihre Pläne? Wollen Sie nach Ihrer Elternzeit jetzt zurück in die Klinik?

Katrin Singer - Nein, tatsächlich möchte ich nicht zurück in die Klinik, ja. Ich denke, dass ich in der Praxis weitermachen werde und das ist auch der Weg, den ganz viele Mumdocs einschlagen. Aufgrund der Dienste, der Wochenenden und der Stunden, die man so unbezahlte Überstunden im Krankenhaus verbringt, dass ganz viele sagen, „Ne, ich gehe eine Praxis“.

Julia Rotherbl - Es ist ja oft auch nicht nur dieser Wechsel von der Klinik in die Praxis, sondern manche müssen dann tatsächlich auch die Fachrichtung aufgeben, die sie ursprünglich gewählt haben und in einer anderen weiterarbeiten. Kennen Sie Frauen, denen das passiert ist und die vielleicht das sogar gemacht haben, obwohl sie nicht wirklich glücklich damit sind?

Katrin Singer - Also nicht glücklich, soweit würde ich vielleicht nicht gehen. Aber ich kenne ganz viele, ganz, ganz viele, die ein anderes Fach gewählt haben als das, was sie ursprünglich begonnen haben oder noch gewechselt haben. Dann auch schon als Fachärztin. Zum Teil, weil sie gemerkt haben, „So will ich nicht arbeiten und so möchte ich nicht als Mutter sein und so möchte ich nicht meine Kinder aufwachsen sehen und ich will einfach auch die berühmte Work-Life-Balance. Ich will einfach auch zu Hause sein und ich will was von meinen Kindern haben“. Und dann merken ganz viele Frauen, okay es geht nicht. Und es ist auch von oberer Stelle nicht gewünscht, vielleicht. Und suchen Sie sich tatsächlich etwas anderes. Das tut mir auch oft ganz Leid, weil ich mir denke, die waren gut in dem was sie gemacht haben und suchen sich dann ganz was anderes, indem sie vielleicht auch wieder fantastisch werden. Aber es war einfach nicht das, was sie ursprünglich machen wollten. Und ich finde die Entscheidung vor die, also ich kenne einfach keinen männlichen Kollegen der vor so einer Entscheidung steht oder stand oder ihm das irgendwie beim Einstellungsgespräch nahegelegt worden ist oder so. „Wie stellen sich das vor? Wie wollen Sie Karriere machen mit drei Kindern? Was Sie wollen Oberarzt werden? Wer kümmert sich denn um ihre Kinder?“. Das ist so ein Frauending. Einfach so ein Mütterding. Das ist einfach so, ja. Ich glaube schon, dass man da auch glücklich wird und die Frauen die ich kenn, die die Fachrichtung gewechselt haben die sind da sicher auch zufrieden geworden, aber es war vielleicht nicht das was man so ganz frei entschieden hat, sondern da hat halt dann ganz viel mit reingespielt. Und dann war es so. Da sind aber auch ganz viele großartige Hausärztinnen oder allgemein Ärztinnen dabei. Aber die wären vielleicht schon auch gerne mal am OP-Tisch geblieben.

Julia Rotherbl - Gäbe es denn etwas womit Sie Ihr jetziger Chef oder Ihre jetzige Chefin davon überzeugen könnte, doch in die Klinik zurückzukommen? Was müsste quasi passieren, dass Sie sich das tatsächlich nochmal ernsthaft überlegen würden?

Katrin Singer - Also ich glaube, wenn ich wenn ich echte Teilzeit arbeiten könnte, sodass ich am frühen Nachmittag gehen könnte um meine Kinder abzuholen, wenn ich nicht nachts arbeiten müsste, nicht am Wochenende arbeiten müsste, wenn genug Personal da ist, dass man das auch guten Gewissens auch wirklich machen kann. Das kommt ja noch dazu. Das fällt einem ja wahnsinnig schwer, einfach nur zu sagen, Ich will Teilzeit arbeiten und so wissen, das müssen alle Kollegen jetzt auffangen. Also eine gute Personaldecke und eine echte Teilzeitstelle. Dann würde es mir tatsächlich schon nochmal überlegen.

Julia Rotherbl - Frau Singer, vielen Dank, dass Sie hier zu Gast waren und mit mir über dieses Thema geredet haben. Das ist ja tatsächlich sehr für viele Frauen in der Medizin beschäftigt und umtreibt. Meiner Meinung nach kann sich das auch unser Krankenhaus System auf Dauer gar nicht leisten, dass so viele Frauen nach der Familiengründung die Klinik verlassen oder die Kliniken verlassen. Ich wünsche mir, dass dieser Podcast, dass Ihr Netzwerk, dass generell das Engagement rund um dieses Thema auch etwas verändert. Vielen Dank, dass Sie da waren.

Katrin Singer - Das würde mich sehr freuen. Vielen Dank für die Einladung. Es hat mir viel Spaß gemacht.

Julia Rotherbl - Dankeschön.

OUTRO

Julia Rotherbl - Das war mein Gespräch mit Katrin Singer, der Gründerin von Mumdocs. Wenn ihr Ideen habt zu Personen, die unbedingt in diesem Podcast auch zu Wort kommen sollten, dann schreibt mir an redaktion@gesundheithören.de . Wir freuen uns über Anregungen, Fragen und Ideen. Neue Folgen gibt's alle 14 Tage am Montag zum Start in die Woche ab 6 Uhr.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheithören.de Und Apotheken Umschau Pro.

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne eine Mail an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Unseren Podcast abonnieren

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Ihr könnt unseren Podcast über verschiedene Podcast-Plattformen hören und abonnieren. „Frau Doktor, übernehmen Sie“ gibt es beispielsweise bei:

 

Alle Folgen im Überblick

21645979_d51da73768.IRWUBPROD_RC6O.jpeg

Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

Der Weg von der Medizinstudentin zur Chefärztin ist für Viele immer noch kein leichter. In diesem Podcast erzählen Frauen aus der Medizin von ihrem Karriereweg