Frauen sind gute Netzwerkerinnen – solange es sich um das private Umfeld handelt. Beruflich besteht dagegen noch Nachholbedarf. Das hat zumindest die Chirurgin Professorin Dr. Katja Schlosser erlebt und im Winter 2020 das Netzwerk "Die Chirurginnen e.V." gegründet. Inzwischen hat es mehrere hundert Mitglieder und ist für viele Frauen ein wichtiger Ort zum Austausch geworden.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Die Hürde bei der Chefärztinnenfrage
  • Fails in der ersten Bewerbungsrunden
  • Warum ist das Netzwerken für Frauen so wichtig?
  • Aufgaben des Netzwerks "Die Chirurginnen e.V."
  • Wie wichtig ist Frauenförderung?
  • Eigenschaften, um eine Karriere in der Medizin zu machen

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Mehr Infos zum Netzwerk: https://chirurginnen.com/

Mehr Infos zu unserem Gast: https://chirurginnen.com/praesidentin-prof-dr-med-katja-schlosser/

Katja Schlosser - Wir wollen einfach, dass es irgendwann total egal ist, ob man männlich, weiblich, divers ist, sondern, dass der oder diejenige, die etwas besonders gut kann, auch eine Position bekommt.

[INTRO] Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Hallo und Willkommen. Schön, dass ihr dabei seid. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Eine Frau in einer Führungsposition. Leider noch immer keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht in der Medizinbranche, mit der ich mich jeden Tag beschäftige. Zwar sind über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland weiblich, aber in den Chefetagen der Branche merkt man das überhaupt nicht. Dort sitzen in vielen Bereichen nicht einmal oder nur knapp über 10% Frauen. Warum ist das so? Wie können Frauen trotzdem Karriere machen? Das will ich herausfinden. Zusammen mit Frauen, die uns von ihren persönlichen Karriereweg erzählen. Herzlich Willkommen beim Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie“.

[INTRO] Ein Podcast von Gesundheit-hören de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge bei mir zu Gast ist Professorin Dr. Katja Schlosser. Sie ist Allgemein- und Viszeralchirurgin, Chefärtzin in einer Klinik in Gießen und hat den Verein „Die Chirurginnen e.V.“ gegründet. Es wird sehr spannend zu hören sein, wir es zur Gründung des Netzwerks kam und vor allem auch, wie viel Erfolg sie damit haben. Herzlich Willkommen, Frau Schlosser.

Katja Schlosser - Hallo Frau Rotherbl, vielen Dank, dass ich zu diesem Podcast eingeladen wurde. Ich freue mich.

Julia Rotherbl - Ich freue mich auch sehr. Frau Schlosser, wir starten diesen Podcast immer mit der Kategorie Sprücheklopfer. Das ist ein kleines Spiel, das geht so - Ich lese Ihnen ein paar Phrasen vor die Sie irgendwann im Laufe ihres Berufslebens wahrscheinlich mal zu hören bekommen haben. Und wenn es tatsächlich so ist, dann klopfen Sie bitte einmal auf den Tisch und erklären kurz, in welchem Kontext sie diesen Spruch gehört haben. Wir starten mit „Dass Frauen im Beruf diskriminiert werden, habe ich noch nie erlebt“. Ok, ich höre keinen Klopfen. Dann geht es weiter mit dem Spruch, den zumindest ich schon öfter gehört haben. Nämlich „Eine Frauenquote würde Männer diskriminieren.“

Katja Schlosser - „Eine Frauenquote würde Männer diskriminieren“ habe ich auch schon gehört.

Julia Rotherbl - Wie finden Sie denn die Frauenquote?

Katja Schlosser - Also ich finde die Frauenquote gut und wenn gerade in den männerdominierten Berufen keine Frauenquote eingeführt wird, wird es für die Frauen einfach schwieriger, in die oberen Etagen zu kommen. Es gibt eine kritische Masse, die man einfach braucht in den oberen Etagen, damit dann weitere Frauen nachrutschen. Und die Frauenquote würde das durchaus erleichtern. Und es gibt so viele gute Frauen.

Julia Rotherbl - Ja, ich hab letztens auch den Spruch gelesen „Erst wenn auch unfähige Frauen auf Chefposten sitzen, haben wirklich Gleichberechtigung erreicht.“ Fand ich sehr passend den Spruch.

Katja Schlosser - Ja, das stimmt.

Julia Rotherbl - Aber ich habe auch noch einen Spruch in unserem Sprücheklopferspiel. Nämlich „Und wer passt auf die Kinder auf?“

Katja Schlosser - Das Schlimmste, was ich gehört hab, bezogen auf die Kinder, war - also ich kam zwei Monate, nachdem unser Kind auf die Welt kam, wieder mit einer vollen Stelle und vollen Diensten zurück in meine alte Position. Das ging gar nicht anders. Es gab 2005 noch kein Elterngeld und mein Mann studierte, und wir mussten von irgendwas leben, also - ich musste einfach voll arbeiten. Und ich bin mit blutendem Herzen auf die Arbeit gefahren und dann haben - also witzigerweise - gar keine Männer sondern oft gleichaltrige Frauen oder welche, die halt so in meinem Alter waren, zu mir gesagt „Was bist du denn für ein karrieregeiles Stück, dass du schon wieder arbeitest?“ Das hat sehr wehgetan. Also weil, wenn ich gekonnt hätte, glaube ich, wäre ich schon noch ein, zwei Monate zu Hause geblieben. Aber es war halt nicht möglich. Ich habe in den ersten Wochen und Monaten, wo ich gearbeitet hab, ich glaub mindestens sechs, sieben mal am Tag zu Hause angerufen, weil ich wissen wollte, wie es ihm geht unserem Sohn. Und ja, und mein Mann hat immer zu unserem Sohn gesagt „Guck mal, das ist die Mama“, also dass der am Anfang gedacht hat, das Telefon heißt so. Er sagt heute - der wird 16 im November – dass er eigentlich nie das Gefühl gehabt hat, dass ich nicht da bin für ihn, wenn es irgendwie mal eng wurde und wenn es ein Problem gab, dann stand ich parat.

Julia Rotherbl - Ja, also ich kann das total gut nachvollziehen. Ich war acht Wochen nach der Geburt unserer Tochter wieder 40 Stunden im Büro. Und man lässt sich total schnell ein schlechtes Gewissen einreden. Auch wenn man ja eigentlich weiß, der Papa ist zu Hause. Ich verstehe gar nicht, warum die Leute meinen, sie haben alle so getan, als hätte ich das Kind irgendwie in den Garten gesetzt, Tschüss gesagt und weg wäre ich gewesen. Als wäre der Vater kein Elternteil, der das Kind irgendwie liebevoll betreuen kann und das konnte ich nie nachvollziehen.

Frau Schlosser, ich sag jetzt schon mal vielen Dank für diesen offenen Austausch und ich freue mich jetzt so richtig auf unser eigentliches Gesprächsthema und ich würde sagen, wir steigen jetzt ein und zwar mit dem Beginn ihrer Karriere. Im Vorgespräch haben Sie mir geschildert, dass lange Zeit eigentlich ziemlich viel reibungslos lief, bis die Chefärztinnenfrage im Raum stand. Was ist da passiert?

Katja Schlosser - Ja, also starten wir vielleicht mal ganz am Anfang. Ich wollte gar nicht in die Chirurgie und habe durch meine Doktorarbeit, bei der ich an Ratten Operationen machen musste und gesehen habe, ich kann das total gut, mich entschieden, ich muss mir das Fach angucken. Hab dann relativ viel formuliert und hab dann auch mein ganzes Studium über auf einer gefäßchirurgischen Station gearbeitet in Marburg und irgendwie war klar, ich möchte gerne auf diese Stationen, ich möchte gerne Chirurgie machen und als ich dann Assistenzärztin oder Ärztin in Weiterbildung war, da war das überhaupt gar kein Problem. Ich kam genau so gut voran wie die Jungs. Schwierig wurde es eigentlich erst ab Oberärztinnenstatus, was zusammenfiel mit meiner Habilitation. Ich war die erste Frau, die in Marburg habilitiert hat in der Chirurgie und auf einmal wurde ich als Konkurrenz wahrgenommen. Dann hat man also von diversen Seiten immer versucht - so habe ich das zumindest empfunden - mich so ein bisschen klein zu machen. Ich hatte einen Oberarztkollegen - wir hatten eine Etage, da war der Chef und die ganzen Oberärztinnen und Oberärzte auf einem Flur, das nannte sich die Plüschetage – und ich hatte einen Oberarztkollegen neben mir sitzen und als es dann irgendwann zum Beispiel darum ging, sich zu bewerben um eine Chefärztinnenstelle, hat er zu mir gesagt „Du weißt schon, du bist dann die letzte Wiese und du musst das dann richten, wenn es irgendwie irgendwas nicht klappt“. Und ich hab gesagt „Na ja, klar. Und so was hat man zu einem Mann nie gesagt „Du weißt schon, du bist die letzte Wiese“ Ja, hallo?! Ich konnte ehrlich gesagt diesem Mann gegenüber ja noch viel mehr. Ich war Gefäßchirugin, das war der nicht. Ich fand die Aussage total befremdlich, weil ich gar nicht verstanden hab, was will der denn von mir.

Julia Rotherbl - Das ist ja so, dass wenn man sich dann solche Sprüche anhört, in dem Moment gar nicht Schlagfertig reagiert. Manchmal auch gar nicht mehr reagiert, weil man einfach so baff ist.

Katja Schlosser - Ich glaube, die Siege kommen auf einer anderen Ebene. Heute ist es so, gerade eben jener, ruft ab und an und fragt um Rat. Wir sind Dinge, passiert ab dem Moment, wo ich Oberärztin war, Kommentare, Sprüche, wo ich das Gefühl hatte, man guckt bloß, dass sie jetzt nicht den Überflieger kriegt. Dabei hatte ich das irgendwie nicht. Ich habe immer noch Kontakt zu der gefäßchirurgischen Station, auf der ich als Studentin gearbeitet habe und zumindest die spiegeln mir, dass sie mich gar nicht so sehr verändert habe. Klar, ich habe mehr Verantwortung oder sowas aber ich hab immer versucht ich zu bleiben. Das ist für mich das Wichtigste, dass man abends in den Spiegel gucken kann und sagen kann „Jawohl, das bin immer noch ich“.

Julia Rotherbl - Frau Schlosser, Sie sind heute Chefärztin. Sie haben mir aber im Vorfeld erzählt, dass sie auch Bewerbungsrunden hatten, wo sie dann nicht erfolgreich waren?

Katja Schlosser - An dem Haus, in dem ich heute arbeite, ist es ja. Das war zwei Jahre, bevor ich dann 2013 dahin gegangen bin, ein Jahr oder anderthalb Jahre vorher, und ich habe - als ich dahin gegangen bin -gedacht, du kannst nicht die knallharte Unitante da raushängen lassen. Ich hab gedacht, ich muss vielleicht für ein kleineres Haus vielleicht weicher sein. Ich weiß nicht, ich hab glaub ich versucht, eine Rolle zu spielen, die mir nicht passte. Ich hätte einfach sein sollen, wie ich bin und gut wäre es gewesen. Und als ich dann nicht weiter kam in dieser Bewerbung, hab ich dann gedacht, ich rufe den Geschäftsführer und habe gesagt „Ich bin die Einzige, die kommt meiner Professur in der Tasche und ich bin die Einzige, die kommt mit drei Facharztweiterbildungen – ich war Allgemeinchirurgin, Gefäßchirugin und Visceralchirurgin - warum bekomme ich dann nicht wenigstens in die zweite Runde?“ Und dann sagte der Geschäftsführer zu mir, man hat diesem sehr netten kleinen Persönchen die Leitung der Klinik nicht zugetraut. Und ich bin geplatzt innerlich. Das war am Telefon. Gott sei Dank hat der mein Gesicht nicht gesehen. Und es hat über wirklich über Wochen gebraucht, bis ich über diese Wut drüber weg war. „Mein Gott, haben die mich nicht gesehen“ kam dann irgendwann in mir, so die Frage, was habe ich gemacht, dass sie so ein falsches Bild haben von mir? Das war das Schlüsselerlebnis überhaupt, dass ich heute an dieser Position bin und dass ich die auch so stehe.

Julia Rotherbl - Was ist denn bei dieser Bewerbungsrunde dann anders gelaufen?

Katja Schlosser - Ich hab dann gedacht, ich muss an meiner Außenwirkung arbeiten, damit ich das, was in mir ist und was ich kann, irgendwie auch transportiert wird. Und dann habe ich als allererstes ein Buch gelesen. Das ist von Marion Knaths, das heißt „Spiele mit der Macht, wie Frauen sich durchsetzen“. Und ich bin zu dem Zeitpunkt mit meinem Fahrrad jeden Morgen auf die Arbeit gefahren und habe dieses Buch als Hörbuch gehört. Und ich kann Ihnen echt sagen, Frau Rotherbl, ich bin oft stehen geblieben hab gedacht „So ein Scheiß, das mach ich auch falsch.“

Julia Rotherbl - Können Sie denn konkretes Beispiel nennen, was Sie alles falsch gemacht haben?

Katja Schlosser - Es war echt so, dass ich gedacht habe mein „Gott, ja!“ Wenn jemand zum Beispiel in mein Zimmer kam und wollte mit mir reden - einer meiner anderen Oberärzte kam eigentlich in jeder OP-Pause in mein Zimmer und trank meinen Kaffee und rauchte meine Zigaretten - damals habe ich noch geraucht - und dann hab ich dem den Kaffee gekocht. Man positioniert sich in einer Männerwelt als die Kaffeetante oder als jemand, der halt in der Rangfolge, ohne dass man darüber redet, einfach nie da steht. Das mit dem Kaffee ist so ein blödes Beispiel. Es gibt so ganz viele andere Dinge zum Beispiel, viele Frauen erwarten, wenn sie nur genug und viel und gut genug irgendetwas machen, dass man automatisch auf siezukommt und sagt „Du hast aber brav, dafür bekommst du...“ Also wir Frauen ticken, glaube ich so. Und Männer sind viel eher so, dass sie halt dann zu ihrem Vorgesetzten oder ihrer Vorgesetzten gehen und sagen „Pass mal auf, meine Liebe oder mein Lieber, jetzt habe ich das, das und das gemacht, dafür will ich aber.“ Und dass das Männer machen, ist mir erst bewusst geworden, nachdem ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Ich hab dann ein Führungsseminar besucht vom Bund Deutscher Chirurgen und dort gedacht, man muss den jüngeren Frauen helfen, damit wir nicht die gleichen blöden Fehler machen.

Julia Rotherbl - Sie haben ja dann auf Xing und Facebook Gruppen gegründet, wo sich Frauen austauschen und supporten. Warum ist das eigentlich so wichtig, dieses Netzwerken?

Katja Schlosser - Sehr viele Dinge, glaube ich, wie Männer kommunizieren, da können wir uns mal eine Scheibe von abschneiden. Sei das, dass man sich gegenseitig hilft, dass man sagt „Oh, ich kenn eine, die kann das und das gut, der helfe ich jetzt auf den und den Posten. Oder verstärke deren Karriere.“ Auf die Idee kommen wir ja gar nicht. Wir leben in unserem eigenen Kosmos. Wir gucken meistens überhaupt nicht über den Tellerrand darüber, warum es so wichtig ist, dass man unbedingt anfängt zu Netzwerken. Wenn man in so einem Fach geht, auf jeden Fall.

Julia Rotherbl - Wobei Frauen privat sehr gut Netzwerken...

Katja Schlosser - Wir total. Also wenn man als Frauen ein Pferd hat und will zwei Wochen in Urlaub, seien Sie sich sicher in ner halben Stunde wissen Sie, wer kümmert sich um dieses Pferd? Oder wer gießt meine Blumen. Oder er kümmert sich um die Katzen zu Hause oder was auch immer. Privat mega, beruflich gar nicht.

Julia Rotherbl - Was wären denn noch so Punkte, die sie jetzt aus dieser Netzwerkerfahrung mitnehmen. Wo Sie sagen: Hey, da müssten Frauen irgendwie noch was lernen?

Katja Schlosser - Also, man muss einfach lernen, Klartext zu sprechen und das ist glaube ich in jedem Beruf, wo eine Männerdominanz ist, wichtig.

Julia Rotherbl - Ja. Also was ich zum Beispiel immer gemacht hab - Wenn ich was abgelehnt, habe ich mich immer quasi ewig lange dafür gerechtfertigt. Also, es wurde mir irgendwie eine Aufgabe auf den Tisch gelegt und ich hab dann in den E-Mails oder im Gespräch irgendwie 15 Sätze formuliert, warum ich diese Aufgabe jetzt nicht machen kann. Weil mein Zeitbudget dafür nicht ausreicht. Weil ich schon 10 andere Aufgaben auf dem Tisch habe. Weil das eigentlich auch gar nicht in meinen Kompetenzbereich liegt, statt sich einfach sage – nein.

Katja Schlosser - Nein, ist ein vollständiger Satz. Auch sowas, was man lernen muss. Kein Mensch rechtfertigt sich. Und wenn das irgendjemand wissen will, warum ich nein sage, kann er mich gefälligst fragen. Ansonsten ist „nein“ ein vollständiger Satz. Und wir Frauen neigen dazu, dass wir sagen „Es tut uns furchtbar leid und wir würden ja gerne“ Und genau in diesem Punkt kriegt man uns ja dann auch oft.

Julia Rotherbl - Und dass Frauen eben in solchen Fallen nicht mehr tappen, unter anderem deswegen haben Sie den Verein „Die Chirurginnen e.V.“ gegründet. Das hat angefangen mit Gruppen auf XING und Facebook und ist jetzt innerhalb eines Jahres ein ziemlich großes Ding geworden. Sie haben einen Verein auf die Beine gestellt, der jetzt schon mehrere hundert Mitglieder hat. Was macht denn der Verein genau?

Katja Schlosser - Also, ich kann ja mal so ein paar Beispiele nennen. Wir hatten neulich ein Mitglied, die brauchte dringend einen - die arbeitet in einem kleinen Haus im Ruhrgebiet – und brauchte für einen komplexen gefäßchirurgischen Patienten ein Intensivbett. Und war am rumtelefonieren und überall wurde gesagt „Wir haben keins, wir haben keins, wir haben keins.“ Und dann hat sie sich in letzter Instanz verzweifelt an das Forum gewendet und hat gesagt „Ich habe ihren Patienten, der hat das, das und das und ich brauche dringend ein Intensivbett“. Sie hatte innerhalb von 10 Minuten ein Intensivbettim Ruhrgebiet.

Julia Rotherbl - Wahnsinn, ok.

Katja Schlosser - Ja, weil einfach jemand anders aus dem Verein an der Uni im Ruhrgebiet gearbeitet hat, war auch im Dienst und ist dann über die Stationen gelaufen und hat geguckt, wen kann ich verschieben und hat für ihre Kollegin ein Bett besorgt.

Julia Rotherbl - Merken Sie denn in dieser Gruppe auf der anderen Seite auch, wie wichtig diese Frauenförderung noch immer ist? Also, ich folge Ihnen ja auch auf LinkedIn zum Beispiel und da werden ja manchmal auch so Sprüche geteilt, die die Frauen zu hören bekommen. Es würde mal ein Spruch geteilt, dass ein Oberarzt in den OP kam...

Katja Schlosser - ... und „Hallo ihr Flittchen!“ gesagt hat. Das ist vielleicht nicht so Usus, aber dass man zum Beispiel gesagt bekommt „Wieso willst du das denn überhaupt machen? Du willst doch Familie.“ oder „Du siehst so viel zu gut aus, warum machst du denn Chirurgie“ - oder so ein Quatsch wie „Aber dafür braucht man doch Kraft und dafür muss man doch stehen, das ist doch nichts für ne Frau“.

Julia Rotherbl - Es ist ja das totale Klischee der Chirurgie, oder? Also, dass man sagt, die Frauen kriegen einfach keine vier Stunden oder fünf, sechs, sieben, acht Stunden OP körperlich gebacken.

Katja Schlosser - Ganz Quatsch. Und wir wollen gerne mit diesem Verein, dass sich in den Köpfen der Gesellschaft was ändert. Also, wenn Sie die Augen zu machen, Frau Rotherbl, und sich eine Visite vorstelle, eine Chefvisite vorstellen - Was kommt denn da rein?

Julia Rotherbl - Na, ehrlich gesagt automatisch ein Mann. Mindestens einer.

Katja Schlosser - Sehen Sie. Es kommt ein Mann mit einem Anhang voller weiterer Männer rein. Und das, was uns so nervt, ist, dass ... - Meine Vizepräsidentin und Freundin Hanna Bedürftig, die in Hamburg im Moment noch arbeitet, sagt immer, wenn sie am Wochenende Visite macht, dann sagen die Patienten manchmal so Dinge wie „Ja, Sie sind ja nett, aber wann kommt denn die Visite endlich vorbei?“ Also, das ist Alltag, das kann jede Frau, die sie irgendwann mal interviewen, die in der Medizin arbeitet, egal ob in der Chirurgie oder Innere, wird Ihnen das bestätigen können. In den Köpfen ist ein Arzt ein Mann. Die Sprache ist auch so. Und wir wollen einfach, dass es irgendwann total egal ist, ob man männlich, weiblich, divers ist, sondern, dass der- oder diejenige, die etwas besonders gut kann, auch eine Position bekommt.

Julia Rotherbl - In der Medizin ist auch die Arbeitsteilung so klar. Also der Mann ist der Arzt und die Frau ist die Pflegekraft.

Katja Schlosser - Genau. Als ich noch jung war und ich mit einem Pfleger Visite gemacht habe, ja, dann ist der Pfleger angeguckt worden, obwohl ich gesprochen habe mit dem Patienten unter der Patientin. Und es ist in unseren Köpfen nicht, dass Frauen megagute Chirurgin werden können und sein können und das Netzwerk, das wir jetzt gegründet haben, bietet eben gerade dem Nachwuchs, den Ärztinnen in Weiterbildung, den Studentinnen, Vorbilder an die Hand, wo sie sagen können „Mensch, das geht ja doch“.

Julia Rotherbl - Zum Schluss wollte ich Sie noch gerne fragen, welchen Tipp Sie eben für junge Medizinerinnen oder Studentinnen haben, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Was ist so das Wichtigste, was Sie jetzt aus Ihrer Erfahrung rückblickend sagen würden, was man mitbringen sollte, um eine Karriere zu machen in der Chirurgie oder in der Medizin?

Katja Schlosser - Ich glaube, das Wichtigste, was man am Anfang machen muss, ist, sein wie ein Schwamm. Alles Wissen während dem Studium irgendwie aufsaugen und sich auch die Menschen angucken, die einem begegnen. Es ist ja jeder für was gut. Sei es als positives oder negatives Vorbild. Also, ich habe ganz viele Leute getroffen, wo ich gedacht hab „So machst du das nie, wenn du mal in so eine Position kommst.“ Also, auch wenn man mal leidet, vielleicht unter irgendeinem Kollegen, der weiter ist als man selber, der ist für was gut. Der lernt einem eine Lektion, die man selber nicht machen muss, soll, kann. Und ab dem Moment, wo man sich für ein Fach entschieden hat - unbedingt vernetzen. Und mittlerweile gibt es ja uns, zum Beispiel, oder „WOW Ortho“ zum Beispiel. Das ist „Women of Orthopedics Worldwide“. Und ich glaube, dass wir, gerade wenn man über den Tellerrand auch der Fächer hinwegguckt - für mich ist das so, ich habe am Anfang gedacht, ich mache das für die, die nach mir kommen. Aber selbst ich lerne jeden Tag was Neues dazu.

Julia Rotherbl - Also ich bin ja keine Medizinerin, keine Chirurgin, aber ich muss sagen, ich folge dem Verein zum Beispiel auf LinkedIn total gern, weil es einfach so ein Empowerment-Gefühl erzeugt, so ein Wir-Frauen-schaffen-das-Gefühl. Und ich fand auch das Gespräch mit Ihnen total toll. Weil man einfach gemerkt, wie Sie für diese diese Sache brennen und wie wichtig Ihnen dieses Thema ist.

Katja Schlosser - Ja, liebe Frau Rotherbl, vielen Dank. Also, ich kann nur zurückgeben, dass es mir Spaß gemacht hat und dass es wirklich so ist, dass man brennen muss für das, was man tut. Ich glaube, man ist nur dann gut, wenn das Flämmchen leuchtet. Und das ist eine der Missionen, die ich hab. Ich möchte die Passion weitergeben.

Julia Rotherbl - Vielen Dank, dass sie in diesem Podcast zu Gast waren, hat mich sehr gefreut.Und wenn euch die Folge genauso viel Spaß gemacht hat wie mir, würde ich mich freuen, wenn ihr auf die nächste anhört. Wir sind zu finden auf Apple Podcasts, Spotify oder in eurer Lieblingspodcastapp. Und weil wir gerade gelernt haben, wie wichtig Netzwerken ist – kennt ihr eine Person, die unbedingt in diesem Podcast auftreten sollte. Dann schreibt mir an redaktion@gesundheithoeren.de. Ich freue mich.

[OUTRO] Ein Podcast von Gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Redaktion: Julia Rotherbl; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

Der Weg von der Medizinstudentin zur Chefärztin ist für Viele immer noch kein leichter. In diesem Podcast erzählen Frauen aus der Medizin von ihrem Karriereweg